haben. Der Krieg von 1870 hat uns also die Lehre gegeben, daß wir zurückkehren sollen in die Schranken jener Mäßigung, von der sich eine ganze Nation ebenso wenig entfernen darf wie ein einzelnes Individuum. In diesem Punkte hat Deutschland der Civilisation einen der wichtigsten Dienste erwiesen.
Ich füge bei, daß, vom Gebiete der reinen Speculation aus betrachtet, die Invasion Deutschlands nicht minder fruchtbare Ergebnisse gehabt hat. Das französische Genie ist dadurch, daß es in der Betrachtung seiner selbst vollständig aufgtng, schließlich auSgetrocknet und so zu sagen verknöchert worden. Unsere Eigenschaften sind in unverbesserliche Schief« heiten ausgeartet. Wir waren so weit gekommen, unser Bedürfniß nach Klarheit und Logik als ein einziges Ziel unserer Bestrebungen zu betrachten. Aber, um klar zu sein, wurden wir nichtssagend, und in der übermäßigen Sucht nach äußerlicher Genauigkeit verfielen wir dem Gesuchten und Gekünstelten. Wir kehrten zur Scholastik zurück mit ihren Scheindeductionen, imaginären Begriffsbildungen und leeren Spitzfindigkeiten. Wie viel wahrhaft werthvolle Werke hat denn die Periode, die von 1830 bis 1870 geht, zu Tage gefördert? Kein einziges. Die beiden Schriftsteller, die allein ein dauerndes Andenken htnterlaffen, Taine und Reuau, verdanken ihre Kraft nur dem Umstande, daß sie vorsichtiger« weife auf den Geist der deutschen Philosophie sich stützten. Während unsere Metaphysiker und Philosophen in jenem Kreise blieben, den man stolz die reine französische Tradition nennt, haben sie nur geistige Automaten und ein unverdauliches Chaos geschaffen. Darum sei Deutschland Dank erwiesen für die Fruchtbarkeit, die eß dem französischen Geiste gespendet hat. Ohne die heftige Erschütterung, die uns ge« zwungen hat, uns zu fragen, ob nicht außer uns noch andere Quellen des CulturlebenS exlstiren, würden wir jetzt noch im Wiederkäuen der Werke unserer Borfahren und in der Bewunderung unserer eigenen Herrlichkeiten dahtnsiechen.
Wenn wir vom philosophischen auf daß moralische Gebiet uuS begeben, so finden wir, daß die Wohlthatev, die wir von der deutschen Eroberung empfangen haben, noch auf. fallender find. Auch die oberflächliche Berathung lehrt uuS in der That, daß der französische Charakter seit einem Biertel- jahrhundert sich wesentlich geändert hat. Unsere Ruhmredig« keit hat einem richtigeren Gefühl von unserer wirklichen Stellung in der Menschheit Platz gemacht. Die Großsprecherei, die In unseren diplomatischen Verhandlungen eine Art ge« heilste Tradition geworden, ist fast völlig verschwunden. Niemand von unS würde es heute wagen, zu behaupten, daß die Gesammtheit unserer moralischen Eigenschaften höher stehe, als diejenige der anderen Völker. Wir haben, mit einem Wort, das Bewußtsein unserer Fehler und Mängel bekommen. Wir haben die Entdeckung gemacht, daß hinter unserer Neigung zur Geselligkeit ein durchaus egoistisches, engherziges und kleinliches Temperament steckt. Die Güte, die niemals eine französische Tugend gewesen ist, die Duldsamkeit, die wir niemals gekannt haben, find viel eher Eigenschaften der germanischen Raffe. Die sächsischen Stämme haben, wie schon Heinrich Heine sagte, eine höhere Moralität, als die lateinischen Völker. Die Achtung der Menschenwürde ist so wenig eine Eigenschaft unseres Blutes, daß wir sie vielmehr niemals begriffen haben. Keine Nation ist so sehr die Sklavin ihrer Vorurtheile, wie die unserige. Bei keiner andern hat die Verachtung der großen Originalität so unbarmherzig auf die Entwickelung deS MenscheuweseuS gedrückt. Wenn es wahr ist, daß wir in eine Periode des Verfalls eintreten, so ist das bic Züchtigung dafür, daß wir in unS alle Achtung für die freien Kundgebungen des Gewissens erstickt haben. Die deutsche Wissenschaft, an die wir uns wenden mußten, um die Elemente unseres geistigen Fortschritts zu vervollständigen, hat in ihrem Gefolge die deutsche Moral ein« dringen lassen, und eS wäre nicht schwierig, schon jetzt die Früchte zu erkennen, die diese Erneuerung getragen hat.
Aber solche Betrachtungen würden mich zu wett führen möge genügen, Ihnen gezeigt zu haben, daß der ab« Chauvinismus, der unglücklicherweise der Grundzug des zöfilchen Charakters geblieben ist, noch nicht alle« Verstärk und alle UrtheilSkraft in unS vernichtet hat.
Ein kleiner, ausgewählter Kreis ernster Geister bech einzugesteheu, daß nicht alles unheilvoll war in jenem t’ Stretche von 1870. Als Napoleon HI. Deutschland Krieg erklärte, hat er uns durch seinen Leichtsinn und ■ politisches Ungeschick mehr Gutes erwiesen, als ein sießren Napoleon unS jemals hätte erweisen können. Was fo8e Gebt man den Dingen auf den Grund, so muß mrn - Ueberzeugung kommen, daß, wenn der AuSgang des uns günstig gewesen wäre, unsere geistige Entwickle. ?, «ehr als ein Jahrhundert hinaus gehemmt tuorbei ES sind nicht unnütze militärische ober diplomatische die solche Erschütterungen hervorbrtngen, sondern tiefen fachen, die sich in der einzigen zusammeufasseo lassen Gang der Civilisation und der Kampf der Ideen.
Von diesem Gesichtspunkt aus können wir sagens wir als Patrioten die Zerstückelung des französische« beklagen müssen, wir nichtsdestoweniger uns dazu bc- wünscheu können, weil der Verlust der zwei Provinzen, uns im Uebrigen gar nicht gehören, reichlich anfgee:, worden ist durch die moralischen Vortheile, die war bar* gezogen haben.
Paris, Rue Marcadet 43 bis.
Paul Fournier, Redakteur am „Mercure de France“, an der „&> Blanche“ und am „Progres de l’Oise“.
Schiffsnach^ichten.
Der Postdampfer „Westernland" der „Red Star 2tnt* t> j, werpen ist laut Telegramm am 11. August wohlbehalten, New-York angekommen.
MANÖVER 1896.
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