Ausgabe 
4.9.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 207 Erstes MM Samölag den 4. September

1897

Der

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Anfechtungen und Kämpfe des Fürsten Hohenlohe.

Daß der jetzige Reichskanzler noch lange seines Amtes walten wird, glaubt wohl Niemand, vielmehr hält Jeder­mann den Zeitpunkt nicht mehr fern, wo er die schwere Bürde des Amtes niederlegt, welches er in freudiger Hin­gabe an Kaiser und Reich übernommen hatte, welches ihm wenig Befriedigung gebracht und noch weniger Dank ein­getragen hat. Graf Caprivi war gefallen, sein System wurde in Acht und Bann gethan und seine Feinde triumphir- teu, denn fie hatten ja einen Sieg davongetragen, den fie in weitestem Maße für sich auszunutzen suchten. Ihre For­derungen wurden immer dringlicher und umfangreicher, so daß Fürst Hohenlohe, der doch als großer Grundbesitzer Berständniß für die Wünsche der Laudwirthschast Haden mußte, die Geduld verlor und den Agrariern den Rücken -ehrte, sich infolgedessen aber deren Haß zuzog.

Der Kampf, den die extremen Agrarier gegen die Re­gierung führten, ist noch in zu frischer Erinnerung, als daß wir näher darauf einzugehen brauchten, die berühmten Ge­neralversammlungen desBundes der Landwirthe" im Cir- euS Busch zu Berlin oder vorher im Feenpalast daselbst, waren eine ununterbrochene Anklage gegen die Regierung, daß dieberechtigten" Wünsche der Landwirthe an maß­gebender Seite kein Gehör mehr fänden. Das bekannte SprichwortSteter Tropfen höhlt den Stein", hat sich auch in diesem Falle bewährt,- die Regierung ist mürbe geworden And sucht mit großen und kleinenMitteln" die Schreier zu befriedigen und ihnen soweit entgegenzukommen, daß man es sogar wagen durfte, mit einem auf das Getreideeiufuhr- Berbot abztelenden Anträge vor die Regierung zu treten. So wie dir Verhältnisse heute liegen, haben die Agrarier an Maßgebender Stelle Oberwasser und fie würden wohl noch etwas kühner auftreten, wenn nicht unser jetziger Reichs­kanzler ein so vorurtheilsfreier Mann wäre, der für extreme, nur für einzelne Categorien begünstigende Forderungen «icht zu haben ist.

Wir halten eS für ganz selbstverständlich, daß Fürst Hohenlohe, als er dem Reichstag bezüglich der Militärstraf- proceßreform und des Vereinsgesetzes die bekannten Ver­sicherungen gab, fest davon überzeugt war, daß er seine Versprechungen werde etnlösen können- auch fiod wir der Ansicht, daß er nach seinen Kräften eifrig bestrebt gewesen Ist, seinen Anschauungen Geltung zu verschaffen. Aber eS stehen ihm höhere Kräfte gegenüber, denen er entweder keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte, ober aber dieser Wider­stand war zu schwach. Die Einbringung der vor wenigen Wochen abgelehnten Vereinsgesetznovelle im preußischen Land­tage war von dem größeren Thetle deS Volkes mir einem gewissen Erstaunen ausgenommen worden darüber, daß Fürst

Hohenlohe diesen Gesetzentwurf gegenzeichneu tonnte, da er mit seinen dem Reichstage gegebenen bündigen Zusagen nicht in Einklang zu bringen war. Und wir glauben auch heute noch, daß der Fürst nur schweren Herzens seine Einwilligung ertheilt hat und mehr dem Drängen anderer Kräfte nachgab alS seiner eigenen Ueberzeugung.

Die Reform deS MilitärstrafprocesseS scheint jetzt die Klippe werden zu sollen, an welcher Fürst Hohenlohe end- gtlttg strauchelt. Man vergegenwärtige sich den ganzen Verlauf der Angelegenheit und man kann nicht begreifen, weshalb Fürst Hohenlohe nicht schon im vorigen Sommer zugleich mit dem Minister Brovsart v. Schellendorf seinen Abschied genommen hat. Er gab dem Reichstag das bindende Versprechen, in nächster Tagung werde eine Vorlage etn- gebracht werden, durch welche der Milttärstrafproceß mit den modernen Rechtsanschauuugen tu Einklang gebracht werden sollte. Die Zusage erhielt später Brief und Siegel durch eine entsprechende Erklärung imReichsanzeiger". Schon aber machten sich Mächte bemerkbar, welche den modernen Weltanschauungen in dem Milttärstrafproceß keinen Eingang gestatten wollten, und eS darf trotz offictöser und officteller Dementis als sicher angenommen werden, daß ein heftiger Zwiespalt zwischen Heeresverwaltung und Milttärcabinet thatsächlich bestanden hat, bet welchen daS letztere bekanntlich obsiegte. Die Reform ging schließlich dem BundeSrathe zu, und da begann das liebliche Spiel in der Presse: Bald waren die Arbeiten an der Reform schon weit vorgeschritten, bald wurden dieselben vertagt,- verschiedene Male sollte die Einbringung der Novelle im Reichstage unmittelbar bevor- stehen, bald waren der Hindernisse wieder so viele und große geworden, daß am Erfolg gezweifelt wurde. Diese letztere Ansicht scheint die richtige gewesen und die ganze Vorlage im Bundesrath sanft eingeschlummert zu sein,- denn übereinstimmende Meldungen dringen jetzt in die Oeffent« lichkeit, daß die Reformvorlage auch der nächsten Tagung deS Reichstags noch nicht zugehen werde und daß wegen der ganzen Angelegenheit eine Spannung zwischen Kaiser und Kanzler eingetreten sei, die den letzteren zum Rücktritt ver­anlassen würde.

Sonach ist eS anscheinend nur noch eine repräsentative Pflicht, welche Fürst Hohenlohe dieser Tage in Homburg wahrnimmt, uud fie dürfte eine der letzten sein, welche er zu erfüllen hat, bevor er tu den wohlverdienten Ruhe­stand tritt. (xx)

Deutsche» Reich

Wurzburg, 1. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen nahmen heute Vormittag au der Parade des 2. bayerischen Armeecorps auf dem Parade­felde bei Biebelried, 15 Kilometer östlich Würzburg, Theil.

Der Grobherzog, als Inhaber bei 5. Infanterie-Regiments, führte das Regiment im Vorbeimarsch. Heute Abend nach der Paradetafel kehren Se. Königliche Hoheit mit dem Zuge 10 Uhr 21 Miu. nach Friedberg zurück.

Wolff« telegraphisches Eorrespondmz-BWeau.

Berlin, 2. September. DerNordd. Allg. Ztg." zu­folge ist die Leiche des Lieutenants zur See, v. Hahnke, gefunden worden. Der Kaiser befahl die Absendung eines Avisos nach Odde, um die Leiche zu holen.

Hamburg, 2. September. Der König von Siam reift morgen Vormittag 11 Uhr nach Essen.

Bistritz, 2. September. Kaiser Franz Joseph traf heute früh 7 Uhr mit kleinem Gefolge, bei dem sich auch der deutsche und der italienische Militärattache befanden, auf dem Manöoerfelde ein. Dal Wetter ist herrlich.

Rom, 2. September. Der König und die Königin find heute Mittag 1 Uhr in Begleitung des Ministers deS Aeußeren und mit großem Gefolge nach Homburg v. d. H. abgereist. Im Gefolge des Königs befinden fich der mit der Wahrung der Geschäfte des königlichen HauSministeriumS beauftragte erste Generaladjutant Ponzio-Vaglia, ferner der Palastpräfect Gianotti, die Generaladjutanten Generalmajor Appelius und Graf Ponza di San Martino, die Adjutanten Oberftlieutenant Greppi und Santi, Corvettencapitän Thaon di Revel, die Ceremonienmeister Cofimo Perucct, der Leib­arzt Quirico und der Geheime CabinetSsrcretär deS Königs, Nurifio. DaS Gefolge der Königin besteht aus den Kammer- Herrn Gulccioli, den Hofdamen Herzogin Maximo und Marquise Trotti, sowie dem Hofherrn Graf Oldofredi- Tadini.

Rom, 2. September. Die ersten Eommentare der Blätter betrachten die Reise deS italienischen Herrfcher- paareS nach Deutschland als eine neue Festigung des Friedens.L'Jtalte" sagt, die Reise werde aufs Neue be­weisen, daß daS Gleichgewicht bei friedlichen Europa! genau auf denselben Bedingungen verharren werde, wie vor der Reise Faure'S nach Rußland.Esercito" schreibt, der Frtedensbund Italien! und Deutschland! sei nicht da! Er- gebntß einer momentanen Combinatton, sondern die natürliche Folge jener großen Ereignisse, die Europa eine neue Ge­staltung gaben. Die italienische und deutsche Einigung seien gemeinsam geboren und könnten nur gemeinsam verschwinden. Da! bilde die Stärke deS Bundes und sichere seine Festigkeit auf unbegrenzte Dauer.

Paris, 2. September. DemEcho de Pari!" zufolge wird die Infanterie während der Manöver bei 7. Corp! Versuche mit den neuen kleinen Mitraillcusen vor­nehmen.

FemUeton.

Der September.

Bon I. C. Schmidt, Kunst- und Handelsgärtner in Erfurt.

Die ungemüthliche Hitze beginnt jetzt allmälig einer erträglicheren Temperatur zu weichen- auch die Dürre ist «icht mehr so schlimm, denn ab und zu geht ein warmer Landregen hernieder, der Kräuter und Bäume von Staub und Schmutz reinigt und da! lechzende Erdreich durchfeuchtet. Unter dem Einfluß dieser warmen Regengüsse beginnen sich nun im Gemüsegarten die Kohlköpfe zu runden. Im Obst­garten schwillt da! Kernobst mächt'g und im Blumengarten erstehen stolze Herbstblüthen.

Jeder Monat hat seine Reize, seine guten und schlechten Seiten. Der September ist der Monat stolzer aber duftloser Blüthen. Georginen, Herbstanemonen und Astern herrschen überall im Blumengarten vor und ihre leuchtenden Farben heben fich wirkungsvoll vom sattgrün gefärbten Baumlaub ab. Während im Ziergarten nicht mehr viel gesäet und gepflanzt wird, sondern fich das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung des Vorhandenen beschränkt, nimmt uns im Obst- und Gemüse­garten die Ernte fast ganz in Anspruch. ES reift daS Sommerobst, welches man nicht von den Bäumen schütteln, sondern Frucht für Frucht sorgfältig pflücken soll, um e! vor allen Beschädigungen zu bewahren, denn die beschädigte Frucht wird schlecht und fleckig, während fich die unbeschädigten lange -frisch und gesund erhalten lassen. Im Gemüsegarten find die verschiedenartigsten Gemüsearten ertragfähig geworden.

Auf allen Beeten finden wir Gewächse, die nur deS -Ginerntens harren und die den Tisch mit wechselreicher Äegetabilischer Kost versorgen. Aber man erntet jetzt nur für

den augenblicklichen Gebrauch. WaS am Mittag gekocht werden soll, wird am Morgen geschnitten oder ausgezogen und was für den Winterbedarf bestimmt ist, bleibt noch lange auf den Beeten, denn gerade unter der Einwirkung der jetzt ein­tretenden reichlicheren Niederschläge und thauspendenden Nächte beginnen manche Gemüsesrten fast zusehends zu wachsen, sodaß man fie oft kaum wiedererkennt, wenn man nach drei- ober viertägiger Abwesenheit den Garten betritt. Die jetzt überall herrschende Ertragfähigkeit steigert die Freude am Garten, und so ist denn der Gartenfreund gern geneigt, daS eintreffende Herbstverzeichniß einer genauen Durchsicht zu unterziehen und seine Bestellungen an jungen Obftbäumeu, Rosen- und Blumenzwiebeln aufzugeben, damit tm nächsten Monat rechtzeitig mit den nothwendigen Herbstpflanzungen begonnen werden kann.

Wir pflanzen dann die empfangenen Blumenzwiebeln in Töpfe und nehmen dazu eine leichte, dungkräftige Erde. Die Hhacinthen erhalten Töpfe von 15 Ctm. Durchmesser (oben). Sind el die langen Hyacinthen-Töpfe, so können fie enger sein. Tulpen kommen zu 2 bis 3 in einen 10 Ctm. weiten Topf. CrocuS desgl. zu 4 bis 5. Scylla sibirca wirkt am besten durch Massen, also 7 bis 8 in einem 12 Ctm. weiten Topf. Tazetten wollen wie Hhacinthen, Narzissen wie Tulpen gepflanzt sein, nur in etwas größere Töpfe (15 Ctm.)

Nachdem wir die Zwiebeln einpflanzten, daß der Trieb eben bedeckt ist, setzen wir dieselben im Keller oder in einem tiefen Mistbeetkasten dicht an dicht hin und decken eine im letzteren Falle 10 Ctm. hohe Schicht leichter Erde darüber hin.

Beim Beginn der Winterruhe der Zimmerpflanzen ist jede! Anreizen durch Düngung zu unterlassen. Unsere Haupt- sorge ist die zwcckmäßtgste Ausstellung der Gewächse tm

Zimmer- zarte, blühende und kleine Pflanzen kommen dem Fenster so nahe als möglich zu stehen und steigt von da ab zimmereinwärts die Höhe und die Zähigkeit der Gewächse. Jede Pflanze bekomme so viel Platz, daß alle ihre Blätter Licht und Luft einsaugen können. Lieber ziehen wir wenig gute Pflanzen im Zimmer als viele und mangelhafte.

Bei der Ungezieferjagd bei September werden unS die­selben Schädiger begegnen, die wir im August fanden. Beim Putzen der Obstbäume finden wir die der Baumrinde gleich gefärbten Eier deS Ringelspinners. An den Klebgürteln, die wir nun um die Stämme legen, fangen fich schon viele Jnsecten, fie sind nicht nur für die Frostspanner gut! Dal dazu bestimmte Papier wird um den Stamm gebunden und mit Raupenharz bestrichen. Man lege den Raupenleim nicht zu dick auf, sondern erneuere lieber den Winter durch alle 4 ober 6 Wochen den Anstrich.

Eine niedliche Spielerei, da! Aufträgen von Namen auf die Früchte, kann jetzt ausgeführt werden, sobald fich dal Winterobst zu färben beginnt. Ein Monogramm, eine Krone oder einen Namen schneidet man sorgfältig in Papier aul, um ihn dann auf die sich färbende Frucht mit Gummiarabicu« aufzukleben. Die Stellen der Frucht, welche durch den anf* geklebten Namenszug verdeckt find, werden dem Einflüsse der Sonne entzogen- die rothe Farbe der Früchte entsteht nun ausschließlich durch die Sonne. Nur die der Sonne aus­gesetzten Thetle der Frucht färben sich roth. Ist sie nun vollständig aulgereift, so wird der aufgeklebte Namenszug mit Wasser befeuchtet und bann entfernt, woburch er sich auf ber Frucht durch feine blaßgrüne Färbung von der rothen Umgebung wirkungsvoll abhebt. So kann man manchen feiner Lieben mit einer finnigen Gabe überraschen.