Ausgabe 
3.1.1897 Zweites Blatt
 
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Nv. 2 Zweites Blatt. Sonntag den 3. Januar

1807

Der

Hichener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Deutsche» Reich.

8eilte, 31. December. Bet Beginn der heutigen Börse -rächten die Mitglieder der Fondbörse anläßlich des gestrigen Beschlusses den Mitgliedern jubelnde Ovationen dar, be- sonders dem Vorfitzenden der freien Bereinigung. Letzterer dankte und gab bekannt, daß zahlreiche Zustimmungs- und Glückwunsch-Telegramme eingelaufen seien u. A. von dem Vorsitzenden der Stettiner Börse und auS Kiel.

Berit», 31. December. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe ist gestern Abend 10*/, Uhr wieder hier eingetroffen.

Berlin, 31. December. An der gestrigen Sitzung des StaatSministertumS nahmen außer dem Freiherrn von Marschall, der noch das Zimmer hüten muß, sämmtliche Minister theil. Die Sitzung dauerte von 27 Uhr. Kurz «ach 2 Uhr erschien der Kaiser und übernahm den Vorsitz. Bis 4 Uhr leitete er die Berathungen, worauf er sich ver- «bschiedete. Heute Nachmittag 2 Uhr trat das Staatsmini- fterium unter dem Vorfitz des Reichskanzlers Fürsten Hohen­lohe abermals zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 31. December. Wegen Beleidigung des Margarine-Fabrikanten Mohr wurde der Redakteur des Memeler Dampfboot" zu 15 Mk. Geldstrafe verurtheilt.

Pofen, 31. December. Die Mitglieder der hiesigen kaufmännischen Vereinigung beantragten beim Vorstande, schleunigst eine General-Versammlung etnzuberufen zwecks Auflösung der Getreidebörse.

Hamburg, 31. December. Dem heutigen Begräbniß eines Seemannes folgten 15,000 Strikende, um da­durch eine große Demonstration herbeizuführeu.

Anstand.

Budapest, 31. December. Gestern Mittag fuhr ein von Steiubruch kommender Lastzug trotz des WarouugSfignals mit voller Fahrgeschwindigkeit in den Rangirbahnhof RakoS ein. Der Zug kam auf ein todteS Geleise und fuhr mit solcher Gewalt gegen den am Ende deS GeletseS befindlichen Prellbock, daß sieben Wagen entgleisten und total zertrümmert wurden. Zwei Personen wurden getödtet und der Zugführer JalfowSkt schwer verletzt. DaS übrige Zug­personal blieb unversehrt. Der Urheber deS Unglücks, Loco- mottvführer Varga, wurde verhaftet.

Budapest, 31. December. Gestern wurden 9 Opfer der Reschitza-Katastrophe zu Tage gefördert. Die Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. An der Bergung der noch fehlenden 25 Arbeiter wird rastlos gearbeitet.

Triest, 31. December. Einer römischen Depesche deS Popolo zufolge hat der LloyddampferBenuS" in RhoduS keine türkischen Deserteure auSgeschifft, sondern armenische

Feuilleton.

(Ei n k Schlittenfahrt.

Novelle von E. Fahrow.

(Nachdruck verboten.)

Frau Käthe del Sol war in der betrübtesten Stimmung der Welt, denn eS war nun schon Januar, der Winter stand tuf der Höhe, er mußte bald wieder bergab steigen, und noch immer war die Prophezeiung nicht etngetroffen.

Welche Prophezeiung?

Bor zehn Jahren, als Käthe ein zwanzigjähriges glän­zendes Mädchen war, hatte eine der wunderbarsten Som­nambulen des ProfefforS W. ihr geweiSsagt, daß ihr Leben sich folgendermaßen gestalten würde:

34 sehe Dein Leben ganz deutlich vor mir," sagte die Schlafende.ES ist, als läse ich tu einem Ruche. WaS ich Dir sage, ist zuverlässig wahr und unabänderlich. Ich weiß nicht, woher ich eS weiß, ich weiß aber, daß es alles wahr ist, so wie ich eS sage."

(Sie sprach dies nicht in einem fließenden Satz, sondern eur, indem sie auf gestellte Fragen antwortete.)

Du wirft Dich in diesem Jahre verloben und ver- Heiratheu; Du heirathest aber nicht den, mit dem Du Dich erst verlobst.

Dann kommen einige ruhige Jahre.

Dein Mann stirbt vor Dir. Dein Kind auch. Du heirathest noch einmal diesmal Deinen ersten Verlobten. . . . Im Januar 1895 wirst Du ihn Wiedersehen. Dieser Monat bringt Dir einen großen Schreck und eine Errettung aus Gefahr. Du wirst--"

Hier brach die Somnambule ab, verfiel in leichte Krämpfe

Flüchtlinge und zwar auf Betreiben des dortigen öster­reichischen Consularagenten.

Brüssel, 31. December. Eine von London hier ein- getroffene Nachricht aus dem .Congo-Gedieh besagt, daß die Truppen deS CongostaateS fich mit den Derwischen schon mehrfach geschlagen und fast immer Sieger geblieben sind. So verloren die Derwische tu einer Schlacht 300 Manu, die Cougotruppen 80. Von dem Tode des ExpeditonschesS Baron DHanis war beim Abgang der letzten Poft nichts bekannt.

Paris, '31. December. Des Verbiet im Proceß Stambulow wird hier von den gemäßigten Blättern als ein politisches Urtheil angesehen, welches der bulgarischen Re­gierung wenig Ehre einbringt.

Madrid, 31. December. CanovaS läßt in Abrede stellen, daß bezüglich Cuba Unterhandlungen mit den Bereinigten Staaten eiogeleitet seien. Er erklärt, daß Spanien niemals eine Einmischung der Vereinigten Staaten und wäre es auch eine freundschaftliche, dulden werde.

-o- Aus der Wetterau, 30. December. Im Gegen­satz zu vielen Jagdberichteu aus anderen Gegenden kann von einem vorgestern und gestern in den Gemarkungen Södel, Melbach und Wisselsheim stattgefundeuen Feld-Tretbjageu ein sür den betreffenden Jagdpächter auffallend günstiges, für den Landwirth freilich um so weniger erfreuliches Resultat gemeldet werden. Während dieses Tretb- jagenS, au welchem auf Einladung des Pächters, des Herrn Baron von Löw zu Wisselsheim, etwa 60 Jäger betheiligt waren, wurden am ersten Tage in den Gemarkungen Södel und Melbach 370, am zweiten Tage, an welchem auch noch das Wtffelsheimer Feld abgetrieben wurde, nicht weniger als 707, also im Ganzen beinahe 1100 Hasen erlegt. Dieser überaus reiche Bestand an Hasen ist den Umständen zuzu- schretben, daß einmal die Jagd von Seiten des Herrn Baron von Löw sehr geschont wird, zum andern aber auch der Pächter durch einen eigens dazu angeftellteu Jagdaufseher das sogenannte Raubzeug, wie Füchse, Raubvögel u. bergt, wegschießeu läßt.

Bad-Nauheim, 30. December. Aus Anlaß der fünfzig­jährigen Jubiläumsfeier des großen Sprudels (Quelle VII) fand am letzten Sonntag in der Synagoge ein Dank­gottesdienst statt, an dem sich die ganze israelitische Ge­meinde betheiligte.

Bad-Nauheim, 30. December. In der Nacht von Montag auf D'enStag kurz nach 1 Uhr brach durch Explosion einer Petroleumlampe in dem Gasthauszu den drei Hasen" in der Reichardt'schen Wohnung Feuer aus, bet welchem durch Verbrennen von Goldwaaren und Juwelen ein Schaden von mehreren Tausend Mark entstand. Durch rasches Eingreifen und erwachte bald darauf, wie gewöhnlich, erinnerungslos. Profeffor W. war Käthes Onkel und nur diesem Umstande hatte sie die intereffaute Unterredung zu danken, da sonst der Proseffor keinerlei Experimente mit seinen Somnambulen zu­ließ. Letztere starb ein Jahr darauf und Käthe kam nie wieder in die Lage, occulte Wahrsagungen zu erhalten.

Diese eine jedoch hatte sie sich fest in ihr Gedächtniß gegraben. Kein Wunder auch, denn noch im Jahre 1885 traf der erste Theil jener Prophezethung ein.

Käthe, welche mit ihren Eltern im Februar an die Riviera ging, lernte dort einen jungen Kaufmann auS Odeffa kennen, einen Deutschen von Geburt, mit dem sie bald eine tiefe, leidenschaftliche Liebe verband. Nach Ablauf von vier Wochen war sie mit ihm verlobt, und wenn ihr in jener glücklichen Zeit einmal die Wahrsagung einfiel, so verlachte sie dieselbe übermüthig- wer wollte fie von ihrem Eberhard trennen?

ES kam anders, als fie geträumt und erwartet hatte.

Eines Tages erschien auf der Bildfläche eine Dame, welche, obwohl noch ziemlich jung, doch schon verblüht und verwelkt auSsah.

ES war eine frühere Liebe Eberhards, welche mit der seltsamen ZerstörungSwuth gewisser Frauen nun, da fie selbst nicht mehr in feinem Herzen wohnte, auch keiner Andern das süße Liebesglück gönnen wollte, welches für fie er­loschen war

Und wie eine schlaue, schleichende Spinne umspann fie Käthe und deren Eltern mit einem fast unsichtbaren, feinen Netz von schimmernder Heuchelei und Verleumdung. Solche Fäden find schwerer zu zerreißen als plumpe Fallstricke, weil fie nicht zu fassen find. Hier ein Blick, dort ein Achsel­zucken, dann und wann ein wohlmeinendes Wort der Ent-

oer Hausbewohner wurde es bald gelöscht und so ein noch größerer Schaden verhütet.

§ AuS dem Kreise Alsfeld, 30. December. Auf Veran­lassung des Herrn KreiSschulinspector MatheS sind in vielen Gemeinden unseres Kreises Schülerbibliotheken ins Leben gerufen worden. Die von der Jugend so gern ge­lesenen Bücher der KreiS-Jugendbibliothek waren durch den jahrelangen Gebrauch unverwendbar geworden, auch vom hy­gienischen Standpunkte auS nicht ohne Bedenken zulässig. Da cs aber von ganz besonderer Bedeutung ist, daß der Jugend eine gesunde, Geist und Herz bildende Lectüre in die Hand gegeben wird, so war durch den Ausfall der Bücher der Kreisbibliothek eine fühlbare Lücke entstanden, eine Lücke, die ohne passende Ausfüllung leicht wieder durch die berüch­tigte Hintertreppenlitteratur und Schauerromanlectüre ihren nichts weniger als heilsamen Ersatz gesunden hätte. Daher ist eS mit Freuden zu begrüßen, daß in den Gemeinden Schülerbibliotheken gegründet werden. Sicher wird sich Niemand der Erkenntniß entziehen, daß diese Schülerbiblio­theken einen besonderen erzieherischen Werth besitzen, indem durch sie den Schülern ein Lesestoff geboten wird, der ihnen zu ihrer Heranbildung in jeder Beziehung nur förderlich ist. AuS diesen Gründen sollte keine Gemeinde zögern mit der Bewilligung der relativ sehr geringen Mittel, durch die eine Schülerbibliothek geschaffen werden kann. Auch für unsere Sparkassen, die ja so bereitwillig namhafte Beiträge zur Förderung der Volksbildung und des Volkswohls all­jährlich auSsetzen, wäre hierin ein recht dankbares Feld ge­geben.

§§ Bom oberen Vogelsberg, 30. December. Viele Fa- mitten in unseren Gegenden waren gerne gesonnen, arme armenische Kinder aufzunehmen, z. B. in Bermuthshain, Burkhards u. s. w. Wie verlautet, werden armenische Kinder nicht mehr hierher besördert. Nach Zeitungsberichten soll die Lage der Christen in Armenien eine traurige sein und dürfte eS angezeigt erscheinen, wenn andere Regierungen sich zusammen thun würden, und arme hilflose Kinder nach Deutsch­land beförderten, welche gerne von besseren Familien unent­geltlich ausgenommen werden. (Den Leuten, welche durch­aus Kinder erziehen wollen, dürfte wohl auch ohne armenische Kinder geholfen werden können,- eS giebt wohl auch in Deutschland elternlose Kinder genug.)

Darmstadt, 30. December. Am 24. dS. MtS. traf aus St. Petersburg ein kaiserlicher Feldjäger dahier ein, der kostbare Weihnachtsgeschenke des russischen Kaiser­paares an Ihre Königlichen Hoheiten den Groß Herzog unb die Großherzogin, sowie die kleine Prinzessin Elisabeth überbrachte. Am 27. December trat der Courier die Rückreise nach Rußland an, wobei er die Gegen­geschenke deS hiesigen Hofes an das Kaiserpaar mitnahm. Darunter befinden fich auch die neu gemalten Bilder Ihrer

schuldtgung für den Sünder oh, solche Waffen siegen gewöhnlich. Zu allerletzt eine Scene ä la Fiesco nur umgekehrt, da er eS war, der ihr zu Füßen lag (die ver­borgenen Zuschauer konnten nicht wissen, daß er dort nur kniete, um die unbarmherzige Feindin, die er doch als Ehren­mann nicht entlarven durfte, um Gnade für fich und seine Braut anzuflehen) und am nächsten Morgen waren Käthes Eltern abgereist, das arme Mädchen mit fich führend.

Käthe weinte, bat, schwor, daß fie dennoch und dennoch an ihren Eberhard glaube,- aber es half ihr nichts, sie hatte ihn verloren.

Auf den kalt verurtheilenden Absagebrief der Eltern hin war ^Eberhard verzweifelt zusammengebrochen. Mehrere Wochen kank und apathisch, im Sanatorium liegend, schrieb er trotzdem noch einmal an Käthe, als er die Feder halten konnte. Der Brief gelangte nie in Käthes Hände, da ihr Vater wachsam jede Postsendung untersuchte.

Da hüllte sich das getäuschte Mädchen in ihren Stolz. AIS im Herbst ein längst in der Familie bekannter ost­preußischer Rittergutsbesitzer, Herr del Sol, um sie warb, sagte fie ohne viel Besinnen ja. Im December wurde die Hochzeit gefeiert und erst am Hochzeitstage wurde fie der erfüllten Prophezeiung inne.

Bon nun an durchtränkte sie ihr Leben mit einer fata­listischen Gleichgültigkeit, die ihr zwar eine große Seelenruhe gab, aber auch einen großen Abbruch an unbefangener Freude verurfachte.

Alles ist ja doch vorherbestimmt," sagte fie fich gelassen. ES Ist ganz gleich, ob ich dieses ober jenes thue, ich muß ja doch meinem Schicksal folgen."

^Fortsetzung folgt.)