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3.9.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 206 Erstes Blatt Freitag den 3. September

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Amts- und An;eig«blatt für den Kreis Gießen.

I ^ratistrifaat: Riefen« KamMcnblätt-r.

Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Gießen, den 31. August 1897. Betr.: Die Untersuchung der Nahrungsmittel, Genuß­mittel und Gebrauchsgegenftände.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an bie Großh. Bürgermeistereien des Kreises und das Grosth. Polizeiamt Gießen.

Nachdem der Entwurf des Gesetzes über den Verkehr mit Butter, Käse, Schmalz und deren Ersatzmitteln am 15. Juni l. I. (Reichsgesetzblatt Nr. 27) Gesetzeskraft er­langt hat und mit dem 1. October l. I. in Kraft treten wird, erscheinen die von uns im Amtsblatt vom 14. Sep­tember 1896 angeordneten besonderen chemischen Unter­suchungen dieser Stoffe nicht mehr nothwendig und wird von der halbjährlich einzusendenden Uebersicht der gedachten Untersuchungen abgesehen. Es werden diese letzteren nur noch in dem Rahmen der durch unser Ausschreiben vom 20. Februar 1886 (Anzeigeblatt Nr. 46) vorgeschriebenen allgemeinen Ueberwachung der Nahrung--, Genußmittel und Gebrauchsgegenstände vorgenommen.

I. B.: Dr. Wagner.

Gießen, den 31. August 1897. Betr.: Die Bildung der Schöffen» und Schwurgerichte. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, mit der Ausstellung der Urlisteu der zum Amte eiues Schössen oder Ge­schworenen bestellbaren Personen zu beginnen und diese L'sten nach vorgängiger achttägiger Offenlegung sammt den etwa erhoben werdenden Reclamationen mit Begleitbericht spätestens bis zum 15. Oktober I. I. an die zu» ständigen Amtsgerichte einzusenden.

Die Spruchltsten der Geschworenen haben, wie bereits in unserem AuSschretben vom 20. April 1885 (Anzeiger Nr. 92) bemerkt wurde, in mehrfachen Fällen die Namen von Personen enthalten, welche daS 30. Lebensjahr noch nicht vollendet oder das 65. bereits überschritten hatten uud find hierdurch in den SchwurgerichtSfitzungeo den Fortgang der Verhandlungen hemmende Weiterungen veranlaßt worden. Derartige Vorkommnisse können nur durch eine genaue Be­obachtung der htnfichtlich der Aufstellung der Urlisten der Schöffen und Geschworenen bestehenden Bestimmungen ver­mieden werden. Wr machen Ihnen daher die sorgfältigste Beobachtung der Vorschriften in § 1 und 3 der Verordnung vom 14. Mai 1879 (Reg.»Bl. S. 213) zur Pflicht. Hier- nach find die in den §§ 32, 33 und 34 des Gerichtsver- 'affungsgesetzes (s. Reichs-G.-Bl. von 1877, S. 47) bezeich­neten Personen nicht in die Urlisten aufzunehmen, während bet den in § 35 daselbst Genannten der Grund, warum fie ablehnen können, in der SpalteBemerkungen" der Liste anzugeben ist. In allen Fällen, in welchen Zweifel darüber bestehen, ob eine in die Urliste aufzunehmende Person das 30. oder 65. Lebensjahr vollendet habe, wollen Sie fich durch eine Anfrage bei derselben, oder in sonst geeignet scheinender Weise genau über deren Alter vergewtsieru. Sie dürfen aber auch nicht Personen, welche Sie für ungeeignet zum Amte eines Schöffen oder Geschworenen halten, bet denen ober die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, aus der Lifte weglaffen, z. B. weil sie arm oder zu alt find. Sie wollen vielmehr diese Personen ebenfalls in die Liste aufnehmen, Ihre Ansicht aber unterBemerkungen" oder im Begleit­berichte angeben.

Das zur Aufstellung der Listen erforderliche Formular wird Ihnen k. H. zugesandt werden.

I. V.: Dr. Wagner.

Gießen, den 2. September 1897. Betr.: Die SterblichkeitSstattstik.

Das

Grotzh. Kreis-Gesundheitsamt Gießen

au die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir ersuchen, die Zählkarten und Todeszeug' nisse bezw. Fehlanzeige von den Monaten Juli und August möglichst bald, spätestens bis zum 7. Sep­tember, hierher einzusendrn.

- Dr. Haberkoro.

König Humbert in Deutschland.

Au diesem SamStag trifft das italienische Königs- paar tu Homburg v. d. H. etn, um, einer Einladung deS deutschen Kaisers folgend, an den Kaisermanövern theilzu- nehmen. Angesichts des soeben proclamtrten BlindniffeS zwischen Rußlaad und Frankreich hat die in dem süddeutschen Badeorte stattfindende Begegnung auch eine gewiffe politische Bedeutung, umsomehr, als den Franzosen diese Reise des Königs Humbert gar nicht genehm ist und fie dieselbe gar zu gerne hintertrieben hätten, um der Welt zu zeigen, daß Italien gar nicht mehr so fest am Dreibunde hänge. Wir haben schon früher auSgesührt, daß eS in Italien eine ziem­lich starke Partei gibt, welche wenigstens auf handelspolitischem Gebiete einen engeren Anschluß ihres Landes an Frankreich wünscht und anstrebt. Aber die Einsichtigeren erkennen doch, daß eS großer Opfer seitens Italiens bedürfen wird, um ein solches Ziel zu erreichen, und daß Frankreich daS Nachbar­land in den letzten Decenuien bet jeder Gelegenheit übervor- theilt hat. Die Haltung Frankreichs während des letzten abeffyaischen Feldzuges war keineswegs vorwurfsfrei, da man es nicht mit Unrecht beschuldigte, den NeguS mit Waffen und Munition versorgt zu haben, um Sonderintereffen zu ver­folgen, die darauf htnausltefen, den Franzosen ein Ueber- gewicht am Hofe Meneltks zu geben.

Die Bemühungen der französischen Chauvinisten sind er­folglos geblieben, und König Humbert hält am Samstag seinen Einzug in Homburg, begleitet von seiner Gemahlin uud dem Minister des Aeußeren, Visconti Venosta. Die Mitfahrt des Letzteren war verschiedentlich in Zweifel und Abrede gestellt worden, da er mehr zu Frankreich htnnetgen und dem Drei­bünde keine allzu lebhaften Sympathien emgegenbrtngen sollte. Doch haben wir von vorneherein derartigen Meldungen keinen Glauben beigemeffen, da gerade Visconti Venosta eS war, unter drffen Mtnisterschaft der Dreibund vorbereitet und abgeschlossen worden ist. Da auch Reichskanzler Fürst Hohenlohe nach Homburg fich begeben hat, so ist wohl an- zunehwen, daß gelegentlich der Monarchenzusammenkunst Be­sprechungen der leitenden Minister über die TagrSfrageu stattfinden werden. Es erscheint ja ganz selbstverständlich, daß die Dreibundmächte ein großes Jntereffe haben an den Ereigniffen der letzten Woche in Peterhof, an der der Welt verkündeten Allianz zwischen Frankreich und Rußland.

Wenngleich die drei Mächte durch daS Eceigntß wohl nicht überrascht worden find, uud wenn auch die friedlichen Tendenzen dieser Allianz in feierlicher Weise zum Ausdruck gebracht wurden, so hat unsere und die befreundete Diplo­matie doch die Pflicht, für alle Fälle Fürsorge zu treffen, insbesondere für den Fall, daß eS dem einen oder dem anderen Zweibundstaate mit den FriedenSverficheruugen nicht ernst gewesen ist. Denn als auSgeschloffen kann eS bei den Verhältnissen in Frankreich bekanntlich nicht gelten, daß nicht einmal der Chauvinismus daS Uebergewicht erhält und die französische Regierung zu Unbesonnenheiten verleitet. Deshalb haben die Berathungen in Homburg immerhin eine gewiffe Bedeutung, und zwar um so mehr, als Kaiser Wil­helm fich bekanntlich nach Beendigung der deutschen Katser- manöver nach Ungarn begibt und daselbst mit dem Kaiser Franz Josef zusammentriffr. An die festlichen Besuche in Petersburg wird fich also unmittelbar ein Zusammentreffen der Herrscher des Dreibundes avschließen. Freilich waren die Besuche des Königs Humbert in Homburg und Kaiser Wilhelms in Ungarn schon vor der Verkündigung der franco- russtschen Allianz geplant, aber deshalb darf man doch nicht ihre Wichtigkeit im gegenwärtigen Augenblick verkennen.

König Humbert wird in Deutschland mit offenen Armen empfangen werden, ist er doch mit unserem Kaiser durch enge Freundschaft verbunden. Fast alljährlich weilt Kaiser Wil­helm in dem schönen Italien, wo ihm stets eine enthusiastische Aufnahme zu Theil wird, denn die heißblütigen Söhne deS Südens schwärmen für unfern ritterlichen Kaiser und bringen ihm lebhafte Sympathien entgegen. Und ihr König hält, trotzdem mannigfache Mächte auf ihn etnwirken, dem Dreibunde den Rücken zu kehren, unverbrüchlich an den ein­gegangenen Verpflichtungen fest, in der Erkenntniß, daß der Bund den drei Staaten eine gute Stütze bietet und den Jnterrffen derselben am besten entspricht. Noch immer find alle drei Mächte von der Nothwendigkeit der Tripelallianz durchdrungen, und gerade in dem Bewußtsein des gemein­samen Interesses an derselben liegt die Kraft des Drei­bundes. Jedenfalls ist die Monarchenzusammenkunft in Homburg und die mündliche Aussprache der leitenden Staats- männer geeignet, den Dreibund zu kräftigen uud auch die betheiligten Völker einander näher zu bringen. In diesem Sinne können wir den Herrscher Italiens als Gast deS deutschen Kaisers herzlich willkommen heißen. (xx)

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WolfiS telegraphisches Correspondmz-Bureau.

Koblenz. 1. September. Während des gestrigen Feuer- Werks gerieth durch herabfallende Feuerwerkskörper der pracht­volle Katserpavillsn in Brand und wurde zum größten Theile zerstört, doch gelang es der Cobleazer Feuerwehr bald, das Feuer zu löschen.

Leipzig, 1. September. Heute wurde innerhalb der sächfisch-thüriugischev Industrie- und Gewerbe - Ausstellung eine Gartenbau-Ausstellung unter entsprechenden Feier­lichkeiten eröffnet. Dieselbe ist reich beschickt und dauert bi» zum 15. September.

Wurzburg, 1. September. Der Kaiser und die Kaiserin unternahmen heute Nachmittag eine Rundfahrt durch die Stadt. Der König von Sachsen ist heute Abend 6 Uhr 25 Mtn. hier eingetroffen und am Bahnhofe vom Prtnzregenten empfangen worden.

Wien, 1. September. Kaiser Franz Josef traf heute früh aus Ischl hier ein und setzte alsbald die Weiter-- reise in daS Manöverterratn fort. Vormittags 91/« Uhr kam der Kaiser in Biftritz (Mähren) an.

Budapest, 1. September. Heute Vormittag wurde die Telephoultnte Budapest-Berlin mit einem freund- lichen Gespräch zwischen den Chefs der beiderseitigen Tele­graphen »Verwaltungen und einem Hoch auf die beiden Monarchen eröffnet.

Paris, 1. September. Bei seiner gestrigen Ankunft in Dünkirchen richtete Präsident Fau?e folgendes Telegramm an den Kaiser Nikolaus nach seinem Hoflager bet Warschau: In dem Augenblick, wo ich den Boden Frankreichs betrete, gilt wein erster Gedanke Eurer Majestät, Ihrer Majestät der Kaiserin und dem gesammten russischen Volke. Der glänzende und herzliche Empfang, welcher dem Präsidenten der Republik bereitet wurde, ruft in ganz Frankreich ein Gefühl der Bewegung und Freude hervor und wird in unseren Herzen eine unauslöschliche Erinnerung zurücklafsen. Ich bitte Ew. Majestät, aufs Neue den Ausdruck meines Dankes und der Wünsche entgegenzunehmen, welche ich für Ihr Wohlergehen und dasjenige der Kaiserin und der ganzen kaiserlichen Familie, sowie für die Größe und Wohlfahrt Rußlands hege. Felix Faure." Kaiser Nikolaus sandte darauf noch gestern Abend aus dem Lazenky-PalaiS bei Warschau folgende telegraphische Antwort an Faure nach Paris:Die Kaiserin und ich find Ihnen sehr dankbar für die freundlichen Worte, welche Sie unS soeben zugehen ließen. Mit Vergnügen werde ich die Erinnerung an den Besuch bewahren, welchen der Präsident der Republik Rußland ab- gestattet hat, deffen Herz wiederum einmal im Einklänge mit demjenigen Frankreichs geschlagen hat- Nikolaus."

Paris, 1. September. Der heutige Ministerrath beschloß, zahlreiche von den bürgerlichen und militärischen Gerichten Verurtheilte anläßlich der Reise FaureS nach Ruß­land zu begnadigen. Nach der Sitzung deS MiutsterrathS reiste Präfident Faure nach Havre ab.

Havre, 1. September. Präsident Faure traf kurz nach 5 Uhr hier ein.

Kanea, 1. September. Anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung des Sultans nahmen Dschevad Pascha und die Admirale eine Parade über die türkischen Truppen ab. Hierauf gab Dschevad Pascha etn Diner, an welchem die Admirale, sowie die europäischen Offiziere und die Cousuln theilnahmen. Die Stadt ist beflaggt uud wird Abends fest­lich beleuchtet.

Depeschen de» BureauHerold."

Berlin, 1. September. DieNordd. Allgem. Ztg." bestätigt die von anderer Sette gebrachte Meldung, daß Freiherr v. Marschall fich wieder auf sein Gut in Baden zurückgezogen hat. Sein Gesundheitszustand hat fich wesentlich gebeffert, doch bedürfe er zu seiner völligen Wiederherstellung noch einiger Ruhe und Erholung. Er habe daher noch einen zweimonatlichen Nachurlaub erbeten und erhalten. ES unter­liege keinem Zweifel, daß Herr v. Bülow noch im Laufe deS October definitiv zum StaatSsecretär ernannt werden und Herr v. Marschall einen Ausland-Posten erhalten wird.

Berlin, 1. September. DieBofs. Ztg." gibt folgende Petersburger Meldung derTimes" wieder:Etn deutscher Matrose, der einen Ruffen im öffentlichen Garten zu Peters­burg während der Anwesenheit deS Kaisers erstochen hatte, wurde vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt und erschossen, sobald daS deutsche Geschwader die russischen Gewässer ver­lassen hatte." Bon einem derartigen Vorfall ist, wie die Boss. Ztg." dazu bemerkt, bisher nichts bekannt geworden- man wird also erst die Bestätigung und genaueren Bericht