Ausgabe 
3.1.1897 Erstes Blatt
 
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L8N7

Januar

Aints- uttfc AnzeiSeblcrtt für den ICrcts (Sieben

chratisßeitage: Gießener Jamilienötätter

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Deutscher Reich.

Berit«, 31. Drcember. Im Auswärtigen Amte ist heute mit dem Niederländischen Gesandten ein Auslieferungs- Vertrag zwischen dem Reich und den Niederlanden unter­zeichnet worden. Bisher war der Gegenstand mit den Nieder­landen nur für einzelne Bundesstaaten durch zumeist ältere Verträge geregelt.

Zur Meineidsfrage. Aus juristischen Kreisen wird derKöln. Ztg." geschrieben: Die daukenSwerthe An­regung, aus der gescheiterten Novelle zu der Strafproceß« ordnung zum mindesten noch diejenigen Bestimmungen zu retten, welche sich auf die Ersetzung deS VoreideS durch den Nachetd beziehen, gibt uns Anlaß, den Wunsch zu äußern, gleichzeitig mit dieser Reform der Vorschriften über den Zeugeueid noch eine andere durchzusühren, die zur Verhütung von Meineiden von höchster Wichtigkeit ist. Nach dem gelten­den Rechte kann ein Zeuge die Aussage nicht um deswillen verweigern, weil sie ihm zur Unehre oder zur Schande ge­reichen würde, wogegen die Civilproceßordnung eine hierher gehörige Vorschrift kennt. Es besteht wohl keine Meinungs­verschiedenheit darüber, daß in diesem Umstande die Quelle zahlloser EideSverl^tzungen liegt, von denen naturgemäß nur ein geringer Theil zur Anzeige ober gar zur Bestrafung kommt. Namentlich in Untersuchung wegen Kuppelei spielt der Mangel einer solchen Bestimmung eine erhebliche Rolle, und eS gibt wenig solcher Strafprocesie, in denen nicht ein Meineid geleistet wird, für welchen man diesen Fehler der Gesetzgebung verantwortlich machen muß. Es widerstreitet öem sittlichen Gesühle, daß man einen Menschen unter dem Drucke deS Etdeszwangs zu der Aussage über eine Thatsache anhälr, die ihm in den Kreisen seiner Bekannten zur Unehre gereichen muß, und das psychologische Verständniß der früher geltenden Gesetzgebung, die den Zeugen einem solchen Gon* flict nicht auSzusetzen wagte, muß entschieden als ein höheres bezeichnet werden. Gradezu erschütternde Fälle menschlicher Tragik sind seit der Etnsührung der Srrafproceßordnung vorgekommen, die durch eine anderweitige Regelung deS Zeugenrechls hätten vermieden werden können. Wie sehr die Erzwingung der wahrheitsgemäßen Aussagen unter Umständen dem allgemeinen Rechtsbewußtsein widerstrebt, kann am besten auS der Thatsache entnommen werden, daß die Geschworenen wenig geneigt find, bei Meineiden, die in solchen Fällen ge- leistet wurden, einen verurthetlenden Wahrspruch abzugeben. Wenn man die Statistik bet Freisprechungen in den vor die

Ihrem Besuche beehrte, ja sogar eS sich nicht nehmen ließ, selbst im Alten PalaiS zwölf armen Familien, die zum Theil mit zahlreicher Ktndrrschaar erschienen waren, eine WeihnachrS- freude zu bereiten. Auch die Bediensteten und Beamten des Großherzoglicheu HofeS wurden von den Hohen Herrschaften reich bedacht.

Im Großherzoglichen Hostheater hatte man ebenfalls der Jahreszeit ihren Tribut gezollt, es gab als Kinder- und Weihnachtsvorstcllung GörnerSDrei Haule- Männchen" undDie kleinen Musikanten". Beide Stücke er- fuhren eine sehr flotte Wiedergabe und fanden bei der sehr zahlreich erschienenen Kinderwelt eine außerordentlich freudige Aufnahme. Im Uebrigen ist die Dircction immer noch auf der Suche nach einer ersten dramatischen Sängerin. Nach­dem die mehrmaligen Gastspiele der Frau Kaschowska vom Stadttheater in Leipzig zu einem positiven Resultate nicht geführt haben, ist nun iu Frl. Clara Horsten vom Stadt- theater in Hamburg eine zweite Anwärterin auf das nicht genügend besetzte Fach angekommen. Die Dame gastirte am zweiten Feiertag alsElsa" in WagnersLohcngrin" und brachte neben einer hübschen Erscheinung, routinirtem Spiel, guter Schulung auch ganz annehmbare stimmliche Mittel mit. Ob letztere auf die Dauer aber für die hiesige Bühne ge­nügen werden, dürfte man bezweifeln, jedenfalls würde mit dem Engagement der Dame die namentlich bei Wagner- Aufführungen recht fühlbare Lücke in unserem Ensemble kaum ganz ausgrfüllt sein.

In den Concertsälen ist im Allgemeinen noch Christ- tagsstille, nur die Capellen des Leibgarde-Infanterie Regmts.

Erstes Blatt.

Schwurgerichte gehörigen MetneidSsachen genauer prüft, so wird man unschwer das Ecgebniß feststellen können, daß ein sehr großer Procentsatz auf die hier erwähnten EideSver* brechen entfällt. Daß hiermit auch die Ansicht der Berufs­richter übereinstimmt, mag zur Genüge aus der milden Be- strafung der betreffenden Fälle entnommen werden. ES wäre ein Segen für die ganze Strafrechtspflege, wenn diese MeiueidSquelle endlich einmal verstopft würde.

DaS deutsche Heer wird im Rechnungsjahre 1897/98 23,088 Offiziere (401 + gegen das Jahr 1896/97), 78,217 Unteroffiziere (+ 163), 479,229 Gemeine (wie 1896/97), 2107 Militärärzte (+ 17), 1078 Zahlmeister ( 28), 583 Roßärzte, 1045 Büchsenmacher und Wacht­meister ( 16) und 93 Sattler (wie 1896/97) zählen. Die Zahl der Dienstpferde beläuft sich auf 97,850 (4- 472). In den letzten 7 Monaten hat unter den höheren Offi­zieren wieder ein ziemlich starker Wechsel stattgefunden. AuS* geschieden sind durch Tod oder Verabschiedung: 4 Generäle, 9 Generallieutenants, 41 Generalmajors, 30 Oberste, 16 OberstlieutenantS. ____

Ausland.

London, 31. December. Nach einem Telegramm auS K i l l a r n e y dauert der Regen fort. Der wandernde Sumpf ist noch unruhig, die Fortbewegung jedoch nur gering. Ein späteres Telegramm besagt, daß der Sumpf sich abermals in seiner ganzen Ausdehnung zu bewegen beginne und daß die Anwohner nach allen Richtungen fliehen.

Sofia, 31. December. Im Proceß gegen die Mörder StambulowS wurde gestern das Urtheil ge­sprochen. Georgiew wurde für nichtschuldigerkannt und frei* gesprochen. Dagegen wurden Tufektschiew und Atzow für schuldig erklärt und zu je 3 Jahren einsacher Gefängnißhaft verurtheilt, von der 3 Monate auf die Untersuchungshaft angerechnet wird.

und die des Leib-Dragoner Regiments veranstalteten am zweiten Feiertag, erstere im Städtischen Saalbau, letztere in öem neuerbauten Kaisersaale große Weihnachts-Concerte, die sich recht regen Besuches zu erfreuen hatten.

In der von allen Seiten mit lebhafter Spannung er­folgten Inangriffnahme der Arbeiten zur Ausführung der electrischen Straßenbahn ist eine kleine Stockung eingetreten. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß eine GeleiSsührung durch die Ludwigs und Schulstraße zu viele Durchschneidungen der betr. Straßen erfordern würde. Man hat daher die Trace durch die Ktrchstraße beschloffen und, weil diese Straße an sich schon sehr cng ist, die Hauser auf der Westseite der engsten Stelle derselben für den Preis von 207,000 Mk. zur Nlederlegung angekauft, auch an der Nieder Ramstädter Straße ist bereits mit dem Abbruch der Häuser begonnen worden, damit dort die Curve ermöglicht werde. Ganz glatt geht eS also mit den Arbeiten nicht, denn jede Aenderung an dem ursprünglichen Project ruft eine lebhafte Erörterung in der Stadtverordneten-Versammlung hervor, der eine noch lebhaftere in den Localblättern folgt. Hoffentlich wird habet stets daö Richtige angenommen und das ganze Werk nicht über Einzelheiten verzögert.

Bis dieser Brief in Händen Ihrer geehrten Leser ist, wird das Jahr 1896 schon der Vergangenheit angehören und 1897 seinen Anfang genommen haben. Möge cs Allen nur Glück und Freude bringen! M>t diesem Wunsche ruft Ihr Wochenberichterstatter allen Freunden JhreS Blattes herz­lich zu:Prosit Neujahr!"

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 1 Januar. Die Anweienheit des Kaisers in der vorgestrigen StaatSministerialsitzung war nicht durch Fragen hochpolitischer Natur bedingt, bezweckte vielmehr die Erörterung der geplanten Centenarfeier für Kaiser Wilhelm I.

Berlin, 1. Januar. DemLocalanzeiger" wird auS FriedrichSruh gemeldet, daß Graf Herbert und Wilhelm Bismarck mit Gemahlinnen der Sylvesterfeier beim Fürsten Bismarck beiwohnten. Die Gesundheit deS Fürsten ist zur Zeit wieder recht gut.

Berlin, 1. Januar. Die Neujahrsbetrachtungen der Zeitungen find farblos. Dieselben recapttuliren lediglich nur die Ereignisse, weiche sich im tierfloffenen Jahre ab» gespielt haben, und drücken die Hoffnung auS, daß daS kommende Jahr ein beffereS, hauptsächlich in politffcher und finanzieller Beziehung, sein möge.

Gefundene Gegenstände: 1 schwarzseidenes Hals­tuch, 1 Handschuh. 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Buch, 1 Helm, 1 Boa, I EiSsporn, 1 Kopftuch, 1 Muff, 1 Brille mit Futteral, 1 Taschenmesser, 1 Haarpfeil, 1 EapeS, 2 Taschenmesser, 1 Schürze, 1 goldener Ring.

Gießen, den 2. Januar 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen

Bekanntmachung,

betreffend: das Ersatz-Geschäft für 1897.

Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr- Ordnung werden alle im Jahre 1877 geborenen Militär- pflichtigen, sowie die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, ober welche hin« sichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt ober ihrer Mfretung vom Militärbienfte noch keine befinitive Entscheibung erhalten, und enttoeber im Kreise Gießen ihren bauernden Aufenthalt habe«, oder in demselben als Studenten, Gymnafiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, ober als Haus- und Wirth- schaftSbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Gigenschast sich aufhalten, hiermit aufgefordert, fich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom 10. bis zum 25. Januar l. Js. bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihre- Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn fie an diesem Orte nicht geboren find, ihren Geburtsschein, welcher «numehr bei dem betreffendeu Staudesamt zu erwirken ist, und wenn sie fich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.

Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Die- ienigen, welche die Anmeldung unterlaßen, zu gewärtigen haben, daß fie mit einer Strafe bis zu 30 Mark ober mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Theilnahme an der Loosung ausgeschlossen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.

Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend find, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen Anmeldungen verpflichtet.

Die Großherzogtichrn Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu laffen.

Gießen, den 2. Januar 1897.

Der Civilvorfitzende der Großherzoglichen Ersatz Commission Gießen.

I. V.: Dr. Wüst.

Der tztetzener Anzeiger erscheint täglich, leit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Mamikieuvlälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Feuilleton.

Wochendriefe «u» der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeigers").

Weihnachten. Theater und Concerte. Von der Straßenbahn.

Z. Darmstadt, 31. December.

Weihnachten, das Fest der Kinder, der großen nnb der kleiner-, ist um Gott sei Dank, könnte man fast auSrufen, denn wer wie Ihr Correspondent so viele Christ- descheerungen rnitrnachen mußte, der findet schließlich, daß doch auch Nerven dazu gehören, dieses im Allgemeinen als still" bekannte Fest zu begehen. Die Tagesblätter bringen täglich ganze Spalten voll der um diese Zeit osficiellen Artikel, in denen eigentlich In jedem dasselbe fast mit den nämlichen Worten gesagt ist, und wie viele solcher Berichte können gar nicht ausgenommen werden, weil sie zu spät kommen, jeder Verein, jeder Stammtisch will seine Bcscheemng haben und eine gewisse Anzahl muß man eben besuchen, sonst giebt s schiefe Gesichter. DaS Beste an der Sache ist noch, daß die Wohlthätigkeit gerade um diese Zeit am meisten Triumphe feiert und man bann, wenn man am Morgen ben wehen Kopf aus ben Kiffen hebt, doch den Trost hat: Na, es ist doch für einen guten Zweck gewesen! Und darin, im Wohl' thateu'Spenden, haben die Darmstädter sich auch dies Mal recht angestrengt. ES ist für Arme und »ranke sehr viel geschehen, obenan steht unser erlauchte« Großherzoglichc« Paar, da« eine ganze Anzahl von Beranstaltungen i ui mit namhaften Beitrügen unterstützte, sondern auch mit Allerhöchst

2(milid?er Theil,

Bekanntmachung,

betreffend: die Maul* und Klauenseuche zu Bettenhausen.

Nachdem in mehreren Gehöften zu Bettenhausen die Maul« und Klauenseuche amtlich festgestellt worden, wird dies nrft dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß VemarkungSsperre angeordnet worden ist.

Gießen, den 2. Januar 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

I. V.: Dr. Wüst.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.