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16.12.1896 Erstes Blatt
 
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Nr. 296

Erstes Blatt

Mittwoch bat 16. December

1896

Gießener Anzeig er

Kenerat-Anzeiger

Die Gießener Aamttienvkälter R»erdcn dem Anzeiger Rvächeotlich dreimal beigelegt.

Der

OK-ener Anzeiger

«scheint täglich, Wt Au-nahme des

Montags.

Vierteljährig« Avonnementsprels r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

-chnkstraße Ar.7.

Fernsprech« 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den Areir Gieren

Anrtlicher Theil

Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsche* Reichstag.

146. Plenarfitzuug. Montag den 14. December 1896.

Auf der Tagesordnung steht die dritte Lesung der Justiz- novelle.

Abg. Spahn (Ctr.): Wir können einer BeschrSnkung deS Wiederaufnahmeverfahrens nicht zusttmmen. Die Berufung kann dem Volke nicht länger vorenthalten werden, aber durch ihre Ein­führung dürfen keinesfalls die Garantien für das erstinstanzliche Verfahren verringert werden, denn nicht Jeder legt die Berufung ein, aber Jeder bedarf der ersten Instanz und der Garantien für eine gute Rechtsprechung derselben. Wir müssen deshalb festhalten an dem Fünfmänner-Eollegium erster Instanz, namentlich aber dann, wenn die Berufung an die Oberlandesgerichte gewiesen wird, wie daS die Regierung oorschlägt und das Haus in zweiter Lesung beschlossen hat. Im Uebrtgen sind wir zu einer Verständigung bereit. Jedenfalls hoffe ich, daß, wenn auch diesmal die Berufung tm BundeSralhe scheitern sollte, sie dann wtedeikommt, denn das Volk bedarf ihrer. (Beifall.)

Abg. v Buchka (cons.) bedauert, daß daS Haus die Vorlag«, wie sie von der Commission beschlossen worden, in allen wichtigen Punkten wieder abzeändert habe. Berufung und Entschädigung, diese Forderungen der Gerechtigkeit, find dadurch auf unabsehbare

betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag deSGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

Abonnements^Einladung.

Sunt Bezug desGletzener Anzeiger" für

1. Vierteljahr 1897 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Tatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nach nchten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mitthellungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Laufenden. Unterstütztdurch an allenOrtender Provinz O b e r h e ss en ansässige Berichterstatter, ist derGießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Dberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens­werten aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie ün den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements-

Bekauutmachuml.

Die Maul-und Klauenseuche In den Gemeinden Hörns­heim und Laufdorf, Kreis Wetzlar, und in Nodhetm, Kreis Biedenkopf, ist erloschen. Die angeordneten Sperr­maßregeln sind wieder aufgehoben worden.

Gießen, den 14. December 1896.

Großherzogltches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

»««ahme von Anze.gen zu d« Nachmittags für den I 177 p \ . 7--" ~~ _ _ , , r

Agenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. | yH Altöl) : Hleßener Aammenökätter.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu TraiS-Horloff.

Nachdem in einem Gehöfte zu Tra^S - Horloff die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt wurde, wird dies mit dem Ansügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Gehöft­sperre angeordnet worden ist.

L8 Gießen, den 15. December 1896.

Großherzogltches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Zeit gefährdet. Kern aller Differenzen tst die Besetzung der Straf­kammer, ob mit fünf oder drei Richtern und davon wird da« Schicksal deS Gesetz S abhängen. Die stärkste Gaiantte besteht nicht in der Zahl der Richter, sondern in deren moralischer Unantastbarkeit und Unabhängigkeit. Und diese Garantie haben wir trotz alledem waS von der äußersten Linken dagegen gesagt wirdl Redner wendet fich dann besonders noch gegm die Ausschließung der Affefforen von den Strafkammern.

Abg. Bassermann (nl.): Meine Freunde find gespalten in den drei Fragen der Besetzung der Strafkammern, ob die Assessoren auSzuschließen find und ob für die Berufung die OberlandeSgerichte zuständig sein sollen. Bei den OberlandeSgertchten ist bk Mündlich­keit des Verfahrens zu kostspielig, bei den Landesgerichten läßt sich die nochmalige Zeugenvernehmung bester bewerkstelligen. Was die HilfSrtchterwirthfchaft anlangt, so begreifen wir in Süddeutschland nicht, daß man in Preußen nicht die Kosten für Besetzung nur mit Richtern aufbringen kann, lieber die Berufung müsse man zu einer Einigung kommen, ohne Verschlechterung der Garantien erster Instanz. Redner plädirt demg-mSß für das Fünfmänner-Collegium und für Ausschließung der Assessoren. Mit der Ueberwersung der Deltcte, wo die Beuriheilung besondere Schwierigkeiten mache, an die Straf­kammern, so der Meineide und Bankerotte an die Strafkammern, sei er einverstanden. In Bezug aus das Wiederaufnahmeverfahren und die Entschädigung unschuldig Verurtbeilter dürfe man nicht so kleinlich Vorgehen, wie die Regierung wolle.

Abg. Lenzmann (fr. Vp) hält sich für verpflichtet, noch in letzter Stunde eine Mahnung an Regierung und Reichstag zu richten, im Jntereffe des Zustandekommens des Gesetzes, wenn er auch miste, daß dieser sein Standpunkt von seiner eigenen Partei mißbilligt werde. Namentlich das Centrum solle doch nicht ein Weik von V/i Jebren, bezw. 10 Jahren fruchtlos werden lasten, würde das doch fast so aussehen, als wolle man nurRecht behalten". (Unruhe im Centrum, Oho! rufe.) So lieb ihm selbst z. B. die Aufhebung deS Zeugnißzwanges fei, so solle man doch daran nicht die Vorlage scheitern lasten. Man sagt ja wohl, es sei eines Volksvertreters unwürdig, umzufallen. Aber was nützt es unS, wenn wir sagen können: Die Katz ist gerettet, wenn wir dadurch Alles in die Schanzen schlagen. Also: stellen wir unsere Wünsche zurück, um das Ganze nicht zu gefährden! Auch bezüglich der Besetzung der Strafkammern müßte eine Verständigung möglich sein. Am Ende find doch ein 3: und ein 5 Männer Collegium, also 8 Richter, b.sser, als ein 5-Mämier-Collegium ohne Appellation. Ich will wenigstens die Selbftgenugthuung haben, vor meine Wähler treten zu können mit dem Bewußtsein, daß ich ihnen meine Selbstverleugnung und meine beste Arbeitskraft gewidmet und ihnen das habe geben wollen, wonach sie seit 15 Jahren verlangen.

Abg. Stadthagen (Soc.): Lenzmann bcfindet sich in einer Täuschung, wenn er hier als freiwilliger Regie,ungScommistar auf­trete. Für Spitzel werde in Preußen und Sachsen mehr Geld aus- gegeben, als hier durch das 5 Männer-Collegium und durch Aus­schluß der Hilssrichter benothtgt werde. Im Ganzen enhalte das Gesetz mehr Verschlechterungen als Verbesserungen, namentlich auch für die Presse. Seine Partei werde die Aufhetung des Rechtes vorgesetzter Behörden ihren Untergebenen die Erlaubniß zur Zeugniß- ablegung beantragen, damit es der politischen P lizei unmöglich ge­macht werde, ihre Subjecte vor Aufdeckung von Meineiden zu be­wahren. Statt der Aufhellung der Unwahrheiten Vorschub zu leisten, wolle man gar noch die Zuständigkeit der Schwurgerichte beseitigen. Wie wäre es wohl den armen Opfern in Opalenitza ergangen, wenn sie nicht vor das Schwurgericht gekommen wären! Habe man doch sie unter Anklage gestellt, statt den Herrn v Carnap, der von dem Erzbischof als von einem Schwein in der rothen Jacke gesprochen habe. Wie sollen die Zustände wohl bester werden, so lange man

Feuilleton.

Die Weihnachls-Karpscn der Familie Papperich.

Humoreske von H. d' Alto na.

(Nachdruck verboten.)

Gestern traf ich auf meinem Nachmittagsspaziergang meinen Freund Papperich. Er hatte etwas Gedrücktes an sich, daS ich mir nicht zu erklären vermochte. Er befand fich augen­scheinlich in einer hochgradig elegischen Stimmung, die daS Resultat irgend eines ungewöhnlichen Vorganges sein mußte. Weniger die berufsmäßige Neugier deS Journalisten, als daS durch mehrjährigen Umgang gepflegte Jntereffe an den Schicksalen der Papperich trieb mich, der Ursache seiner Melancholie nachzugehen. So schlau ich es aber auch anfing, RUf Umwegen dazu zu gelangen, er wich mir immer geschickt «u8, bis ich mich entschloß, den Stier bei den Hörnern zu faffen natürlich bildlich gemeint, denn Freund Papperich hat fich die Hörner längst abgelaufen.

»Lieber Papperich," sagte ich,mit Ihnen ist etwas vorgegangen. Sie sind nicht der Alte. Was ist Ihnen denn, Mann? Was ist passirt?"

Er öffnete den Mund, schloß ihn wieder, athmete tief auf und schüttelte dann stumm daS Haupt.

Aber Papperich, waS drückt Sie denn?" drängte ich imicber.Mir können Ste'S doch sagen, Sie wiffen doch, ich Ibin verschwiegen!"

Jawohl, damit Sie- wieder (in- Blatt) bringen, wie---"

Unsinn!" unterbrach ich ihn.Wer wird denn gleich

so mißtrauisch sein. Wenn Ste'S nicht veröffentlicht^ haben wollen, dann"

Na 'S soll mir auch egal sein," fiel er mir in'S Wort, vielleicht können Sie mir mit 'n guten Rath an die Hand gehen. Sie sind ja auchn Mensch, in den gewissermaßen Verstand hinein gehört."

Ich lächelte geschmeichelt.Also dann schießen Sie 'mal los?"

Ja, sehen Sie," begann er,es ist eigentlich von wegen der Karpfen! Hören Sie! Todtschlagen laß ich mich, wenn ich noch einmal einen Karpfen in meinem Hause dulde. Das find ja Bestien, niederträchtige Bestien! Sein Gesicht nahm dabet den Ausdruck fanatischer Wildheit an und er fuchtelte drohend mit seinem Spazierstock in der Lust herum, daß ich unwillkürlich einen Schritt von ihm zurückwich.

Ja, waS tst denn eigentltch mtt den Karpfen los?" fragte ich ängstlich.

Kennen Sie § 223 und 223 a des RetchSstrafgesetz bucheS?" fragte er mit hohler Stimme und grauenerfüllter Miene zurück.

Ich blickte ihn überrascht an. Sollte Papperich, dieser Ausbund von Bürgertugend, Moral und Sitte, in Conflict mtt dem gefürchtesten Buch des deutschen Reiches gerathen sein? Unmöglich!

Soweit ich mich erinnere, handeln die Paragraphen von der Körperverletzung*

Ganz recht Gesängniß bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bis zu eintausend Mark und wenn mittels eines gefährlichen Werkzeuges oder mittelst hinterlistigen Ueberfalls, so tritt Gefängntßstrafe nicht unter zwei Monaten ein", sagte er düster:Hier steht'S!* Dabei zog er aus der Brusttasche daS bekannte kleine Büchelchen, in welchem alle

Laster und Verbrechen nebst den dazu gehörigen Ahndungen verzeichnet stehen.

Nun, was haben denn damit die Karpfen zu thun, und wie kommen Sie"

Ich ja nicht, meine Frau, meine Anastasia das ist ja eben die scheußliche Geschichte und die Auguste dieser Hallunke, der Schuhmacher auch so ein Anarchist ach Gott, ich weiß ja gar nicht, wo mir der Kopf steht na, na, hätt' ich doch der Günthern ihre Karpfen ge­lassen, was wär' ich heut fürn glücklicher Mensch- muß mich aber der Satan reiten, daß ich früh am heiligen Abend na Sie wissen ja, man will feiner Frau ja auch 'mal ne kleine Ueberraschung bereiten und wie ich da ausmWeißen Roß" komme, sehe ich da auf dem WeihnachtSmarkt die Fisch- Weiber stehen mit ihren Karpfen, sie redet mir zu wiem kranken Pferd und da kauf ich denn zwei so 'ne Bestien Herrgott, verrückt könnte man werden, wenn man daran denkt!"

Aber Herr Papperich," suchte ich ihn zu besänftige», dabei ist doch nichts Schlimmes, wenn Sie Ihre liebe Frau mit zwei Karpfen überraschen. Hoffentlich haben Sie gut geschmeckt!"

Nanu? Gar nicht gegessen? Hatten Sie denn etwa Trichinen oder Bandwurm. Bei Fischen soll so was nichts Seltenes"

Quatsch!" unterbrach er mich rauh.Die Karpfen waren gesund wien Fisch tm Wasser, der eine wie der andere. Leider zu gesund, zu ÜbermÜthig, zu wild, jawohl, wilde Bestien waren'S, schlimmer wie reißende Wölfe oh, mir soll noch mal Einer mit Karpfen kommen! Rausschmetßen thu ich iHv, verklagen!"

(Schluß folgt.)