Gelegenheit vielleicht dazu benutzen werden, ihrem Groll über bic seit Monaten in ihren Augen als ungerechtfertigt geltende Politik Luft zu machen.
Die vergangene Woche stattgefuudeue Zusammenkunft de» Königs von Belgien mit dem deutschen Kaiser in Helgoland hat nicht verfehlt, eine deprimtreude Stimmung bei den Franzosen hervorzurufen, um so mehr, als König Leopold nicht nur von seiner gewöhnlichen Umgebung, son« der» auffallender Weise auch von General Braffiue, dem jüngst abgegangenen KriegSmiuister, begleitet war. Daß der Besuch einen reinen HöflichkeitSact bedeutete und eine Einladung des deutschen Kaisers zur Ausstellung in Brüffel zur Folge gehabt haben soll, will den Anhängern des „Figaro" weit weniger in den Kopf, als die Idee, daß ein geheime» Bündniß zwischen beiden Staaten abgemacht worden sei. AuS welchem Grunde, darüber herrscht tiefes Schweigen.
Cocales uttfr Provinzielle».
Gießen, den 2. Juli 1897.
** 290. Stiftungsfest der Laude« Universität. Im Anschluß an unseren gestrigen Artikel theileu wir weiter mit, daß am Nachmittage deS 1. Juli ein Concert und am Abend ein Commers stattfand. Der große Saal in SteinS Garreu faßte kaum die Anzahl der Commers-Theilnehmer. Um 9t/z Uhr eröffnete das Präfidtum, Herr sind. med. Alex Fischer, Vertreter der Burschenschaft Alemannia, den Commers mit dem üblichen „Sind wir vereint" uud folgender von Beifallsrufen begleiteten Ansprache:
Hochverehrte Anwesenden I
Wir beschließen nach hergebrachter Sitte dm heutigen Jahrestag der Stiftung unserer Alma mater wieder mit einem Commerse.
Hierbei ist mir die ehrenvolle Aufgabe zu Theil geworden, unseres alloerehrten Rector magnificentisaimuß, unseres allergnädigsten LandeSberrn, Sr. Kgl. Hoheit des Gloßherzogs, sowie Sr. Majestät des Kaisers zu gedenken. _
Ich habe meinen Auftrag nicht aufgefaßt als die Verpflichtung, die energische Art Sr. Majestät des Kaisers oder das stetige stille Wirken unseres erlauchten LandeSfürsten in tönenden Worten zu verherrlichen. , ,
Vielmehr habe ich geglaubt, heute die Gelegenheit ergreifen zu müffen, um die unmtwegte Anhänglichkeit und Treue der Gießener Studentenschaft gegen Kaiser und Reich, gegen Fürst und Vaterland in ehrlichen, schlichten Worten hier öffentlich zu bekrästigm.
Zur Begründung meiner Auffassung will ich mich nicht auf lange politische Erörtungen einlassen. Politik gehört nicht auf einen Stvdentencommers. Hier gilt immer noch das Goethe'sche Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!"
Nur Folgendes lassen Sie mich anführen:
ES ist neuerdings mehrfach und an verschiedenen Orten einerseits die Befürchtung, andererseits die Hoffnung laut geworden, die studtrende Jugend könne in ein Lager hinüber geführt werden, in dem die Treue zum angestammten Herrscherhause und zu Kaiser und Reich für alles andere eher, a!S für eine Tugmd erachtet wird. Ob und wie weit dies für andere Hochschulm berechtigt ist, vermag ich, mangels eigener Erfahrung, nicht zu beurteilen. Für unsere Universität aber kann ich die Versicherung geben, daß jene Befürchtungm und Hoffnungm aller und jeder Grundlage entbehren und — so Gott will — auch für alle Zukunft mtbehren werdm.
Wo unsere verehrten Lehrer — fei eS in Ausübung ihres eigentlichen Berufes, sei es in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger — auch immer Gelegenheit genommm haben, sich über politische und sociale Verhältnisse zu äußern, — da haben sie bei aller vor- urtheilslosen Anerkennung der Gegner und bei aller Würdigung der eigenartigen Zeitumstände doch immer die Liede zu Fürst und Vaterland, zu Kaiser und Reich als vornehmste Idee in dm Vordergrund gestellt.
Wir Studmten folgen unfern Lehrern hierin gerne. Wir könnm aber noch weiterhin versichern, daß dies Folgen nicht ein bloßes „jurare in verba magiatri“ ist, sondern daß unsere eigene freie Ueberzeugung uns denselben Weg weist. Und dieser Umstand dürfte wohl die beste Gewähr dafür fein, daß auch unser ganzes weiteres Leben von jener Auffassung durchdrungen sein, daß uns immer die Treue gegen das Reich, das Vaterland und beren Herrscher als eine köstliche Tugend, als unser höchstes Gut, vorschweben wird.
In der Ueberzeugung, daß Sie, verehrte Gäste, wie wir, beseelt sind, ersuche ich Sie. in Gemeinschaft mit unS Eomllitonen der hiesigen Hochschule unsere Gedankm in der herkömmlichen Weise zum Ausdrucke zu bringen.
Ich fordere Sie auf, mit mir einzustimmm in den Ruf: Seine Majestät unser erlauchter Kaiser Wilhelm II., der Schirmherr der deutschen Einheit, und Seine Königliche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig, unser aller gnädigster Landesherr, unser allvcrehrter Rector magnificentiaaimue, sie leben: Hoch! Hoch! Hoch!
Ein donnender Salamander und „Heil Dir im Sieger- kranz" klang es enthusiastisch durch den Saal. Hierauf ergriff Herr atud. Schmehl, Vertreter der Arminia, das Wort, um auf die Freiheit des Lehrens und Lernens eingehend, einen Toast auf die Docenten der Alma mater Ludoviciana auszubrtngen, der mit großem Beifall ausgenommen wurde. Die Lehr- und Lernfreihett faßte Se. Magnificenz Herr Rector v. Stade wiederauf, humoristisch scherzend und auSklingeud in einen Salamander auf das echte fröhliche Studentenleden. Auch der erschienenen osfictellen Gäste wurde gedacht, indem Herr atud. Weiubrenner, Vertreter des Corps Teutonia, den Herren Oberst v. M ad ei und Oberbürgermeister Gnauth für deren Erscheinen und Bethätigung des Interesses dankte. Herzlich klang die Erwiderung aus dem Munde des Oberbürgermeisters, der im Etnverstäudniß mit dem Herrn Obersten sprach, die in diesem Semester erreichte größte Zahl der Studenten Gießens hervorhob und sein Glas dem Wohle der akademischen Jugend weihte. Den letzten Toast des osfictellen Commerse» hatte Herr atud. Luft, als Vertreter der Studenten, die keiner Bereinigung angehören, übernommen. Sein Salamander galt dem alten Herrn im Sachsenwalde, dem größten Commili- tonen. Zwei Telegramme wurden abgesandt: an Se. Kgl. Hoheit den Großherzog und den Fürsten Bt»marck. Sie hatten folgenden Wortlaut:
An Se. Königlicke Hoheit den Großherzog.
Die zur Feier des 290. Geburtsfestes der Alma mater Ludoviciana in SteinS Garten versammelten Gießener Profefforen und Studenten gestatten sich ihrem alloerehrten Rector Magnificentiaaimus, Sr Königl. Hoheit dem Großherzog, das Gelöbniß unwandelbarer Treue und Ergebenheit auSzusprechen.
Im Auftrage:
Fischer, eand. med., Burschenschaft Alemannia.
Seiner Durchlaucht dem Fürsten BiSmarck
Friedrichsruhe.
Dem Schöpfer deutscher Einheit und Größe, dem Ehrendoetor der Ludoviciana senden in Ehrerbietung begeisterten Gruß die zur
Feier des Stiftungsfestes versammelten Profefforen und Studenten der Universität Gießen.
Im Auftrage:
Alexander Fischer, eand. med., Burschenschaft Alemannia.
DaS FidulitätSpräsidium wurde Herrn Prof. vr. Fran k übertragen, der es verstand, eine recht fidele Stimmung anzuschlagen und durchzusühren, auf die Herr Prof. Heffter in witziger Weise einging. Kein Mißton, keine Verstimmung störte die herrliche FetzeSfeier, wohlthuend war das Ein- verständniß zwischen Docenten und Studenten, herzlich und fröhlich ihr Verkehr. Möge eS immer so bleiben auf der Alma mater LudovicianaI
•» Der »ittelrheivische Architekten- nnb Ingenieur-Verein hält die diesmalige Wander-Versammlung am SamStag 10. Juli in Gießen ab. Die Verhandlungen beginnen um 1 Uhr in „SreinS Garten", wo zugleich die Pläne städtischer Bauten ausgestellt find und erläutert werden. Bon Der- bandsfragen werden zu Berathung kommen solche betreffend die Verbands-Zeitschrift, Abänderung der Honorar-Norm für Arbeiten des Architekten und Ingenieurs, Grundsätze für Wettbewerbe. Vier nicht in Darmstadt wohnende Ausschußmitglieder sind für 1898/99 zu wählen. Für den Vormittag, um 10 Uhr beginnend, ist Befichtigung des Hygienischen Instituts, mit Ausstellung und Erläuterung der Pläne derselben, sowie des im Bau begriffenen physikalischen und electro- technischen Instituts, ferner Gang durch die Stadt, Inaugenscheinnahme der JohanneSkirche und des Ltebtg-DenkmalS in Aussicht genommen. Am Nachmittag gedenkt man eine Wagenfahrt nach Rodheim zur Befichtigung der Gabriel'schen Marmorsägerei und Schleiferei, bei genügender Zeit auch der Villa deS Herrn Commercienrath Gail zu unternehmen- das Mittageffen ist um 5 Uhr im Clubgebäude, eventl. im „Hotel Victoria (Preis das trockene Couvert Mk. 2,50 Mk.)
H. Ans dem Horloffthale, 2. Juli. In den letzten beiden Nächten wurde unsere Gegend von schweren Gewittern heimgesucht, die sich in unserer Nähe gebildet hatten, wie eS die Wetterprognose, Bildung von localen Gewittern, richtig vorher sagte, die sich aber auch bei unS auStobten. Ein solche» Toben und Wüthen in den Elementen, wie eS in der gestrigen Nacht geschah, haben auch buchstäblich die sogen, „ältesten Leute" noch nicht erlebt. Das Hauptunwetter dauerte ungefähr 25 Minuten, eS schlug in dieser Zett sechs- mal ein- fünf Blitzschläge fuhren in Wald- und Feldbäume, ein kalter Schlag traf einen der Schwalheimer Höfe, glücklicherweise ohne großen Schaden anzurichten. Da» entsetzliche Knattern in den Lüften und die darauf folgenden dumpfen Donnerschläge erinnerten den Einsender an die franzöfischen Mitrailleusen bei Metz. Die wolkenbruchartigen Regen sühnen auch Hagel mit sich, der bei Nacht aber nie von Bedeutung zu sein pflegt. Dagegen sehen manche Halmgetreidefelder au», als wären sie gewalzt worden. Diejenigen Wetterpropheten, die viele und schwere Gewitter pro 1897 vorau»sagten, haben bis jetzt recht behalten.
t Billiugeu, 2. Juli. Während der Gewitter am gestrigen Abend zündete der Blitz in dem Anwesen eines hiesigen Oekonomen, wodurch Scheuer- und Stallgebäude niederbrannten- gleichzeitig wurde eine Kuh in der Nachbarschaft durch einen Blitzstrahl in dem Stall getödtet. — Auch zu Steinberg und Garbenteich zündeten Blitzschläge in je einer Hofraithe, so daß die betroffenen Gebäude großentheilS ab- brannten.
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• Da» endgiltige Resultat der Berliner An»stellung. Der Gesammtvorstand der Berliner Gewerbe-AuS- stellung 1896 hat, nachdem die Aufstellung der Schlußrechnung durch den Arbeitsausschuß und die Prüfung und Genehmigung durch den geschäft-führenden Ausschuß erfolgt ist, beschloffen, von den Garantiefondszeichnern 50 pCt. der von ihnen gezeichneten Beträge einzufordern. Ferner ist der Arbeitsausschuß ermächtigt, nach Einziehung der 50 PCt. etwa verbleibende Ueberschüffe festzusetzeu und einzufordern. So beklagenSwerth daS Resultat auch ist, so ist eS doch nicht so schlimm, als das anderer Ausstellungen des Bor- jahreS. Die Pester Ausstellung z. B. hat ein Deficit von ls/4 Mill. Gulden ergeben und für die Genfer muß der ganze Garantiefonds zur Deckung deS Deficit» in Anspruch g nommen werden.
* Pferdepenfionate werden an der Peripherie Berlins immer zahlreicher, in diesem Jahre kann man solche nach Dutzenden zählen. Unter derartigen Pensionären hat man Erholungsstätten für abgerackerte Vierfüßler zu verstehen- das Pensionat selbst besteht in einer großen, eingefrtedigten Wiese mit einem WächterhauS. Die Thiere bleiben den ganzen Tag über auf der Weide und nur des Nachts werden sie in einem Schuppen untergebracht. Ein mittleres Pensionat zählt in der Regel bis zu 20 Pferden, deren Aeußere» meistentheilS daS dringende ErholungSbedürfniß verräth. Die Besitzer solcher Triften find nicht immer Leute, die diese thierfreundliche Einrichtung zu geschäftlichen Zwecken aus- beuten, sondern Fuhrherrn, die daS Land lediglich zu diesen Zwecken pachten, um ihren heruatergekommenen Pferden die einzig nachhaltige Erhaltung zu verschaffen. Die Einrichtung muß sich sehr bewährt haben, dafür spricht der Umstand, daß eben, wie gesagt, derartige Penfionate immer zahlreicher werden.
• Militärkapellen in Civil. Um den Mißbrauch der Uniform zu Reclamezweckeu zu verhüten, soll Seitens der Militärbehörden mit besonderer Strenge auf die strikte Durchführung der kaiserlichen CabinetSordre vom Mai 1891 bezüglich der Militärkapellen geachtet werden. Die erwähnte CabinetSordre bestimmt, daß, von dem Spielen zu öffenb ltchen Tanzvergnügen abgesehen, daS Tragen der Uniform bet öffentlicher Ausübung außerdienstlicher Mufiker-Thatigkeit überhaupt einzuschränken ist. Im Allgemeinen soll daS Uniformtragen nur bann gestattet sein, wenn die Mufikcapellen
geschloffen ober mindesten» zu einem namhaften Th eile unter Leitung eine» Dirigenten auftreten.
• Die „Sulturmadchen" auf de» Harze. Die dem Harz, gebirge eigenthümliche Einrichtung der „Culturmädchen" ist für daS laufende Jahr vor einigen Wochen wieder in» Leben getreten. Der Harzwanderer von auswärts geht meist nur bestimmten Tourtstenwegen nach und betritt selten die Pfade, die ihn mit den „Culturmädchen" in Berührung bringen könnten. Wenn der Frühling in die Berge zieht, dann wandern aus den braunschweigischen Südharzorten Wieda und Zorge einige Dutzend Mädchen Im Alter von 15 bl» etwa 25 Jahren hinauf in die einsamen Reviere zwischen Braunlage und dem Bodethale, nm dort in den Forstcultureu zu arbeiten. Vier Monate bleiben fie oben, fernab vom Wanderverkehr des Harze» und fern überhaupt von der menschlichen Gesellschaft. Dort wohnen fie inmitten im Walde gelegener Hütten, die der braunschweigischen Forstverwaltuvg gehören- zwei alte Frauen besorgen, während die Mädchen in den Forsten arbeiten, da» Kochen rc., und zwei ältere Männer, die in einer besonderen Hütte wohnen, üben die Aufsicht über die weibliche Colonie au», die allabendlich weithin durch den stillen Forst ihre melodischen Gesänge erschallen läßt. Letztere tönen mitunter auch wohl hinüber zu den begangenen Touristenwegen und veranlaffen den fremden Harzwanderer, einen Augenblick seine Schritte einzuhalten und zu lauschen. Jeden Freitag gegen Abend wird au» Wieda oder Zorge für die nächste Woche LebenSmltttlvorrath geholt. Der Lohn für die oft schwere Arbeit beträgt täglich 1 Mk.- karg ist er zwar, aber er entspricht den dortigen Berhältniffen. Und gesund bleiben die „Culturmädchen" bei ihrem Leben auch. Kräftig ziehen fie im Frühjahr ein in die einsame Bergwelt, und kräftiger kehren fie im Herbst in die Helmath zurück.
* Da» Opferlamm. Folgende Schnurre erzählt eine englische Zeitschrift: Der Vorsteher einer Lateinschule in der kleinen Stadt Stamford in England hörte vor einiger Zett eine Unterhaltung zweier Schüler an, von denen der Eine erst vor Kurzem in daS Institut ausgenommen wurde. Der „Neue" wurde von seinem Mitschüler einem scharfen Verhör unterzogen. Er mußte aussagen, wer und waS sein Vater war, wo er bisher zur Schule gegangen, wie viel Geschwister er habe, wie hoch sich sein wöchentliches Taschen^ gelb belaufe und noch manche andere wichtige Dinge, die ein Knabenherz bewegen können. Zuletzt fragte der wiffen»- durstige Lamerad: „Und wer ist Euer Hausarzt?" — „HauS-- arzt?" „Na, Gott fei Dank, so was brauchen wir nichts meinte stolz der zehnjährige Tom. — „Du Glücklicher, da brauchst Du ja nie Medizin einzunehmen!" rief der junge Inquisitor nicht ohne Neid. — „So, meinst Du? Na, wenn Du Dich nur nicht irrst", war die sarkastische Erwiderung. Dann zählte Tom mit wahrer Märtyrermiene an seinen Fingern her: „1) mein Vater beschäftigt sich viel mit Homöopathie - 2) meine Mutter lieft fortwährend Werke über Allopathie- 3) meine Schwester Maggie studtrt Medizin- 4) mein Großvater ist Anhänger der Maffage- und Kalt- wafferkuren- 5) meine Großmutter kauft alle Arzneien, die in Zeitungen angekündigt werden- 6) mein Onkel Sandy ist Lhlerarzt, und 7) meine Cousine Lilly ist Zahnärztin." Und tief Athem holend, fügte Tom hinzu: „Und Alle machen an mir ihre Experimente." Der vorwitzige Frager stand mit offenem Munde da und sagte nicht» mehr.
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