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Zur Demission des Cabinets Azcarraga.
ES war vorau-zusehen, daß die Ermordung des spant- 14en Ministerpräsidenten CanovaS auch eine Veränderung ter politischen Situation in Spanten nach sich ziehen würde. Die Königin'Regentin stand damals vor der Wahl, die Con- servattve» am Rnder zu beiaffen oder die Liberalen zur Regierung zu berufen. Sie wählte deu Ausweg, daß sie das bisherige Ministerium mit der Fortführung der Geschäfte «betraute und den Kriegeminister Azcarraga zum CabtnetS- chef «nannte. Man durfte von vornherein annehmen, daß rS sich hierbei nur um Schaffung eine- provisorischen Zustande» handeln würde, da Azcarraga sich nicht in dem Maße LeS Veltrauen» deS Lande- erfreute, um bet der gegen- -väitigen fchwiertgen Situation mit Aussicht auf Erfolg die Regierung lange letten zu können. Denn die Lage hat sich in Spanien in einer Weise zugespitzt, daß nur eine Persönlichkeit, welche im Besitze des größten Ansehens der Bevölkerung ist, hoffen darf, die Berhältutffe zum Guten gestalten flu können. Und an solchen Persönlichkeiten ist zur Zeit in Spanien kein Ueberfluß vorhanden- e- find eigentlich jetzt nur zwei Männer, welche im höheren Grade allgemeines Vertrauen genießen: Der alte Marschall Martinez CampoS und Sagasta, der Führer der Liberalen. Daß der erstere au die Spitze der Regierung berufen werden wird, erscheint aus mehr, als einem Grunde zweifelhaft. Einmal würde er nur im äußersten Nothfalle fich bereit finden lafleu, so viel Selbstverleugnung zu üben, und die Leitung des Staat»» sch.ffeS zu Übernehmen, obgleich Spanien wohl niemals ver- gebltch an den Patriotismus deS alten Haudegen zu appel- [treu brauchen wird; andererseits aber muß die Regierung mit der Nothwendigkeit rechnen, ihm die Ordnung der rubanischen Angelegenheit zu Übertragen. Denn daß dies dem jetzigen Oberbefehlshaber auf Euba, dem General Wehler gelingen sollte, ist mehr als zweifelhaft geworden. 'Mit großen Erwartungen, mit kühnen Hoffnungen war dieser als Nachfolger Martinez CampoS nach den Antillen gegangen, ohne jedoch nur in einigem Maße den in ihn gefetzten Erwartungen entsprechen zu können. Im Gegentheil, die Zustände auf der Insel haben sich seit der Anwesenheit des Generals daselbst so unglücklich gestaltet, daß eine Lösung der Schwierigkeiten fast zur Unmöglichkeit geworden ist. D'e Cubaner find bekanntlich mit der ihnen jetzt angebotenen, früher aber verweigerten Autonomie nicht mehr zufrieden und verlangen vollständige LoSlösung vom Mutterlande. Nach den Berichten von der Insel soll die Situation daselbst grauen- erregend sein, daS Elend kaum noch einer Steigerung fähig. General Wkyler hat eben das System der Verwüstungen ein- geführt, durch welches er den Wohlstand auf der Insel für Jahrzehnte untergraben hat, aber seinen Zweck, die eingeborenen Insurgenten zur Unterwerfung zu zwingen, richt
erreichen konnte. Er glaubte, wenn er deu Insurgenten alle Hilfsmittel abfchneiden und ihnen jede Möglichkeit der Existenz nehmen würde, so könnte er fie um so eher überwältigen. Das ist aber fehlgeschlagen- der General hat nicht mit der Zähigkeit und dem Opfermuth der Rebellen gerechnet, die ihrer Ansicht nach um eine heilige Sache, um die Befreiung von der spanischen Unterdrückung kämpfrn. Und die Grausamkeiten der spanischen Gewalthaber konnten natürlich nur dazu beitragen, die Erbitterung der cabanischen Eingeborenen aufs Höchste zu steigern.
Der nun schon mehrere Jahre andauernde Ausstand auf Cuba mußte natürlich die innerpolitischen Berhältutffe Spaniens in ungünstigster Weise beeinfluffeu. Auch in Spanien selbst machte fich eine Gährung bemerkbar gegen die Fortsetzung deS Krieges auf Cuba, welche in der Weige- rung verschiedener Truppentheile, nach der Insel abzugehen und in dem Widerstande, den die Bevölkerung der Absendung neuer Truppenmaffen dahin entgegensetzte, ihren Ausdruck fand. Und daß das ohnehin auf schwachen finanziellen Füßen stehende Land durch den Krieg vollends auSgesogen wird und die Lasten nicht mehr zu tragen vermag, bedarf keiner Erläuterung. Dabei regen fich die Carlisten, und die Republikaner erheben ihr Haupt, so daß der Schwierigketen immer größere für die Regierung erwachsen. Es fehlt an einer kräftigen Hand, welche von Grund auf reformirt, und vor- läufig darf gar nicht daran gedacht werden, daß eine Remedur erfolgt, da die Regentin eine nicht sehr widerstandsfähige Frau und der König ein Kind ist. Die Männer, welche berufen find, die Regierung zu leiten, find zu sehr von ihren Parteien abhängig und an deren Interessen gebunden, als daß man erwarten könnte, fie würden fich ganz dem Wohle ihres Vaterlandes hingeben.
Lange dürste die Krifis nicht andaueru und wir werden wohl bald in der Lage sein, melden zu können, daß die Königin-Regentin Herrn Troxedes Madeo Sagasta mit der Regierung beauftragt habe. Daß dieser dem Ansuchen sofort uachkommen und auch die Männer finden wird, ein neues Cabinet zu bilden, erscheint zweifellos. (XX)
Deutsche» Reich.
Berlin, 29. September. Neuerdings ist in den Blättern viel die Rede von der Steigerung der Getreide- preise Überhaupt und insbesondere von dem Verhältuiffe des Preises der inländischen Waare zu dem Weltmarktpreise. Niemand weiß indeß anzugeben, was eigentlich der Welt- markipreis ist, wie er fich bildet und wo er greifbar in die Erscheinung tritt. Will man aber überhaupt PretSvergleich- ungen in der gedachten Richtung anftellen, so bleibt nichts anders übrig, al» die auf zuverlässige Weife ermittelten Preise eines bestimmten Bezirks für eine durch langjährigen
Gebrauch ziemlich genau festgelegte Getreidesorte mit den Preisen der seit Jahren tonangebenden Märkte, wie Newyork, Liverpool u. s. w., zu vergleichen. In Newyork erreichte rother Wineerweizen, der am 1. September 1896 661/»c gekostet hatte, seinen höchsten Stand am 21. August 1897 mit 110c, waS eine Preissteigerung von 438/4c oder 66,2 pCt. darstellt, die fich inzwischen bei einem Staude von 941/40 aus 28c oder 42,3 pCt. verringert hat. Von Ansang September 1896 bis zum 24. August 1897 stieg dagegen sogenannter kleiner inländischer Weizen an dem sür den Kölner Bezirk maßgebendsten Landmatkte zu Neuß von 14,80 Mk. aus 20,30 Mk., waS einer Befferung von 5,50 Mk. oder 37,2 pCt. gleichkommt, die durch den mittlerweile erfolgten Rückgang bis zu 19,60 Mk. auf 4,80 Mk. oder 32,4 pCt. zurückgegangen ist. Eine unmittelbare Gegenüber- stellung dieser beiden Ermittelungen ist aber deßhalb nickt zulässig, weil man. um einen richtigen Maßstab zu haben, zu den jeweiligen Newyorker Preisen noch die Kosten für die Beförderung der Maare, für die Versicherung und den Zoll hinzuzunehmen hätte, wodurch sich die Höhe deS AufschlageS entfprechend vermindert. Nun schwanken aber bekanntlich die VerficherungS- und namentlich die Frachtsätze fortwährend, und zwar letztere ganz erheblich, so daß dasür nur eia Durch- schuittSsatz als ungefähr zutreffend angenommen werden kann, eine genaue Berechnung ließe sich nur von Fall zu Fall an- stellen. Bei der Annahme eines mittleren DurchschnittSfatzeS von etwa 5 Mk. für die 100 Kg. bis Köln würde fich bei dieser Art der Berechnung die Preissteigerung deS ameri- kanischen Weizens bis zum 21. August 1897 auf rund 45 pCt. und bis Ende September auf rund 29 pCt. stellen. Schon aus diesen Gegenüberstellungen, mehr aber noch ander genaueren fortlaufenden Vergleichung der betreffeudeu Preise ergibt sich deutlich, daß die PreiSrichtung für hiesigen greifbaren Weizen in ihren Gruudzügeu annähernd die nämliche gewesen ist, wie die Newyorker, welch letzterer Markt unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl am ehesten al» der eigentliche Weltmarkt für Weizen betrachtet werden kana. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß der Preis für greifbare Waare, wie es auch früher geschah, sich Überhaupt schwerfälliger bewegt als die Preise an deu Zeitmärkten, daß er keineswegs jeder kurzen schroffen Bewegung folgt, sondern daß er nur nachkommt, wenn die Verschiebungen an den Zeitmärkten voi einiger Dauer find. Noch auffälliger tritt diese Erscheinung bei dem auS dem Getreide erzeugten Mehl hervor- dessen Preisschwankungen find noch viel schleppender al- die de» Getreides selbst, aber fie solgen doch schließlich dem allgemeinen Zuge. Daß die hiesigen Preise den amerikanischen nicht bi» zur höchsten Spitze gefolgt sind, erklärt sich nach dem Gesagteu zum Theil damit, daß Amerika selbst den höchsten Preisstand nicht lange inuezuhalteu vermochte, hauptsächlich aber auch damit, daß man in Westeuropa der
Fs«iUeton.
Susis Modifikation.
Humore-ke von Martha Renate Fischer.
(Nachdruck verboten.)
Die Cousine sagte: „Also denke Dir, Sufi, ich habe einen Zahn ausgebissen. Ick bin ja außer mir darüber. Natürlich kann ich meinem Mann damit nicht kommen. Bitte, leih Du mir ein paar Mark. Nach dem Ersten zahle ich zurück."
Sufi antwortete: „Ich bedauere sehr- aber zu dem Awkcke kann ich fein Geld geben. Ich habe mir gelobt, nichts zu thun, das nicht im Sinne meines Manne- wäre. Und Friedrich haßt falsche Zähne."
„Frauenziwmerchen, sei nicht so lächerlich gefinnung»- tüchiig. Leihe mir also zehn Mark zu Praltnee- und Makronen."
Sufi klagte: „Es bricht mir ja beinahe da- Herzaber wirklich: ich kann nicht. Sieh mal an, — damit Du «ick verstehst" — — Sie rollte die Schlummerdecke, die fie heimlich für ihren Manu arbeitete, im Schoß zusammen und legte die Arme darauf. „Mein Mann also machte doch mir und der Alma den Hof, aber um mich hielt er an. Nun bin ich ja eine kleine, dumme GanS, verstehst Du — und hab dem armen Mann das Leben schwer gemacht mit Eifersucht — bi- wir bann mal ganz intim miteinander sprachen über Grundsätze und dergleichen. Und da sagt er: Weißt Du, Lumpengefindelchen, sagt er, „über eins würde ich bei einer Frau nicht fortkommen — und da- ist etn unechter Zahn. Ich könnt' keine Frau küssen,
die einen unächten Zahn hat — lieber eine Kugel! — Ach, sag ich ganz entzückt, die Alma---Ja, sagt er, ich
weiß schon!--— Viere! sage ick. —--Kaum
glaublich, schauderhaft! — Na, was hättest Du bloS ge- thau, frag ich, wenn Du im guten Glauben die statt meiner geheirathrt hattest--Er sagte mit geradezu verblüffender
Festigkeit: Ich hätte mich scheiden laffeu! — Du verstehst, daß ich von nun an nicht mehr eifersüchtig mar; aber Du verstehst auch, daß ich Dir daS Geld nicht leihen kann."
Die Coufine entgegnete: „Ich verstehe, daß Du noch furchtbar grün bist," stand ärgerlich auf und ging.
Als fie da- Nebenzimmer durchschritt, winkte ihr Jemand Schweigen zu und folgte ihr. Es war Sufi» Mann, der fich vor Lachen ausfchütteu wollte.
Im Entröe angelangt, sagte er: „Ist fie nicht ein entzückende- Lumpengefindelchen, der Susematz? — Also — einen Zahn außgebiffen — schade! — schade! — Na — wie viel befehlen Sie, Coufinchen . . ." und hielt ihr daoffene Portemonnaie hin, daraus fie fich bediente.
Dann trat er scharfen Schrittes wieder in baß Nebengemach, trällerte, rumorte, damit Sufi Zeit hätte, das Präsent zu verstecken. Denn er sah im Spiegel, fie war aufgesprungen , raschelte die Schlummerdecke in ein großes Papier und wickelte einen unglaublich langen Bindfaden um da» widerspenstige Packet. Den Anfang des Bindfadens hielt fie mit den Zähnen fest, lief zugleich auf baß Schränkchen zu, um baß Geschenk unterzubrtngen, stolperte über daß schleifende Ende und — — — daß Packet lag auf der Erde und neben dem Packet ein entzückendes, kleines, spitzes Seitenzähncheo, da- fich Sufi sozusagen mit dem Fuße selber an-gezogen hatte.
Schrecken! Lähmende- Entsetzen!
Und kein Traum! — Denn baß Taschentuch, an den Mund geführt, röthete fick mit Blut, der Folgeerscheinung der kleinen unfreiwilligen Operation.
Der Gemahl im Nebenzimmer machte Telleraugeo und spitzte den Mund zum Pfiff. Ein Zahn. Jetzt hatte er sein kleine- Weib mit ihrem ganzen Hansen Grundsätze sozusagen in der Faust. Wie fie fich bloß au- der Klemme herausziehen würde — — Aber nur keine unmännliche Schwache, etwa mit Entgegenkommen aus halbem Wege — da- wollte er fich vor fich selber ausbitten.
Sufi war in da- Schlafgemach geeilt, stand da vor dem kostbaren Toilettenspiegel und betrachtete tbr Gesicht. Scheußlich sah fie au- mit der Zahnlücke — die fie — um mindesten- fünfundzwanzig Jahre älter machte! — Gar nicht möglich, fich vor einer lebenden Seele sehen zu lassen! — und was noch mehr de- holden Blödfiuue- war, deu fie tragisch durch ihr Gehirn wälzte.
Daun schoß ein sürchterlicher Gedanke auf, der Gedanke au ihren Mann, der fie unmöglich fernerhin lieben konnte, wenn er fie auch nur ein einziges Mal mit der Zahnlücke sah — und der fich würde von ihr scheiden laffeu, wenn fie — hm — hm — einen kleinen — hm — hm Ersatz für den Ausreißer aubriugen ließ. — Und ein Zähnchen! etn einzige-! — so ein süße- — kleine- — wie da- ihrige! — — baß war boch schließlich zu verzeihen Himmel, — eß waren ja keine vier, wie bet der Alma. und Sufi weinte tu ihrer Herzensqual bicke Thränenfttöme, inoetz zwei hungerige Geier ihr arme- Gemüth zerfleischten.
(Fortsetzung folgt.)


