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-rr. 130 Erstes Blatt Sawvlttg dev 5 Juni IS»?
Anrts- und Anzeigeblcrtt für den Ureis (Sieben
Hratisbeitage: Gießener Kamitienbtätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« l Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgeg«.
der Darmstädter Wahl tn namentlicher Abstimmung. Mit 24 gegen 23 Stimmen wurde die Wahl für gtltig erklärt.
Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessische« Stände.
nn. Darmstadt, 3. Juni.
' Nach einer längeren Pause trat heute Morgen um i/,U Uhr die Zweite Ständekammer zu einer kurzen Tagung zwammen, um nochmals über die Wahlprüfungen verschiedener Wahlbezirke zu berathen. Die Tribünen find ziemlich gut besetzt. Nach Verkündigung einer Anzahl neuer Einläufe und Berichts-Anzeigen tritt da» Hau» in die Tagesordnung ein.
Zuvor erfolgt die Beeidigung des als neue- Mitglied des Hauses eingetretenen RechtSanwalrS Brentano.
Nach der Geschäftsordnung ist für die beiden Präsidenten eine provisorische Amtsführung non drei Monaten vorgesehen. Heute erfolgte die definitive Wahl derselben für die Dauer deS 30. Landtages. ES werden gewählt zum ersten Präsidenten HaaS»Offenbach mit 44 Stimmen, 2 Stimmen find nngiltig, 1 Stimme erhält Abg. Reinhardt. Zur Wahl des zweiten Prästdenten übergehend erhält der Abg. Metz-Gießen 26 Stimmen von 47 abgegebenen Stimmen und 21 weiße Zettel. Beide Präsidenten nehmen die Wahl dankend an. Zum Schriftführer wird Abg. Hechler wiedergewählt- zum Mitglied des ersten Ausschuffes wird ebenso Abg. Hechler gewählt mit 28 Stimmen, 17 Zettel waren unbeschrieben. Zum Mitglied de» vierten Ausschuffcs wird Abg. v. Köth mit 30 Stimmen gewählt. 10 Stimmen fielen auf RechrS- anwalt Brentano.
Zu den Wahlprüfungen übergebend beantragt der Abg. Pennrich, die Darmstädter Wahlprüfung an die erste Stelle der Tagesordnung zu stellen. Aus Gründen der Loyalität müffe daS HauS diese Aenderung guthrißen. Demgegenüber proteftirt der Abg. Osann in entschiedener Weise NamenS seiner Fraction. Eine Abänderung der Tagesordnung halte er für unzulässig und auch gar nicht vor das Forum des HauseS gehörig. Abg. Ulrich hält eS sür das einzig Richtige, fich znächst mit der Darmstädter Wahl zu beschäftigen, weil hiervon die Meinung bezüglich der Wahl Laubach-Schotten abhängig zu machen sei. In gleichem Sinne äußert fich auch der Abg. Schmitt. Abg. Jöckel glaubt, daß eS dem Präfi- deuten gestattet sein müsse, die Tagesordnung festzulegen. Aenderungen hieran zu machen halte er für unthunlich. Abg. Metz-Gießen hält eS gemäß den früheren Verhandlungen sür angezeigt, die Darmstädter Wahlprüfung zuerst vorzu- nehmen. Präfidrnt Haas erklärt, daß die Tagesordnung, Io wie sie heute feststehe, auf Wunsch der Kammer festgelegt worden sei, ohne daß daS Haus früher Einspruch erhoben
Vierteljähriger ASonnemenlspreisr 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.
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Mit diesen Worten öffnete sie ihm die Thüre und ging wieder zurück.
Heinrich schleppte die großen Wafferstiefel bi« an den Platz, wo die Katze an ihrem Mtlchvapf saß- er stolperte über dieselbe, fiel hin, so daß der Napf zerbrach und der Kleine laut heulend in der Milch lag.
Der Hund fing an zu bellen, die Katze fuhr erschreckt mit einem Sprunge gegen den Stuhl de« Herrn Selke, der fich eben in voller Hast seiner Stiefel entledigte und ihr dabei einen solchen Stoß versetzte, daß sie hoch in die Lust fuhr und int Trieb der Selbfterhaltung fich an irgend etwa« anzuklammern versuchte. Unglücklicherweise war dieser Etwa« die gehäkelte Tischdecke, die, über die Eommode gebreitet, die Unterlage schöner Vasen und feiner Nippsachen bildete, und nun purzelten Katze, Tischdecke, Vasen und Nippsachen zu Boden, daß die Stücke davon klirrend in der Stube herumflogen. „Abscheuliches Vieh," schrie Herr Selke und warf den einen Stiefel dem Thtere nach. Nun schoß der Hund, wie zur Verfolgung aufgefordert, auf die Katze los und rannte mit ihr tn tollen Sätzen und mit lautem Gebell im Zimmer umher. Die beiden Kinder schrieen aus vollem Halse und die Sturmglocke brummte noch immer ihre schauerlichen Töne Über die Stadt hin.
Jetzt erschien Marte unter der Thüre- das wüste Getöse und der Anblick der Verheerungen im Zimmer lähmten bei- nahe ihre Schritte- da kam auch Auguste athemlos die Treppe heraufgeraunt und rief: „ES brennt in der Vorstadt, eS muß ein sehr großes Feuer sein, man kann den Brandgeruch schon in der Stadt merken."
Diese Worte gaben der jungen Frau ihre Besinnung wieder. „In der Vorstadt?" rief sie, „ach Gott, wenn eS nur nicht bei meinem Bruder brennt 1"
Schnell daS eigene Leid vergrffend, half sie ihrem Manne in feine Feuerwehruniform und beschwor ihn, zu retten, wa« er könne. Dieser drückte den Helm auf den Kopf und stürmte fort mit der Versicherung, alle« zu thun,
Welffi telegr»p-ti»«i Lorrrlpov-em-'vnr»«^
Rom. 3. Juni. Der König hat der Offiziersdeputatton deS 1. Heffischen Husaren-RegimentS Nr. 13 einen Flügeladjutanten zugetheilt. Die Deputation wird heute Abend 7 Uhr von dem Könige empfangen werden und darauf mit dem Könige von Siam dem Galadiner beiwohnen.
Rom. 3. Juni. Der König von Siam wird sich morgen Nachmittag 3 Uhr nach dem Grand Hotel und von dort mit Gefolge nach dem Vatikan begeben, um dem Papste einen Besuch abzustatten. Bei dem Empfange wird daffelbe Ceremoniell beobachtet werden wie seinerzeit beim Besuch dri König- von Serbien.
Depeschen des Bureau .Herold."
Berlin. 3. Juni. Um 12V2 Uhr empfing der Kaiser den Reichskanzler. Derselbe begibt sich der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge morgen für die Pfingstfeirrtage nach Podiebrad.
Berlin, 3. Juni. Der Colonialdirector Frhr. v. Richt- Hofen hat fich nach Baden Baden begeben, um der Bet- setzung seiner im Mat v. I. verstorbenen Gemahlin betzu. wohnen. Dieselbe starb wie bekannt tn Alexandrien an der Eholera und konnte nach den bestehenden Gesetzen die Ueber- führung der Leiche nach Deutschland erst nach Jahresfrist erfolgen.
Berlin. 3. Juni. Der „Reichsauzeiger" veröffentlicht die Verordnung betreffend die Ausdehnung der §§ 135 bis 139 und des § 139b der Gewerbeordnung auf die Werkstätten der Kleider- und Wäsche-Confeetion vom 31. Mat 1897.
Berlin, 3. Juni. In der chemischen Fabrik von Schuedtng explodtrte eine Quantität Schießbaumwolle. Bei den Aufräumungsarbeiten wurde ein Oberfeuerwehrmann dnrch Einathmung giftiger Gase geiödtet und zwei Feuerwehr« leute lebensgefährlich verletzt.
Rom, 3. Juni. Der Vesuv ist wieder in voller Thätigkeit.
London, 3. Juni. Einer Athener Depesche des „Daily Chrouicle" zufolge verzichteten der König und der Kronprinz von Griechenland auf ein Drittel der Civtlltste, um der finanziellen Noth zu steuern.
Athen, 3. Juni. Da der Regierung das Ende des
Gießener Anzeig er
Kenerat-Wnzeiger.
Der Lietzener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener Aamikien vlLlter «erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Femlleton.
Der Drand in der Pfingstnacht.
Humoreske von Julius Pasig.
(Nachdruck verboten.)
ES war Pfingstheiligabend. Die junge Frau Selke batte soeben ihre beiden rosigen Kinder, den dreijährigen Heinrich und den noch tn den Windeln strampelnden Fritz, gebadet, als daS Dienstmädchen die Thür de« Schlafzimmers öffnete und lächelnd, ^mit freundlichem Gruß, eine ältere Dame im Reiseanzug, einen mächtigen Korb am Arme, hereintrat.
„Ach, wie nett," rief die überraschte junge Frau und eilte auf ihre Schwiegermutter zu, „willkommen, herzlich willkommen! Wie wird fich Conrad freuen! Doch nun leg ab, Du wirst müde sein von der Reise."
Die alte Frau Selke wohnte vier Stunden landeinwärts von einer entfernten Bahnstation- ihr Besuch war daher eine ^"°Du wirst doch einige Zeit bet uns bleiben?" fragte die Schwiegertochter, während fie ihr geschäftig Mantel und Hut abnahm. c ,
„Nein, Marie, nur Über die Feiertage. Wir haben jetzt viel zu thun und da kann ich nicht lange foribleiben- aber ich wollte doch wieder einmal sehen, wie eS bet Euch geht. Wa« macht denn Conrad?"
„O, der ist wohl und munter. Doch komm, wir wollen ins Wohnzimmer gehen, er muß bald heimkehren. Sie haben heute einen alten Kriegskameraden zu Grabe getragen und da laffen fie gewöhnlich nachher noch ein wenig die Lebendigen hochleben. Ich hätte die Kinder schon zu Bett gebracht, aber ich weiß, daß eS ihm immer große Freude macht, wenn alles so blank geputzt ist und die Kinder so schmuck find- bann nimmt er fie auf den Schooß und herzt und küßt sie.
habe. Die Geschäftsordnung gebe dem Präsidenten das unbe» I dingte Recht, die Tagesordnung zu bestimmen. Er ersucht da« HauS, die Rechte des Präsidenten zu wahren und in die Berathung der Tagesordnung einzutreten. Der Antrag deS Abg. Pennrich wegen der Darmstädter Wahl wird sodann an den dritten Ausschuß zurückverwiesen und in die Tagesordnung eingetreten. Es erfolgt nunmehr die Berathung der Wahlbeanstandung für den 11. Wahlbezirk der Provinz Oberheffen (Laubach-Schotten). Hier stellt der Abg. Pennrich den Antrag auf Zurückverweisung an den dritten Ausschuß. Hierüber entspinnt sich wieder ein endloser Redekampf für und gegen die Zurückverweisung des Gegenstandes an den Ausschuß. Abg. Weidner spricht pro domo und wirft dem Ausschuß Oberflächlichkeit in der Wahlprüfung vor, wogegen der Abg. Friedrich entschieden Protest einlegt- ebenso die Abgg. Osann und Jöckel. Der Antrag deS Abg. Pennrich auf Zurückverweisung an den Ausschuß wird mit 23 gegen 22 Stimmen angenommen. Die Wahl dis Abg. Schmalbach für Herb st ein-Ulrichstein wird ebenso auf Antrag des Abg. Ulrich mit großer Majorität an den dritten Ausschuß zurückoerwirsen, um neue Erhebungen zu machen. Auch zur Wahlpiüfung de- Abg. Schönfeld tn Grünberg- Meßen beantragt der Abg. Köhler Zurückverweisung der Wahl an den Ausschuß. Mit Majorität wird dieser Antrag abgelehnt und die Wahl bestätigt. An die Neuwahl des Abg. Hechler knüpft fich eine längere Debatte, wobei der Abg. Schmitt den Wunsch ausspricht, auch spätere Wahlen ebenso rasch wie diese zu erledigen. Die Wahl wird hierauf für gütig erklärt. Ebenso findet die Wahl deS Abg. B r et^t a n o (Offenbach) für Singen Ober Ingelheim keine Beanstandung.
Nunmehr tritt das Haus in die Berathung der Darmstädter Wahl, insbesondere über die Frage, ob Art. 46 der Geschäftsordnung dahin auSzulegen ist, daß eine Feststellung der Beschlußfähigkeit auch noch nach stattgehabter Abstimmung zuläffig erscheint. Abg. Ulrich bestreitet dieses und verweist auf die Abstimmung über die Darmstädter Wahlen. Abg. Metz glaubt, daß die Feststellung der Beschlußfähigkeit de« Hauses Sache der Secretäre sei. Abg. Hechler bekennt fich zur gleichen Anficht. Abg. Osann bestreitet die damalige Beschlußfähigkeit des Hauses bet der Darmstädter Wahl. Den gleichen Standpunkt nimmt der Abg. Jöckel ein, der die damalige Abstimmung über die Darmstädter Wahl für ungiltig erklärt. Bei der Abstimmung über die Giltigkeit der nach« träglichen Feststellung der Beschlußfähigkeit bet Abstimmungen wird in namentlicher Abstimmung diese Frage mit 24 gegen I 23 Stimmen bejaht.
ES erfolgt nunmehr die Abstimmung über die Giltigkeit
Während fie noch so sprach und ihre Begleiterin die frisch gescheuerte Wohnstube wohlgefällig betrachtete, hörte man Männertritte auf der Treppe- gleich darauf trat Herr Selke ein.
„Welche Freude, liebe Mutter, un- so zu überraschen- sei herzlich willkommen. ES find, glaube ich, jetzt zwei Jahre, daß Du nicht bet un« warst," sagte der Sohn, „denn ich weiß, Heinrich fing eben an zu laufen. Nicht wahr, er ist groß geworden? Und unser Jüngster da, der Fritz, ist er nicht ein prächtiger Junge?"
Die alte Frau weinte beinahe vor Freude, als fie ihren Sohn so glücklich sah, und versicherte, daß fie fich der schönen Tage, die fie vor zwei Jahren bei ihm verlebt, noch gern und oft erinnerte und daß fie fich schon lange auf diese Pfingstreise gefreut habe.
„Sieh nur, Conrad, wie un« die gute Mutter beschenkt hat," unterbrach fie Marie, den Korb aufdeckend, den jene mitgebracht und aus dem ein prächtiger Schinken heraus« guckte- auch Würste aller Art, Eier und Kuchen fehlten nicht.
„Du bist doch noch immer die gute besorgte Mutter, die Du stets für un« warst," rief Herr Selke. „Nun wollen wir aber auch ein recht fröhliches Pfingstfest mit« einander feiern."
Auguste hatte unterdessen da« Abendbrod aufgetragen- man setzte fich zu Tische und begann e« fich gut schmecken zu laffen- da ertönte plötzlich der dumpfe Klang der Sturm» glocke und Feuerlärm auf der Straße erscholl.
„DaS ist ja Feuer!" rief Conrad aufspringend, „rasch meine langen Stiefel her und Helm und Joppe, und Du, Auguste, lauf schnell einmal auf die Straße und erkundige Dich, wo es brennt."
Während dieser Anordnungen verschlang er noch in größter Hast den letzten Biffen seines AdendbrodeS.
Die junge Frau eilte mit Heinrich hinüber in die Schlafstube. „Da," sagte fie, „bringe dem Vater immer die Stiefel, ich komme mit den übrigen Sachen gleich nach."


