Ausgabe 
18.1.1896 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

lebe hoch!" da bricht ein Sturm der Begeisterung lo-, wie ihn die Versailler Spiegelgalerie wohl noch nie erlebt hat. Die Klänge der Volkshymne vermögen kaum die hallenden Hurrahs der Offiziere und Mannschaften zu übertönen- der Fahnenwald auf dem Hochtritt neigt sich rauschend über dem ehrwürdigen Kaiserhaupte- Helme und CäppiS «erden ge­schwungen, fiebernde Arme reißen die Schwerter aus der SHeide und laffeu den funkelnden Stahl hoch in die Luft züngeln. Für solch einen Kaiser kämpfen, für ihn siegen ocer sterben welch köstliches, beneideuSwertheS Soldaten- Ioo5! so denken sie alle, denen in diesem ergreifenden Augen­blicke daS Herz in der Brust bi- zum Halse schwillt. Es ist ein Jubel ohne Gleichen, lieber wettergehärtete bärtige Wangen rieseln die Thränen, junge Offiziere umarmen und küssen einander. Selbst in dem schmalen, unbeweglichen Denkerantlitz des alten, kühl wägenden Moltke zucken die Muskeln und leicht vornüber gebeugt steht er und schaut tief bewegt und erschüttert in das ehrwürdig-menschenfreundliche Antlitz seines hohen und gnädigen Kriegsherrn.

Der Kronprinz will als erster Unrerthan vor der kaiser­lichen Majestät das Knie beugen, aber der erlauchte Vater bebt ihn auf, zieht ihn an die Brust und küßt ihn auf beide Wangen.

Ja, donnert nur draußen, ihr fränkischen Artilleristen, und schmettert eure Zuckerhüte vom Valerien hernieder, ihr ahnt nicht, waS hier vorgeht, sonst würdet ihr euer nutzlose- Geschieße entumthigt einstellen, denn nun, da Germania end­lich ihren lorbeergekrönten und kaiserlichen Helden und Bräu- ttgam gefunden hat, nun erst ist sie wahrhaft und unüber­windlich geworden und bald wird die prahlerische, groß­mäulige Lutetia vor den reisigen Schaaren, die heute diesem hehren Brautpaare als Trauzeugen dienen, capituliren müssen!

Jetzt nimmt der neue Kaiser die Glückwünsche der Fürsten entgegen und läßt die andern Festtheilnehmer bei sich vor­über defilieren - dann verläßt er unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsche- die Spiegelgallerie und gewinnt durch den benachbartenFriedenSsaal" den AuSgang aus dem Schlosse- die grüne Hochzeit, die Verbindung de- kaiserlichen Hohenzollern mit der stolzen Braut Germania, ist vollzogen.

Fünfundzwanzig Jahre find vorübergegangen wie im Fluge! Eheu fugaces! seufzen wir Alten, denn wie lang auch ein solcher Zeitraum der jüngeren Generation erscheinen mag, uns ist er wie ein Traum gewesen, wie ein einziger Flügelschlag der schnell vorüber schwebenden Horen. Heute aber schmücken wir da- Bild unsere- Kaiser- mit einem sil­bernen Zweiglein, wie eS sich am Tage der filbernen Hoch» zeit gebührt, denn der Kaiser stirbt nicht: Wilhelm der Erste ist zwar entschlafen, dafür haben wir aber Wilhelm den Zweiten, der der Erbe aller Rechte und Pflichten feine- großen Ahnen ist. Möge der Allmächtige unserm Kaiser und Silberbräutigam auch ferner Kraft verleihen zu einem weisen und segensreichen Regimente und der Silberbraut auch sür die nächsten fünfundzwanzig Jahre äußeren Frieden und stetiges innere- Wachslhum und Gedeihen schenken! Dann werden im Jahre 1921, wenn wir Alten vielleicht langst zum großen Appell abmarschirt sein werden, die Heu- iigen Jungen, denen bann auch das Haupthaar silbern schimmern wird, die goldene Hochzeit feiern, die goldene Hochzeit des kaiserlichen HohenzollernhauseS mit der ewig jugendlichen Germania, die, wie eine Göttin, mit der stei­genden Zahl der Lebensjahre nur immer schöner und herr­licher wird.

Ein dreifach donnernde- Hoch, so überzeugungstreu und voll so jubelnder Begeisterung, ro* einst am Tage von Versailles, dem Kaiser und dem Reiche! Gott schütze und erhalte sie beide in Segen und Ehren!

Die wirthschaftlichen Jntereffen Deutsch­lands in Sildwest-Afrika.

Wiederholte Angriffe auf die deutsche Lolonialpolitik im Reichstage und die leider auch vorgekommenen Ruhestörungen in den deutschafrikanischen Colonieen mit ihren nachtheiligen Folgen sür die Entw ckelung des deutschen Handel- und Plantagenbaues in Afrika habrn die üble Folge gehabt, daß man die wirthschaftlichen Interessen Deutschlands in Afrika vielfach gering achtet. Welch ein bodenloser Jrrthum daS aber sein würde, beweisen die jüngsten Vorgänge in der im südwestlichen Afrika gelegenen Buren Republik Transvaal. So leben, wie man jetzt zuverlässig erfährt, in Transvaal über 3000 Deutsche, welche theils al- Colovlsten, theilS als Handwerker dort sich dauernd niedergelassen haben. Außerdem haben aber auch deutsche Kaufleute und industrteelle Unter­nehmer in dem an edlen Metallen reichen Transvaal bereit- sehr bedeutende Geschäste und Fabriken gegründet. Der Deutsche, Eduard Lippert, ein Hamburger, der feit 1866 in Transvaal lebt, hat dort gewaltige Fabriken angelegt, darunter die dort unentbehrlichen Cemenl- und Dynamitfabriken- eine von ihm gemachte Waldanlage ist für die landwirthschastliche Entwicklung von einschneidendster Bedeutung geworden. In Verbindung mit Siemens und Halske ist von ihm die größte electrische Kraftanlage der Weir geschaffen worden, die über 4000 Pferdekräfte verfügt. Vertreter deutscher finanzieller Interessen nehmen hervorragende Stellungen in Transvaal ein. Mit deutschem unb holländischem Gelde ist ferner in Südwest-Afrika hauptsächlich die Delagoabahn gebaut worden. Hauptsächlich durch deutsches Geld ist auch das sehr umsang­reiche Metallurg sche Institut in JohanniSburg, der Hauptstadt von Transvaal, gegründet worden. Durch deutsche Capita- listen ist die für Südafrika ganz unentbehrliche Gold- und Silber-Scheideanstait errichtet worden, deren Sitz in Frankfurt am Main ist. Deutsche Waarenhäuser haben in der Haupt­straße von Johannisburg die größten und schönsten Läden. Die Waarengeschäste von RolsS und Nebel, ersterer ein Lübecker, der letztere aus Frankfurt am Main, und daS Waarengefchäft von Königsberg, einem Hamburger, beherrschen geradezu den Platz. Eine kürzlich angestellte Berechnung hat

auch ergeben, daß mehr als 'ünfzig Millionen dentscheS Capital an den Minen beteiligt find, überwiegend nur bei denen, welche in den tollen Taumel des vergangenen Jahres nicht hineingezogen waren, sondern als die soliden und znver- läsfigen fich erwiesen. Dieselben stehen technisch und finanziell unter deutscher Leitung, wie der des Süddeutschen A. Wagner. Die geachtetsten Aerzte in JohanniSburg find Deutsche, auch die Handwerker aller Art, Maschinisten und auch solche Ar­beiter, welche am meisten gesucht werden, find Deutsche in Transvaal.

Deutscher Reichstag.

17. Sitzung. Donnerstag, den 16. 3<metr 1896.

Auf der Tagesordnung steht der Antrag Kanitz, betreffend Erzielung einer Befeffigung der Getreidepreise auf mittlerer Höhe für die Dauer der bestehenden Handelsverträge (Verstaatlichung de« Handels mit ausländischem Getreide).

Adg. Graf Kanih: Die Annahme, daß fich die Getreidepreise auch ohne laß von uns vorgefchlagene Mittel heben würden, hat fich nicht erfüllt. Die Getreibepreise find infolge bet gesteigerten ausländischen Einfuhr nach wie vor ominös für die bensche Lanb- wtrthschast- daS Getrcide kann nur mit Verlust hergestellt öerben. Auch Handel und Industrie find bei der herrschenden landwirth- schaftlichen Calamttät in Mitleidenschaft gezogen, rote dies zahlreiche Handelskammern erkennen lassen. Der neueste Hamburger Handels­kammerbericht lautet allerdings etwas anders, wohl, weil es den Regierungen nicht erwünscht ist, wenn die Handelsverträge nicht rückhaltlos gelobt werden. Wir wissen aber, was von solch bestellter Arbeit zu halten ist. Man tadelt an unserem Anträge die B.od- vertheuerung. Aber der Antrag will doch auch Brodverbilligung in Zeiten der Roth. Daß unser Antrag den Handelsverträgen formell zuroiderläuft, glaube ich nicht. Aber daS Interesse unserer VertragSfiaaten an unveränderter Aufrechterhaltungder Verträge ist auch gar nicht so groß und eS könnte unseren Regierungen nicht so schwer sein, eine Abänderung der Verträge zu erreichm Man hat den Antrag socialistisch genannt, aber dann wären doch ebensogut die Zölle socialistisch! Und roenn der Antrag wirklich socialstisch wäre, wes- bald haben denn Herr v. Vollmar u. Genossen dagegen gestimmt? Nach Ansicht dieser Herren muß der Bauer erst animtrt werden; wir dagegen wollen das eben nicht. Irgend eine wirksame HUfe muß kommen; will man diesen Antrag nicht, so mache man bessere Vorschläge. Mögen die, in deren Händen die Macht liegt, Umschau im Lande halten und sich die letztjährigm Verheerungen ansehen. Eine Regierung, die sich dem verschließt, nimmt eine Verantwortung auf sich, d e fie nicht traaen kann.

StaatSsecreiär v. Marschall: Der Antrag greift weit hinaus über eine interne Maßregel und seine Annahme würde unsere internationalen Schiebungen schwerer altertren. Schon bafl Dasein des Antrages schafft schwere Beunruhigung. Ich gebe zu, daß In westen Kreisen deS Reiches über landwirthschastliche Nothlage ge­klagt werden kann. Die Regierung ist allezeit bereit, alle Anträge, die ihr zur Besserung der Lage der Landwirthschaft gemacht werden, sorgsam zu berathen. Daß wir auch Thaten, nicht nur Worte haben, zeigen Ihnen doch die schon gemachten Vorlagen. Niemand leugnet, baß die Verminderung der Kaufkraft der Landwirthe auch andere Kreise in Mitleidenschaft zieht. Die Handelsverträge haben aber keineswegs die Lage verschärft. Wer sich zu einer dahingehenden Auffassung bekennt, müßte auch behaupten, daß, roenn wir die Handelsverträge nicht abgeschlossen haben, wir bann jetzt auskömm­liche Getreibepreise hätten. (Rufe: ja.) Wie ist beim in Frankreich bas Resultat ber Zollerhöhung gewesen? Da zeigt Ihnen benn der CourSzettel, baß wir jetzt sogar in Köln höhere Geireidepreise haben, al« in Paris! Hätten wir keine Handelsverträge abgeschlossen, so würben wir also noch ben 5 M'. - Zoll, aber wahrscheinlich k.ine höhere Getreibepreise haben. (Rufe recht«: ja wohU) Daß trgenb eine Regierung einen Wunsch an bie Hanbelkkammer gerichtet haben soll, zu Gunsten ber Hanbelsverträge zu berichten, ist voll­kommen unrichtig. Keine Regierung würbe jemals einen solchen Wunsch äußern, unb roenn eS geschehe, würbe keine HanbelSkammer dem Wunsche stattgeben. Wer heute nicht für ben Antrag Kanitz stimmt, gilt freilich als Manchestermann. Ja, wie wollen Sie benn Diejenigen bezeichnen, welche seiner Zeit ben Zoll auf 1 Mk. festfetzten. (Sehr richtig link«). Sie reden von ber nationalen Arbeit bet Lanbwirthschaft. Aber auch unsere Ausfuhr ist nationale Arbeit, eS klebt viel Arbeitslohn baran. Glauben Sie nicht, baß, roenn bieser Thest unseres Geroerbestanbes nothleidet, irgenb ein anberer Theil davon Nutzen haben kann! Unb unsere Ausfuhr können wir, bem Auslanbe gegenüber, nur schützen, burch einen Ausgleich. Jvr Kampf argen bie Meistbegünstigung ist um so absonberlicher, als vor 25 Jahren unser größter Staatsmann mit Frankreich die Meist­begünstigung abgeschlossen hat. Der Antrag Kanitz ist 1. unmöglich, 2. nicht durchführbar, 3. erregt er focialpolitifch die schwersten Be­denken. Die jetzige Form bf« Antrages enthält ja gegen bie frühere eineVerbesserung, inbem sie bemBunbeSrath bieLösungberFrage anver­traut. Der BunbeSrath wirb aber biefem Vertrauen nicht entsprechen können. Was Sie verlangen, läuft nicht auf eine Revision, fonbern auf eine Negation ber Verträge hinau«. Ihr Antrag steht mit bem Begriffe eines Vertrages in Wiberfpruch. Vorredner hat angebeutet, rotr könnten mit überseeischen Staaten einen Vertrag abschli.ßen, um unfern B-barf nur von ihnen zu beziehen unb baburch unsere Ver­tragsstaaten zum Verzicht auf ben Vertrag zu zwingen. Das wäre eine« großen, unabhängigen Staates unwürbig. Der Antrag ist auch unburchführbar. Da« Reich müßte ja sonst jeben Augenblick die nöthigen Quantitäten und Qualitäten auf Lager haben für den Bedarf und roenn das Reich Angesicht- des Schwanken« der Ernten dabei Jrrthümer begeht, was bann? Was für Ansprüche würde ber Bauer an baS Reich erheben, er würbe verlangen, fiberzeit in brwselben einen Käufer zu finben. Unb was müßten nicht bei einem solchen HanbelSmonopol für Beamte angest«llt, für Control- einrichtungen geschaffen werben, kurzum Alle« Einrichtungen, bie dem deutschen Bauer verhaßt sind. Wenn Sie da« Alles dem deutschen Bauer sagen, wird es mit der werbenden Kraft be« An­trags vorb-i fein. Was würben Sie sagen, wenn von anderer Sette verlangt würde, das Reich solle Normallöhne gewährleisten (Sehr richtig! link«) Wie würde eS das Gerechtigkeitsgefühl verletzen, wenn eine Reihe potenter Existenzen in die Fürsorge des Antrag« Kanitz eingeschlossen werden? (Sehr richtig! link«.) Und wenn nun der Wechsel, ben Sie mit bem Antrag Kanitz ziehen wollen, nicht eingelöft würbe, was würbe eS benn für Verbitterung berootrufen, wenn er roteber beseitigt werben muß Ihrem großen Mittel stellen vir bas Programm ber kleinen Mittel gegenüber: überall einzu­greifen, wo es geboten unb zweckmäßig erfcheint. Diese« Programm bat vielleicht weniger werbenbe Kratt, aber desto sichereren Erfolg. Je mehr Sie da« Erreichbare in« Auge fassen und je mehr die be­sitzenden Klassen ein Beispiel geben «n der Genügsamkeit, um io sicherer werden wir da« Ziel erreichen unb den Beweis liefern, daß auf dem Boden der heutigen Gesellschaft alle Kreife des Volke« den gleichen Schutz de4 Staate« genießen (Lebhaftes Bravo, untermischt mit Zischen recht«.)

Adg. Graf Galen (Str.) stimmt mit den Anschauungen des Siaatssecretär« voll überein. Die Monopolrfirung de« ausländischen Getreides müßte sicher die de« auSlärdsichen nach sich ziehen. Der Antrag zerstört daher bis in bie tiefsten Wurzeln bie letzten THelle unserer christlich socialen Weltorbnuna. i te Verhältnisse bet Land- wirihschast find in ben verschredenen Thellen be« Reiche« ganz ver- i(biebene. Hauptgrunb bet Nothlage ist bie Verschuldung unb bie Vererbungsreform nach römischem Recht. Da« Zentrum wirb ein« müthig gegen ben Antrag stimmen, auch gegen Eommisfionsoerweisung desselben.

Adg. Gras Schwerin-Läwitz (c.) tritt für den Antrag Kanitz

ein Mit demselben sei keineswegs eine V ...irung beabsichtigt, sondern ein Ausgleich in ben Preisen, was mathematisch sogar einer Verbilligung gleichkomme

Adg. Rickert (srs.): Daß bie Bauern nicht hinter bem An­träge stehen, beweisen bie Wahlen in Kolberg, Köslin unb Herfard- Halle, wo getabe ber Antrag Kanitz bie Ursache ber conservativen Riebet läge gewesen sein soll. Die Lanbwirthe find ja überhaupt nur aufgehetzt worben, so baß eS allerdings kein Wunder ist, wenn ihnen nachgerade die Freude an ihrem Berufe abhanden gekommen ist. Sie wollen ein halbes Monopol auf fech« Jahre ober acht. Für bleie paar Iahte wollen Sie unser ganze« commetclelles System Uber ben Haufen werfen. Wie viel Lanbrorrthe hätten von dem An­träge Kanitz Vorthell? 76 pEt., wie Ihnen Graf Caprivi gesagt bat, verkaufen kein Getreibe. (Plötz ruft: Stimmt richt!) Eine genaue Enquete barüber fehlt noch (Plötz: Ist längst veröffentlicht. Sie lesen nur nicht alle verstänblgen Blätter.) (Heiterkeit.) Ach, Ihre Enquete ist längst al« unrichtig erwiesen. Wett zuverläsfiger ist die ber bayerischen Regierung Ja bieser wirb ein allgemeiner ver­zweifelter Nothstanb nicht anerkannt. Unb wo ein Nothstanb gt« funben würbe, da würbe als Urfache prtfönliches Verschulben der Lanbwirihe erkannt, vor Allem mangelnbe, fachmännische Bewirtb- schaftung. Sie fördern mit Ihren Agitationen nur ben Pessimis­mus ber Lanbwirthe, bas ist da« gemeingefährliche an Ihrer Agi­tation, Herr v. Plötz! (Dieser ruft: Nun lasten Sie meine Person in Ruh!) Sinb benn bie Preise ber Güter etwa so heruntergegangen, wie e« Ihren Angaben bezüglich Rückganges ber Rente zufolge der Fall sein müßte?

Abg. Graf BiSmarck (fraciionSloS): Dar Antrag ist nur ein Nothbehelf, ebenso wie die Schutzzölle. Ideal wäre eS ja, wenn jedes Gewerbe eine« solchen Schuhe« entbehren könnte. Ader in so idealen Zeiten leben wir nicht. Zweifellos hat ber Antrag Kanitz werbenbe Kraft gehabt. Unzutreffenb ist bie Behauptung, baß der Antrag nur ben Großgrunbbesitzern biene. Schon feine Unterschritten ieigen, daß der Antrag auch den Rücksichten auf bäuerliche Jntereffen entsprungen ist. Die Nothlage ber Lanbwirthe leugnet wohl Niemand ganz, man streitet nur über da« Wie ber Hilfe. Auch baß um die­selbe die Regierungen sich bemüht haben, erkennen wir an. Ad« das Vorgehen betsplelSweise zur Hebung de« lanbwirthschaftlichen CrebiiS ist boch auch nicht ohne Scheuten. E« wäre wohl richtiger, ben Crebit eher zu erschweren, alS zu erleichtern. Jebensall« ver­dient der Getreidebau Schutz. Der Ausfuhrhandel ja aflerbtagl auch, aber bie Bebeutung ber gefammten landwlrthfchastllchen Pro- buction ist boch eine höhere. Wir halten ben Antrag für unburch­führbar. ES wirb Sache bet Regierung sein, etwa« Bessere« zu finden. Fällt der kleine Landmann den Socialrevolutionären in die Hände, so ist er gefährlicher al« der Industrie-Arbeiter.

Nachdem noch Abg. o. BernStorff-Uelzen gegen ben Antrag gesprochen, wirb bie Weiterberathung auf morgen vertagt.

Nutzeste na^tic^teiu

Wolff« telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 16. Januar. Der Statthalter Fürst zu Hohenlohe-Langenburg ist hier zur Theilnahme an ben Feierlichkeiten be- 18. Januar elngetroffeu.

Berlin, 16. Januar. Der Elfer-Au-schuß ber conservativen Partei trat heute im Reich-tag-hause zu einer Sitzung zusammen.

Bordeaux, 16. Januar. Ein unbekannter, anscheinend vierzigjähriger Mann drang in ber Börse in bie Adtheiluvg ber Börsenmakler ein und schlug mit einem dicken Stocke um sich. Ein Makler wurde ziemlich schwer verletzt. Ein anderer warf fich auf den Mann, welcher gefeffelt der Polizei über» geben wurde. Bei demselben wurden anarchistische Schriften vorgefunden. 5^1.7 ~

London, 16. Januar. Die Admiralität macht be­kannt, die Nachricht von dem Bau zehn neuer Kreuzer sei irrig, feien nur Angebote auf den Bau von fünf Kreuzern 3. Klasse eivgeforderr worden. Die Nachricht, daß die Küstenwache im Themse-District einberufen fei, ist unbegründet.

Dapesch« M Bureau .Herold'

Berlin, 16. Januar. DerReichsanzeiger" veröffeut- licht da- Eeremoniell zu der morgen im Königlichen Schlosse Hierselbst ftatrftnbenben Versammlung der capitel- fähigen Ritter de - hohen Orden - vom Schwarzen Adler. An der Feier werden da- Kaiserpaar, die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hause-, sowie alle in Berlin anwesenden Fürstlichkeiten, die Ritter de- Schwarzen Adlerordev-, die Eabinet-ches- und eine Zahl geladener Gäste thettnehmen.

Berlin, 16. Januar. Am 18. Januar werden au- Anlaß der 25jährigen Gedenkfeier der Neubegründung bei Reiche- die hiesigen öffentlichen staatlichen Gebäude flaggen und llIumitArea.

Berlin, 16. Januar. Oberstaatsanwalt Hamm in Köln ist nunmehr zum Ober-ReichSanwalt beim Reichsgericht ernannt.

Berlin, 16. Januar. Dem Reichstage ist der Entwurf eines Gesetze«, betreffend die Abänderung der Gewerbe­ordnung, zugegangen.

Berlin, 16. Januar. Gegen den Rechtsanwalt Fritz Friedmann ist ein Steckbrief wegen Unterschlagung erlassen.

Berlin, 16. Januar. Die von der Staatsanwaltschaft verfügte und bereits zur Ausführung gebrachte Beschlag- nähme der Broschüre:Thing, ein Mahnwort an den deutschen Kaiser" von Kurt Reuß, im Berlage von JuliuS Becker in Gera, ist vom Amtsgericht nicht bestätigt worden. Die bei den hiefigen Buchhandlungen bereits beschlag­nahmten Exemplare find benselben heute Vormittag wieder zurückgegeben worden.

Berlin, 16. Januar. Die Wah lp f u ngS - Eom- Mission deS Reichstages beschloß mit 7 gegen 4 bezw. 5 Stimmen, bie Wahl ber Äbgcorbueten Dr. Böcke! nutz ColduS für gültig zu erklären.

Berlin, 16. Januar. Der Elferausschuß der con­servativen Partei trat heute vormittag im Reichstage zusammen. ES wurde beschlossen, demnächst eine Erklärung zu erlassen, daß die Angriffe der gegnerischen Presse, alt ob die Mitglieder der conservativen Partei die Strafthaten v. HammersteinS gewußt und verschwiegen hätten, unberechtigt und unzutreffend seien. Der LanblagSadgeordnete Hof- prebiger a. D. Stöcker nahm an den Bei Handlungen Theil.

Berlin, 16. Januar. Die Börsengesetz Lom- mission deS Reichstags hielt heute vormittag ihre erste Sitzung ab. Auf Wunsch des vorfitzenden v. PodbielSki