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Der Hetzen,r Anjetßrr erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener MamikieavtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigklegu
Drittes Blatt. Sonntag den 29. März
1S96
Siebener Anzeiger
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Amtliche»' Theil.
Bekanntmachung,
betreffend: Maul- und Klauenseuche.
Die zu Rendel (Kreis Friedberg) auSgebrochene Maul- and Klauenseuche ist erloschen und die angeordneten Sperrwahregeln find wieder aufgehoben worden.
Gießen, den 27. März 1896.
Grohherzogltcheö KretSamt Giehen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Die unterm 8. Februar l. IS. verfügte Sperrung des Licinalwegs von Ruttershausen nach der Landes greuze gegen Wißmar für den Fuhrwerksverkehr wird hierdurch aufgehoben.
Gießen, den 27. März 1896.
Grohherzoglichks KreiSamt Gießen, v. Gagern.
»ekaustmachung, betreffend die Förderung der Ziegenzucht durch Einführung von Ziegenböcken Schweizer Raffe.
Bon Seiten des landwirtschaftlichen ProvinzialoereinS find dem landwirthschaftlichen Bezuksoerein Gießen zu rubr. Zwecke 83.30 Mark zur Verfügung gestellt und von dem BezirkSveretne noch weitere 56.70 Mark zu demselben Zwecke bewilligt worden. Diese 140 Mark sollen nach Beschluß deS Ausschusses in der Art Verwendung finden, daß Subventionen bi» zu 20 Mark an diejenigen Gemeinden, Ziegenzuchtvereine, Bullenhalter bewilligt werden, welche im verflossenen Jahre zur Berbkfferung der Landraffe gute Schweizer Zuchtböcke aagekauft haben.
Diejenigen Gemeinden rc., welche Schweizer Ziegenböcke zur Zucht angeschafft haben, wollen daher ihre Anmeldungen unter Angabe des Kaufpreises, der Raffe des angeschaffien Ziegenbocks, des Namens und Wohnorts des Verkäufers bis zum 15. April l. I bet dem Unterzeichneten ein« reichen.
Krrrillstsn.
Wochendrirfe aus der Residenz.
(Originalbericht des „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 27. März.
DecorinmgSfest deS Odenwaldclubs. — Ans den Bereiuen. — Verschiedenes.
Mit einem Berichte über dte Begräbntßfeier Otto RoquetteS versprachen wir in der vorigen Woche, den heutigen Brief einzuletten, da jedoch bereits im „Gießener Anzeiger" über die Trauerseier in Kürze berichtet worden ist, find wir dieser Verpflichtung enthoben. Dagegen dürfen oir von einem lange vorbereiteten, weiteren Feste Nachricht geben, daS am Sonntag vergangener Woche viele Hunderte von Odenwaldfreunden tn den Saalbau gelockt hatte. 3um Bitten Male hatte der Odenwaldclub sein Decorirungsfest angesagt und in dichten Schaaren waren die Mitglieder und Freunde deS Vereins der ergangenen Ladung gefolgt. Dunkeles Launengrün umrahmte den großen Festsaal, das Wappen de« Vereins schaute von den Wänden herab und naturgetreue Nachbildungen deS Tromm, Knodener. und Neunkircheoer- LhurmS, sowie deS Ohly Denkmals erinnerten au die Thaten de« energisch arbeitenden Clubs. Ein Festmarsch, dem Verein von einem einheimischen Componisten gewidmet, eröffnete daß Programm. Dann begrüßte ein unverfälschter Oden- »Slder in seiner kleidsamen Nationaltracht die Erschienenen in schwungvollen Versen. Hierauf richtete Herr Müller, der Vorsitzende, ein Willkommen an die Anwesenden und schloß mit der gebührenden Huldigung für den hohen Vrotector, Se. König!. Hoheit den Großherzog. Dann solgten ernste und heitere künstlerische Borträge tn buntem Wechsel. Herr Mustkdireclor Senfs und Herr Hofmufiker lkleitz, ein in der letzten Zett oft in den Concertsälen erscheinender Künstler, boten die oft anerkannten, auSgezeich- ne:ten Leistungen in ihren Borträgen und dazu erklangen umntere Chorlieder, in die die gesammte Versammlung friöhlich etnstimmte. Dann folgten noch flott zusammen- zeftellte lebende Bilder, allerlei ernste und heitere Sceneu
Später ringereichte Gesuche können nicht mehr berücksichtigt werden.
Gießen, den 26. März 1896.
Der Director deS landwirthschaftlichen Bezirksvereins. Carl Jost, RegierungSrath i. P.
Gefunden: 1 Gartenthür, 1 Peitsche, 1 Spazterstock, 1 Stück Gasrohr und 1 Schöpf-Löffel.
Gießen, den 28. März 1896.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. I. V.: Roth.
Zum Buß- und Beitag.
Zum Beginn der Charwoche, im Angesicht des Kreuzes Jesu Christi, der zur Eii.kchr und zum Aufblick nach oben mahnt, begeht unser Volk heute seinen LandeS-Buß- und Bettag. Die Kirchenglocken rufen über Stadt und Land: „Buße — Buße — thut Buße!" Dabet werden Einige still und falten die Hände, andere üben Spott und ballen die Fäuste: „Buße, das fehlt roch!"
Buße bedeutet Aenderung des SinnS, Erneuerung des Herzens. Einen anderen Sinn sollen wir annehmen, immer bester soll unsere Gesinnung werden. Das gilt uns heute allen, unserem ganzen Lande. Was ist baß für ein Sinn, der heutzutage durchs Land gebt und auch unser Herz ntcyt unberührt läßt? Der Sinn des Murrens, um es kurz zu sagen. Die Leute murren. Ist baß wahr? Ja, leider allzuwahr. Schauen wir uns im Lande um: vom Thron bis zur Hütte, vom Fürsten bis zum Bettler, wieviel Murren. Alle Stände und Klassen des Volkes murren. Eß murren die Gebildeten und Gelehrten, daß alle Stellen besetzt sind, und fie jahrelang auf Anstellung warten müssen; die Handarbeiter sagen: Die Reichen haben'S gut, waß quälen wir unß für andere? Eß murren die Reichen, daß die Lage dcß Geldmarktes so unsicher ist, und der Zinsfuß so niedrig steht. Die Kaufleute find unzufrieden, weil die Geschäfte schlecht gehen, und die Handwerker klagen, daß der goldne Boden ihres B rufs geschwunden. Eß murren nicht zuletzt die Landbewohner über geringe Ernten, niedrige Preise, trübe Aussichten. Jedermann murrt, daß an Steuern und Abgaben zu viel zu zahlen sei, und da« Einkommen dazu in
aus dem VereiuSleben einer Touristenvereinigung darstellend, und zum Schluß die Aufführung einer allerdings nicht eben zu witzigen oder unterhaltenden Poste „Mitten in der Nacht", die indessen flott gespielt wurde. Der Club hat wiederum einen schönen Erfolg mit seiner Feier errungen und wir wünschen ihm auch an dieser Stelle Glück und Erfolg für sein Wirken in diesem Somnnr. Die Localdichtung verdankt dem hübschen Feste übrigens auch einige Bereicherungen, so hatte namentlich das humoristische Lied des einbeimischen Dichters Karl Schäfer „Der Auerbacher Rott" großen Erfolg.
Aus dem Vereinsleben bleibt sonst für diesmal nicht sehr viel mitzutheilen. Eine Feier, die wegen ihres eigenartigen Characters besondere Erwähnung verdient, ist am Sonntag vorn „Evangelischen Bund" abgehalten worden, sie galt dem Gedächtniß deS entschlafenen Kaisers Wilhelm, besten Geburtstag auf den 22. März fiel. Herr Pfarrer Förster au« Frankfurt a. M. hielt einen festelnden Vortrag über die Persönlichkeit der Königin Louise. Aus Grund eingehenden Studiums des Quellenmaterials entrollte der Redner ein treffliches, anschauliches Bild der großen, vom Volke innig verehrten Frau, das großes Jntereffe erweckte. Dem Dortrage folgte eine gesellige Bereinigung, die künstlerische Kräfte deS Vereins durch Vorträge verschiedener Art verschönerten.
Schöne Erfolge erntete in den letzten Wochen auch wiederum der Bicycleclnb. Erft jüngst wurden seine Mitglieder in WormS ausgezeichnet, und fielen dem Übrigen Sportverein auch in Kaiserslautern am verflossenen Sonntag bei einem großen Radfahrerfeste zwei Preise für Gruppenfahrten zu. Von den künstlerischen Vereinen entfaltet der Musik verein zur Zeit eifrige Thattgkeit zur Vorbereitung eines CharfreitagsconcerteS. Zur Aufführung ist diesmal die JohanneSpasfion von Joh. Sebastian Bach gewählt worden, und als Solisten find durchweg erste Kräfte verpflichtet, so die Damen Anna Otten aus Berlin (Sopran), Johanna Beck au« Frankfurt a. M. (Alt), und die Herren Nicola Dörster aus Mainz (Tenor), und Kammersänger Sch ne graf auß München (Bariton).
An der Hochschule haben die Ferien begonnen.
keinem Verhältnisse stehe. Alleß murrt, und mit dem Murren beginnt deß Menschen Unglück.
Wie murren denn die Leute im Lebe» also? Viel Grund dazu meinen sie zu haben. Jeder weiß zu erzählen, wie schlecht eß ihm geht. Wird er weiter gefragt, wie baß kommt, so kann er sofort tausend Schuldige nennen. Bloß den Hauptschuldigen kennt er nicht, und wenn er ihn kennt, nennt er ihn nicht. Es wäre ganz herrlich zu leben, sagt man, wenn bloß die Andern Alle thun wollten, waß in ihren Kräften steht, und waß sie sollten. Immer heißt eß: die Andern müssen'ß bester machen, die Andern sind an allem schuld. Von einer eigenen sittlichen Aenderung und Erneuerung dcß Herzenß ist nicht die Rede. - Die Umwandlung und Umwälzung der äußeren Verhältniste allein soll da« ersehnte Glück bringen. Durch Wählen und Wühlen und Hetzen, und wenn'ß nicht anders geht, durch blutige Empörung will man daß soziale Leben, durch Verbreitung von menschlicher Bildung und Wissenschaft daß sittliche Leben bestem. Alleß murrt wider einander. Und wo bleibt der Hauptschuldige? — Er hält sich noch immer verborgen, daß liebt er biß zum äußersten. Wer ist eß denn? Waß, du kennst ihn nicht? Wohl, du kennst ihn sehr genau, viel bester alß alle anderen Schuldigen. „Ein jeglicher murre wider seine Sünde." Jeder ist selbst der Hauptschuldige. O, daß wir alle erkennen wollten: ich bin allein der Hauptschuldige, dann würden wir mit dem falschen Murren bald aufhören, und dadurch viel glücklicher werden. Wohl dem, der gottergeben spricht: Gott fitzt im Regimente und führet alleß wohl. Er sagt sich: ich hab'« nicht bester verdient, alß ich mich befinde, und eß geht mir noch immer zu gut. Er weiß aber auch: „meine Sache ist, statt zu murren, zu helfen, daß eß besser werde, fleißig zu beten um baß Kommen beß Reiche« Gottes, da Gerechtigkeit, Friede unb Freube herrschen."
Eine Beterschaar, ein betend Volk sieht heute Gott der Herr vor seinem Thron, alle in Buße gebeugt. Nicht bloß heute, sondern täglich laßt unß aufrichtig beten, so wird » bester werden. Der Sorgen und Seufzer im Lande werden weniger sein, daß Murren Aller wider Alle wird aufhören. Werden wir das noch erleben? Unser Leben kann bald, schon heute oder morgen zu Ende gehen. Wenn nur jeder bei sich selbst erlebte, daß sein Murren aufhörte!
Leider wird eß niajt möglich sein, die Bauten für baß chemische Institut so zu fördern, daß zu Beginn beß neuen Semesters sämmtliche Räume für bie Unterrichtßzwecke benutzt werben können, für bie Abhaltung beß chemischen PractikumS müssen baher noch biß Pfingsten die Räume im alten Bau in Anspruch genommen werben. Für baß Sommersemester steht wieder ein ganz bedeutender Zuwachß an Hörern zu erwarten. Auch baß Lehrercollegium hat sich in ben letzten Wochen bedeutend vergrößert. So habilitirte sich für Chemie Herr Dr. Kolb und für Archäologie, Herr Dr. Noack. Zu Beginn deß Sommersemesterß soll dann noch ein zweiter Lehrstuhl für darstellende Geometrie errichtet werden. Von einer Neubesetzung deß Lehrstuhleß für Literaturgeschichte, den Otto Roquette inne hatte, ist noch nichtß verlautet. Die Neubauten, die bereits für das electrotechnische Institut nöihig geworden find, find bereits in Angriff genommen.
Von den städtischen Fragen stehen immer noch die Straßenbahnangelegenheit und baß Schwirnrnbad- prvject im Vorbergrunbe. Beide hofft man bald erledigt zu sehen, vor allem die vielberufene Straßenbahnanlage, deren Mangel von Tag zu Tag fühlbarer wird. Die Preffe beschäftigt sich mit den beiden für die Stadt außerordentlich wichtigen Fragen unausgesetzt, doch ist leider gar nichtß Bestimmteß über den derzeitigen Stand der Angelegenheiten zu hören.
Auch baß Project einer Modauthalbahn wird nach wie vor eifrig besprochen. Ihm steht der Plan einer Bahnanlage Lindenfels—Benßheim entgegen, der gleichssalls viele Anhänger im vorderen Odenwalde hat.
Zum Schluffe sei noch constatirt, daß unser einheimischer Kunstnovize, Herr Dr. Franz Horr eß, mit seinem ersten Liederabend am Mittwoch im Traubesaal einen wohlverdienten , schönen Erfolg errungen hat. Der junge Künstler hat auch hier wie in Berlin und Leipzig die günstigste Aufnahme bei der Fachkritik gefunden und wird gewiß bald eine beachtenßwerthe Erscheinung tn unseren Concertsälen fein.


