Ausgabe 
5.10.1897 Erstes Blatt
 
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m. 233 Erstes Blatt Dieasttg dm 5. October 1807

Der ^tetzeuer An»eiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

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Gießener Anzeiger

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Das neue griechische Ministerium.

Nur kurze Zett hat die Ministerkrisis in Griechenland gewährt, und steht zu hoffen, daß die Entscheidung, welche der Röntg getroffen hat, zum Gegen des von so schweren Tchicksalßschlägen heimgesuchten Landes auSsallen möge. Die Situation in Athen war in den letzten Tagen eine sehr schwierige und in mancher Hinsicht direkt gefahrdrohende. Künstlich waren die Gemüther aufgeregt worden, als die Friedensbedingungen bekannt gegeben wurden. Daß mau billigeren Kaufß davonkommen würde, hätte eigentlich kein einfichtiger Mensch glauben können; aber die Griechen haben ja während deß ganzen Verlaufs der letzten orientali« scheu Episode eine so sonderbare Haltung gezeigt, daß man fich eigentlich über oichtß mehr wundern darf. Und gerade Diejenigen, welche seiner Zeit daß Volk aufwiegelten und den König zum Krieg drängten, haben heute daß große Wort und reden von Schimpf und Erniedrigung, der angeblich der griechischen Nation durch die Friedenßbedingungen angethau wird. Dem Ministerium Rallt kann Griechenland nicht genug Dank wissen, daß in der so schwierigen Zeit, da der alte Ränkeschmied Delhauniß daß Staatsschiff dem Wellenspiel preißgab, die Geschäfte übernahm und zu retten suchte, waß noch zu retten war. gehörte wahrlich Muth und Selbst« lofigkeit dazu, daß Erbe Delhauniß anzutreten. Wenn Rallt am Donnerstag in der Kammer ein Vertrauensvotum for- bette, so that er dieß mit Fug und Recht- nicht er hat 6er» toten dadurch, daß ihm daß verlangte Votum verweigert wurde, sondern Diejenigen haben sich blamirt, welche die Stirn hatten, ihm nicht unumwunden ihre Anerkennung zu zollen. Wie wenig wahre Vaterlandsliebe Delhauniß hat, gehr am besten daraus hervor, daß er in dieser schwierigen Zeit, wo alle Männer Griechenlands sich um eine Fahne schaaren sollten, die Kühnheit hatte, zu erklären, er be» kämpfe jedes Mtnisterum, an treffen Spitze nicht er selbst stehe. Anscheinend gehen aber seinen Anhängern nach und nach die Äugen aus und sie erkennen immer mehr, welchen Unsegen sein Regiment bisher über daß Land gebracht hat. Gerade unter dem Cabinet Delhauniß find die finanziellen verhältniffe Griechenlandß derartig zerrüttet worden, daß heute keinen Eredit mehr in Europa besitzt. Sein Austreten gegenüber der Türkei in den Jahren 1886/86 brachte mit fich, daß die Ausgaben für HeereSzwecke, für die lange Mobilhaltung der Armee die Kräfte des Lavdeß völlig er- schöpften, und seine Haltung zu den auswärtigen Staats- gläubigem ist noch zu sehr in der Erinnerung, alß daß wir hier viele Worte zu verlieren brauchten.

In seiner Erwartung, wieder ans Ruder zu kommen, hat fich DelyanniS diesmal getäuscht, seine Partei hat fich gespalten und viele seiner- Anhänger haben ihm den Rücken gekehrt. Der König hat den bisherigen Kammerpräfidenten mit der EabineiSbildung betraut und dieser hat fich des Auf» erageS erledigt und ein Cabinet gebildet, daß fich anscheinend deß Beifalles deß Landes erfreut, denn viele Deputiere aller Parteien haben Zaimiß ihre Unterstützung zugesagt. Üeber die neuen Männer läßt fich heute noch nicht viel sagen. Kriegßminister Smolenßki und der Chef der Marine, Admiral KanariS, find auß dem letzten Kriege her bikannte Namen. Insbesondere der erstere erfreut fich großen Vertrauens im Volke und auch einer gewiffen Beliebtheit im Heere, waß immerhin unter den jetzigen Verhältniffrn etwaß bedeuten will.

Der König tragt an der gegenwärtigen Situation viel Schuld, und wird großer Anstrengungen feinerseitß be» dürfen, um sein und seiner Dynastie Ansehen im Lande wieder herzustelleu. Dazu gehört ein entschiedeneres Auf­treten, alß er bisher gezeigt hat, und größere Fürsorge für die vedürfntsie deß Volkes. Noch kann er seine Dynastie retten- dazu gehört aber, daß er daß neue Cabinet kräftig unterstützt und dem Größenwahn seiner Untertanen Zügel anlegt. (xx)

Deutsche» Leich.

Berlin, 2. Oktober. Zu der Blättermeldung Über den Zusammenstoß zwischen Matrosen deß deutschen Kriegsschiffes Kaiserin Augusta" mit einem griechischen VolkShausen erfährt dieNordd. Allg. Ztg.", daß bei einer Schlägerei zwischen mehrerer Seeleuten von der Mannschaft derKaiserin Augusta" und einigen Griechen, an der fich die umstehende Volksmenge beteiligte, zwei Matrosen leicht verletzt wurden. Auf den zur Abholung der beurlaubten Mannschaften ent» sandten Offizier und daß abholende Boot wurde mit Stühlen geworfen. Am nächsten Morgen erschienen im Auftrage der griechischen Regierung der Hafevcapitän von Munichäa und am Tage darauf der griechische Minifterpräfident persönlich an Bord derKaiserin Augusta", um dem Commandanten

ihr ne|| Bedauern Über daß Vorkommniß auszusprechen und strenge Bestrafung der Schuldigen zuzufichern.

Riel, 2. Oktober. Abendß wurde in der Garnisonskirche ein Trauergotteßdienft für den verblichenen Herzog Friedrich Wilhelm und die mit untergegangenen Marine­mannschaften abgehalten. Daß Prinzenpaar Heinrich, sowie die anwesenden Admirale und zahlreiche Marineoffiziere wohnten der Trauerfeier bei. Marinepfarrer Rogge hielt die Trauerrede.

Schwerin i. M., 2. Oktober. In Vertretung Seiner Majestät deß Kaisers wird Se. König!. Hoheit Prinz Heinrich zur Beisetzung deß Herzogß Friedrich Wilhelm hier eintreffen.

Arr-laird.

Lüttich, 2. Oktober. Wie verlautet, forderte Deutsch­land die Außlieferung des hier verhafteten Behrend, deß falschen Erzherzogß.

Antwerpen, 2. Oktober. Der bekannte Diamant­makler Tokkin ist mit Diamanten im Werthe von P/a Millionen durchgegangen.

Brüssel, 2. Oktober. Auß dem Longo kommt die Meldung von der Ankunft König Leopoldß. Derselbe war auf dem Landwege angekommen und von einer starken marokkanischen Artillerie-Abtheilung begleitet. Der König begibt fich demnächst an Bord derClementine", um nach Portugal zu reisen.

Simla. 2. Oktober. Der Feldzug gegen die Mohmad ß ist vollständig beendet. Der Emir von Afghanistan hat Befehl ertheilt, alle Oberhäupter der Afridiß, welche fich in Kabul zeigen, zu verhaften.

Londov, 2. Oktober. Auß Singapore wird gemeldet, daß gestern ein großes Erdbeben bei Suda statt­gefunden hat. Eine neue Insel sei dort entstanden.

WolffS telegraphisches Lorrespondenr-BnreRU.

Darmstadt, 3.Oktober. Prinzessin Christian von Schleswig»Holstein ist mit ihrer Tochter Victoria zum Besuch hier eingetroffen. Am Bahnhof wurde die Prinzesfin von der Großherzogin und der Prinzesfin Aribert von Anhalt empfangen. An dem Frühstück bei den Großherzoglichen Herrschaften nahmen außer dem Kaiser und der Kaiserin von Rußland die Prinzessin Ludwig von Battenberg und deren beide Töchter sowie Prinz Wilhelm Theil.

Holtenau, 3. Oktober. Heute Vormittag 11 Uhr hat die Einweihung der Canal-Dankeskirche hier statt­gefunden. In Vertretung Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin wohnten Ihre Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzesfin Heinrich der Feier bet.

Depeschen bei BureauHerold.*

Berlin, 3. Oktober. Bei ber Kaiserin Friedrich in Cronberg werden morgen Prinz und Prinzessin Heinrich zum Besuch eintreffen. Auch das Zarenpaar wird demnächst in Cronberg erwartet.

Bonn,3. Oktober. Im Kottenforst fand ein Duell zwischen einem hiefigen Husaren-Offizier und einem Reserve» Osfizier, einem Kaufmann aus Hamburg, statt. Einer der Duellanten soll erheblich verletzt sein.

Budapest, 3. Oktober. Hier ist ein Strike der Zimmerleute außgebrochen, an welchem 3000 Mann be- theiligt find. In Groß Kanizsa striken sämmtliche Eisenbahn­arbeiter.

Lüttich, 3. Oktober. Emil Behrendt, der falsche Erzherzog, ist gestern auß der Strafhaft entlassen worden und nach Deutschland abgereist. Er wird fich am 9. d. M. vor dem hiesigen CorrectionShof wegen Führung eines falschen Namens zu verantworten haben.

Pari», 3. Oktober. Infolge der Ueberschwemm- ungen gleicht daS Garonuethal einem großen See. Der Ort Juret hat furchtbar gelitten. Bon 70 Häusern find 48 total zerstört. Mehr alß 20000 Cubikmeter Grund und Steine wurden von 'ben Wasserflulhen in den Ort gespült. Der Regen dauert fort und die Zuflüsse der Garonne steigen immer höher.

Athen, 3. Oktober. Daß neue Ministerium hat fich, wie folgt, gebildet: Zaimiß Präsidium und Inneres, Maurokordato Auswärtiges, General Smolenßki Krieg, Admiral Kanaris Marine, Streit, Gouverneur der National­bank, Finanzen, Panagitopulo Justiz.

Hamburg, 4. Oktober. Gestern Abend wurde hier der diesjährige socialdemokratische Parteitag eröffnet.

Nach der Eröffnung durch den Abgeordneten Molkenbuhr hielt der Abgeordnete Frohme die Begrüßungsrede, in welcher er auf die besondere Bedeutung deß jetzigen Partei­tages hinwieß, da er vor den Reichßtagßwahlen stattfinde. Singer-Berlin und Lösche-Altona wurden alsdann zu Borfitzenden gewählt. Nach Festsetzung der Geschäftsordnung wurde eine Resolution für die englischen Arbeiter, welche um den Achtstundentag kämpfen, einstimmig angenommen. Auch die aus elf Punkten bestehende Tagesordnung gelangte zur Annahme.

Wien, 4. Oktober. Der König von Sachsen ist gestern Bormittag hier angekommen und von Kaiser Franz Joseph am Bahnhofe empfangen worden. Die Majestäten begaben fich sofort zu Wagen nach Schloß Schönbrunn, wo­selbst um P/, Uhr Frühstückstafel stattfand, an welcher Prinz Leopold von Bayern, Graf Goluchowski und andere Minister theilnahmev. Bald darauf erfolgte die Abfahrt nach Muerzsteg zur Hochwildjagd.

Schwurgericht.

W. Gießen, 2. Oktober.

Der Borfitzende, LandgerichtSrath Wehner, eröffnete um 8/a Uhr die Sitzung. Es wurde in die Verhandlung gegen den 34 Jahre alten Zimmerer Ernst Thomas von Rudingshain wegen Meineid eingetreten. Die Anklage ver­tritt Staatsanwalt Zimmermann. Als Vertheidiger ist Rechtsanwalt Weidig erschienen. Es find 19 Zeugen er- schienen. Der Angeklagte bestreitet, daß ihm zur Last ge­legte Verbrechen begangen zu haben. Der Thatbestand der Anklage ist der folgende: Gegen Michael Neumann von Rudingshain war vom Amtsgericht Schotten Strafbefehl er» lassen, weil er am 24. Decembrr 1896 im Forstdistrict Lappenftein, Gemarkung Rudingshain, Forstfrevel verübt habe. Als Beweismittel hierfür war der Angeklagte Thomas angegeben. Neumann erhob aber gegen den Strafbefehl Einspruch und so kam die Sache am 23. März 1897 zur öffentlichen Verhandlung vor das Forstgericht Schotten. Während hier Neumann mit aller Entschiedenheit bestritt, den Frevel begangen zu haben, bekundete der damals unter Eid als Zeuge vernommene Angeklagte Thomas, er sei am Tage vor Weihnachten nach dem Lappenftein gegangen, habe dort gehört, daß Holz gehauen werde, er sei darauf dem Schalle nachgegangen und habe ganz nahe dabei gestanden und gesehen, daß Michael Neumann eine Buche mit einer Axt bearbeitet habe, um einen Mäser heraus zu hauen Obzwar er den Neumann bestimmt erkannt habe, sei er doch nicht an denselben herangegangen, da er befürchtet habe, fich selbst dadurch dem Verdacht der Thäterschaft auszusetzen. Auf Grund dieser Aussage wurde Neumann vom Forstgericht verurtheilt, doch legte derselbe hiergegen Berufung ein- so kam diese Sache an daß Landgericht Gießen und hier machte Thomas die gleiche Aussage unter Eid, die er vor dem Forstgericht abgegeben, er setzte hinzu, er sei am fraglichen Tage zwischen 8 und 10 Uhr Vormittags am Lappenstein gewesen und habe an jenem Tage den Neumann überhaupt nicht gesprochen. Die Anklage behauptet, daß die Bekundung deß Angeklagten vor dem Forstgericht sowohl, als auch vor der Strafkammer Gießen, von der die Berurtheilung der ersten Instanz bestätigt wurde, wissentlich falsch abgegeben sei.

Michael Neumann, als Zeuge vernommen, bestreitet ganz entschieden, den Holzfrevel begangen zu haben- er sei an gedachtem Tage überhaupt nicht auf dem Lappenftein gewesen. Am 23. December jeden Jahres werde in seiner Heimath die sogevannte lange Nacht gefeiert und würde am Abend des Tages tüchtig getrunken, so daß sehr spät werde, ehe man in der Nacht in's Bett komme. Aus diesem Grunde sei er am 24. December, am Tage wo der Frevel begangen sei, um 1/^9 Uhr vom Lager aufgestanden, habe gemüthlich Kaffee getrunken, dann baß Vieh gefüttert, erst ' dann sei er von Hause fortgegangen, um fich von Heinrich Müller eine diesem geliehene Axt zu holen, sei dies gegen 10 Uhr gewesen. Die Ehefrau Neumann und dessen Söhne Ludwig und Otto bestätigen unter Eid, waß dieser über die Vorgänge deß Morgenß bekundet und bemerken, daß kurz nach dem Weggänge deß Familienoberhauptes vom Kirch­thurm 10 Uhr geläutet habe. Die Heinrich Müller Ehefrau und deren Sohn Heinrich bestätigen, daß Neumann an jenem Vormittag in ihr Haus gekommen, um seine Axt zu holen, alß der Ehemann resp. der Vater dasselbe bereits verlassen, dieser sei aber um V3IO Uhr außgegangen.

Der Zeuge Georg Heinrich Müller, ein Nachbar deß Angeklagten Thomas, ging am fraglichen Morgen an dessen Hauß vorüber, es war um diese Zeit genau 73IO Uhr. interesfirte ihn, ob Thomas seine Festesfreude von der