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1897
Sotmerstafl den 4. November
Nr. 259
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
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Aus der neuen Civilproeeßordnung.
Während der Entwurf beS Gesetzes über die freiwillige Gerichtsbarkeit bereits zur amtlichen Veröffentlichung gelangt ist, darf auf daS Bekanntwerden der Bestimmungen der neuen Sivilproeeßordnung vorläufig noch nicht gerechnet werden, da die Arbeiten noch nicht ganz zu Ende geiührr find. Das ist sehr zu bedauern, da eS von größtem Werthe gewesen wäre, den vollständigen Inhalt der öffentlichen Kritik rechtzeitig zu unterziehen, während jetzt nur Bruchstücke auS demselben de« tonnt geworden find. Auch die Elvilproceßordnung muß vor dem 1. Januar 1900 zur Einführung gelangt sein, weshalb sie denn auch der nächsten Tess on deS Reichstages zur Durch- berathung vorgelegt werden fall.
Bei der Besprechung des Entwurfs über die freiwillige Gerichtsbarkeit haben wir u. A. dargelegt, daß durch die Bestimmung, wonach daß Reichsgericht über eine gegen das Urtheil der Landgerichte eingeretchie Beschwerde in vielen Fällen entscheiden soll, daS Reichsgericht stark belastet werden wird, was um so schwerer inS Gewicht fällt, al» schon jetzt die Arbeitskraft deS obersten deutschen Gerichtshofes in hohem Grade angespannt wird und unter den jetzigen Umständen einer Mehrleistung nicht fähig ist. Aus diesem Grunde soll daS Reichsgericht in anderer Weise wieder entlastet werden, worauf man bei der neuen Civilproceßordnung Rücksicht genommen hat. LS verlautet nämlich mit großer Bestimmt- heit, daß die RevisionSsumwe von 1500 Mk. auf 8000 Mk. erhöht werden soll, daß also künftig das Reichsgericht sich nur mit der Revifion der den Werth der letzteren Summe übersteigenden C'vilproceffe beschäftigen soll. Es ist nun nicht zu leugnen, daß hierdurch eine wesentliche Erleichtung deS obersten Gerichtshofes erzielt werden würde, aber anderer« seits stehen einem solchen Plane auch wieder schwerwiegende Bedenken entgegen, wenn auch zugegeben werden muß, daß die Einführung deS Bürgerlichen GetetzbucheS die Arbeit deS Reichsgerichts an und für sich schon erheblich steigern wird. DaS darf aber immerhin kein Grund fein, die Rechtssicherheit zu schmälern, was geschehen würde, wenn das Reichs« gertcht sich künftig nur noch mit höher bewertheten Sachen beschäftigen würde. Es ist überhaupt schon schwer, eine bestimmte Werthgrenze in solchen Fällen anzugeben- denn ein Tivilproceß, welcher vielleicht nur mit 100 Mk. bewerthet wird, kann viel wichtiger und in seiner Entscheidung folgenschwerer sein, alS ein Proceß, desien Werth in die Tausende
Feuilleton.
Eines Liedes Zauber.
Ein Erinnerungsblatt auf den 50. Todestag Mendelssohn-Bartholdys.
1847. 4. November 1897.
Von C. Gerhard.
(Nachdruck verboten.)
Es war am 9. August des Jahres 1831. Auf die große Hitze, welche der Hochsommer der Schweiz gebracht, waren heftige Gewitter gefolgt. Nun goß seit Tagen der Regen unaufhaltsam herab. Schwer h-.naen die grauen Wolken am Himmel, in dichte Nebelschleier waren die Berge gehüllt, und zahllose kleine Wald-Quellen und -Flüßchen stürzten sich tosend, brausend von den Höhen in die Thäler, die Matten tränkend, die Wege überschwemmend, kleine Teiche bildend. Dazu heulte der Sturm, und riß in Gemeinschaft mit dem wüthenden Wasser die Brücken ab; hoch geschwollen waren die Seen.
Durch all diesen Wettergraus schritt wohlgemuth auf der Straße, die von Wyler nach Interlaken führt, ein Jüngling dahin. Seiner Kleidung merkte man es an, daß er durch Pfützen gewatet, über sumpfige Wiesen gegangen, über nasie Hecken gesprungen war; seine Schuhe, Strümpfe, die Hellen Beinkleider waren bis zu den Knieen schwarzbraun gefärbt, und auch der blaue Ueberrock, die kleine Mütze, die so keck auf den kastanienbraunen Locken saß, waren durchnäßt. Aber der junge Wanderer war dennoch heiteren Sinne- geblieben. Was focht es ihn an, daß der Sturm seinen Regenschirm mehrmals umgekehrt, daß allzu heftige Güsse ihn gezwungen, gemeinsam mit einem Soldaten in einen großen Heuhaufen zu kriechen und dort ein halbes Stündchen auszuharren? Es lag doch auch Poesie in solch einer Wanderung mit Hinderniffen, und der Wind, sowie die losenden Waffer sangen gar herrliche Melodien, die sich in der Phantasie des Jünglings zu einer rauschenden Sinfonie verbanden.
geht. Wie U bisher schon zn verwerfen war, ctae wiche Summe festzuletzen, um |o bedenklicher ist es, diesen Betrag erheblich zu erhöhen, weil dadurch in noch zahlreicheren Fällen den Parteien die Möglichkeit entzogen wiro, die Entscheidung des Reichsgerichts anzurufen. Man muß sich immer vergegenwärtigen, daß solche Werthgrenzen ein Nothbehelf find, an dem man nicht fest beharren darf- wenigstens muß die Grenze fo wett wie möglich gezogen werden. Blicken wir auf andere Länder, fo ist dort der Revifion ein viel weiterer Spielraum gelafien- eine Werthgrenze kennt man Überhaupt nicht.
In Anbetracht alles desien erscheint uns die geplante Neuordnung durch die nothwendige Entlastung bet Reichsgerichts allein nicht genügend begründet, da man andere Maßnahmen treffen könnte, damit das Reichsgericht in der Lage ist, die in Ausficht stehende Mehrarbeit zu bewältigen. Durch Errichtung von Hiljssenaten, durch Zuziehung von HilfSrichtern für die UebergaugSzeit während der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches würden die entstehenden Schwierigkeiten sicher beseitigt werden können. Und angefichts der besonderen Umstände läge für die Volksvertretung kein Grund vor, etwa die verfassungsmäßige Zustimmung zur Zu- laffung von HilfSrichtern beim Reichsgericht zu verweigern. Wohl aber dürfte der Reichstag sich nicht so leicht bereit finden laffen, die Erhöhung der Revifionssumme ohne Weitere- gut zu heißen- denn eS werden gewichtige Stimmen laut werden, welche die Entscheidung Über die Zuläffigkeit der Revision überhaupt nicht von dem in vielen Fällen imaginären Werth eines Gegenstandes abhängig machen wollen, jedenfalls aber nicht die Zahl der Procrsse zu verringern geneigt ist, in denen an die höchste Instanz appellirt werden darf. Die Regierung wird etwaigen Wünschen deS Reichstages nachkommen müflen, da fle fich in einer Zwangslage befindet, indem — wie schon oben bemerkt — die neue Eiv Iproceß« otbnung noch vor dem 1. Januar 1900 in Kraft getreten sein muß. In diesem Falle dürfte also die Reform nicht an dem FiScaliSmuS scheitern, wie es mit anderen Vorlagen, z. B. der Jnstizreform, geschehen ist. (xx)
Reich
Berlin, 2. November. Der Verein deutscher Maschinenbauanstalten hält hierselbst am 5. November seine Hauptversammlung ab. Die Tagesordnung umfaßt: Stellung-
Er verlor auch nicht seinen lachenden Gleichmuth, als er sich von Unterseen nach Neuhaus in einem schwankenden Kahne beim stärksten Regen übersetzen lasien mußte. Besorgt nur griff er nach seinem Skizenbuch, das er unter die Weste geknöpft hatte.
In Neuhaus bekam er mit vieler Mühe einen Wagen, in welchem er bald Interlaken erreichte. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, und wenn die Berge auch verhüllt blieben, so begrüßte der Reisende doch mit Entzücken den Ort, wo er vor zehn Jahren mit den Seinen in dem freundlichen Gasthause mit der schmucken Glasgallerie und den herrlichen Nußbäumen vor der Thüre einige reizvolle Sommerwochen verlebt hatte.
Die Wirthin stand draußen; sie war zwar immer noch dieselbe schöne Frau, die damals über die Späße des Knaben so oft gelacht, aber die Jahre waren ihr doch sehr anzumerken , und ihr schmal gewordenes Gesicht trug dazu noch einen unfreundlichen Ausdruck. Sicher würden sich diese Züge schon wieder aufhellen, meinte der Jüngling, und bat bescheiden um Quartier. Doch wie ward ihm, als die Frau energisch erklärte, daß auch nicht der kleinste Raum im Hause noch frei, überhaupt in ganz Interlaken fein Zimmer zu haben wäre! So mußte er den Ort seiner Sehnsucht wieder verlassen und ben nicht sehr angenehmen Rückweg antreten! Da übermannte ihn doch ein wenig der Aerger, indeß dagegen wußte er ein gutes Mittel. Während er unter den prächtigen Bäumen auf und nieder schritt, sang er drei- bis viermal die ersten Tacte des Beethoven'schen As-dur Adagios vor sich hin; bei dieser himmlischen Musik verflog allmählich sein Groll.
Während er nun langsam in seinem Wagen gen Unterseen zurückfuhr, ließ er seine Augen über all die freundlichen Gebäude, die ihm noch zum Theil bekannt waren, hingleiten. Da stand die Kirche, daneben das Pfarrhaus- und dort das zierliche Häuschen mit den grünen Läden und dem kleinen Balkon, mit dem Hirschgeweih Über der Hausthüre, da» mußte das Forsthaus fein. Auf dem Balkon stand ein junges Mädchen und blickte zum wolkenverhangenen Himmel auf.
nähme zur Pariser Weltausstellung, LieserungSbebingungen, Stempelangelegenheiten, HanbelSverträge unb Zollbeirath.
Arrests
Wolff» telegraphisches Eorrefponbenr-Bureim.
Berlin, 2. November. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Landwirthschastsminister erließ am 23. October cr. eine Verfügung an fämmtliche Oberpräfibenten, Regierungspräsidenten und Generalcommiffionen, wonach, veranlaßt durch die Hochwafferfchäden deS letzten Sommer», die bethei- ltgten Behörden ersucht werden, einer Vorbeugung ähnlicher Schäden besondere Aufmerksamkeit zuzuwenben. Der Minister verkennt nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, welche bei dem derzeitigen Stanbe ber Waffergesetzgebung und der waffer« wirthschaftlichen Organisation ber Thätigkett ber Behörden gegenüberstehen- die Schwierigkeiten seien aber keineswegs unüberwindlich und müssen bi« zur Aenderung ber Gesetzgebung durch erhöhte Thätigkett, verständnißvolles und nachgebendes Zusammenwirken von Staat und Provinz, die dauernde Beobachtung deS Zustandes der Wasserläufe und strenge Handhabung der bestehenden Gesetze zur Erreichung der gesteckten Ziele um so nachdrücklicher verfolgt werden.
Frankfurt a M, 2. November. Die Leiche deS Generalmajors von Bülow war gestern Abend von Darmstadt nach der hiefigen Wohnung de- Verstorbenen überführt worden. Daselbst fand heute Nachmittag 5 Uhr ein Trauergottesdienst statt, an den fich eine Trauerparade eines combinirten Bataillons des 81. Infanterie Regiments unb einer SScadron deS 13. Husarev-RegimentS anfchloh, die von dem Generalmajor v. Maffow commandirt wurde. Darauf erfolgte die Ueberführung der Leiche nach dem Bahnhofe unter den Klängen des Ehopin'schen Trauermarsches. Hinter dem Leichenwagen schritten die nächsten Leidtragenden, denen fich die Spitzen der Militärbehörben und etwa 100 Offiziere aller Waffengattungen anschloffen. Die Bestattung wird im Familien- begrädniffe in Berlin stattfinden
Depesche« deS Bure«« »Herold/
Berlin, 2. November. Der Kaiser hörte im Neuen Palais heute Vormittag von 10 Uhr an den Vortrag des Chefs deS MilitärcabinetS, General» v. Hahnke. Mittag» um 1 Uhr empfing der Kaiser den Erbprinzen von Sachsen-Coburg unb nahm sodann wettere militärische
Ihr liebliches Gesicht war blaß, und um ben feinen Mund lag ein Ausdruck des Schmerzes, der dem jungen Beobachter nicht entgangen war. Welcher Kummer mochte sie drücken? Der Gedanke an das holde Töchterlein des Försters begleitete ihn bis nach Unterseen, wo er in einem Gasthause ein freund- liches Zimmer fand. Seine Freude war groß, als er in demselben ein Clavier bemerkte. Kaum war er allein und in trockene Kleider des Wirthes, die ihm freilich viel zu weit waren, gehüllt, da setzte er sich an das alte Instrument und seine Hände glitten kosend über die Tasten. Das Klavier trug die Jahreszahl 1794 und hatte einen feinen, silbernen Ton, der sich dem Spieler gleich ins Herz schmeichelte. Die Erinnerung trug ihn auf ihren Flügeln zn den Seinen nach Berlin, sie führte ihn nach Italien, das er wenige Wochen zuvor erst verlassen, und alle feine Gedanken und Empfindungen wurden zu klingenden Tönen.
In der Nacht träumte er von dem schönen Mädchen, dessen Gesicht er so bekümmert gesehen; rathlos, verzweifelt stand sie an einem Abgrund; er half ihr über denselben hinweg. Als er aber ihre Gestalt umfangen wollte, war sie ihm entschwebt.
Am andern Morgen erwachte er erst spät; die Sonne schien ihm schon ins Fenster, die Stürme hatten ausgetobt und die Regenwolken verjagt, die Natur lachte wieder in aller ihrer Pracht. Nachdem der Fremde ein frühes Mittagsmahl eingenommen, hielt es ihn nicht länger in Unterfeen; ein geheimes mächtiges Sehnen trieb ihn nach Interlaken.
Da der ganze Weg unter Wasser stand, unb eine Fußtour unmöglich war, mietete er sich ein Pferb unb ritt auf ben Überschwemmten Straßen seinem Ziel zu. Welchen anberen Anblick gewährte ber Oct heute. Glänzenb im Schmucke ihrer Schneehäupter stauben bie Berge, grün schimmerten bie Matten, im tiefsten Blau lächelte ber Himmel. Die Wirthin bes „Gasthauses zu ben Nußbäumen" machte heute auch ein freunblicheres Gesicht, setzte sich zu ihm und fragte ihn, wie es seinen Eltern unb ben lustigen Schwestern ginge.
(Schluß folgt.)


