Nr. 208
Der
•Menet Aureiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Mnmiktenötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Drittes Blatt. Sonntag den 5. September___________________
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
1807
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Amtlich«»» TheU.
Bekanntmachung.
Betr.: Frldbereinigung in der Gemarkung Staufenberg.
Am Samstag den 11. September 1897 findet die Ueberwetsung der neuen Grundstücke und die Versteigerung der Maflegrundstücke im 3. Bereinigungsfeld statt. Zusammen« kunst Vormittags 9 Uhr am Gemeindehaus, wo auch die VerfteigerungSbedingungen bekannt gegeben werden.
Die Ueberwetsung der neuen Grundstücke erfolgt unter dem Vorbehalt, daß
1. Meliorationsarbeiten auf den überwiesenen Grundstücken auch fernerhin vorgenommen werden können.
2. da, wo sich die Nothwendigkeit kleinerer EigenthumS. Veränderungen infolge von Wege- und Grabenanlageu und dergl. ergibt, die neuen Eigenthümer solche zu dulden haben.
Friedberg, den 3. September 1897.
Der Bereinigung- - Commissär:
Dr. Göttelmann, Großh. KreiSamtmann.
* Für da8 Kaiser Friedrich «Denkmal zu Cronberg find bisher Mk. 77 922.34 eingegangen. Außerdem find zu dem D-vkmalSzwrck ohne Entschädigung überwiesen worden: 1. Seitens der Kaiserin Friedrich laut SchrnkungS-Urkunde Gelände im Taxwerthe von Mk. 29 788; 2. Seitens der Stadtgemeinde Cronberg laut übereinstimmenden Beschlusses der städtischen Körperschaften Gelände im Taxwerthe von Mk. 115788. Weitere Beiträge nehmen entgegen: RegierungS Präsident v. Tepper-Laski« Wiesbaden, Landrath v. Meister-Homburg v. d. H., Stadtverordneten«Vorsteher Director Karg - Cronberg t. T., und die Bankhäuser: Paul v. Stetten Augsburg, Mendelssohn & Cie. Berlin, Deutsche Nationalbank Bremen, E. Heimann BceSlau, Braunschweigische Bank-Braunschweig, Kersten & Cie. Cassel, Bank für Handel und Industrie-Darmstadt, M. Blochmavn & Cie.»Dresden,
Feuilleton.
Kitty «nd Litty.
Eine Manövergeschichte von Hermann Birkenfeld.
(11. Fortsetzung.)
„Ein süßeS Bild!" fauchte Stenglein.
„Das nichts zerstören möge!" vollendete sein Schwager.
„Jedenfalls sehen Sie, auf welchem Stadium die zwei angelangt find."
„Stimmt, Herr Hauptmann."
„Nun also! — Ich selbst bin durch einen Zufall bei einer dienstlichen Recognoscirung" — hier mußte Hauptmann von Pollhammer doch lächeln — „Zeuge gewesen, wie fie sich
„Ewige Treue versprochen haben, etcetera, etcetera. Rennt man I"
Frau Consul Stenglein hatte derweilen feuchten AugeS von einem zum andern geschaut.
„JakobuS!" bat sie nun weich. „Wir haben ja leider etuseheu müssen, daß es mit dem andern —"
„Ach was! der andere — — der ist begraben, daheißt, er schläft in LeoS Landauer und in den Armen seiner lieben Mama seinen Rausch auS. Aber —"
„Wenn er nun auch noch nicht Hauptmann ist,- flüsterte Gertrudis, immerhin laut genug, daß Pollhammer ihre Worte verstand.
„Sie haben wiederholt eine unverdiente Werthschätzung meiner Charge durchblickeu lassen, Herr Consul. Dürfte ich — um doch einen Hauptmann wenigsten- mit Ihrer Familie zu vereinen — dürfte ich wagen, für mich die Hand Ihrer ältesten Tochter zu erbitten?"
Vielerlei war hier gut:
Ersten-, daß Frau Consul sich dicht an ihren JakobuS lehnte, an dem fie nun ihre berufenste Stütze fand; zweiten-, daß Litty und Kitty im Wagen saßen, und dritten-, daß Onkel Leo eine Cigarre zwischen den Lippen hielt. Die weiblichen Elemente dieser Nachtseene wären sonst wahr» schetolich samwt und sonder- umgefallen; Onkel Leo aber, dem Litty wie alle- andere, waS ihre Liebe betraf, so auch de- Hauptmann- Neigung zu ihr längst anvertraut hatte und der nun in der plötzlichen Werbung um Kitty nur grenzenlose Frivolität sah, würde wahrscheinlich in der Ge«
Dortmunder Bankoerein-Dortmund, Gruneltus & Co.«Frankfurt a. M., Ephraim Meyer & Sohn»Hannover, L. Behrens L Söhne»Hamburg, Landgräfl. Hess, couceff. Landesbank« Homburg v. d. H., Veit L. Homburger-Karlsruhe, I. H. Stein- Köln, Becker & Cie.-Leipzig, Gutleben & Weidert-München, W. H. Ladenburg & Söhne-Manuheim, Doertenbach & Cie.» Stuttgart, B. Berls Wiesbaden.
* Unbestellbar! Im Postgebäude zu Saßnitz auf der Insel Rügen findet fich gegenwärtig folgende „Bekanntmachung" plakatirt: Als unbestellbar zurückgekommen: Eine Postkarte, eingeschrieben, An den Nordpolfahrer Andröe, Nordpol, zur Zeit postlagernd. Der unbekannte Absender obiger Sendung wird hierdurch aufgefordert, fich innerhalb vier Wochen zu melden und nach gehörigem Ausweis die Scndung in Empfang zu nehmen, widrigenfalls dieselbe nach Ablauf gedachter Frist der Ober-Postdirection Stettin zum wetteren Verfahren etngesendet werden muß. Saßnitz, den 4. August 1897. Kaiserliche Post (unterzeichnet): Lehdl. — Weiter, so bemerkt die „Neue Freie Presse", kann man die Gründlichkeit allerdings nicht treiben. Bedenken erregt nur die Thatsache, daß ein deutscher Reichspostbeamter die Karte „Nordpol postlagernd" s. Z. „eingeschrieben" hat. Und batst in Saßnitz auf Rügen geschehen.
• St» fürstlicher Priester. Prinz Max von Sachsen, der, wie bekannt, fich als katholischer P.tester einer frommen Wirksamkeit unter den Armen Ost-Londons gewidmet hatte, ist bet seiner am Montag erfolgten Abreise von London noch Gegenstand einer herzlichen Ovation von Seiten seiner Pfarrkinder gewesen. Nach dem Abendgottesdienst am Sonntag fand in dem zur deutschen katholischen Kirche in Whitechapel gehörigen Club ein feierlicher AbschtedScommers statt, bei dem der Rcctor der Kirche, Referend Dr. SerreS, prässdirte. Er gedachte in warmer Anerkennung der guten Werke des fürstlichen Priester-, die dieser unter seinen Landsleuten in England vollbracht habe. Viele sahen Prinz Max mit großer Betrübniß scheiden, denn fie verlieren in ihm einen treuen Freund, einen sich aufopfernden Geistlichen. Prinz Max, der als Ehrengast dem CommerS beiwohnte, war ersichtlich bewegt und dankte den Theilnehmern deS Feste- auf da- Herzlichste für ihre Anhänglichkeit und die guten Wünsche, die fie ihm
auf seine Lebensreise mitgäben. Er habe nur im Namen Gotte- gewirkt. Es schmerze ihn, die liebe Stätte seiner Wirksamkeit zu verlassen, aber sein Oberer riefe ihn und er müsse gehorchen, doch hoffe er wiederzukehren, wenn Gott ihm Leben schenke.
* AlS Illustration dazu, wie die Tschechen gegen Deutsche vorgehen, mag folgende Notiz auS Prag dienen: Der Prager Stadtrath beschloß, sämmtliche bisher doppelsprachige Warnungstafeln in den städtischen Anlagen zu entfernen und durch ausschließlich tchechische zu ersetzen. Ein eigener jungtschechischer Ausschuß zeichnet jene Gasthäuser auf, in denen deutsche Vereine und Studentenverbindungen ihren Sitz haben. Die Wirthe werden aufgefordert, in bestimmter Frist den deutschen Vereinen zu kündigen; ebenso sollen jene Parteien, welche Couleurstudenten in Mtethe nahmen, von den Hausherren unter Androhung der Kündigung aufgefordert.4verden, die deutschen Studenten „hinauS- zuwerfen". Dem Wirth des Restaurant- auf der Sophten- infel, welche der Stadtgemeinde gehört, wurde ganz entschieden aufgetragen, die deutschen Speisekarten und die demschenAusschriften abzuschaffcn, sowie ausschließlich tcheschische Bedienung aufzunehm 'n. Einer der Herren de- Stadtrathes soll sich geäußert haben, man möge lieber Herrn Zeleuka (dem Wirthe) den ganzen Pacht erlassen, al- der verpönten deutschen Sprache wieder Zutritt verschaffen.
* Da- schnellste Schiff der Welt ist gegenwärtig da- englische Torpedoboot „Turbinia", welche-in Folge Anwendung der Parson'schen Dampfturbine eine Geschwindigkeit von 60 Seemeilen pro Stunde erreicht. Jetzt stellt fich heraus, daß die Elfindung dieser Dampfturbine, welche von den Engländern mit so großem Tamtam in die Welt hinaus posaunt wurde, gar keine englische, sondern eine gute deutsche Erfindung und zwar schon vor zwanzig Jahren gemacht worden ist. Denn wie das Patent-Bureau von Rich. LüderS in Görlitz durch Hermann CariuS, Eichhorustraße 32, mit» theilt, hat der Ingenieur I. Adolf Müller in Münster i. W. im Jahre 1877 unter Nr. 196 ein deutsches Patent auf eine Dampfturbine erhalten, welche genau die Idee deS Engländer- Charles Algernon Parson, dessen Patent erst 1884 erthetlt wurde, zur Unterlage hat. Es zeigt fich hier wieder einmal
schwindigkeit keine Schmeichelei für Erich v. Pollhammer herauSgrbracht haben. So aber verschluckte er fich vor Schreck am Rauch seiner Felix Brafil und mußte husten.
Stenglein und Ftattrich schienen die Ruhigsten Letzterer, weil ihn überhaupt nicht so leicht etwas au- der Fassung brachte, und ersterer, weil er von irgend einer Liebe de- HauptmannS zu Litty nichts wußte und die Werbung um Kit'h an fich ihm ja nicht so unwillkommen war. Nur die Form .... Nach etn paar Secunden Nachdenkens lachte er hell aus.
„Heute scheid' ich, morgen wandr' ich--stimmt.
Darum allemal fuchsschneidig auf- Ziel loS I WaS sagst Du dazu, Kitty, waS?"
„Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihre Fräulein Tochter meine Neigung erwidert," sagte Pollhammer.
Kitty schüttelte den schönen Kopf. Aber mit einem unsäglich bitteren Lächeln.
„Nie!" flüsterte fie. Ihr ganzer Mädcheustolz lehnte fich auf gegen solche Werbung, aus Frivolität oder — Mitleid! „Fahren wir noch nicht bald heim, Papa? — Mein Fuß schmerzt und ich kann nicht annehmen, daß Du mich auf offener Landstraße noch länger kränkenden Zumuthungen auSsetzen magst."
„Kitty!"
Zwei Personen zugleich hatten ihren Namen gerufen: ihre Mutter, die erschreckt an den Wagen eilte, und Erich v. Pollhammer.
„Kitty! — Lassen Sie mich nicht unter den Folgen eines Mißverständnisse- leiden, das sich durch gelassenes Zuendeführen unserer letzten Unterredung hätte klären müssen. So trage ich mit meinem brüsken Abschied allein die Schuld, wenn hier ein Schuldiger ist. Denn nicht auf Ihre Fräulein Schwester, sondern auf Sie selbst bezog ich Ihr Ansinnen, bei Ihrem Papa für Herrn Lieutenant von Flattrich einzutreten. Sie aber liebte ich — ich möchte sagen, von der ersten Stunde au, die mich in Ihr HauS führte. Sie und nie eine andere, jetzt und in Ewigkeit!"
„Sieh da, steh da, Timotheus!" rief Stenglein. „Die Mädchen scheinen ja ein nette- Complott gegen ihren Vater zurechtgespouneu zu haben. Aber mau versteht wenigsten- den franzöfischen Abschied —"
„Der Mensch redet wie ein Buch," brummte Leo von Hansen vor fich hin.
Frau Consul drohte in Thränen zu zerfließen.
Wer war wieder der Gelassenste?
Lieutenant von Flattrich.
Er pfiff nur mal leise vor fich hin. Niemand al- Litty hatte e- gehört.
Mit Kitty dauerte es eine Weile, ehe fie sich von ihrer Ueberraschung erholt hatte. Dann aber schlug fie den Blick voll zu dem Hauptmann auf.
„Nun?"
Hatte ihr Vater, der Consul JakobuS Stenglein, fie gefragt?
„Kitty!" flüsterte Pollhammer.
Da reichte ste ihm still die Hand und er beugte sich ebenso still darüber hin und hauchte einen Kuß auf den schmalen Streifen, welchen der fich zurückschiebende Aermel ihre- Mantels zwischen Gewand und Handschuh frei ließ.
Da- war ihr VerlobungSkuß.
Ihre Hand aber behielt Pollhammer einstweilen in feiner Rechten.
„Nun?"
Jetzt fragte Hansen seinen Schwager.
„Leo, Du bist meisten- in Deinem Leben ein nichtsnutziger Kerl gewesen und waS Du heute angestistet hast — na, wenn Du die Verantwortung übernimmst —"
Da- war Vater Stenglein- Segen für die jüngere Tochter.
Und ihr und Flattrich- DerlobungSkuß?
Denn ohne den geht- doch nicht.
Nun, e- war kein Hand« und noch weniger ein Handschuhkuß. Nein, ein regelrechter „wie sich'- gehört," sagte Onkel Leo. Litty lehnte fich mit dem schlanken Körper ein wenig über den Wagenschlag und Hugo v. Flattrich stellte sich für ein paar Augenblicke mit der rechten Fußspitze auf- Trittbrett ... so ward- gemacht. Aber die zwei hatten ja auch schon Uebung in solchen Dingen.
Nun allgemeines Beglückwünschen.
JakobuS Stenglein sah fich da- eine Weile au; schließlich wurde eS „ihm über".
„Kinder, ’ne geschlagene halbe Stunde hat die Geschichte hier nun gedauert; e- ist Zeit zum Weiterfahren."
(Schluß folgt.)


