Besitzungen im Lütterthal zurück. Jetzt ist von ihnen jegliche Spur verschwunden.
Ueberall im Lande sieht mau Bilderstöcke, Heiligenbilder und Kreuze, nicht selten aus der Zeit des 30jährigen Kriege-. Während der Krieg Dörfer und Städte einäscherle, schonte der wilde, verrohte Soldat ein Holz« oder Steinkreuz, da» der einfache Laudmann aufgestellt hatte, nachdem der Tod an feinem Weibe oder Kinde vorübergeschritten war. Oefter- stehen auf schroffen Felsen die drei Kreuze von Golgatha, das beliebte Ziel der Prozessionen und Wallfahrten. Die katholische Kirche entfaltet bei Feierlichkeiten uud^Festen eine Pracht und einen Aufwand, was mit unserem einfachen pro- testantischen Gottesdienst in schroffem Gegensatz steht. DaS geistliche Regiment ist im Allgemeinen ziemlich streng, doch gibt- auch wiederum unter den Priestern viele lustige Leute, die den Scherz zu nehmen wiffen. So sangen neulich junge Lehrer auf einer Leiterwagenfahrt am Fuße der Wafferkuppe frisch und frei:
„Manches feiste Pfäffelein Ladet ihn zum Frühstück ein" — trotzdem ein kugelrundes Caplänchen Zügel und Peitsche führte.
Die Rhöa ist ziemlich stark von Fremden besucht, am meisten weiß der Fulder die billige Sommerfrische zu schätzen. Die meisten Leute theilen noch da- falsche Unheil von Hunger über die Rhöa. Doch sie mögen getrost sein, der Magen wird ihnen niemals knurren. Fleisch in Hülle und Fülle, schmackhafte-, herrliches Roggenbrod, Forellen, Eier, Milch und Käse, Bier von.Fabian Storch und Rhöusprudel vom WeikardShof, alles ist danach augethan, des Menschen Herz zu erfreuen, und sollte sich unter den Besuchern ein Feinschmecker etnstellen, der Rhöuhase läuft viel im Laude herum und in einer Größe, vor der sich alle Lampen NiederheffenS bescheiden müssen. DaS Feldhuhn kostet hier noch 75 Pfg.
Ich wünsche jedem Besucher, der daS Gebirge mit der Rhöndistel auf dem Hute verläßt, einen gleichen liebfreuvd- lichen Eindruck mit nach Hause zu nehmen, wie er mir während der vierwöchigen Durchstreifung zu Theil geworden ist. F. L,
Sonntag den 20. September
Nr. 2 2
Drittes Blatt
S8O3
Gießener Anzeig er
Keneral-Mnzeiger
Aints» und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren.
Hratisöeitage: Hießener Ikamitienölättcr.
Amtlicher Theil
ng Gegr. M ♦
LindeSnaeS sinkend anqetroffen hatte.
mit einem Dampfer ander angeblich in Leipzig
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» io kg enden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux de- In« und Lu-lande- nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" tntgegetf?
Die Gießrner P«»irte»vlLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Kopenhagen, 17. September, heute als Anarchisten einen früh Stettin eingetroffenen Reisenden, geboren ist.
Kopenhagen, 17. September.
Der chietzener Anzeiger «richeint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.
Grünberg, 18. September. Allgemeine Volks- Versammlungen finden morgen, Sonntag, statt zu Grünberg im Rappen Mittags 2*/z Uhr präci-, zu Treis a. d. Lda. Abends 8 Uhr. Redner find in den beiden Versammlungen ReichstagSabg. Bindewald, LandtagSabg. und ReichStagS- Candidat Köhler und LandtagS-Candidat Julius Fleischhauer.
Schotten, 18. September. Die zweite Hauptversammlung des „LehrerheimS Vogelsberg" wird am 3. Oktober in den Localitäten des Lehrerheims abgehalten. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Rechenschaftsbericht über den jetzigen BereinSstand, 2. Berathung über die Aufbringung weiterer Mittel zur vollständigen Einrichtung des Lehrer-
Nr. 31 des ReichS-GesetzblattS, ausgegeben den 17. d. M., twthält:
(Nr. 2337.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Auf- nehme einer Anleihe auf Grund der Gesetze vom 16. März 1886, 29. März 1895 und 29. März 1896. Vom 5. September 1896.
(Nr. 2338.) Bekanntmachung, betreffend die technische Lmheit im Eisenbahnwesen. Vom 28. August 1896.
Gießen, den 19. September 1896.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
iaar ■'Weine. ।
sofort zugesandt. ।
lner Sprechstunden er t bekannt.
Dauer des Congresses ist auf acht Tage berechnet. $ Die Polizei verhaftete
Frage betreffend die Regelung des internationalen Verkehr» der landwirthschastlichen Produkte führte Ruh land auS, die Umtriebe des GroßcapitalS drückten die Preise und die Manipulationen der Börsen richteten die Lavdwirthschaft zu Grunde. Demgegenüber erklärte Schmoller die Ausführungen des Vorredner- für Uebertreibungen, namentlich sei eS eine Uebertreibuug, die Börse sür Alle- verantwortlich zu machen. Lexis (Göttingen) hob hervor, die doppelte Valuta könne dem bestehenden Uebel nicht abhelfen. Bon einer allgemeinen wirthschaftlichen Depreffton könne keine Rede sein, sondern nur von einer Krise der Landwirthschaft. Arendt vertrat alsdann den bimetallistischeu Standpunkt. Zu Ehren deS Congresses veranstaltete die Stadt ein Festesten.
Paris, 17. September. Heute Mittag wurde der internationale meteorologische Congreß eröffnet. Zum Präsidenten wurde MaScart-PariS und zum Vicepräfi- denten Geheimrath Dr. v. Bezold-Berlin gewählt. Die
Gießen, den 16. September 1896.
Vktr.: Die Ableistung des Huldigungs- und VerfaffungSeideS. Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen a» die Gr. Bürgermeistereien der Amtsgerichtsbezirke Grünberg und Homberg.
Die Ableistung des Huldigung«- und Verfassungseides bec in Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Ottsbürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Unterthanen, welche sich, ohne OrtSbürger zu werden, verheirathet haben, soll Samstag den 3. October d. I., Vormittags 9 Uhr, in dem Rathhause zu Grüuberg ftattfinden.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Per- soien zu dem Termine vorzuladen und wie geschehen unter Lmgabe der Namen der Vorgeladenen anzuzeigen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.
v. Gagern.
Att-Urvd.
Pest, 17. September. Der Internationale land- wirthschaftliche Congreß, zu welchem al« Vertreter aus Deutschland der Geheime Ober-RegierungSrath Dr. H. Thiel, Professor Conrad-Halle unb Dr. Krems erschienen sind, wurde heute Mittag im Prunksaale der Akademie der Wissenschaften vom Ackerbauminister Dr. Daranyi mit einer längeren Rede eröffnet, in welcher er zunächst den Staaten, Regierungen und Körperschaften dankte, welche Vertreter zu dem Congreß entsandt haben. Alsdann sührte der Minister aus, daß eS gemeinsame Uebel und gemeinsame Heimsuchungen seien, welche die Mitglieder deS Congresses hier zusammengeführt hätten. Die Landwirthschaft habe — so könne man wohl sagen — schwere Tage zu bestehen, und eS sei eigenthümltch, daß sowohl exportirende wie importirende Staaten in gleicher Weise ^uuter der Rückwirkung dieser Thatsache leiden. Die Staaten müßten nicht nur alle berechtigten Bestrebungen, welche geeignet find, der landwirth- schaftlichen Production günstige Bedingungen zu sichern, aufmerksam verfolgen, sondern müßten dieselben auch nachdrücklich unterstützen. Bei der sich hier anschließenden Besprechung der einzelnen dem Congreffe zur Erörterung vorgelegten Fragen äußerte der Minister die Hoffnung, daß der Congreß bei der Berathung der Fragen nicht das aufsuchen werde, was die häufig nur scheinbaren Gegensätze zwischen den einzelnen wirthschaftlichen Klaffen noch mehr verschärfen, sondern vielmehr da», was dieselben verbinden kann. End- lich gedachte der Redner der tausendsten Jahreswende seit deS Bestehens deS ungarischen Staates und schloß mit den Worten: „Große Ziele, große Interessen und große Schick- salsschläge haben diesen Congreß zusammengesührt, doch gestatten Sie uns, in der so zahlreichen und glänzenden Vertretung der gebildeten Welt auf diesem Congresse ein Zeichen und Unterpfand jener Sympathien zu erblicken, welche die Brudervölker der ungarischen Nation entgegenbringeu. Empfangen Sie hierfür unseren patriotischen Dank und wollen Sie glauben, daß jeder Ungar sich dessen freut, daß Sie hierher kamen, und daß jeder Ungar Sie hier willkommen heißt."
Pest, 17. September. Internationaler land- wirthschaftlicher Congreß. Bei der Berathung der
DaS russische Kaiserschiff „Standort" kehrte heute von einer Probefahrt in der Nordsee zurück und brachte eine Besatzung von 18 Personen vom norwegischen Dampfer „Corisande" mit, den eS bei
ut^ billigst besorgt.
Deutsche- Reich.
Dessau, 17. September. Die 49. Jahresversammlung beB Gustav-Adolf -Vereins beschloß auf Einladung des OctsvereinS Berlin, die nächste Jahre-versamwlung im Jahre 18'97 in Berlin abzuhalten.
vierteljähriger A-ouAemevtspret«» 2 Mark 20 Pfg. nrtl Bringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Rebaction, Lxpcditto» und Druckerei:
-ch»rstr-heAr.7.
Fernsprecher 51.
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d. Schmidt
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(iflderschnnt
Feuilleton.
Die Rhön.
(AuS der „Casseler Allgemeinm Zeitung".) (Schluß.)
Ein Rhöner LandschastSbild ist über alle Maßen schön, hoch oben am scharsumgrenzten Horizonte ragt der kahle krrgrückea, häufig mit starren Felsen geziert, heraus. Die Äthänge find herrlich bewaldet, hie und da leuchtet ein toühe» Dach, ein Heller Schornstein aus dem Grün hervor. Die Gehöfte und Hütten dehnen sich, 1/l bis 1/i Stunde ion einander entfernt, den ganzen Abhang hinunter, über den ö«ilb hinaus, in bie Felder, di» an die Mühlen im Thal- liffiel. DaS alles macht den Eindruck eine» anmuthigen, eben oiig der Schachtel kommenden Kindersp'elzeugeS, Baum und Ham- an die Gehänge geklebt in malerischer Schönheit. E- lsmmt öfters vor, daß ein Dorf, z. B. die Gemeinde EberS- dcrg, fünf Stunden im Umfang hat. Ziemlich inmitten dieser Schöfte befindet sich das SchulhauS. Jedem Kinde soll der Schulweg möglichst nahe gemacht werden.
Die höchste Spitze der Rhön liegt auf hessischem Gebiete, ic 960 Me er hohe Wafferkuppe. Von Abtöroda ist unser hessischer Mont Blanc leicht zu erklimmen, ein schattiger Mzackweg führt an dieser ziemlich steilen Bergseite hinauf Mrect auf daS SchutzhauS. Der Aufstieg von Süden ist sicilich viel bequemer, da hier die Wafferkuppe in einen flachen grünen Bergrücken sich allmältg abfenkr, bis an die iberischen Berge - doch wird man den Berg von dieser Seite la seiner Majestät nie vollkommen erkennen können. Ziemlich ho»ch sprudelt aus der Wafferkuppe die Fulda hervor. Wohl Rancher, der ihre Quelle ausgesucht hat, um sie auSzu- niaken als bösen Streich gegen die Kaffelaner, hat bald sein kiitzne» Unterfangen eingestellt, da ihm daS kühle Quellwasser olljjn grimmig den Magen erfrischte.
Der Rundblick von der Wasserkuppe ist überaus präch- Außer den übrigen Rhönbergen erblickt man den Vogels- btog, die niederhesfischen Höhen und den Thüringer Wald. Amf der Hochebene südöstlich der Wasserkuppe dehnt sich ein Imger, röihlich brauner Streifen auS, daS rothe Moor, toO'
her die bayerischen Bäder ihr Moor beziehen. Vor vielen Jahren sollen hier zwei Dörfer versunken sein und noch heutzutage stellen die Moorjungfrauen mancherlei Unfug an. Ganz hinten am südlichen Horizont liegt der heilige Kreuzberg, mit dem Feldstecher ist das Kloster an der Bergwand deutlich zu erkennen. Gar Mancher wird sich bei diesen Zeilen de» freundlich-behäbigen PaterS Stdoniu», der wohlgefüllten Maaßerl und des herben Katers in den Klosterbetten erinnern. Man denkt sich zurückversetzt in eine ferne, verschwundene Zeit, wenn man unter den braunen Kutten einhergeht, wenn der Pater Vicar vom Klosterthore au» den letzten Gruß zu- winkt. AuS den zahlreichen Bergen nördlich der Wasserkuppe ragt die Steinwand, der Teufelsstein und die Milseburg hervor. Die Steinwaud besteht aus ungeheueren, zerklüsteteu Felsen, die erst durch Absturz anderer Massen zu Tage getreten find. Der Teufelrstein erhebt sich, ein nackter Basaltblock, über seinen waldigen Berg empor, die Milseburg ist mit Kreuz und Capelle geschmückt, eine Zierde, die so recht zu dem im VolkSmund „Sarg" genannten Berg paßt. Westlich vom Fuldathal erstreckt sich in langem Zuge das Dammer»- feld mit vorzüglichen Rhönwiesen. An seinen Abhängen dehnen fich stattliche Wälder bis ins Fuldathal hinunter.
Die einzige Ruine befitzt die Rhön in der Ebersburg, nordwestlich der Wasserkuppe. Auf steilem Basaltkegel erheben fich über zerbröckeltem Trümmerwerk zwei Thürme, der eine als AuSsichtSrhurm ausgebaut und zugänglich, während der andere an einer unheilbaren Wunde, einem klaffenden Riß, immer mehr zerfällt. Der EberSberg ist eine Art Phonolit- Klingstein.
Es ist ein wackertapferes Geschlecht gewesen, das hier oben hauste. Unbekümmert um ReichSacht und Bannstrahl hat eS seine Raubritterzeit tüchtig ausgenutzt, trotzdem ihm mehrere kriegerische Abte auS Fulda daS Handwerk erschwerten. Während das Volk unter einer fast tausendjährigen geistlichen Herrschaft in seinem Fühlen und Denken ganz in Religion aufgegangen ist, bewahrten fich die EberSberger einen freien, unabhängigen Sinn, ja, einer stach sogar mit einigen adeligen Spießgesellen den Fuldaer Abt im Dom während des Gottesdienstes nieder. Die EberSburg ward erstürmt und zer- trümmert, der Uebelthäter wurde zu Frankfurt a. M. aufs Rad geflochten und die letzten EberSburger zogen sich auf ihre


