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Nr. 154 Drittes Blatt. Sonntag den 4 Juli
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Die Meß en er K«»tki-«VtLll-r werten dem Anzeiger »Achentlich dreimal beigrlegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
vierteljähriger , A5o«»eme«trpreiss 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
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Vransoeimge. ^icgeuer Aamlllenvlaner. Anzeigen für dcn „Gi-ß-n-r Anzeiger" entgegen.
AnrtUchev TheN.
Gießen, den 1. Juli 1897.
Betr.: Erlaß einer Polizei-Verordnung für den Kreis Gießen- betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Ttraßen und Plätzen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen en die Grotzh. Bürgermeistereien der Land« gemeinden des Kreises.
Unter Bezugnahme auf den Schlußsatz unseres AuS- schreibens vom 29. December 1893 (Gießener Anzeiger Nr. 2 von 1894) sehen wir binnen 5 Tagen der Vorlage eines Verzeichnisses der in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 1897 stattgehabten und in Ihren Registern gewahrten Ab- und Zugänge von Fahrradbesitzern mit den zugehörigen Nummern entgegen.
v. Gagern.
Politische Wochenschau.
Die Friedens-Verhandlungen auf der Balkan- Halbinsel sollten nach Meldungen, die zu Beginn der vorigen Woche verbreitet worden waren, vergangenen SamStag zum Abschluß gelangen. Diese Erwartung hat sich als optimistisch ergeben- nicht nur ist der Abschluß noch nicht gemeldet worden, sondern eS wird auch heute wieder und zwar aus einer der zuverlässigsten Quellen versichert, daß immer noch Schwierigkeiten bestehen, deren Beseitigung jedenfalls noch vier weitere Conferenzeu der Friedensunterhändler beanspruchen dürfte. Als Hauptpunkt wird ausgeführt, daß die Höhe der zu zahlenden Kriegsentschädigung immer noch nicht vereinbart sei. Die vom türkischen Mintfterrath festgestellten und der Botschafterconferenz vorgelegten Judemuitätsansprüche der Türket an Griechenland, die unverrückbar gelten sollen, umfaffen folgende Zahlen: Ausgaben deS FinanzmtntsterS für die Armee 34,000,000 Fr., des Kriegsministers 27,500,000 Fr., voraussichtliche Ausgaben bis zum Abschluß deS Frieden- 30.000,000, Eisenbahntransporte rc. 14,000,000, Ausgaben für die Marine 3,000,000, nothwendige strategische Modifikationen der Eisenbahnlinien für etwaige spätere Mobilmachungen 20 Millionen, Wiederinstandsetzung der türkischen Marine für Kriegszwecke 10,000,000, Forderung für In- Validenpensionen und Pensionen an die Familien getödteter
Soldaten rc. 35,000,000 Fr., zusammen also 173 Mill. Fr. Vergleicht man daher die letztere Summe mit der in Aussicht gestellten Kriegsentschädigung von Lstr. 4 Mill., so geht hieraus hervor, daß letztere keineswegs zu hoch bemessen ist. Wenn nun einerseits auch dem Daily Telegraph zufolge der Sultan die endgiltigen Vorschläge der Botschafter wegen der Grenz- regulirung angenommen und dem Großvezter, der Samstag und Sonntag .wiederholte Vorstellungen zu Gunsten der Beibehaltung TheffalienS machte, erklärt haben soll, er sei durch sein Wort gebunden und müffe sich daher den Vorschlägen der Mächte fügen, so existiren, abgesehen von dem Hauptpunkte, der Kriegsentschädigung, anscheinend auch noch Meinungsverschiedenheiten und zwar in Bezug auf die Entschädigung von Privaten und Gemeinden in Thessalien, welche durch die türkischerseitS vorgenommenen Requisitionen große Verluste erlitten haben. ES beweist dies zur Genüge, daß auf einen so raschen Abschluß der Conferenz noch nicht so bald zu rechnen ist, vielmehr manche mehr oder minder willkürlich erfundene Combinationen inzwischen noch ihre Verbreitung finden werden, ehe ein eudgiltiger Abschluß gesichert ist.
Während man in den Vereinigten Staaten zur Zeit alle erdenklichen Anstrengungen macht, um die einheimische Industrie einer schnelleren Entwicklung zuzuführen und den auswärtigen Markt mit amerikanischen Erzeugniffen zu überflutheu, gibt man sich der seltsamen Illusion hin, daß diese- Ziel durch gleichzeitige Absperrung gegen die fremde Einfuhr erreicht werden könnte. Man gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, daß die neue Dingleh'sche Tarifbill im Stande sei, die notwendigen Ergänzungseinnahmen deS Landes herbeizuschaffen. Ob die Bill nach dieser Richtung NennenSwertheS oder überhaupt etwas leisten wird, ist im höchsten Grade zweifelhaft, die hohen Zölle werden den Handel in dem Maße einschnüren, daß die Zolleinnahmen schließlich weniger etnbringeu werden, als der Waareneingang unter dem bisherigen, weniger lästigen System. Die Annahme der Tarifbtll wird keinesfalls dazu beitragen, die Finanzen deS Landes auf eine gesunde Basis zu stelleu und noch weniger wird dies der Fall sein, wenn die Regierung in Verbindung mit Hawai und Cuba sich in neue Ausgaben stürzt. Seitdem die geplanten neuen Zollbestimmungen bekannt geworden find, haben sich fast sämmtliche Staaten, zum Thetl unter Androhung von Wiedervergeltungsmaßregeln, zu Protesten entschloffen. Die übrigen Staaten außer Deutschland und
Oesterreich find zumeist in der Lage, direct Zollerhöhungen oder auf andere Weise Repreffalien gegen Amerika auSzuüben, ohne dabet einen offenen Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten herbeizuführeu. Soweit Deutschland in Betracht kommt, ist dies nicht der Fall. Die meisten Sätze unseres Zolltarifs, vor allem die auf amerikanische Produkte, find durch Handelsverträge gebunden - wirksame Represfivmaßregeln find daher nur unter der Voraussetzung möglich, daß wir den Bereinigten Staaten den Mitgenuß unserer Vertragstarife entziehen, was natürlich zum offenen handelspolitischen Bruche führen müßte.
Die Panama-Affatre scheint von Neuem berufen zu sein, eine Rolle im politischen Leben Frankreichs zu spielen. Noch hat der Untersuchungsrichter Le Poettevin, von deffeu Thaten der „Figaro" fast täglich etwas zu berichten weiß, seine Arbeiten nicht abgeschloffen und schon hat die Deputirtenkammer, ihrem Beschluffe von Ende März Folge leistend, eine Commission zur Aufklärung dieser trostlosen Angelegenheit gewählt. Alle Parteien find in diesem AuS- schuffe gleichmäßig vertreten, damit auch nicht der geringste Verdacht der Parteilichkeit auf den auS 33 Mitgliedern bestehenden Enquete Ausschuß zu werfen sei. Daß die Thättg- keit dieses AuSschuffes irgend welche greifbare Resultate liefern wird, ist noch sehr zu bezweifeln, denn waS tu 1892 nicht ermittelt werden konnte oder sollte, wird gewiß nicht dadurch ans Licht gezogen werden. Man sieht in seiner Einsetzung eher daS Bedürsutß der Deputirteu, dem Lande einen Beweis der Tugend und Unbestechlichkeit zu liefern. — Die schon vielfach erörterte Reise deS Präsidenten Faure nach St. Petersburg gilt nunmehr als persect, die lang ersehnte Botschaft ist endlich eingetroffen. Einer Note der „Agence HavaS" zufolge hat Präsident Faure dem Mintfterrath inzwischen mttgetheilt, daß er ein Schreiben vom Zaren erhalten des Inhalts, es würde dem Zaren zur Befriedigung gereichen, ihn, Faure, tu diesem Jahre in Peterhof zu begrüßen. Den Blättern zufolge dürfte die Reise zwischen dem 18. und 21. August von Cherbourg aus vor sich gehen und zwar ohne Begleitung deS Senats- und Kammer-Präsidenten, da dieselben auf Grund der Verfaffung nicht zur „Suite des Präsidenten" gehören können. Eine noch recht warme Debatte steht nunmehr in Bezug auf den zur Reise verlangten Credtt bevor, gegen welchen jedenfalls die äußerste Linke und die Soctaltsten stimmen werden, da sie die Reise des Präsidenten Faure für verfassungswidrig halten und die sich bietende
Feuilleton.
Wir müssen reisen.
Humoristische Plauderei von M. Possak.
(Schluß.)
Cilly, welche dem Gespräche mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, stürzte sich mit der ihren Jahren eigenen elephanteu- haften Grazie auf den Vater zu und umarmt ihn stürmisch.
„Aber Papa" ruft sie schmeichelnd, — „Ihr wollt wirklich diesen Sommer nicht fort und ich — ich darf dann nicht mit der Großmama nach der Schweiz? DaS ist doch —"
„Beruhige Dich nur," tröstet der Vater und stretcht seinem Liebling zärtlich über den blonden Scheitel, — „Du begleitest die Großmama natürlich, — einerlei, ob wir daheim bleiben oder nicht."
Dann geht er, um nun endlich an den Geheimerath B. zu schreiben.
Am nächsten Morgen klagt die Gattin über Kopf- schmerzen und Stiche in der Seite. Der alte Sanitäts- rath £., der sie seit Jahren behandelt, wird gerufen. Er hat eine längere Coosulatton mit ihr allein, nach deren Schluß er zu dem besorgten Gatten der Dame bemerkt: „Nichts Ernstliches, mein lieber Dtrector, — nervöse lieber» reizuvg, wie sie nach einer unruhigen Gesellschaftssaison sich leicht einstellt. Das beste Recept dagegen wäre ein paar Wochen in guter Luft — vielleicht im Gebirge, aber schließlich wird fich's auch ohne daS geben. Wenn Sie fleißig mit ihr spazieren gehen, — unsere Stadt hat ja eine so schöne Umgebung —"
Des Direktors Züge verlängern sich nach dieser Rede hin merklich.
„Spazierengehen — so, so —" meint er gedehnt, „ich weiß wirklich nicht, ob ich mir daS zumuthen darf — ich leide nämlich in letzter Zett etwas an Asthma — habe mich wohl überarbeitet —
//Ganz recht —- der Arzt nickte eifrig — „ich merkte
Ihnen das gleich an. Sie sehen in der That nicht gut aus, Verehrtester, — Sie sollten etwas für sich thun — Baden in der See würde Wunder bet Ihrem Zustande wirken." *
Jener schüttelt schwerwüthtg daS olympische Haupt.
„Sprechen Sie nicht davon, lieber Doctor — wie könnte ich an so etwas denken? Da Sie mir sagen, daß meine Frau ins Gebirge muß, so--"
„Ach, Ihre Frau Gemahlin würde das Opfer gern um Ihrer Gesundheit willen bringen. Doch — Sie entschuldigen mich jetzt wohl — meine Patienten warten. Also noch einmal — überlegen Sie sich meinen Vorschlag."
Abends beim Geheimerath B. kommt natürlich in Kurzem das Reisethema aufs Tapet. Der Privatier S. geht wie alljährlich nach Karlsbad, um über die reichlichen Burgunder- libationen, die er sich künftigen Winter wieder zu schenken beabsichtigt, sein Gewiffen zu beruhigen- der Schauspieler M., der gefeierte Darsteller deS Marquis Posa und Egmont, will in Marieubad die in bedrohlichem Maße sich vermindernde Schlankheit seiner Taille zurückzugewinnen versuchen- eine mit drei Töchtern gesegnete regierung-räthliche Familie plant einen Aufenthalt in dem Verlobungsbade K. in Thüringen u. s. w., u. s. w.
„Und Sie — Sie reisen also nach SkodSborg?" wendet man sich an unsere Freunde.
„Wer hat Ihnen denn daS gesagt?" fragt der Director verwundert.
„Nun, ich dächte, Ihre Frau Gemahlin hätte eS der Frau Baurath H. kürzlich erzählt. Jst's nicht so, Verehrteste Räthin?"
Die Angeredete stutzte.
„Von der Frau Dtrector soll ich'- haben? Nein, Sie irren, — unser lieber Dtrector hat eS meinem Manne mit« getheilt — vor mehreren Wochen schon."
„So, so!"
Der Dtrector sah unwillkürlich seine Frau an und diese ihn. Wie ihre Blicke einander begegnen, erröthen beide. Dann äußert die Direktorin schnell gefaßt: „Auch daS wird vermuthlich nicht stimmen. Unser SanitätSrath hat
meinem Manne den Aufenthalt in SkodSborg dringend verordnet und von ihm werden die Herrschaften wohl die Nachricht haben. Mein Mann wollte im Gegentheil durchaus meinetwillen ins Gebirge, aber wie gesagt, da daS Baden in der Tee für ihn von so einschneidender Wichtigkeit ist, so habe ich dieS Opfer natürlich nicht angenommen."
Ihr Gatte bewegte zustimmend daS Haupt. Er ist im Grunde des Herzens feiner Frau aufrichtig dankbar, daß sie sich den billigen Triumph versagt, ihn wegen seiner vorzeitigen Verkündigung der dänischen Reise zu interpelliren. Denn er hat tatsächlich vor vier Wochen bereits zu verschiedenen Bekannten davon gesprochen. Sie ist doch eine liebe Frau und zur Belohnung für diese Diskretion ihrerseits will er ihr großmüthig die Reise schenken.
„Nun, gleichviel, von wem wirs totff en," wirft einer auS der Gesellschaft ein, „jedenfalls hatS seine Richtigkeit mit der Sache. Wann reisen Sie denn, mein werther Herr Direktor?"
„lieber vierzehn Tage, denke ich. Dann werde ich hoffentlich meine Geschäfte soweit abgewickelt haben."
Noch eine Weile dreht sich die Unterhaltung um den nämlichen Gegenstand, dann geht man zu anderem über. Der Herr Direktor aber kann eS kaum erwarten, daß er mit seiner Frau wieder zu Hause ist. ES drangt ihn, aller Unklarheit ein Ende zu machen.
In feinen vier Wänden angelangt, ist denn auch da- Erste, waS er sagt, indem er den Arm zärtlich um seine Frau legt: „Nun, wie ist'S — bist Du mit Deinen Vorbereitungen bald fertig?"
„Mit welchen Vorbereitungen?" forscht sie mit gut gespieltem Erstaunen.
„Ach, Du weißt ja, denn eS geht doch nun einmal nicht anders — wir müssen reifen — wir würden unS ja sonst lächerlich machen."
»Ja, eS geht nicht anders," erwidert fie voller lieber» -eugung, — „wir müffen reifen!"


