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Nr. 192 Drittes Blatt. Sonntag den 16. August
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Der
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«Ein Franzose über den Krieg 1870/71»
Herr Paul Fournier, ein namhafter französischer Gelehrter und Publizist, richtet eine Zuschrift an die „Frank- furrter Zeitung", die, sehr bemirkenSwerth und interesiant, in deutscher Übersetzung wörtlich wie folgt lautet:
AIS vorurtheilSloser Franzose drücke ich Ihnen meine rvckhaltSlose Zustimmung aus zu den Ideen, die Sie in Syrern Blatte in Bezug auf die französisch «deutsche Lage Äertreten. Indem Deutschland zwei Provinzen wiedernahm, Ne moralisch ihm gehörten, hat eS nicht bloß seine natürlichen Grenzen wiedergewonnen, sondern eS hat auch der Dache der Civiltsation und Frankreich selbst den größten Dienst erwiesen, den die Geschichte je zu verzeichnen hatte. Zn der That, wollte man in den großen Bewegungen der Znvafion nur AuSbrüche der rohen Gewalt erblicken, so würde man einen der schwersten Jrrthümer begehen. Dieser Zrrthum ist indesien so verbreitet in Frankreich, daß ich, ein Franzose, zu deflen Widerlegung mich gezwungen sehe, zu Zhren Spalten meine Zuflucht zu nehmen, da noch kein Blatt meines Landes es wagen würde, laut das auszusprechen, was die erleuchtetsten Köpfe unserer geistigen Aristokratie x«nz im Geheimen zu denken anfangen.
Sicherlich wäre es unnütz gewesen, am Tage nach der Belagerung von Paris eine gerechte Beurtheilung der That- s«chen zu verlangen, die Frankreich eine Zerstückelung, den Tod von 500,000 Menschen und unberechenbaren materiellen Schaden etngebracht haben. Aber heute, nach einem Frieden tarn fünfundzwanzig Jahren, der den ersten Zorn verrauchen Ließ, zwingt uns alles zur Anerkennung der Wahrheit, daß trr Krieg von 1870, trotz der Wunden, die er unserer Eigenliebe schlug, für uns eine Wohlthat gewesen ist. Vom materiellen Standpunkt auS betrachtet, hat uns der Krieg zunächst von der Verwirrung befreit, in der uns beständig xwei Provinzen erhielten, die nur dem Namen nach fran- zÄflsch waren, in Wirklichkeit aber weder unseren nationalen Lharacter, noch unsere Neigungen, ja nicht einmal den Genius vmserer Sprache hatten. Elsaß und Lothringen sind in keinem Abschnitt der Geschichte organische Glieder deS französischen Vaterlandes gewesen. Nur Unwifiende können behaupten, duß wir jemals väterliche Ansprüche auf zwei Millionen Bewohner hatten, deren Typus, Sitten, Sprache und Neber- ll eferungen tief eingedrückt den germanischen Stempel tragen. Kür die Nationalität ist nicht die Fahne entscheidend, sondern W geographische Gestaltung des Landes, die Bodenbildung, tite Vertheilung der materiellen Quellen des Lebens. Man
Fe«iUeton.
Ein Adentruer in Texas.
Erzählung von F. Börner.
(Schluß.)
Im nächsten Augenblick krachte ein zweiter Revolverschuß, der mir galt, aber harmlos pfiff die Kugel neben meiner Unken Schläfe hin und zu einem dritten Schuß ließ ich dem Verbrecher keine Zeit mehr, denn den Lauf meiner schweren Büchse, die ich schon zu Beginn deS Zusammenstoßes mit der Bande abgefeuert, aber noch nicht wieder geladen hatte, schmetterte ich sofort nach dem Aufblitzen des zweiten SchuffeS e uf die Rechte meines Gegners nieder, mit dem ich mich fast »nie an Knie befand. Mit einem Wuthschrei ließ er den Revolver fallen, daun aber stürzte er sich von seinem Pferde förmlich auf mich und tu der nächsten Secunde wälzten wir «nS, von unseren Thieren herabgeglitteu, in wüthendem Rtng- k»ampfe auf dem moosigen Boden umher.
Durch meinen Schlag auf seine rechte Hand war mein Gegner im vollen Gebrauch derselben offenbar gehindert, d.eun obwohl er mit der Rechten meinen linken Arm krampfhaft gepackt hielt, merkte ich doch an dem Griff, daß diesem wicht eine solche Kraft innewohnte, wie bei der hünenhaften Gestalt des Banditen unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Mit um so größerer Gewalt suchte seine Linke meinen Hals ytt pressen und obwohl ich mich ebenfalls einer bedeutenden Stärke rühmen konnte, so mußte ich doch all meine Kräfte aufbieien, um die riesige Linke meines Gegners von meinem Halse fernzuhalten, da eS sonst um mich geschehen war.
So wälzten wir uns auf dem Boden hin und her, er ' grimmig bemüht, meine Kehle zu erfaffen und zuzudrückeu, t»h mit dem Muthe der Verzweiflung darauf bedacht, diesen Versuch zu vereiteln. Aber ich fühlte allmälig, daß meine «Kräfte denen des Räubers doch nicht gewachsen seien und trat noch mit fast übermenschlicher Austreuguug vermochte ich «ich seiner wüthenden Angriffe zu erwehren, schon befiel ein
braucht nur einen Blick auf das Rheiuthal zu werfen, um sofort zu begreifen, daß Vogesen und Schwarzwald die Abhänge eines und desselben Thales find, in dessen Mitte der Strom fließt, der den Retchthum des Thales bildet und seine ethnographische Entwickelung beherrscht. Ist eS jemals den Italienern in den Sinn gekommen, zu behaupten, daß das nördliche Ufer des Po rechtmäßig zu Frankreich oder zu der Schweiz gehöre, während das südliche allein italienisch sei? Eine solche Behauptung wäre lächerlich. Warum sollte eS mit dem Rhein anders sein? Haben nicht seit achtzehnhundert Jahren alle über Europa hin verstreuten Völkerschaften nach dem einen Ziel gestrebt, fich in den durch Hochgebirge und große Ströme angezeigten Grenzen zu befestigen? Und ist nicht überall, wo die Grenzen mit der ersten Anstrengung erreicht wurden, der Friede die nothweudtge Folge von Grenzen gewesen, die den natürlichen Bedingungen entsprachen? Hat Spanten jemals Anspruch darauf gemacht, die Pyrenäen zu überschreiten? Gibt eß einen einzigen Portugiesen, der den Gedanken nährt, sein Land über die Berge von Estremadura hinaus zu vergrößern? Denkt Schweden daran, daß es weise wäre, aus seinen Bergen herauszugeheu, um sich die Ebenen Nordrußlands anzueignen? Warum also sollte fich Frankreich darauf versteifen, als unentbehrlich für die Er- Haltung seiner Nationalität einen Landstrich zu betrachten, der vollständig zur physischen Gesammtheit Deutschlands gehör^? Elsaß und Lothringen, die Ludwig XIV. zu erobern den Fehler begangen hat, mußten nothwendigerweise eines TageS zu ihrem Ursprünge zurückkehren. Sie waren deutsch, und deutsch werden sie bleiben. Niemals, zu keiner Zeit, find sie französisch gewesen. Der beste Beweis sür die Noth- Wendigkeit, die zu diesem Ergebniß geführt hat, ist der Umstand, daß ihre Frucht der Friede, ein Friede von jetzt mehr als einem Bierteljahrhundert Dauer gewesen ist. Wenn Frankreich eine solche Ruhe genossen hat, sür die man in seiner langen Geschichte vergeblich nach einem zweiten Beispiele suchen würde, so verdankt eS dies nur dem Verluste der „beiden Schwestern". Dieser Verlust ist also in Wirklichkeit kein Verlust. Für uns ist er im Gegentheil ein Ge- winn, und ganz Frankreich, wenn eS nicht unglücklicherweise vom engherzigsten Chauvinismus beherrscht wäre, müßte anerkennen, daß eS im Grunde keine Idee gibt, die unseren wahrhaften Interessen mehr zuwider ist, als die Revanche.
Vom moralischen Standpunkte aus betrachtet, sind die Folgen des Krieges nicht minder bemerkeuSwerth. Wir Fran- zosen haben auS der napoleonischen Zeit eine Ueberhebung, Oberflächlichkeit, Eitelkeit und vor Allem eine aggressive krampfhaftes Zittern meine Glieder, nur noch ein paar Augenblicke und ich mußte die mich bedrohenden Rtesenfäuste loSlaffen, — da schmetterte ein Schlag auf daS Haupt meines Gegners nieder, der ihn betäubt haben mußte, denn seine Fäuste ließen mich mit einem Male los und fein Körper sank schwer iuS Gras zurück.
Mühsam richtete ich mich auf und sah Gill Sheppard vor mir stehen, der gerade noch zur rechten Zeit gekommen war, um mir durch einen Schlag mit dem Büchsenkolben auf den Kopf des Führers der Buschklepper das Leben zu retten. Nicht weit von dem zerstampften Schauplatze des grimmigen RingkampfeS lag die regungslose Gestalt EngertS und als Gill hinging und den Körper meines Freundes und Lands- mannes untersuchte, da zeigte eS fich, daß das Leben aus dem Körper schon längst entflohen war, die Revolverkugel des Banditen hatte ihren Weg mitten durch daS Herz Engerts gefunden.
Der weithin gellende Jagdruf des jungen Sheppard brachte unsere Freunde rasch zur Stelle und theilnahmsvoll umstanden die ranhen Texaner die Leiche des Erschossenen, während fich auf dem inzwischen wieder zu fich gekommenen Mörder, welchen Gill vorsorglich gefesselt hatte, drohende Blicke richteten. Jetzt stand auch baß Resultat des Kampfes fest; von unserer Seite war der arme Engert gefallen, fünf, darunter Mac Burton, hatten Verwundungen erhalten, von denen jedoch keine fich als besonders schwer erwies, und waren die Wunden, so gut eS ging, bereits verbunden. Was die Gegner anbetraf, so war einer entkommen und ob- wohl der alte Sheppard sofort ein paar der Engeren Leute dem Flüchtling nachgesandt hatte, so gelang eS doch nicht mehr, seiner habhaft zu werden. Von den anderen zehn Strolchen waren drei erschossen worden und von den übrigen sieben befanden fich vier verwundet, drei — unter ihnen der Anführer — uuverwundet in unseren Händen.
Das Nächste war, daß wir über die Gefangenen Ge- richt hielten, doch nahm die Verhandlung einen äußerst summarischen Verlauf. Die Gefangenen waren Pferdediebe und
Meinung geerbt, die geradezu lächerlich sind. Was bei anderen Völkern nur ein episodischer Zustand war, ist bei uns in die erhabensten und häufigsten Kundgebungen des Geistes übergegangen. Vor 1870 war eß bet unseren größten Schriftstellern eine gewöhnliche Erscheinung, daß sie ihre Werke mit einer Huldigung an daß unbesiegbare Genie Frankreichß, an seine Ueberlegenheit und die Führerschaft seiner universalen Gewalt einsührten. Unsere scharfsichtigsten Geschichtschreiber, Thierß, Michelet, Guizot, ließen in ihren weitesten Speculationen eine naive Unkenntniß der anderen civilisirten Völker erkennen. Frankreich war für sie daß Centrum der Welt, und weil Pariß im Mittelalter an der Spitze der Hauptstädte deß menschlichen Geisteß stand, so bemerkten sie nicht, daß ihr Urtheil durch die zu lange Der- senkung in eine unwiderruflich verschwundene Vergangenheit getrübt war. Die deutsche Invasion hat diesen Nebel der nationalen Eitelkeit verscheucht. Wir haben schließlich ein- gesehen, daß eß außer Frankreich Völker gibt, die ebenso reich find wie wir an schöpferischer Kraft, künstlerischen Ueber- lieferungen und wissenschaftlicher Zukunft. Wenn wir Bismarck und Moltke nur dieses Erwachen des gesunden Menschenverstandes unter unseren Bürgern und Bauern verdanken würden, so wäre eS hinreichend, um uns für die Verminderung deS Territoriums, die der Preis dafür war, zu ent- schädigen.
Die guten Folgen deS Krieges find damit nicht erschöpft. Seit den ältesten Zeiten hat der Franzose auf Grund jener Eitelkeit, die, wie schon Napoleon richtig erkannt hatte, den Wesenszug unseres CharacterS bildet, fich die berühmte „Ritterlichkeit" beigelegt. Kein Zeitungsartikel, kein Roman, kein sonstiges litterarischeS Werk ist im Laufe der letzten fünfzig Jahre erschienen, in dem man nicht hundert Male die Berufung auf die „ritterliche Seele Frankreichs" finden würde. Der unbedeutendste Provinzjournalist schrieb und schreibt heute noch von Frankreich als dem „Vorkämpfer der Menschheit". Niemals hat übertriebene Eigenliebe ein Volk dazu gebracht, fich mit einer solchen Lächerlichkeit zu bedecken. Ich gestehe, daß sür unS wenige, die wir inmitten dieser DummheitS-Ueberfluthung ein Stück UrtheilSkraft bewahrt haben, nichts Unerträglicheres, nichts Empörenderes gibt, als diese Manie, die Unwissenheit unserer niederen Klassen zu mißbrauchen und ihnen eine so absurde Idee von ihrer Rolle und ihrer socialen Stellung beizubrtngen. Frank- reich hat gewiß in der Entwickelung der Menschheit einen hervorragenden Platz eingenommen, aber dieser Platz steht nicht höher alS England oder Italien ihn ebenfalls eingenommen
diese werden im amerikanischen Westen fast immer mit dem Tode bestraft,- außerdem aber hatten sie unsere friedliche Farm überfallen, unser braver Kamerad Engert war durch die Kugel ihres Anführers gefallen und jedenfalls konnten der Bande noch verschiedene sonstige Frevelthaten im County HtllSbourough mit gutem Grunde aufs Kerbholz gesetzt werden. Der UrtheilSspruch der improvtfirteu Jury lautete denn auch auf sofort zu vollziehenden Tod für alle Ge- fangeneu und diese nahmen die Verkündigung ihres Schicksals mit düsterem Schweigen hin, nur der Anführer der Bande schleuderte unS einen lästerlichen Fluch entgegen. Die vier verwundeten wurden nun an die Bäume gestellt oder gelehnt und ohne Weiteres erschossen — wir befanden uns eben im wilden Texas — ihre drei übrigen Genossen aber am untersten Aste einer starken Eiche aufgeknüpft.
Nach einer Weile nahmen wir die Körper der Gehenkten wieder herunter und verscharrten sie in den Boden, ebenso die Leichen der übrigen Gerichteten und der drei im Kampfe gefallenen Buschklepper. Für den armen Engert aber gruben wir mit geringen Anstrengungen, da wir zu diesem Behufe unsere Jagdmesser verwenden mußten, ein besonders tiefes Grab, in welches wir die Leiche unseres Freundes auf Eichenlaub und grüuen Reisern betteten. Auf den Grabhügel wälzten wir einige größere Steine, die zufällig in der Nähe entdeckt wurden, und pflanzten dann ein schnell zusammen- gezimmertes Kreuz darauf.
Wir verbrachten noch die Nacht an der Kampf- und Richtstätte und zogen am nächsten Morgen, die Pferde der Räuber mit unS führend, damit sie möglichst ihren früheren Eigenthümern zugestellt werden konnten, zurück. Als ein paar Wochen verstrichen waren, verließ ich jedoch, nachdem ich mit HelmerSdorfer und Mac Burton in aller Freundschaft abgerechnet, die Farm und wandte mich wieder ostwärts - die ganze Gegend war mir durch den blutigen Vorfall denn doch verleidet worden.


