Ausgabe 
1.12.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 282 Zweites Blatt. Mittwoch dm 1. De-ember

1897

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Errichtung einer öffentlichen Bibliothek und Lesehalle in Gießen.

Im kleinen Saale des Hotel Einhorn kamen am Sonn« tag Vormittag ca. 30 Herren aus der hiesigen Einwohnerschaft zusammen, um in vorbereitende Berathungen über die von verschledeneu Setten angeregte Errichtung einer öffentlichen Bibliothek in Gießen nach dem Borbilde anderer Städte einzutret?n. Herr Prof. Dr. Wetz ging zunächst kurz auf die Geschichte der BolkSbtbliothrken in Eagland, Amerika und Deutschland eiu und das, waS tu dieser Beziehung von der Gesellschaft für ethische Cultur u. A. in Berlin geschehen. Er stellte aus mitgetheilten Erfahrungen fett, daß daS Bedürfuiß nach Lcctüre allenthalben vorhanden, ging unter Hinweis auf die g"oße Verbreitung der Solportage-Literatur, insbesondere diejenige der Schauerromane, sowie auf die daraus sich ergebenden Gefahren für unser Volksleben ein. Andererseits sei aber daS Bedürfniß nach guter Lectüre bewiesen durch die Erfolge, welche die bestehenden großen Bibliotheken auf« zuweisen haben. Auf Grund einer Veröffentlichung über die Jnanlpruchnahme der VolkSbtbliothek zu Zwickau gab Herr Prof. Wetz ivtereffaute Aufschlüsse darüber, nach welcher Art Werke die größte Begehr vorhanden, woraus allerdings sich ergab, daß belletristische Werke an erster Stelle stehen. Ihren Zweck erfüllten indeß VolkSbibliothekeo eigentlich nur dann, wenn nicht nur Bücher verliehen, sondern auch Lese- ballkn eingerichtet würden, wobei wieder Gewicht -auf daS Auslegen von Tageszeitungen zu legen sei. Die Frage, ob in Gießen sich eine VolkSbtbliothek riarichten laffe, sei leicht zu bejahen- bet der erprobten Bereitwilligkeit der Stadt» Vertretung zur Förderung gemeinnütziger Bestrebungen falle jedenfalls in erster Linie die Localfrage weg und auch die

Mittel zur Offenhaltung der Lesehalle seien zu gewinnen. Nachdem Herr Prof. Wetz auf Grund ziffernmäßiger Angaben noch dargelegt, daß von den auSgeliehenen Büchern ein sehr niedriger Prozentsatz verloren gehe, empfiehlt er für Gießen die Einrichtung einer Lesehalle, über deren Werth Niemand im Zweifel sein könne. In der weiteren Verhandlung, in der sich Stimmen gegen die Errichtung eines dem Lese- bedürfniß zweckmäßig Rechnung tragenden Instituts nicht erhoben, wurde von Herrn Prof. Dr. Gundermann die Berücksichtigung der Einwohnerschaft in der Umgebung GießenS empfohlen. Einige besonder- zur Beurtheilung der auf die Anschaffung von Büchern bezügliches Fragen vielleicht werthvolle Angaben deS Berichts der Lesehallen zu Jeua sollen hiermit sich dem für da- Zustandekommen einer solchen Gießen interesfireuden Publikum mitgethrilt werden. Dabei sei noch vorausgeschickt, daß in Jena die Lesehalle täglich 13 Stunden (Sonntag- 12, Werktag- 11 Stunden) geöffnet ist, daß der Besuch der Left.mmer je noch Jahreszeit und Witterung zwischen 100200 Personen wechselt, an Sonn- tagen aber auf 300 steigt, daß namentlich in den Abend­stunden von 69 Uhr alle Räume dicht besetzt find. Wetter ist zu berücksichtigen, daß zwar Jena an Einwohnerzahl etwa um x/i hinter Gießen zurückbletbt, tndeffen hinsichtlich der Acbeitrrbevölkerung günstiger steht, weil dieselbe der Natur ihrer Beschäftigung (Feinmechanik, optische Werkstätten rc.) nach eine beffere Allgemeinbildung besitzt und fast au-nahm-- lo- in der Stadt wohnt- tu Gießen würde deshalb Rücksicht auf auswärts wohnende Arbeiter zu nehmen sein. In Jena betrug bei einem DurschnittSbrstand von 5000 Bänden die Zahl der Entleihungen im Berrchtsj-Hr 52762 Bände, e- kamen auf einen Band sonach 10,2 Entleihungen. Immerhin blieben eine Menge von Wünschen unbefriedigt, namentlich

konnte der Nachfrage nach technischen Büchern für den Be­darf der intelligenten Arbeiter und Handwerker nicht genügt werden, ebenso fehl'e es an Büchern, welche Nebenzweige der Landwtrthschaft behandeln, au Lectüre belehrender Art für Musiker u. s. w, ganz zu schweigen von dem Vielen, waS von den Mitgliedern der gebildeten Kreise vergeblich gesucht wird. Die Frage:WaS wurde gelesen?" beant­wortet der Bericht wie folgt:

In erster Linie wie immer unterhaltende Schriften - und doch ist daS Ergebniß ein gute- Zeugntß für die durch­schnittliche Richtung des Publikums. Die UnterhaltungS- lectüre umfaßt in der Jugendzeit einer öffentlichen Bibliothek sonst immer 70 bis 80 Procent alle- Gelesenen - tu unserem Fall kann sie nur auf 64,5 Procent berechnet werden (rund 34,000 Bände): Auf die schöne Litteratur höheren Styl- entfielen etwa 8,5 Procent (4500 Bände), beide Rubriken zusammen umfaffen also 73 Procent. Die Werke der besten modernen Schriftsteller nehmen einen großen Raum ein. Auf Conrad Ferdinand Meyer-Wecke entfielen 171 Verleihungen- jedes Werk wurde im Durchschnitt 19 mal gelesen. Auf Freitag- poetische Werke 442 Verleihungen: ein jede- wurde im Durchschnitt mehr als 20 mal gelesen. Auf Rosegger im Ganzen 472, auf jede- Werk fast 24 Verleihungen- an der Spitze aber stehen Storm- Novellen mit 539 au-geUeheoen Bänden, von denen jeder im Durchschnitt 27 mal gelesen wurde. Es bedeutet dem gegenüber nicht-, daß weniger werthvolle Schriftsteller, ja auch werthlose wie Marlitt und Heimburg, auf noch höhere Ziffern kommen: wir werden gleich sehen, daß selbst diese in der Gunst de- Publikum- nicht höher stehen, al- gewiffe Bücher ernster Natur.

Unter den Schriften belehrenden Inhalts, die etwa 27 Procent de- Gelesenen umfaffen, steht oben an bie Gattung

Theodor Mommsen.

Ein Glückwunsch dem Achtzigjährigen.

Zum 30. November 1897.

Von Dr. Ewald Lange.

(Nachdruck verboten).

Die characteriftische Gestalt Mommsens ist in seinem Wohnort Charlottenburg so bekannt, daß selbst der Posten stehende Schutzmann beim Anblick des kleinen beweglichen Herrn, deffen lange Haare der' Silberglanz schmückt, dessen Antlitz von einer abgeklärten Ruhe übergossen scheint und dessen Augen so scharf durch die Brillengläser schauen, die Hand an den Helm legt und'n Morjen, Herr Professor" seinen Gruß entbietet.Danke, danke", antwortet dieser freundlich und ist im nächsten Augenblick um die Ecke ver­schwunden. Und wenn ein Fremdling aus dem Nubierlande Berlin besuchte und dem Geburtstags - Kinde begegnete, so würde er sicher ausrufen:So kann nur ein deutscher'Pro­fessor aussehen ... ." und damit hätte der Fremdling recht.

Professor Mommsen ist der Typus eines deutschen Ge­lehrten; zäh im Arbeiten, zäh im Denken, zäh im Forschen, zäh im Leben! Ec nimmt es selbst mit dem Gevatter Tod noch auf und hält sich ihn drei Schritt vom Leibe... Mommsen hat viel erduldet in diesen achtzig Jahren, denn er war nicht immer auf Rosen gebettet, den Kelch der Wider­wärtigkeiten des Lebens hat er bis auf die Neige leeren müssen, aber diesen Character vermochte nichts zu beugen. Unentwegt schritt er vorwärts auf seiner Bahn, bis er heute ein Ziel "erreicht hat, das nur wenigen Sterblichen vergönnt ist.Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, .... und wenn es köst­lich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen". Und das Leben Mommsens war in der That köstlich, aber es war auch lediglich Mühe und Arbeit.

In dem Städtchen Gardinq in Schleswig-Holstein wurde Theodor Mommsen am 30. November 1817 geboren, zwei Jahre später vergrößerte sein Brüderchen Tycho die Familie und wiederum zwei Jahre darauf kam der kleine August zur Welt, da war die Gelehrtenfamilie fertig, denn auch Tycho und August sind tüchtige Philologen geworden. Der Erstere trat 1885, der Letztere schon 1883 in den wohl­verdienten Ruhestand.

Theodor Mommsen erhielt seinen ersten Unterricht im väterlichen Hause, besuchte dann das Gymnasium in Altona und studirte in Kiel Philologie und Jurisprudenz. Als zwanzig, jähriger Student schrieb er seine erste, lateinisch abgefaßte Schrift, welche in das Gebiet der römischen Alterthumskunde htnübergriff, ein Thema, dem er später sein ganzes Leben weihte. Die Gelehrtenwelt wurde auf den Jüngling, der inzwischen die Stellung eines Privatlehrers in Altona ange­nommen hatte, aufmerksam, und so ermöglichte es ihm die

Unterstützung der Berliner Akademie, daß er vom Jahre 1844 bis 1847 Südfrankreich und Italien zwecks archäologischer Studien bereisen konnte.

Imtollen" Jahr 1848 kehrte Mommsen in die Hei- math zurück; wie all' seine (Kommilitonen, so war auch er ein begeisterter Anhänger des Liberalismus; in der Sturm­und Drangperiode des Volkes stellte er sich ohne Zögern in die vordersten Reihen derer, die Gedanken- und noch viele andere Freiheiten forderten. Mommsen sattelte um und übernahm die Schristleitung der in Rendsburg erscheinenden Schleswig-Holsteimschen Zeitung". Indeß erwies er sich nicht als Held der Feder und legte daher sehr bald die Scheere wieder nieder, zumal er einen Ruf als außerordent- licher Professor der Rechte nach Leipzig erhielt. Aber auch hier stand der neugebackene Professor treu zur Sache des Volkes, die freiheitlichen politischen Bestrebungen fanden in ihm einen der eifrigsten Förderer. Als bann der Rückschlag erfolgte, als die Reaction eintrat, machte man auch mit dem jugendlichen Schwarmgeist von Professor kurzen Prozeß; man jagte ihn 1850 aus Amt und Würden, und er mußte Leipzig den Rücken kehren. In der freien Schweiz fand er Unter schlupf; von 1852 dis 1854 wirkte er als Professor des römischen Rechts an der Universität Zürich.

Sehr bald aber wurde ihm Absolution ertheilt; das Vaterland rief ihn zurück Hierauf wirkte er vier Jahre lang an der Universität Breslau und kam endlich in das richtige Fahrwasser; und als er dann eine Professur der alten Geschichte in Berlin erhielt, da war er in seinem Element. Er blieb zwar Jurist und Philologe, aber seine Kraft widmete er in erster Linie der Historik, sodaß er heute als Altertumsforscher und Geschichtsschreiber wohl unerreicht dasteht. SeineRömische Geschichte", seine Arbeiten in der großen Sammlung der Geschichtsquellen des deutschen Mittel- alterS, der Monumenta Germaniae haben seinen Namen unsterblich gemacht. Aber alle seine wissenschaftlichen Arbeiten, seine Studien, seine Reisen vermochten nicht, ihn der politi­schen Arbeit zu entziehen. Er hatte noch immer Zett genug übrig, um eine Landtagscandidatur anzunehmen, um sich den Wählern vorzustellen, um sein Mandat pflichtgetreu ausm- üben. Die nationale Partei des Kreises Kottbus Spremberg- Kalau entsandte unseren Professor in das Abgeordnetenhaus, dem er bis zum Jahre 1882 angehörte, neun Jahre saß er dort auf den ersten Bänken der Linken und hat gar manchen parlamentarischen Strauß ausgefochten. Als die Wogen der politischen Bewegung hoch gingen, candidirte Mommsen auch für den Reichstag. Alsalter Achtund­vierziger" nahm er sich in einer feiner Wahlreden kein Blatt vor den Mund, er sprach zu frei von der Leber herunter und schon war das Unglück geschehen! Der die Versamm­lung überwachende Hüter des Gesetzes erstattete pflichtgemäß Bericht, die Zeitungen gaben die Aeußerung wieder, die

politischen Gegner glossirten sie, und eines Tages hatte er sich eine Anklage wegen Beleidigung des Fürsten Bismarck zugezogen, wurde jedoch freigesprochen. Heute betheiligt er sich actio nicht mehr an dem politischen Ringen der Gegen­wart.

Dem Mißgeschick, das das Leben mit sich bringt, stand Mommsen stets mit der Ruhe des Philosophen gegenüber. Ein furchtbarer, fast lähmender Schlag traf den alten Herrn im Jahre 1880, als feine Villa in Charlottenburg in Flam­men aufging. Seine werthvolle Bibliothek wurde zum großen Theil vernichtet, unersetzbare Manuscripte wurden ein Raub der Flammen, und Mommsen selbst, der sich an den Bergungs­arbeiten eifrigst betheiligte, erlitt Brandwunden.

Heute giebt es wohl keinen Gelehrten in der ganzen Welt, der unserem Mommsen vergleichbar wäre auf dem Gebiet der römischen Geschichtsforschung. Die Werke alle aufzuzählen, die er über seine Lieblingsthemen veröffentticht hat, ist nicht möglich, aber jeder einzelne Band bildet ein erstaunliches Zeugniß von deutschem Fleiß, deutschem For- schungstrieb und deutschem Geist. Möge unserm achtzig­jährigen Geburtstagskind, auf das ganz Deutschland mit berechtigtem Stolz am heutigen Tage blickt, ein heiterer Lebensabend beschicken fein, das ist auch unser aufrich­tiger Wunsch zu seinem Ehrentage.

--Da kommt eben beimHippodrom" in Charlotten­burg, dort, wo die Straße nach dem Zoologischeo Garten abzweigt, ein kleines, weißhaariges Männchen angefprungen. Das schwingt seinen Schirm durch die Luft, blickt heiter in die Welt hinein und summt sogar eine Melodie vor sich hin.

Jetzt bleibt er, immer wieder den Schirm im Kreise drehend, vor einer Droschke stehen.

Ick bebaute", sagt der Kutscher,ick bin erster Jüte. Da müssen Sie sich schon nach hinten beieben", und er zeigt mit dem Finger nach der Richtung, wo die Droschken zweiter Klasse stehen.

Der alte Herr trottet zurück.

Aber liebster Herr Professor", spricht ihn der erste der Zweitenklaffen-Kutscher an, bet war woll'n Versehen? Sie wollt'n doch nicht etwa erster Jüte fahren?

Der alte Herr schüttelt lächelnd den Kopf und klettert in das Vehikel zweiter Klasse.

.... So fährt der achtzigjährige Professor Mommsen von seiner Wohnung nach der Stätte seiner Wirksamkeit.

Neben der Gelehrten Welt, neben seinen Schülern, neben dem deutschen Volk wird auch dieser Droschkenkutscher sicher nicht verfehlen, seinen Glückwunsch darzubringen, aber am Schluß seiner eindrucksvollen Rede wird er sagen:

n bisken zerstreit waren Sie jetiern doch, Herr Pro­fessor, bet Fahrjeld Ham Se mich nich' jezahlt . . . ."