Nr. 285 Awcttcs Blatt. Samstag de» 4. December
1807
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag-.
Die Gießener
N>««ttienvtät1er werden dem Anzeiger «vöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Gemmt-Anzeiger.
vierteljährig« AöounemeutspreiO» 2 Mark 20 Pfg. mtt vringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 W
Redaction, Expedition und Druckerei:
-ch»rstraßeAr.I.
Fernsprecher Mc
unb fät bett TCrets ©tefoett*
chratisöeikage: Gießener Kamilienökätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für btx folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux de» In« und Ausland«» veho« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" nrtyy.
Amtlicher Therl.
Bekanntmachung.
Betr.: Schießübungen.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenotniß gebracht, daß da» 1., 2. und 3. Bataillon de» Infanterie Regiments Kaiser Wilhelm am 7., 8., 9., 10. und 11. L MtS., Morgens von O80 bid Nachmittags 380 Uhr Tchieft- übungeu mit scharfen Patronen in dem Gelände zwischen Alteu-Buseck, Großeu-Buseck, Beuern, Climbach, Treis a. d. Lda., Mainzlar und Dau- ibringeu abhalteu wird und daß dieses Gelände durch Posten abgesperrt werden wird.
Die Straßen Treis a. d. Lda., Mainzlar, Daubriugeu und die Straße Alten-Buseck, Großen» Buseck, Beuern, Allertshausen sind uugesährdet. Die Straße Alten-Buseck—Daubriugeu wird für Freitag den IO. und Samstag den 11. December gesperrt, aber nur in den angegebenen Stunden.
Gtetzen, am 2 Dicemorr 1897
Großherzogliches KreiSamr Gießen, v. Gagern.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Alten-Buseck, Allertshäuseu, Beuern, Climbach, Daubriugeu, Großeu-Buseck, Mainzlar und Treis a. d. Lda.
Die vo>stehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald auf ortsübliche Weise veröffentlichen und vor dem Betreten deS abgesperrten Geländes warnen und insbesondere daraus Hinweisen, daß an den betreffenden Tagen fich keine Holzarbeiter und Holzsammler in den gefährdeten Waldungen auf- halten dürfen.
• v. Gagern.
Sitzung der Stadtverordneten
am 2. December 1897.
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Bei« geordneten Georgt, Grüneberg und Wolff, von Seiten der
Stadtverordneten die Herren Brück, Faber, Flett, Dr. Goffky, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Hehligenstaedt, Hornberger, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Loo», Orbig, Petri, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, Schwall, Dr. Thaer und Wallenfels.
Die Rechnung des Realgymnasiums und der Realschule für 1896/97, welche die Stadt finanziell hinfichtltch deS von dieser zu leistenden Zuschusses ioreresfirt, wird nicht beanstandet. Der gesammte Zuschuß zu den Besoldungen und sachlichen Bedürfnisien berechnet fich aus 29 046 Mk., 2260 Mk. mehr als veranschlagt, weil die Schulgelder hinter dem Voranschlag um diese Summe zurückblieben.
Die Prüfung der Rechnung des GaS- und Wasserwerkes für 1896/97 seitens der damit betrauten Corn- Mission hat eine Beanstandung nicht ergeben.
Die Wafferabgabe au den EiSveretn zur Heber- schwemmung der Eisbahn erfolgte bisher in der Weise, daß hierfür pauschaliter derjenige Betrag an die Stadt vergütet wurde, welchen der mit Bedienung der beiden Hydranten daselbst betraute Beamte deS WafferwrrkS auf Grund der Zeit, während daS Waffer den Hydranten entströmte, ermittelte. Auf eine Eingabe des EiSverein», in welcher diese Art der Wasserentnahme sowohl für daS Wasserwerk lästig, wie für den EiSveretn hinderlich bezeichnet wird, beschließt die Versammlung, daß dem EiSveretn die Bedienung der Hydranten selbst zu überlaffeu und durch deffen Vorarbeiter die Eontrole über den Wafferverbrauch zu führen sei, der Wafferverbrauch soll danach stuudenweiS berechnet werden.
Ein Gesuch deS Steinbruchbefitzers Valentin um Ver- befferung eine» WegeS am Hardtberg wird abgelehnt, es soll dem Gesuchfteller überlaffen werden, die in seinem Interesse liegende Chaussirung selbst auszusühreu.
Da» Gesuch deS BraueretbefitzerS Bichl er um pachtweise Ueberlaffung eines Weges an der Hardt (deS durch Anlage des neuen Weges nach der Brauerei überflüssig ge- wordenen Holzweges) wird unter der Bedingung genehmigt, daß Gesuchfteller der Stadt die Benutzung seines Weges überläßt.
Sin au der Ecke der Creduer- und Hofmanu- straße belegeuer Bauplatz, um welchen sich mehrere Bauluftige bewerben, soll auf dem Wege schriftlichen Angebots an den Meistbietenden verkauft werden.
Der auf 2000 Mk. lautende Voranschlag über den Aus' bau der Schanzeustraße wird gutgehetßeu.
Nach seit etwa zehn Jahren bestehender Hebung werden jährlich 13000 Mk. zur Erhöhung städtischer Trottoir» in Voranschlag gebracht, welcher Betrag indessen tu den letzten Jahren in der Regel übrr- schritten wurde. Für da» kommende Voranschlagsjahr sind bereits durch früher gefaßte Beschlüffe in Aussicht genommen der Ktrchenplatz und beide Setten der Ktrchstraße bis zum Burggraben (3800 Mk.). Wetter waren tu Vorschlag gebracht dee SelterSweg recht» zwischen Kreuz und Ma'gaffe (3400 Mk.), die Bahnhofstraße von der Marktstraße bis zur Löwengaffe (6000 Mk.) und von der Wolkrugaffe btS zur Westanlage (6500 Mk.), von der Weftanlage bi» zur Liebtgstraße (14 500 Mk., wobei de» starken GesällS wegen geriefte Plättchen verwendet werden sollen), und event. von der Liebtgstraße bi» zum Bahnhofe (10000 Mk). Die Baudeputation hat für 1898/99 empfohlen die Trottoir- erhöhuug am SelterSweg zw schen Kreuz und Maigaffe, am Kirchenplatz und in der Kirchstraße, in der Bahnhofstraße zwischen Marktstraße uud Löwengaffe und zwischen Wolkev- gaffe und W.'stanlaj e im Gesammtkostenbetrage von 19 500 Mk. Die Beschlußfassung wird ausgesetzt, nachdem Herr Haubach Belückfichtigung von Wilhelmstraße und Dammstraße, die nur bekieste» Trottoir haben, Htrr Grünewald die Wilhelmstraße ewpsohlev hatte, wogegen Herr Scheel die Trottoirerhöhung der Bahnhosstraße im Interesse deS Ber- kehrS zwischen Stadt und Bahnhof empfohlen- e» sollen die entsprechenden Voranschläge ausgearbeitet werden. Die Lieferung von Granttbordsteinev zum Preise von Mk. 5.60 für gerade, Mk. 6.10 sür geschweifte Steine wird einer Firma in Kirschhausrn bei Heppenheim übertragen.
Gegen die G'suche de» August Lenz (früher Busch'sche Wirthschaft am R-egelpfad), des Wilhelm Busch (früher Sommerlad an der Grünbergerstraß ) und Peter Münker (früher Wießner, Sonnenstraße) um Erlaubntß zum Wtrth- schaftSbetrieb wurde seitens der Versammlung gegen Bejahung deS Bedürfnisses zum AuSschank von Branntwein Bedenken nicht erhoben, da eS fich um Hebergang beftehender Wirth schäften auf andere Namen handelt.
Hierauf trat die Versammlung tu die Berathung über die Anlage deS neuen VtehmarkteS nächst der
MMMM————
Feuilleton.
Dir Jourualisten.
Als Gustav Frey tag die Augen für immer geschloffen chatte, erhob fich sogleich in den Reihen literarischer Banausen der Vorwitz uod plapperte: Gustav Freytag ist ganz tobt! Mit Nichten! Zwei Perlen, die er seinem Volke bescheert hat, werden niemals ihren Glanz verlieren: der Roman „Soll und Haben" und sein herrliche» Lustspiel „Die Journalisten". Der Humor, der durch da» liebenswürdige Werk weht, ist unverwüstlich, der leise Spott, der baß deutsche Parteitreiben geißelt, wahrhaft belustigend. Keine Partei wird genannt, aber de» Dichter» liberale und humane Gefinnung leuchtet au» jeder Scene hervor. „Die Journalisten- stellen fich als rin bedeutsames Culturbild oe» 19. Jahrhunderts dar, al» ein Spiegel, so fein geschl ffen, daß ntchr allein unser Geschlecht, sondern noch manche kommende Generation fich mit Behagen darin schauen mag. Wir glauben die bevorstehende Darstellung der „Journalisten" im Theaterverein am wirksamsten mit de» Dichters selbsteigeuen Worten über die Entstehung seines Lustspiels einzuführev:
In der Stille de» Dorfe», unter dem Blätterdache alter Linden, kam im Jahre 1852 wieder die Freude an eigener Erfindung. Ich war unter da» Dölkletn der Journalisten gerathen und trug im Herzen die Bilder vieler närrischer Käuze, die ich kennen gelernt. Da machte e» fich wie von selbst, daß ich die» Stück Welt, in welchem ich mit Behagen verkehrte, für mein alte» Handwerk in Anspruch nahm. Die Vorbilder für die kleinen Typen der Charactere fand ich überall in meinet Umgebung, auch die Handlung: Wahl eines Abgeordneten, an welcher meine Journalisten fich zu bethet- ligeu hatten, lag frhr nahe. Ich schrieb da» Lustspiel *Dic Journalisten" in den drei Sommermonaten nieder. Nie ist mir ein Plan so schnell fertig geworden al» dieser, auch bet der Arbeit empfand ich mit Befriedigung, daß die vor Jahren erworbene Sicherheit im soenischen Ausdruck unvermindert war. Al» ich da» fertige Stück im Herbste nach Leipzig brachte, meinte ich, mein Genoffe Schmidt müßte, nächst meiner Hausfrau, der Erste fein, welcher ein Hrtheil darüber and- zusprechen hatte, ich trug e» dem Ueberraschten zu uud hatte die Genugthuung, daß er damit einverstanden war.
Alsbald besorgte ich Bühnendruck und Versendung uud sah mich anf einmal wieder im Verkehr mit den deutschen Theatern. Zu den wohlwollenden Freunden, welche da» Lustspiel gewann, gehörte Eduard Devrient, derzeit Leiter de» HoftheaterS zu Karlsruhe. Ich beschloß also, da» Sinstudiren und die Aufführung seiner Bühne zu einer Probe für mich selbst zu machen, um durch eigene Anschauung deS Bühnenbildes über das Gelungene und Mangelhafte sicher zu werden. AlS ich zu Karlsruhe eine gute Aufführung erlebt hatte, mußte da» Stück in der Hauptsache für mich abgethan sein. Noch bei wenigen AnffÜhrungen anderer Bühnen, die mir nahelagen, war ich in den nächsten Monaten zugegen, später hielt ich mich fern. Jeder Schaffende hat daraus zu achten, daß ein beendete» Werk ihm selbst so bald al» möglich in den Hintergrund gerückt werde, damit ihm während einer neuen Arbeit nicht frühere Gestalten in der Phantasie umher- gaukeln und die Frische de» neuen Bilden« beschränken. Doch noch au» anderem Grund» sehe ich meine eigenen Stücke ungern auf den Brettern. Denn die Zurichtung, welche die deutschen Theaterstücke auf den verschiedenen Bühnen erhalten, nicht nur durch die Regisseure, sondern noch mehr durch beliebte Darsteller der einzelnen Rollen, wird dem Autor oft peinlich und unleidlich. Der Mangel an Pietät gegen den geschriebenen Text ist bei uns eine alte, wohlbegründete Klage, er wird selbst von dem Publ kum zuweilen al» Hebelstand empfunden. Selten widersteht der deutsche Schauspieler der Versuchung, Stellen, die seinem Talent unbequem find, wegzulaffeu, wohl auch an den Worten zu ändern, und was da» Schlimmste ist, einige kleine Eifindungen, von denen er fich eine Wirkung verspricht, dazwischen etnzutragen.
Solche Veränderungen in den Rollen und Textbüchern gehen an den Theatern von einer Generation der Schauspieler auf die andere über. In früherer Zrit fuhr ich zuweilen dazwischen, ich mußte e» aufgtbtn, weil eine Heber- wachung von hundert Textbüchern auf die Länge unmöglich ist, und weil diese Hnart aufs Engste mit dem Hauptleiden unserer Bühnen, Schwäche und Ohnmacht der Regte, zu- sammenhängt.
Da» Stück fand bei den deutschen Theatern schnelle und wohlwollende Ausnahme und die Gunst der Zuschauer ist ihm geblieben. In Berlin stand die königliche Bühne an, dasselbe in Scene zu setzen, weil damals bei Hof uod Regierung
Alle», wa» irgend liberal erschien, verpönt war. Hnve» kennbar aber hatten die in dem Stück bevorzugten Journalisten der Union einen gewtffen liberalen Strich. So erschien da» Lustspiel zuerst auf einem anderen Theater Berlins, die Intendanz nahm e» aber auf, sobald sie vermochte, und hat e» seitdem dem Publikum der Hauptstadt häufig zugetheilr.
„Die Journalisten" wurden geschrieben, bevor die unglückliche Erfindung eine« Zwischenvorhange« die Acte, welche Scrnenwechsel haben, auSeinanderrtß. Deßhalb ist im zwetten und vierten Act die Verwandlung nicht vermieden. Al» einige Zeit darauf Eduard Devrient von einer Sitzung der Bühnenvorstände nach Stebleben kam und zufrieden mittheilte, e» fei beschlossen worden, den Scenenwechsel innerhalb der Acte durch Herablaffen eine» Zwtschenvorhange» zu decken, damit da» widerwärtige Umstellen der Touliffev und Möbel den Augen der Zuschauer entzogen werde, da war der befreundete Mann betroffen, al» ihm entgegengehalten wurde, daß man den Teufel auStreibrn wolle durch den Oberste» der Teufel. Denn der Zusammenhang der Stücke wurde durch die neue Erfindung in ganz neuer Weise zerriffen, die Regiffeure konnten fich seitdem nicht versagen, durch reichlichere Ausstattung mit allerlei Kram und unwesentlichem Beiwerk die einzelnen Vcenen zu verzieren, Stücke mit häufigem Scenenwechsel von Shakespeare, Heinrich v. Kleist und Anderen wurden in eine Reihe von Situationsbildern aufgelöst, nno daS ist ein sehr ernster Hebelstand für die künstlerische Ge- sammtwirkung dieser Stücke geworden. Wollte man den unleugbaren Urbelstand de» Scenenwechsel» bei offener Bühne mindern, so mußte man die vervollkommnete Technik unserer Bühneneinrichtungen gerade hier in Anwendung bringen, wo sie noth that, um den Wechsel durch Maschinerie, Versenkungen u. s. w. so schnell al» möglich zu bewirken, immer aber mußte die Ausstattung der Scene mit Bersetzstücken und Möbeln auf daS Nöthtgste beschränkt bleiben. DaS Publikum freilich gibt fich gern der Betrachtung eines wohlgefälligen Theaterbildes hin, auch dem Schauspieler fördert vielleicht schmuckvolle Einrichtung einmal die gute Stimmung und kleine Kraftwirkungen. Aber beide» ist unwesentlich gegenüber der Gefahr, daß die Nebendinge zu einer Hauptsache werden. Wir haben seitdem erlebt, wie da» Streben nach historischer Treue, stilvoller Einrichtung der Scenen, nach Beleuchtung»- effrcten, zeitgemäßem Eostüm und Geräth fich auSgebreitet


