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Erstes Blatt
Mittwoch den 3 Februar
1897
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen
chratisöeitage: Hießener Aamitienötätter.
Alle Annoncm-Bureaux deS In« und Auslandes nehme» 1 Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegev.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schurstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Vierteljähriger Abonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener
I-amikienötätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
HUßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
Siebener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
AintLch«* Tbeit.
Bekanntmachung, betreffend: die Beranstattung von Verloosunge« innerhalb des GroßherzogthumS.
Der StMvorstand von Lauterbach beadfichtigt mit dem am 31. tfiai l. I. zu Lauterbach stattfindenden Prämien« und Biehmarkte eine Verloosuug von Vieh, sowie landwirth- schaftltchen und HauSgeräthen zu verbinden.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 8 000 Loose zu SO Psg. daS Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens SOpCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden find.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet.
Gießen, den 1. Februar 1897.
GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.
v. Gageru.
Derrtsches Reich.
Berlin, 31. Januar. In der Leitung des RetchS- versicherungsamteS dürften demnächst Aenderungen zu erwarten sein. Daß der Präsident des ReichSoersicher- uugSamteS Dr. Bödtker den Verhandlungen im Reichstage über die Novelle zum UnfallverficherungSgefetz nicht bet- gewohut hat, hat lebhaftes Befremden erregt, und der daraus gezogene Schluß einer zwischen dem RetchsverficherungSamt und dem ReichSamt deS Innern bestehenden Spannung wurde auch durch die Erklärungen deS Herrn v. Boetticher nicht widerlegt. Wie nun die von dem Mitgliede des ReichS- kerfichemngSamteS Baumeister Felisch herausgegebene „Bau- xewerkSzeitung" mittheilt, ist die Novelle zum Unfallverfiche- rungSgesetz im ReichS-BersicherungSamte auch nicht berathen worden- wenigstens find die nichtständigen Mitglieder des Amtes, die doch die gewählten Vertreter aus den Kreisen dec BerufSgenoffenschaften und Arbeiter find, niemals zu den verathungen und Aussprachen herangezogen. Herr Dr. Bödtker wird sich daS wohl nicht gefallen laffen können und — gehen müssen.
— Die nächstjährige Reichstagswahl wirst bereits ihre Schatten voraus. Die „Freis. Vereinigung" hat an die „Freis. Volkspartei" einen ous die Einigung aller Liberalen abzielenden Aufruf gerichtet, in welchem auf die Rothwendigkeit htngewiesen wird, den gegenwärtigen Bestand der liberalen Fracttonen aufrecht zu erhalten. Die „Nat.- Ztg." schreibt dazu: „Wahrung des gegenseitigen Besitzstände- und Verständigung über daS Vorgehen in Wahlkreisen, in denen gegenwärtig kein Liberaler daS Mandat inne hat, das ist offenbar die allein mögliche Grundlage eines Zusammenwirkens derjenigen liberalen Gruppen, welche die Nothwendtg« kett eines solchen anerkennen. Die Antwort der Letter der fretfinnigen Volkspartet auf daS obige Schreiben wird zunächst ergeben, wie weit auf ein Zusammenwirken der beiden freifinutgen Fracttonen gegenwärtig AuSfichten vorhanden find."____________2^2_________________________
Häufte
Wolff» telegraphisches Lorrespondesz-Bnrea».
Berit», 1. Februar. Der Erbgroßh erzog von Baden ist heute hier eingetroffen, um sich beim Kaiser zu melden. Der Erbgroßherzog gedenkt drei Tage in Berlin zu verweilen.
Berlin, 1. Februar. Die Herrenhaus - Commission zur Vorberathung deS LehrerbesoldungSgesetzeS nahm § 1, „Dienstetnkommen", mit dem Zusatz an, daß die Vorschriften dieses Paragraphen auf die Lehrer und Lehrerinnen, deren Kräfte durch die ihnen übertragenen Geschäfte nur nebenbei in Anspruch genommen werden, keine Anwendung Anden. Die Entscheidung hierüber steht der AusfichtSbehörde zu. § 2, der das Grundgehalt auf 900, bezw. 700 Mk. festsetzt, wurde nach Streichung der Worte „in besonder- billigen Orten" ebenfalls angenommen.
Berlin, 1. Februar. Der russische Minister deS Auswärtigen, Graf Murawjew, ist Abends 11 Uhr nach Petersburg zurückgeretst. Der russische Botschafter Graf Osten-Sacken und die Mitglieder der rusfischen Botschaft waren zur Verabschiedung am Bahnhofe anwesend.
Bochum, 1. Februar. Der Delegtrtentag der christlichen Bergarbettervereine nahm nach längerer Debatte, woran auch der Berghauptmann Täglichsbeck fich
betheiligte, den Beschlußantrag an, oer höhere Löhne und eine praktische und theoretische Ausbildung der Bergleute fordert, ferner bezüglich der Behandlung der Schlagwetter die Einführung von SanitätScursen auf allen Zechen zwecks Ausbildung einer Anzahl Leute als Rettungsmannschaften und MAwirkung der Bergbehörde bet Anstellung und Ablegung von Betrtebsbeamteu. Wetter sprach der Delegtrtentag fich gegen Frauenarbeit im Bergwerksbetriebe, sowie gegen die SonntagSarbett und für die Einsetzung von Arbeiter-AuS- schüffen aus.
Hamburg, 1. Februar. Von den heute fich zur Arbet't meldenden Personen war für 280 keine Beschäftigung vorhanden. In den heutigen Versammlungen, zu welchen Berichterstatter nicht zugrlaffen wurden, wurde mitgetheilt, daß nur eine geringe Anzahl strikender Schauerleute zur' Arbeit gegangen sei. ES sei heute noch unbekannt, wie viel Unter» stützungSgelder für morgen vorhanden seien- wahrscheinlich werde dieselbe Summe wie in voriger Woche gezahlt, also 7 resp. 8 Mk. und 1 Mk. für Kinder.
Weißenfels, 1. Februar. Bei der heutigen Wiedereröffnung decFabriken der Schuhindustrie waren etwa 500 Arbeiter erschienen, darunter keine Mitglieder des FachveretnS. Die Polizei ist durch GenSdarmerie verstärkt.
Karlsruhe, 1. Februar. Dem Großherzog wurde heute bet seiner Rückkehr von Baden-Baden ein festlicher Empfang bereitet. Alle Glocken der Stadt wurden geläutet und unter dem Donner der Kanonen hielt der Großherzog seinen Einzug. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Zum Empfange auf oem Bahnhofe waren u. A. der Prinz und die Prtnzesfiu Carl von Baden, der Gesandte v. Eisendecher mit Gemahlin anwesend. Im Schlosse erwarteten sammtliche Mitglieder deS StaatSmtnisteriums, so- wie der Hofstaat und die städtischen Behörden den Großherzog, der die Erschienenen huldvoll begrüßte.
Kopenhagen, 1. Februar. Der Sund ist mit Eis gefüllt, die Schifffahrt ist hierdurch gehemmt, aber nicht aufgehoben. Der große Belt ist ebenfalls, mit Eis gefüllt, die Segelfchifffahrt ist unmöglich- die Dampfschifffahrt ist noch nicht gehindert.
No«, 1. Februar. In der Kirche des deutschen Friedhofes in Rom fand gestern die Schlußfeier de- 100jährigen Jubiläums derselben statt, der nebst anderen hervorragenden Persönlichkeiten der preußische Gesandte beim Battcan und der österreichische Botschafter Graf Revertera beiwohnten. Ersterer überreichte dem Rector der Anstalt den Kronenorden 2. Klaffe. Nach dem Hochamte fand die Ein- weihm g der vom Kaiser zu diesem Jubiläum geschenkten prachtvollen Orgel statt.
Paris, 1. Februar. Aus den Redacttonen monarchistischer und katholischer Blätter hat sich ein Ausschuß gebildet, welcher die Gründung christlicher Theater beabsichtigt.
Philadelphia, 1. Februar. Der Präsident der Penn- fylvanta-Etsenbahn, Roberts, ist gestern gestorben.
Montevideo, 1. Februar. Drei Generale wurden verhaftet, weil sie einer regierungsfeindlichen Versammlung beigewohnt haben.
Depeschen deS Bureau „Herold."
Berlin, 1. Februar. Am 3. Februar findet beim Kaiserpaar im Weißen Saale deS Berliner Schlosses ein Ball statt.
Berlin, 1. Februar. Zu dem heute bei der Kaiserin stattfindenden The dansant sind etwa 100 Einladungen ergangen.
Berlin, 1. Februar. Graf Murawjew machte gestern Nachmittag dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe und dem StaatSfecretär Freiherrn v. Marschall Besuche, mit welchen er längere Conferenzeu hatte.
Berlin, 1. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet noch zu dem gestrigen Diner beim Reichskanzler, daß während der Tafel Fürst Hohenlohe mehrmals dem Grafen Murawjew zutrank. Die Gesellschaft blieb in lebhafter Unterhaltung bis zur Stunde der Abfahrt deS Grafen Murawjew nach Kiel.
Berlin, 1. Februar. In der heutigen Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses wurde der Antrag Ring (cons.) betreffs Maßregeln gegen die Btehseuchen-Ein- schleppung weiter berathen. Im Verlauf der Debatte erklärte der LandwirthschaftS-Minister v. Hammerftein u. A., daß er nie ein Hehl daraus gemacht habe, ein Gegner der Handelsverträge zu fein, bet welcher Bemerkung der freisinnige Abgeordnete Gothrin den Zwischenruf machte: Einheitlichkeit der Regierung. Nächste Sitzung Samstag. Fortsetzung der heutigen Debatte und Jagdrecht-Novelle.
Berlin, 1. Februar. D.e „Bert. Neueft. Nachr." halte« die Meldung, daß Staatsminister v. Köller zum Ober- Präsidenten von Schleswig-Holstein ausersehen sei, für richtig.
Berlin, 1. Februar. Die „Poft" schreibt gegenüber de« Aeußerungen der französischen Preffe, daß es sich bei» hiefigen Besuch des Grafen Murawjew nur um einen Act internationaler Höflichkeit handle: Schon aus dem Umstande, daß der russische Minister gestern Nachmittag sowohl den Reichskanzler wie den Staatssecretär deS Auswärtige« aufsuchte und bei Jenem fast, bei Diesem über eine Stunde verweilte, geht hervor, daß eS fich bei diesen Unterredungen um wehr alS nur einen Austausch reiner Höflichkeit gehandelt hat. Wenn auch selbstverständlich über den Inhalt der Unterredung von amtlicher Stelle noch nichts verlaute, so liege doch die Vermnthung nahe, daß wie in Frankreich, so auch hier u. A. die orientalische Frage berührt worden ist. Daß diese Annahme richtig ist, wird der „Post" auch von anderer Seite bestätigt.
Kiel, 1. Februar. Während der heutigen Frühstücks- täfel brachte der Kaiser einen Trinkspruch auf den Zaren auS. Seitens der Matrosen'Capelle wurden meist russische Compositionen gespielt. Kaiser Wilhelm zeichnete den Grafen Murawjew im Laufe des Gesprächs wiederholt aus.
Kiel, 1. Februar. Der russische Minister Graf Murawjew nahm nach der Audienz beim Kaiser mit dem preußischen Gesandten in Hamburg um 1 Uhr an der Frühstückstafel Theil und trat alsdann die Rückreise nach Berlin an.
Wilhelmshaven, 1. Februar. Der Kaiser wird hier zur Vereidigung der Rekruten eintreffen und auf de« Panzerschiff „Kurfürst Friedrich Wilhelm" wohnen.
Hamburg, 1. Februar. Die Strike-Kassen sind leer. Morgen wird nur eine geringe oder gar keine Unterstützung gezahlt. Trotzdem wollen die Strikenden die Arbeit noch nicht aufnehmen.
Budapest, 1. Februar. Die „Budap. Corresp." ist ermächtigt, alle abenteuerlichen Combinationen, welche fich auf die Conferenzen im Ministerium des Aeußer« beziehen, als vollkommen grundlos zu erklären, namentlich die Meldung, als ob in diesen Conferenzen von der Anschaffung von Stahl-Kanonen ober von neuen galizische« Eisenbahn-Anschlüffen die Rede gewesen sei.
Athen, 1. Februar. Der österreichisch-ungarische Ge- sandte, Baron Kosiek, ist hier heute plötzlich gestorbe«.
Athen, 1. Februar. In Candia stehen ernste Verwickelungen bevor. Die Christen, welche durch daS viele Eintreffen von Muhamedanern beunruhigt sind, haben sich der wichtigsten Punkte der Stadt bemächtigt und versperren mit den Waffen in der Hand den Türken den Eintritt in die Stadt.
Canea, 1. Februar. Die Ausschreitungen der Mohamedaner gegen die Christen nehmen einen bedenklichen Character an. In den Bezirken Candia und Retimo herrscht vollständige Unruhe. Blutige Zusammenstöße haben bereits stattgefunden. In Candia find mehrere eng- lische und franzöfische Kriegsschiffe eingetroffen.
Berlin, 2. Februar. Die städtische Deputation für die Zentenarfeier hat gestern eine Sitzung abgehalten, in welcher bestimmt worden ist, daß während der Festtage ein Fest- act und ein Festmahl im Rathhause veranstaltet werde« soll. In den städtifchen Anstalten sollen Festspeisungen stattfinden. Die städtischen Arbeiter werden, soweit efl angängig ist, einen arbeitsfreien Tag ohne Lohnkürzung erhalten. Eine Feftstraße wird vom Palais Kaiser Wilhelms L bis zum Denkmal errichtet werden. Der Kostenaufwand für die Straße ist auf 120000 Mk. seftgeftellt worden.
Berlin, 2. Februar. In der Druckerei, welche die Wochenschrift „Kritik" herstellt, wurde gestern eine Polizei- liche Haussuchung vorgenommen und verschiedene Manuscripte beschlagnahmt. Nach dem „Vorwärts" soll es fich um einen Artikel „Schneeverwehungen" handeln, der erst in der nächsten Nummer der „Kritik" erscheinen soll.
Lübeck, 2. Februar. Die Bürgerschaft beschloß die Er- richtung eines Reiterstandbildes Kaiser Wilhelm - I. Die Grundsteinlegung erfolgt am 22. März.
Wien. 2. Februar. Auf der Rax verunglückte der Procurist H a i d u s ch k e. Er wurde von einer Lawine erfaßt und in die Tiefe gestürzt. Gestern wurde die Leiche %v- funden.


