Ausgabe 
18.1.1896 Erstes Blatt
 
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1896

Erstes Blatt

Ur. 15

Amts- und Anzeigeblcrtt für bat (ßtefjat.

Hratisöeitage: Hießener Aamitienötätter. |

Samstag den 18. Januar

Allr Annoncen-Bureaux de» In- und Au-landeS nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

>»»ahm« von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» ßokgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Doch ließ deS Erbfeinds Leidenschaft DeS Drachen Saaten streuen And loser Feste! wild entrafft, DeS Krieges Furie dräuen, Dann weh dem welschen Frevelmuth, Boll Kraft steht treu bereit, De« Reich zu weihu sein HerzeoSblut, Juagdemschland allezeit.

Drum grabtS ins Herz euch treulich ein, Deutsch ist der Rhein und soll eS ewig sein!

WaS einst in weherfülltem Streit, I« SturmgebrauS errungen, Des Reiches Macht und Herrlichkeit, Bom Liede stolz besungen- Was todeSmuth'ger, kühner Trutz Erschwang beim letzten Wort, Der Grenze scharf bewehrten Schutz . Bleib Deutschlands Fels und Hort.

Drum grabtS ins Herz euch treulich ein, Deutsch ist der Rhein und soll eS ewig sein!

Vierteljähriger, ASo»«ement»prei» l 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Nedaction, Expedition und Druckerei: K4»cstraßeYr.7. Fernsprecher 51.

Feinte zu dem festlichen Acte eingetrosten sind und unmittel­bar nach dem Acte wieder auf ihren Posten zurückkehren werden, wo täglich und stündlich mit Granaten und Flinten« kugeln um Leben und Tod gewürfelt wird- statt des Krön- ungSsaaleS in alter deutscher Kaiserpfalz der prunkende Svtegelsaal im prunkendsten Schlosse deS Feindes, jenes SchlosteS, das einst fiegberauschte fränkische Könige ä toutes les gloires de la France errichtet haben.

Wahrlich, daS find so wunderbare Gegensätze, daß die Hand des Geschichtsschreibers, die diesen Act in die ehernen Tafeln zu buchen hat, wohl ein wenig stutzen und zögern darf, ob denn dies alles wirklich so stattgefunden hat oder nicht etwa eine Legende sei, die daS schwergewaltigste und dabet friedliebendste Volk der Erde um die Gestalt seines so bald sagenhaft gewordenen Kaisers Weißbart gewunden hat.

Fünfundzwanzig Jahre sind seit jenem Tage verflossen. ES ist lange her! sagt wohl daS jüngere Geschlecht, unS Alten aber, die wir berufen waren, in jenen ewig unver« geßltchen Tagen an hoher oder niederer Stelle mitzuwirken, erscheint eS, als ob es erst gestern gewesen wäre.

Fünfundzwanzig Jahre! sie versinken wie ein Spuk« gebtlde, das uns die Fata-Morgana der Zeit vorgegaukelt hat, und der KrönungStag, der Sonntag der Kaiferprocla« mation, ersteht mit allen feinen Einzelheiten wieder vor unserem geistigen Auge.

Der Kronprinz, jener so unlöslich ans deutsche Herz gewachsene Held und Liebling, sollte, gefolgt von den Osfi- zieren feines Stabes, nach der Versailler Präfectur retten und dort den köntglichen Vater abholeu, um ihn, die Avenue de Paris entlang, nach dem Schlöffe zu geleiten. So war es programmmäßig vorgesehen. Aber das unfreuud« ltche Wetter ließ es selbst zu diesem bescheidenen Prunk« Aufzuge nicht kommen und so war der Sieger von Wörth in Begleitung seines Stabschefs Blumenthal, begleitet von der Feldgensdarmerte und einem Zuge schlesischer Dragoner, bittet nach dem Schlöffe gefahren, um hier an derTreppe der Prinzen" (nomen et omen!) auf daS Eintreffen der Majestät zu warten.

Die Thurmuhren deS ahnungslosen Städtchens Versailles verkündeten die Mittagsstunde, als König Wilhelm der Sieg­reiche sein Hauptquartier verließ und nach dem Orte der Proclamation fuhr.

Achtung präsentirt das Gewehr!" tönte eS auf dem Schloßhofe. Die Musik spielt den Präsentirmarsch, die Fahne der Ehrenwache vom KönigS-Greuadier-Regimevt senkt sich salutireud vor dem ehrwürdigen obersten Kriegsherrn und dieser, der auch heute nicht die kleinste Pflicht vernachlässigt, schreitet die Front seiner schlesischen Grenadiere ab, die tapfer den KrtegSreigen eröffnen halfen und schon bei Weißen­burg für ihren durchlauchtigsten Chef geblutet und gesiegt haben. DaS Auge der Majestät hat die Braven gemustert, die sich so sauber wie möglich gemacht haben, deren durch Märsche, BiwakS und Gefechte mitgenommenen Waffeuröcke aber kaum als Paradegarnitur in einer FrtedenSgarnifon gegolten hätten. Dle Grenadiere haben ihrerseits ebenfalls in das blaue Auge der Majestät geblickt und das Herz hat ihnen in der Brust gezittert vor Stolz und freudiger, hoff. «uugSvoller Bewegung, denn sie wissen, was heute vorgeht und welche Ehre ihnen widerfahren ist, daß sie hier und an solchem Tage die Wache stellen dürfen für Ihn, den ersten deutschen Kaiser.

,@uten Morgen, Grenadiere!

Guten Morgen, Eure Majestät!"

Wie eine Gewehrsalve rollte die Antwort auS zwei­hundert Kehlen, ein ganzes politisches GlaubenSbekenntniß, das Gelöbniß der Treue bis zum Tode klingt auS diesem Gruße.

Die Majestät hebt die Hand an die Helmschiene und schreitet weiter ins Schloß. Hier schließt sich ihr der harrende Kronprinz mit seinem Stabe an. Nur kurze Zeit verweilt man in den »Chambres de la Reine, welche die Vorzimmer zum großen Spiegelsaal bilden, dann fliegen die Flügelthüren auf und der deutsche Kaiser tritt ein in den Krönungsraum, während ein aus Mannschaften dreier Feld« regimenter gebildeter Sängerchor dasJauchzet dem Herrn alle Welt" kräftig und schwungvoll anstimmt. Es ist genau 20 Minuten nach 12 Uhr.

Wer kennt nicht Anton von Werners Gemälde der Kaiserproclamation? Aber nur ein Theil jenes Saales, in dem die denkwürdigste Handlung dieses Jahrhunderts vor sich ging, ist dort zu erschauen. Man stelle sich eine hohe, ge­wölbte, farbig gemalte Decke vor, deren Bilder die Siege französischer Waffen über Deutschland und seine Verbündeten prahlerisch verkünden, und lese an der Mitte dieser Decke daS selbstbewußte Wort des absolutesten und verstiegensten

Die MachMMl und West.*)

So lang ein deutscher Laut noch klingt Jo Deutschlands schönen Gauen, Sin deutsches Lied zum Himmel dringt Zum Preise holder Frauen - So lang am Rhein die Rebe blüht And schenkt uns goldnen Wein, So lang zum Meer die Woge zieht, Wiid deutsch der Rhein auch sein.

Drum grabt» ins Herz euch treulich ein, Deutsch ist der Rhein und soll eS ewig fein!

' Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Die Gießener I»«itte«vtä1ier werden dem Anzeiger »üchrutlich dreimal beigckegt.

Wchemr Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

Wenn rings die Welt in Flammen steht,

Erbebt in ihren Besten,

DeS Krieges Pesthauch jählings weht

Bon Osten her und Westen,

Boll Äug' um Auge, Zahn um Zahn

Dann uns're Losung sein:

Wir halten Wacht auf blut'ger Bahn,

Am Weichselstrand, am Rhein.

Drum grabtS inS Herz euch treulich ein.

Deutsch Ist der Rhein und soll eS ewig sein!

Emil Kirstetu.

aller Herrscher:Le Roy gouvernejpar hii-mßme! da­rin schlichter Zeuge der Kaiserproclamation^finnend^also ver- deutschte:Hochmuth kommt vor dem Falle", und man wird die feine, aber vernichtende Ironie der Weltgeschichte erkennen, daß gerade unter diesen Bildnissen, die einst auf den Thron deS Sonnengottes, Ludwig XIV., hinabblickten, ein Act vor sich gehen mnßte, bei dem sich der siegreichste, aber anspruchsloseste und bescheidenste Herrscher aller Zeiten in Demuth vor Gottes Altar beugte, ehe er die Kaiserkrone annahm, die ihm von den verbündeten Fürsten und geeinten Stämmen deS Deutschen Reiches gewissermaßen aufgenötbigt worden war und deren Erwerb er viel lieber seinem Sohne, dem Kronprinzen, später überlassen hätte.

Vor dem mit rothseidener Decke und dem eisernen Kreuze geschmückten Feldaltar an einem Mittelfenster der Südseite des Saales stehen die Feldgeistlichen, zu den Seiten des Altars stramm und unbeweglich die von den nächstliegenden Truppen entsandten Deputationen- sie find theilweise eben erst auS den Stellungen vor dem Feinde abcommaudirt worden und schauen einem Vorgänge zu, der ihnen mächtiger die Brust weitet, als irgend ein im Laufe des Feldzuges von ihnen erkämpfter Steg. Ihre 56 Fahnen und Stand­arten prangen auf einem Hochtritt an der schmalen Oftseite, auf dem später die eigentliche Ausrufung des Kaisers statt« finden soll. Auf der nördlichen Langseite find ungefähr 600 Offiziere der verschiedenen Truppentheile, bataillonsweise in sich vereinigt, aufgestellt- der Raum unmittelbar vor dem Altäre ist aber frei geblieben.

Nach diesem freien Raume begibt sich der eingetretene König, um den sich nun die Prinzen und Fürsten im Halb« kreise gruppiren. Fast alle regierenden deutschen Häuser sind vertreten. Hinter den Fürsten und ihnen zur Seite stehen die Generale und Minister, von denen uns auch heute noch viele Namen geläufig find: Bismarck, Delbrück, Keudell, Moltke, Alvensleben (4. Corps), Kirchbach, Blumenthal, Stosch, PodbielSkt, Kameke, Schmidt, VoigtS-Rhetz, Hart- mann, Bothmer, Baumbach und wie fie alle heißen, eine Versammlung von Helden deS Geistes und deS Schwertes, wie fie in gleicher Zahl und Bedeutung kein anderes Volk der Erde hätte aufbrtngen können.

Set Lob und Ehre," braust jetzt der Chorgesang der Gemeinde durch den RaMn, dessen Wölbungen heute zum ersten Male von den Klängen eines deutschen Kirchenliedes widerhallen.

Dann die gewöhnliche SonntagS-Liturgie und darauf die kurze Weihereve deS Pfarrers Rogge von der 1. Garde- Infanterie-Division über den Text aus Psalm 21 (Herr, der König freuet sich in deiner Kraft und wie sehr fröhlich ist er über deiner Hilfe!" u. s. w.).

Nun tönt daS feierlicheNun danket Alle Gott" auS rauhen Kriegerkehlen und König Wilhelm besteigt den Hoch­tritt, wo ihn die zerschossenen Feldzeichen seines Heeres über« tagen und den stolzesten Thronhimmel bilden, unter dem je ein deutscher Kaiser gestanden hat dort verlieft er, um­geben von den deutschen Fürsten, die Urkunde der Verkün­digung deS Kaiserreichs und gibt dann dem Bundeskanzler den Befehl zur Verlesung derProclamation an das deutsche Volk."

Der eiserne Kanzler, in seiner weißen Kürassier-Uniform und den hohen Reiterstiefelu, den Stahlhelm in der Linken und in der Rechten die betteffende Urkunde, steht, wie aus Erz gegossen, an den Stufen des HochtrittS und erhebt feine Stimme:

An das deutsche Bolk! Wir Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preußen verkünden hiermit: Nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmüthigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des deutschen Reiches die feit mehr denn 60 Jahren ruhende Kaiser« würde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen find, bekunden Wir hiermit, daß Wir eS als Pflicht gegen daS gesummte Vaterland be­trachten, diesem Rufe der verbündeten deutschen Fürsten und freien Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen."

Folgt nun der bekannte Text jener ewig denkwürdigen Urkunde, der mit den herrlichen Worten schließt:UnS aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer deS deutschen Reiches zu sein, nicht zu kriegerischen Eroberungen, sondern in den Werken deS Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Frei« heit und Gesinnung."

Eine feierltche, athrmverhaltende Stille herrschte während dieser Lesung- wie nun aber der Großherzog von Baden mit lauter Stimme ruft:Seine Majestät der Kaiser Wilhelm

) In Musik gesetzt von Franz La aff in Köln a Rhein.

(Selbstverlag des Komponisten.)__________________________________

Li« Hoch dem Kaiser und dem Reiche.

(Zum 18. Januar 1896.)

Bon Dagobert von Gerhardt-Amyntor.

(Nachdruck verboten.) Drum wirf hinweg den Wittwen-Schleier, Drum schmücke dich zur Hochzeitsfeier, O Deutschland, mit dem grünsten Kranz!

Flicht Myrtben in die Lorbeerreiser!

Dein Biäut'gam naht, dein Held und Kaiser, And führt dich heim im Siegesglanz."

So klingt der poetische Festgruß au8, den einst Emanuel tzeibel zum 18. Januar des Jahres 1871 hinausjubelte.

Mhrthen und Lorbeerreiser! zum Kranze vereint für die Schläfen eines Helden und Schlachtenherzogs, der berufen war, die deutsche Katserkrone sich auf das edle greise Haupt zu setzen! Wo hat je eine Kaiserkrönung stattgefundeu, so einfach und prunkloö und dabei so herzbewegend und ge« waltig? Eine Kaiserkröonng ohne allen jenen Pomp, der sonst bei derartigen Ceremonien entfaltet wird und dennoch so unbeschreiblich würdevoll und so wunderbar, wie sie die blühendste Phantasie eines begeisterten Sängers und Pro­pheten nicht hätte ersinnen können? Statt des Blumen- regens, der sonst auf die Sammetteppiche eines KrönungS« Pfades niederrieselt, der EiShauch eines winterlichen Januar- HimwelS über schmucklos winterlichen Straßen- statt des feierlichen Geläutes von allen Domen und Capellen der erwartungsvoll harrenden KrönuvgSstadt nur ab und zu ein dröhnender Schuß von den FortS, mit denen das belagerte Paris vmgürtet ist und die donnernde Antwort aus unseren Lotterten- statt deS Aufgebots einer zahlreichen Geistlichkeit xnb mit güldenen Kreuzen und Ketten geschmückter Bischöfe Md Ktrchenfürsten ein kleines Häuflein schlichter Feldgeift« ltchen, statt der Schaareu goldstrotzender Kammerherren und Page» und Ceremonienmeister eine Corona von bärtigen Heldengestalten, die eben erst auS den Stellungen vor dem