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Erstes Blatt
Samstag den 1» Mai
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen
Gratisbeilage: Gießener Aamilienökätter.
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Dr. Weber.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
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Die Gießener M««itie»vtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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Der
Oietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
personal zu stellen, damit den getroffenen Anordnungen genau nachgekommen wird.
2. Auf den Markt dürfen nur Thiere aus unverseuchten Orten des Großherzogthums Hessen, Thiere von Händlern nur dann, wenn fie mindestens sieben Tage in unverseuchten hessischen Orten in seuchefreiem Zustande zugebracht haben, aufgetrieben werden. Beim Auftrieb der Thiere ist durch eine streng zu handhabende Controle der betreffenden Ursprungsscheine zu verhüten, daß andere Thiere auf den Markt gebracht werden.
3. Außer der Controle der Ursprungszeugniffe hat selbstverständlich auch die thierärztliche Besichtigung der Thiere vor dem Auftriebe zu erfolgen.
Büdingen, den 27. April 1897.
Großherzogliches Kreisamt Büdingen.
Klietsch.
Alle Lnnoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
8 Tage.
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soeben den schwerverletzten Bremser wieder zur Befinnnng gebracht hatte. Mit schwacher Stimme und in abgebrochenen Sätzen berichtete er über die tolle Fahrt.
Meine Frage, welche ich an den dieustthuenden Beamten richtete, ob und wann wir nach R. weiterfahren könnten, wurde mit so vielen Wenn uud Aber beantwortet, daß ich mißmuthig in meinen Wagen ging und versuchte, bis zur Abfahrt, welche vermuthlich noch vor Tagesanbruch erfolgen sollte, ein wenig zu schlafen.
Nach einigen Stunden vergeblich versuchten Schlafens setzte sich endlich Morgens gegen 3 Uhr eine Maschine vor unseren Zug, welche und nach sechsstündigem Warten wetterbringen sollte. Langsam fingen die Räder an, fich zu drehen, und vorfichtig, wie ein Schiff, das die Untiefen und Klippen fürchtet, setzten wir unsere Fahrt nach R. fort. Da der Schlaf nicht zu halten ist, wenn er uns flieht, stellte ich mich ans Fenster und sog die frische Morgenluft ein, welche mir kühlend die heißen Augen fächelte.
Die Zett, in welcher wir fuhren, war für diese Strecke eine so ungewöhnliche, daß die Haltestelle in B. trotz wiederholten Pfeifens keine Einfahrt geben wollte. Langsam fuhr unser Zug durch den Bahnhof und heute noch steht mir das erstaunte Gesicht vor Augen, das uns aus einem Fenster des Stationshauses mit offenem Munde oachstarrte und uns sicher für ein Spükniß seiner erregten Phantasie hielt.
Auf der nächsten Station B. empfing uns der Beamte mit verstörter Miene und ließ fich alle Einzelheiten des Unglück- bis in- Kleinste berichten. Wir trösteten ihn, soweit wir vermochten, uud stellten ihm vor, daß doch im Grunde
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genommen nicht durch ihn, sondern durch den heftigen Wind das Unglück herbeigeführt worden sei. — Die Wageuthüren brauchten nicht geöffnet zu werden, Post- und Eisenbahn- beamte waren die einzigen Mitreisenden. Unser Zug hatte fich wieder in Bewegung gesetzt uud pustere schnaufend weiter bergauf.
Langsam näherten wir unS der Station W. Auch hier gebot der wagrecht gestellte Arm des Einfahrtssignals Halt. Wohl bewußt, gegen seine Instruction zu handeln, fuhr der Führer dennoch im langsamsten Tempo in den Bahnhof ein. Niemand ließ fich sehen. WaS blieb anders übrig, als die Pfeife in Bewegung zu setzen, um so unsere Ankunft bemerkbar zu machen. Die Gardinen eines Fensters wurden rasch bet Seite geschoben und wiederum traf unS ein erstaunter Blick, dem Frage und Antwort folgten. Bald klang die Meldeglocke durch die frische Morgenluft und weiter ging eS, unserem Ziele entgegen. W. war die letzte Station, wo wir die Wecker spielen mußten. Die beiden folgenden erwarteten unS Nachtwandler schon mit neugierigen Blicken.
Es war gerade 8 Uhr Morgens, als ich fröstelnd in daS Bett schlüpfte, um einige Stunden zu ruhen.
In O. lag der Trümmerhaufen noch wie zuvor, nur fehlte das Schauerlich-Schöne, was Nachts vorher bat flackernde Licht der Fackeln bewirkt hatte. DaS Gerippe deS vierachstgen Wagens stand noch aufrecht und sah, von der Sonne beschienen, weniger gefährlich auS.
Die Leiche des Führers fand man am folgenden Tage und zog fie stückweise unter den Trümmern hervor.
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Derrtsches Reich.
Berlin, 28. April. In der heutigen Sitzung de- Bun- de-rathe- wurde im Einverftändutß mit den verbündeten
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Bekanntmachung, betreffend: Die Maul- und Klauenseuche- hier die Abhaltung von Viehmärkten.
Das Großh. Ministerium des Innern hat die Abhaltung eines Viehmarktes zu Echzell am 3. Mai l. I. unter den nachstehenden Bedingungen genehmigt:
1. Für Auf- und Abtrieb ist je eine bestimmte Stelle zu schaffen. Der Marktort hat das nöthige Auffichts-
Feuilleton.
Eine gefährliche Fahrt.
Nach einer wahren Begebenheit von A. Seibert.
(Schluß.)
Da- rothe Licht de- Einfahrtssignals von O. taucht plötzlich auf. Was kümmert den tollen Führer der wilden Jagd das gebieterische Halt, da- Menschenhände errichtet unb das nur Menschen gelten soll. Für den Tod ist immer llc Einfahrt frei. Raffelnd sausen die Wagen durch die Deichen. Ein furchtbarer Stoß schleudert den ohnmächtigen vremser zwischen die Geleise. - Die glühenden Augen einer Maschine leuchten auf. — Will fie es versuchen, daS -erderben aufzuhalten? — Zum Tode erschrocken blickt der Führer der dunklen Schlange entgegen, die mit brennenden Achsen auf ihn losstürmt. Wohl saust seine Maschine wie Ion Furien gepeitscht davon und hüllt sich in einen Mantel Ion Dampf und Staub. Doch zu spät. Ein furchtbare- brachen, Praffelu und Knirschen. Die Maschine liegt fort- jeschleudert zwischen den Geleisen, ihr Führer unter dem lrümmerhaufen, der au- Eisen, Holz und Kohle fich zum Grabmal über seiner Leiche schichtet.
Tief erschüttert stand ich vor den Resten eines Zuge-, velcher vielleicht ein treue- Herz, einen guten Gatten und liebevollen Vater deckte. Zwar waren geschäftige Hände eifrig thätig, um unter dem Lhao- zum Wenigsten die reiche aufzufinden. Lauge verweilte ich au der Stätte der Trauer uud kehrte dann -um Bahnhofe zurück, wo mau
Gießener Anzeiger
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sahrung habe gezeigt, daß es ein großer Fehler war, den Umfang des Gesetzes so weit, namentlich auch aus die kleinen landwtrth- schaftltchen Betriebe, auSzudehnen. Eigentlich befänden wir uns jetzt immer noch im UeberaangSstadtum; sei die Ansicht der Regierung aber richtig, daß der jetzige Zustand kein UebergangS-, fondern ein dauernder Zustand sei, dann sage er mit feinen Freunden: so wie eS ist, kann eS nicht weiter gehen! ES frage stch dann nur, wie soll es weiter gehen? Die Vorschläge der Vorlage über anderweitige Vertheilung der Lasten seien nicht annehmbar. Seine Freunde meinten: wenn einmal reformirt werden solle, dann gründlich. Noch jetzt sei es Zeit, auf den Boden zu treten, auf den s. Z. das Centrum gestanden, d. h Befchränkung des UmfangeS des Gesetzes auf die industriellen und aus alle großgewerbltchen Betriebe, also unter Ausschluß deS Gesinde«, des Handwerks und der landwirth- schaftltchen kleinen und mittleren Betriebe (lebhafte Bewegung), selbstverständlich unter Wahrung erworbener Rechte. DaS Centrum werde zur zweiten Lesung einen entsprechenden Antrag stellen. Wolle die Regierung diesem Anträge nicht zusttmmen, dann werde jedenfalls die Entwickelung deS Versicherungswesens eine Richtung nehmen, auf welche der Antrag Plötz hindeute. Der berussgenossenschaftltche Gedanke verliere thatfächltch immer mehr an Vertretern, aber auch der territoriale Gedanke werde ja schon in dieser Vorlage halb und halb oerlafien. Es werde daher anscheinend dahin tommen, daß die Versicherung mehr und mehr zu einer anders gestalteten Armenpflege werde. Ec selbst wünsche diesen Weg der Entwickelung nicht, denn damit habe die corporative Gestaltung der Versicherung ein Ende zugleich mit dem soctalpolittschen Gewissen, aber er sehe diese Entwickelung kommen, sofern man nicht auf den Boden der Vorschläge seiner Freunde trete. (Beifall im Centrum.)
Abg. v. Sali sch (cons.) führt aus, seine Freunde sähen den detailltrten Dorfchlägen v. Hertltngs mit Spannung entgegen. Aber die Landwirthschast ganz von den Wohlthaten dieses Gesetzes loSzu- lösen, erscheine ihm doch unthunlich. Die Vorlage bringe manches Gute. Jedenfalls sei es nothwend'g, dem Nothstande der Anstalten im Osten abzuhelsen. Dafür vor Allem möge die Commission sorgen. Dem Anträge Ploetz könne er im Allgemeinen zustimmen, aber man dürfe nicht die Einkommen unter 660 Mark freilaffen, da dann der Rente gar keine Gegenleistung gegenüberstehen würde.
Abg. Hilpert (Bauernbündler) nennt da« bestehende Gesetz das unglücklichste von der Welt, da es die Millionäre frei lasse und die kleinen Landwtrthe schwer belaste.
Abg. Graf Stolberg (cons.) kritisirt dir Ungleichheit der Belastung im bestehenden Gesetz und erklärt fich mit den Vorschlägen der Vorlage betreffs anderweitiger Vertheilung der Lasten durchaus einverstanden. Dagegen halte er den Vorschlag v. Hertltngs, die Landwirthschast wieder ganz aus der Versicherung herauszulassm, für unmöglich. Seine eigenen Wünsche bewegten sich in der Richtung des Antrages Ploetz. Für am zweckmäßigsten erscheine ihm eine Erhöhung des RetchSzuschusses.
Abg. Werner (Ref.-P.) erklärt den Antrag Ploetz so lange für einen rein theoretischen, als wir nicht eine progressive Reichs- einkommensteuer hätten.
Abg. v. Levetzow (cons.) bestreitet, daß daS JnvaliditätSgesetz gar so schlimm sei, als man es hier geschildert habe. So sehr hoch seien doch die Beiträge nicht; das Gesetz sei in Wirklichkeit mehr unbequem al« belastend, wegen des Klebens. An der gegenwärtigen Vorlage sei ihm selbst die ungeheure Fülle von AussiLtsbefugnifien unannehmbar. Die anderweitige Verrheilung der Lasten, wie die Vorlage fie empfehle, sei dagegen nothwendig. Die Hertling'schen Vorschläge halte er für unmöglich, ebenso aber auch den Antrag Ploetz für zur Zeit undurchführbar.
Fortsetzung morgen 2 Uhr. Schluß 5®/4 Uhr.
Deutscher Reichstag
211. Sitzung. Donnerstag, den 29. April 1897.
Die erste Berathung der Novelle zum Jnvaliditäts- »ersicherungSgesetz wird fortgesetzt.
Abg. Molkenbuhr (Soc.) wendet stch zunächst gegen den Antrag Ploetz, weil derselbe die Reichs-Einkommensteuer nicht enthält, und bekämpft in der Regierungsvorlage zunächst die Absicht, die vom AuSlande kommenden Arbeiter, wenn sie voraussichtlich doch wieder nach dem Auslande zurückginaen, von der Versicherungspflicht frei- zulassen. Die Rheder hätten oas ja schon durchgesetzt und nun wolle man dieselbe Vergünstigung auch den Grundbesitzern zuwenden, damit es diesen, namentlich auch im Osten, noch erleichtert werde, Arbeiter auS Rußland als Lohndrücker und Strtkebrecher heranzu- ziehen. Bei den Versicherungsanstalten bedürfe eS namentlich einer besseren Controle, um zu verhindern, daß Grundbesitzer Renten an Personen bewilligten, die darauf keinen Anfpruch hätten. Im Osten würden häufig Marken doppelt verwendet, indem «usländifche Arbeiter ihre schon verwendeten Marken an inländische Arbeiter wieder verkauften. DaS übrige Deutschland habe keinen Anlaß, durch die vorgeschlagene anberroette Vertheilung der Lasten für den Osten einzutreten. Wolle man reformiren, so müsse dies in der Richtung einer Vereinheitlichung des ganzen Versicherungswesens geschehen. Es sei jetzt vielleicht das beste, sich jetzt auf die kleinen Aenderungen nach dem Anträge Röstcke zu beschränken, um eine auSgiebige Reform in der angegebenen Richtung nachfolgen zu laffen.
Abg. Hofmann Dillenburg (nL) hält gleichfalls eine Verein- heitltchung der ganzen socialen Versicherung für erwünscht. Der Gedanke veS Antrags Ploetz fei aber verfehlt, denn wenn die Kosten der Arbeiterversicherung nicht mehr durch Beiträge der Versicherten aufgebracht würden, sondern durch allaemetne Steuern, so verliere der Arbeiter das Gefühl, fich selbst versichert zu haben. Auch müßte dann der Staat das Recht haben, den Arbeitern eine Arbeitspflicht aufzuerlegen. Die von der Regierung vorgeschlagene Form deS Ausgleichs in der Belastung der einzelnen Verficherungsanstalten sei ebenfalls nicht annehmbar, denn wolle man schon diesen Weg eins schlagen, bann sei nicht abzusehen, weshalb man nicht gleich alle Anstalten zu einer einzigen Reichsanstalt zusammenleaen wolle. Vielleicht wäre es am besten, anzuordnen, daß jeder Versicherte, wo er auch sei, an seine heimathliche Anstalt seine Beiträge zu zahlen habe.
Abg. v. Hertling (Ctr.): Der Gedanke des Antrages Röstcke erscheine seinen Freunden jedenfalls sehr erwägenSwerth. Die Er-
Gießen, den 29. April 1897. Detr.: Die Gründung von halben Freistellen in der Blindenanstalt zu Friedberg.
M Grotzherzogliche Kreisamt Gießen M« e**to. Bftegetwdfte*** M ftuWt».
Das nachstehend abgedruckte AuSfchreiben Großh. Mi- »lsteriumS des Innern theilen wir Ihnen zur Kenntntß mit. v. Gagern.
Darmstadt, am 13. April 1897. vetr.: Wie oben.
Das Großh. Ministerium des Innern
au die Grotzherzogliche» Kreisämter.
Die im vorigen Jahre zu Darmstadt verstorbene Fräulein Amilte Davnenberger hat der Blindenanstalt zu Friedberg letztwillig einen Eapitalbetrag zugewendet, welcher bei dieser Anstalt nach dem Willen der Erblasserin als „Henriette Gauzert- und Karoline Dannenberger-Sttstung" verwaltet wird. Da testamentarische Bestimmungen über die Verwendung deS ZinsenerträgntfleS der Stiftung nicht getroffen find, so haben wir im Einvernehmen mit der Großh. Dtrectton der Blindenanstalt bestimmt, daß unter Anderem 200 Mark deS jährlichen Erträgnisse- zur Gewährung von zwei halben Freistellen für bedürftige und würdige, dem Großherzogthum angehörige Blinde im Betrage von je 100 Mark verwendet werden sollen. Indem wir Ihnen hiervon Kenntniß geben, bemerken wir, daß Bewerbungen uw die halben Freistellen, wie die Aufnahmegesuche, bet der Großh. Dtrection der Blindenanstalt in Friedberg anzubrtngen und diesen Bewerbungen, außer den sonst erforderlichen, in dem Amtsblatt •fRr. 4 Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 6. März 1880 verzeichneten Belegen, noch der Nachweis der hessischen Staatsangehörigkeit, sowie ein Attest über die seit- herige Führung deS auszunehmenden Blinden betzufügen find.
Da dte Stiftung der halben Freistellen den Armen- tzerbänden zu Gute kommen wird, so wollen Sie den Großh. Bürgermeistereien von diesen Anordnungen Kenntniß geben.
Finger.
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