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Der Oietiaer Anzeiger rrscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener
M««ltienvtätter merden dem Anzeiger Wschmtlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Sonntag den 23. Februar
1896
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Zur Hebung der landwirthfchaftlichen Ausfuhr in Deutschland.
Unter den Ursachen, welche die Landwirthschaft in Deutschland und in anderen europäischen Staaten mit land« wtrthschastlicher Production in Bedrängniß gebracht haben, ist nicht in letzter Linie daS Sinken der Ausfuhr der land- wirthschaftlichen Producte zu nennen. Dabet haben sich die Dinge so entwickelt, daß nur noch wenige Landwirthe überhaupt daran denken, ihre Producte an das Ausland zu der- werthen, man hat also gegenüber der Ueberproduction im Getreidebau und den sich daraus entwickelnden Calamitäten fast ganz vergissen, durch die Ausfuhr landwirthichaftlicher Producte die wirthschaftlichen Berhältnisie zu heben. Eine Ausfuhr landwirthschaftlicher Producte mit entsprechendem Nutzen ist nun allerdings nicht leicht durchzuführen, aber möglich ist sie doch, und zwar deshalb, weil Deutschland in seiner Nähe ein Land hat, welches an lebendem Schlachtvieh und Nahrungsmitteln, z. B. Butter, Eier, Kartoffeln, ferner Weizen, Gerste und Hafer ungeheuere Mengen vom AuSlande einführt. Dieses Land ist England, welches von Deutschland auS dock so leicht zu Schiff zu erreichen ist, und deshalb schon für die Auösuhr deutscher landwirthschaftlicher producte besonders günstig ist. Geradezu anspornend auf die Ausfuhr landwirthschaftlicher Producte müffen aber die colos- isalen Summen wirken, welche En^and für seine Lebens- imittelversorgung an das Auölar d zahlt. So hat England »Lein an lebenden Schlacht- und Zuchtthieren für fast neun Millionen Pfund Sterling — 180 Millionen Mark im Jahre 1895 eingesührt, an Lebensmitteln, also Weizen, Gerste, Fleisch, Butter, Eier u. s. w. hat im Jahre 1895 gar die eRtcfcnjumme von 165 Millionen Pfund Sterling ----- 3300 Millionen Mark erreicht. Da nun die deutsche Landwuth- -chaft an dieser englischen Einfuhr landwirthschaftlicher Pro- iucte keineswegs in irgend einem Zweige hervorragend be> »heiligt ist, so entsteht sowohl für den deutschen Londwirth- sschoftSrath, sowie auch für hervorrag-nde landwirthschaftliche Vereine die Ausgabe, durch Sachverständige gründlich die Frage untersuchen zu laffen, unter welchen Bedingungen die landwirthschaftliche Ausfuhr Deutschlands nach England gehoben werden kann. Die Thatsache, daß die Landwirthschaft
in dem kleinen Dänemark eine hochentwickelte Ausfuhr nach England unterhält, und sehr gute Preise für bestes Mastvieh und feine Butter in England erzielt, dürfte schon einen sehr wichtigen Fingerzeig abgeben, tote die Bedingungen für die Hebung der Ausfuhr landwirth chaftl cher Producte nach England zu gestalten find. Natürlich müßten von Sar- verständigen die Berhältnisie in England selbst untersucht werden.
Deutscher Reichstag.
47. Plenarsitzung. Freitag, den 21. Februar 1896.
Die Beraihung über die das Dienstaltersfiufinsystem betr. Petitionen und die dazu von der Commission beantragten drei Resolutionen wird soriaesitzt.
Abg. Singer (Soc.) empfiehlt seine Anträge auf Ausdehnung der Besttmmunoen über Anrechnung eines Mtliifirdienstjahies auch auf die vor 1892 angestellt.n Unterbeamten und auf Berechnung der Zit vom Tage des Dienstantritts an bet der Anstellung als dtätartsche Dienstzeit.
Geh. Rath Neumann: Die Regierungen sind den Wünschen des Reichstages schon in mehrfachen Punkten entgegengekommen, aber wir können doch nicht einzelne Beamten Kategorien her ausgreifen, um sie zu bevorzugen; das würden wieder andere Beamtenklasfen als Ungerechtigkeit empfinden. In den uns gegebenen Grenzen haben wir die Vnhältnisse namentlich der Unterbeamtm gebessert und kein Ressort hat dem widerstrebt, auch nicht die Postoerwaltung. Die Resolution 1 betreffs der ßanbbriefhäaer würde allein schon einen finarntellen Effect von 1 Million Mark haben. Ueber Anrechnung der Milttardier stzeit, roie 9t Hutton 2 sie will, schweben E'wfigungen zwischen den beteiligten R.ssorts. E'n Bedürfntß, diese Aniechnung auch auf die Unterbeamten auszudehnen, wie Singer es wünscht, besteht nicht, denn die Unteibeamten ermangeln der Vorbereitungszeit, wie sie bet den Beamten erforderlich ist. Für Singe, s weiteren Antrag besteht gar Lin Bedürfnis«, denn die Unterbeamten haben überhaupt keine Probedienstz-tl, auch wird ihnen bereits csii Theil der diätartschen Dienstzeit finghlermafeen als etatsmäßig angerechnet. Was die dritte Resclution der Commission anlangt, so ist die Ne- aierung schon bisher bemüht gewesen, Ungleichheiten zu vermeiden. Darin aber weiter zu geien, würde wieder zu Ungerechtigkeiten führen. 1 x teRfc 1 i
Referent Abg. Enneccerus führt aus, die Singer'schen Anträge seien in der Commission abgelehnt wo-den, er selbst aber habe für den ersten dieser Anträge gestimmt. Die Erhöhung des Gehalts der Landbriesträger sei von der Commission einstimmig für nöthig gehalten worden.
Unterstaattzsecretär im Reichspostamt Fischer weist sehr entschieden eine Redewendung Singers zurück, daß die Postoerwaltung
ein Privileg zu haben glaube, ihre Beamten schlechter zu stellen, alS alle anderen Ressorts.
Abg. Pauli (Rp.) bittet um Ausbesserung der Gehälter bei den technischen Beamten beim Pa'entami rc.
Abg. Hammacher (natl.) erk ärt, mitRückficht auf diefinanzi.llen Consequenzen zu seinem Bedauern nicht für den Antrag Singer stimmen zu können.
Abg. Schwarze (Ctr.) weist darauf hin, daß das Reich infolge der Einsüdrung des Altersstufensystems allein bet d«n Ponaisistenten und Unteibeamten mehrere Hunderttausende an Stellenzulagen spare. Das seien Härten, die ausgeglichen werden müßten. Für die dritte Lesung des PostetatS behält sich Redner einrn entsprechendea Antrag vor.
Abg. v. Leipziger (cons.) erklärt, die M-hrzahl der Conser- vativen werde für die Resoluttomn der Commission stimmen, aber ohne die S nger'schen Zusätze. Die wärmsten Beriheidiger hätten die Landbrtefträgcr unter den Cor.firoalioen.
Abg. Frbr. v. Stumm (Rp.) stimmt gleichfalls für die Resolutionen der Commission, aber mit dem Vorbehalt, daß die Finanzlage es gestatte, den Resolutionen zu entsprechen.
Die Resolutionen der Commission werden schließlich unverändert angenommen und die Anträge SingrrS abgehnt. Auch die Petitionen werden gemäß den Vorschlägen Der Commission erledigt.
Das HauS fetzt sodann die Etalsberathung fort.
Bei dem Etat der Reichseisenbahnen spricht
Abg. Graf Kanrtz seine Genugthuung darüber aus, daß im Etat für die Tonne Kohlen wiederum ein ntebrigenr Preis, 11 65 gegen 12.40 im Vorjahr und 13.80 vor 4 Jahren, eingestellt sei. Bei den preußischen Bahnen sei ein solcher Rückgang in den gezahlten Preisen leider zu vermissen.
Minister Thielen: Die Preise baten in den letzten Jahren ermäßigt werden können, weil ältere Verträge abgelauf<n waren. Ich muß aber dazu bemerken, daß die Qualität der billigeren Kohle die der früheren iheueren nicht ganzerreicht. Bei unserrn preußischen Bahnen lausen unsere filteren Verträge erst im Juli d. I. ab.
Abg. Lingens (C.) regt bann wieder die Frage der Sonntagsruhe an.
Minister Thielen: Diese ist im Fiachtverkehr vollständig auf dtn ReichSeisenbahnen durchgesühit, abgesehen natürlich von Zetten ausnahmsweise starken Verkehrs. Und ebenso steht es auf den preußischen Bahnen.
Abg. Lingens: Es würde von Interesse sein, wenn der Minister uns auch sagte, welchen Einfluß auf die moralische Haltung die Sonntagsruhe au^üot. (Heiterkeit.)
Minister Thielen: Daß die Sonntagsruhe einen guten sanitären und moralischen Einfluß auf bte Beamten ausüdt, davon bin ich fest überzeugt. Aber die Statistik läßt mich da im Stich (Heiterkeit), und ich glaube auch, die Beamten würden eine solche statistische Erhebung nicht gern sehen (Sehr richtig!)
Der Etat wird genehmigt.
Beim Etat des Reichseisenbahnamts erklärt Dtrcctor Schulz:
Feuilleton.
Wochenbriese ans der Residenz.
(Originalbericht des „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 21. Februar.
Fasching in der Residenz
Eine lustige und zugleich dankbare Aufgabe ist eS, die Ihr Correspondent heute zu lösen hat, denn nur freudigen Sinnes kann ein localpatriotischer Darmstädter über den 1896er Fasching berichten. Man hatte schon seit Wochen Niel von den großen Zurüstungen der „Narrhalla" zu ihrem Jubelfeste gesprochen, doch nun hat baS Fest selbst in der That alle Erwartungen übertroffen.
Am Montag fand gewiffermaßen zur Eröffnung der sich rasch folgenden FaschingSfreuben bte Aufführung ber neuen EarnevalSpoffe „Die zu enge Lackschdiewel" von LH. D'elmann statt. Es ist ein lustiges Stückchen, daS des Verfassers frohe Laune nach einem vorhandenen Stoffe b earbeitet hat. Der verehrliche Herr Zirkel, ein stud. arch. ber Technischen Hochschule, aber schon mit dem RegierungS- baumeisterpatent im Sack, wird barin als handelnder, noch mehr aber als leidender Held vorgeführt. Der Aermste muß nämlich infolge besonderer Trefflichkeit seines Schusters in zv engen Lackstiefeln wahre Höllenqualen auSstehen und geräth i während eines BalleS, der ihm feine Verlobung bringen soll, nicht nur in allerhand tragikomische (Situationen, sondern auch in die Gefahr, die Hand feiner Herzallerliebsten auf ewig zu verlieren. Schließlich geht natürlich aber Alles gut «aS und das Spiel endet mit dreifacher Verlobung. Das lustige, nicht ungeschickt gearbeitete Stückchen, in das launige EoupletS eingestreut waren, fand Dank sehr tüchtiger Darstellung vollen Erfolg und großen Beifall. Unter den Dar- sttllern ragte Herr Rupp hervor, außer ihm galt der bifonbereDank deS Publikums Herrn Hofschauspieler Wagner, bem vielbewährten Regisseur.
Nach ber Vorstellung, der natürlich auch Se. närrische Heoheit Prinz Carneval beigewohnt hatte, fand vor der uLrrischkn Residenz „Zur Oper" eine Serenade zu Ehren ders mächtigen CarnevalSfürsten statt, die natürlich echt curnevalistisch erledigt wurde. Aber die Hauptüberraschung brachte doch ber DienStag. Morgens gabS großes Frühstück
für den gelammten Hofstaat des närrischen Prinzen mit festlicher Tafelmusik, aber der Mittag brachte einen der Humor- vollsten und gelungensten Fastnachtszüge von allen, die Darmstadt gesehen.
Schon nach 1 Uhr fanden sich in der Frankfurterstraße die einzelnen Gruppen zusammen und bald nach 2 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Eine Überaus große Schaar bunter Harlekins bildete den Anfang, sie bahnte dem Zuge den Weg. Dann folgten zunächst, wie üblich, bte städtischen Latervenanzünber, Straßenkehrer, die Sprengwagen und Kehrmaschinen. Dann folgte als erste Gruppe eine prachtvoll costümirte Musikbande, hoch zu Roß. Hierauf nahie eine Überaus wirkungsvolle Gruppe des Gärtnervereins „Feronia", deren geschmackvolles Arrangement allgemein bewundert wurde. Eine zahlreiche marokkanische Gesandschaft an den Prinzen Carneval, nebst dem zugehörigen Harem, reihte sich nun an.
Eine der reizendsten Gruppen des ganzen Zuges war aber die nächste, die der JubiläumSbouquetträgerinnen, die von zwölf jungen Turnern dargestellt wurden. Die jungen Leute sahen ganz prächtig aus, und das Geheimniß, daß man eS hier gar nicht mit jungen Mädchen, sondern Herren zu thun hatte, wurde den meisten Zuschauern erst durch daS Zugprogramm und durch die Preffe enthüllt. Nun kam ein großer Prunkwagen deS „Orpheums" mit einer großen Schaar echter „Klepperbuwe", bann folgte aber eine humorvolle Gruppe auf die andere. Da war vor Allem daS „berühmte" Mainzer WaarenhauS, beffen Geschäftspraktik jüngst vor Gericht in eigenartige Beleuchtung gesetzt wurde, mit originellen Verkäufertypen, bann die „Verstaatlichung der LudwigSbahn" mit veritabler Locomotive und klagenden Actionären. Eine Abtheilung „Kneipptaner" brachte gar eine ganze „Villa Krautheim" mit Insassen auf hohem Wagen, die „Heff'sche Privatpost" mußte auch daran glauben, bekannte Vorgänge innerhalb ihres Betriebes lieferten guten Stoff zur Satire auf ihre „Canalrohrpostbeförderung", ferner die „Neustädter Brodfabrik", eine Erinnerung an eine schlaue geschäftliche Unternehmung vor etwa Jahresfrist, bann eine Veranschaulichung „radelnder" Kindermädchen mit militärischer Bedeckung. Eine „Bamberger Schülerkneipe" und „Universitätsleben" in Zürich betitelte Gruppe verspottete launig zuwcitgehende Bestrebungen ber Frauenemancipation, und die Lösung der Darmstädter „DolkSbadfrage" durch einstweilige
Errichtung dieser Anstalt im Marktbrunnen fand besonderen Beifall, namentlich wegen zahlreicher ausgezeichneter Typen. Nun folgte die Prinzengarde mit besonderer Capelle — im Ganzen gab eS deren im Zuge 8 — und inmitten seines glänzenden^wfstaateS Se. Närrische Hoheit Prinz Carneval, von Hrrrtv Röhrich gar würdevoll repräsentirt. DaS Courtis ber „Narrhalla" und noch eine „wilde Gruppe*, die „electrische Straßenbahn" vorstellend, reihte sich an.
Der Zug hatte damit fein Ende erreicht und er hat wahrlich seinen Veranstaltern Ehre gemacht. Freilich mußte man in „Localfragen" der Residenz eingeweiht sein, wenn man alle Pointen der einzelnen Gruppen verstehen wollte, diese aber waren fast ausnahmslos recht gelungen, und sehr erheiternd war eS daher, in Mainzer Blättern zu lesen, daß dem Darmstädter Zuge jeder Witz gefehlt habe. Daß es doch Leute geben muß, die dem nächsten Nachbarn auS Neid und Kleinlichkeit der Gesinnung jede Freude verbittern wollen. ES ist den Darmstädtern noch nie eingefallen, ihren Carneval dem der Mainzer an die Seite stellen zu wollen, denn daß daS Residenzpublikum nicht so carntvalistisch angehaucht ist, wie die „Meenzer", hat eS durch seine steife und ruhige Haltung während deS Zuges wieder von Neuem bewiesen. Dagegen ist es hier noch nie einem Berichterstatter eingefallen, den Mainzer Veranstaltungen mit hämischen Bemerkungen zu Leibe zu rücken, na man muß an Fastnacht Jedermann sein Vergnügen laffen. Die Darmstädter waren jedenfalls sehr zufrieden und das beste Unheil hörte mau auch von den vielen Fremden aus den Nachbarstädten, die zu Tausenden gekommen waren. Abends vereinte der übliche große Fastnachtsball noch einmal alle Masken. deS Zuges im Saalbau biß zum frühen Morgen. Am Mittwoch war bann große Kappenfahrt und auch diese verlief flott und lustig.
So ist das Jubiläum der „Narrhalla" in allen Theile« Wohl gelungen und nun tritt man aus der bunten Faschingszeit mit heiteren Erinnerungen in das Alltagsleben ein, bis der heitere Prinz Carneval nach Jahresfrist wieder znm Scepter greift und fein Narrenreich eröffnet.
Der Bericht über den Carneval möge den heutigen Brief schließen, was sonst «och aus dieser Woche nachzutragen wäre, berichten wir in gedrängter Kürze baß nächste Mal.


