Ausgabe 
14.4.1896 Erstes Blatt
 
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Der Htjextt Aijeiger «scheint täglich, let Ausnahme des Montag«.

Die Gießener -B«tlie»Stä1ter enbai dem Anzeiger Amtlich dreimal Weigel egt.

Erstes Blatt. Dienstag de« 14. April____________________

Meßmer Anzeiger General-Anzeiger.

1S96

vierteljähriger Jt8on*eatH*5preU f 2 Mark 20 Pfg. «tt Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

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Amts- uni Anzeigeblutt für den Ureis (ßiefeen.

Iinahm« vo» Anzeigen zu der Nachmittag» für de» tilgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Corrn. 10 Uhr.

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Hralisöeitage: Gießener Isamilienökätter.

Alle Rnnoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche» Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Zu Wetter, Kreis Marburg, zu Ranstadt, Kreis Bübingen und zu Massenheim, Kreis Friedberg, ist die Mail- und Klauenseuche ausgebrochen und Gemarkung«- und kehSftSsperre verfügt worden.

Gießen, den 11. April 1896.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Berit«, 11. April. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Rn der internationalen Conferenz zur Revision der Berner Konvention über den Schutz deS Urheberrechts, die in Ict nächsten Woche in Paris zusammentritt, ist Deutschland -lurtz solgende Delegirte vertreten: Wirklicher Geheimer Rath lod Director der handelspolitischen Abtheilung im Auswärtigen Imtt Retchardt, Wirklicher Geheimer Ober-Postrath und vor- kagrnder Rath im Reichs-Postamt Profeffor Dr. Dambach, hehetmer RegierungSrath und Vortragender Rath im Reichs- Jastßzamt Dr. DangS, LegationSrath und Erster Secretär tri der kaiserlichen Botschaft in Paris v. Müller und Bice- -uusal und Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt Dr. Goebel Ion Harront.

Dr. Peterö hat bis zum AuSgang der Disziplinär- iiNmsuchung seine Stelle als Mitglied des Hauptvorstandes let Deutschen Colonialgesellschaft niederlegt.

Berlin, 11. April. Wie mttgethrilt wird, findet die Ion Verein für Eisenbahnkunde in Berlin angeregte Feier ,iit Erinnerung an die Thätigkeit der deutschen Eisen- Khv en während deS Krieges 1870/71 am 10. Mai d. I. Icn 25 jährigen Jahrestage des FriedenSschluffeS in Frank-

furt a. M. unter reger Betheiligung auch aus Süd­deutschland im Zoologischen Garten in Berlin statt.

KarlSrnhe, 11. April. DaS Leichenbegängniß deS in Freiburg verunglückten LandeScommiffarS, Geheimen OberregierungSratheS Siegel, fand heute Nachmittag unter zahlreicher Betheiligung aus allen Berufsständen und allen Thetlen des Landes statt. An der Spitze der Trauerver- sammlung wohnte der Grobherzog in Begleitung höherer Ossiziere und sämmtlicher Minister der Trauerfeierlichkeit bei. Auch die Großherzogin war vorher am Sarge deS Verstor­benen erschienen. Die Städte Karlsruhe, Freiburg, Mann­heim und Lahr waren durch Deputationen mit den Ober­bürgermeistern an der Spitze vertreten, welche am Sarge prachtvolle Kränze ntederlegien.______________________________

Ausland.

Rom, 11. April. Der Papst wird, wie verlautet, in diesem Jahr der Fürstin von Bulgarien die goldene Tugendrose verleihen.

Philippopel, 11. April. Rach hier aus Constantinopel etngegaagenen zuverlässigen Nachrichten sind bet den letzten von Kurden und Türken in Killiz im Vilajet Aleppo ver­übten Metzeleien 135 griechische und 4 katholische Armenier und ein katholischer Priester Namens Johannes StephaniaS ermordet und 7 Magazine geplündert worden. Ein Muha- medaner Namens MuhliS rettete viele Katholiken. Infolge der Ankunft von Truppen ist die Ruhe wiederhergestellt worden. Indessen sind in der Umgebung von Aleppo, wo die Erregung eine sehr große ist, noch wettere AuSschreirungen zu befürchten.

Neueste Nachrlchteu.

WolffS telegraphisches Sorrespondmz-BureRU.

Wien, 12. Aprtl. DaSFremdenblatt" sagt in einem Artikel zur Begrüßung Seiner Majestät deS Deutschen Kaisers, welcher am 15. April der Frühjahrsparade bei­

wohnen wird: Dem Deutschen Kaiser gilt am 15. April der Gruß der rauschenden Feldmustk, aber auch der Herzen«' grüß aller österreichisch-ungarischen Soldaten, und wenn sie diesen Gruß darbringen, werden sie der in den Annalen der Weltgeschichte verzeichneten Thatsache gedenken, daß die Waffenbrüderschast die stärkste Bürgschaft großer Erfolge ist. Diese Heere find unüberwindlich in ihrem Verein, und un­überwindlich sind die Staaten, welche ihnen vertrauen.

Venedig, 12. April. Seine Majestät der Deutsche Kaiser und Ihre Majestät die Kaiserin wohnten heute dem Gottesdienste an Bord S. M. S.Hohenzollern", die italienischen Majestäten dem Gottesdienste im königlichen Palais bet. Heute Abend findet zu Ehren Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin ein Hofdtner zu 80 Gedecken statt, an da« sich eine EmpfangScour schließen wird. Ferner wird heute den Majestäten vom Bassin San Marco auS eine Serenade dargebracht werden.

Venedig, 12. April. An der gestrigen Hof täfel nahmen auch die hier anwesenden Minister Theil. Die Volksmenge veranstaltete so große Beifallskundgebungen, daß die italienischen und deutschen Majestäten sich am Fenster zeigten und sich dankend verneigten. Um 10 Uhr 40 Mm. begaben sich die kaiserlichen Majestäten an Bord derHohen- zollern" zurück. Die Serenade im Bassin San Marco, welches von zahllosen Gondeln bedeckt war, verlies glänzend. Die italienische und deutsche Nationalhymne, sowie derSang an Aegir" wurden mit lebhaftestem Beifall ausgenommen. Das Wetter ist prächtig.

Venedig, 12. Aprtl. Heute Abend wird König Hum­bert dem Kaiser Wilhelm die Senatoren und Depu- tirten vorstellen, welche gekommen find, um eine Adresse zu überreichen.

Depesche» bei Barmt .Herold'.

Berlin, 12. April. Der Ceremonienmeifter Freiherr v. Schrader ist gestern Abend 9*/< Uhr nach harte« Todeskampfe seinen Verletzungen erlegen. Die (Situation

Feuilleton.

Frankfurter Lheaterbricf.

(Ortginalbericht für dmGießener Anzeiger'.)

(Nachdruck verboten.)

Gluck» Armida. Die Oper von Meyer-Helmnnd.

Dr. M. ES ist erfreulich, daß die Frankfurter Opern- Idtnng ein so intimes Verhältniß zu den Werken Glucks ststtzt. Was uns das Fortbestehen der Opern dieses Alt- »elfter« auf den modernen Bühnen so wünschenswerth erscheinen

ist keineswegs nur die Freude am Historischen oder gar »lchaistischen, sondern die feste Ueberzeugung, daß auch wir Menschen von heute noch ästhetisch genießen können bei einer Rupk, welche vor über hundert Jahren die ganze tonliebende Lvlturwelt in Aufregung und Spannung versetzte. Ohne daß aatn es unS ausdrücklich sagt, ohne daß mufiktheoretische Erträge unS den inneren Zusammenhang aufdecken, fühlen Ile « instinktiv, daß in der Glnck'schen Musik die Quellen tiS mächtigen Stroms liegen, der in den Schöpfungen Laders mit elementarer Gewalt daherbraust.

In der Glnck'schen Oper vernehmen wir zum ersten Mal lit Kraft des dramatischen Accents, die durch keine technischen Künsteleien gebrochen wird. Die Handlung ist ebenso wichtig Ile die Tonsprache, in welche sie sich kleidet. DaS Textbuch tilmsprucht dichterischen Werth oder läßt sich doch durch bereits Wannte Wortdichtungen solchen geben. Die Sängerinnen Irr ^Armida",Iphigenie",Alceste" haben auf die nämlichen korschriften zu achten, die später Wagner von den Interpreten Itiair Werke forderte.

Man sieht, oder besser gesagt: man hört es bei Allem srrauS, welch bedeutende Vorarbeit von Gluck für die Weiter- mvoicklung des musikalischen Dramas geleistet worden ist. Enb anderseits wird man auch den Einfluß gewahr, den Sluck auf einen ganz anderen Musiker geübt, auf Moza r.t. tobe bei derArmida" tritt es zu Tage, wie stark der ivveponist desJdomeneo" und desTitus" in den genannten Opern im Banne Gluck'scher Iden gestanden hat. Wo ffo.zart den Aufschwung inS Erhabene findet, bedient er sich lil zu einem gewissen Grade der Führerschaft Glucks.

DieArmida- ist die Oper, in welcher Gluck zuerst rit seinen Reformplänen durchdrang. WaS unS die Partitur iotg heute genießbar macht, ist die edle Einfachheit, die klare DlSipofition und der zarte melodische Reiz, der, unbeschadet i($ Gewichts, das der Componist auf baß Recitativ legt, an ll)oir* und Sologesängen haftet. WaS den modernen Menschen

von derArmida" hingegen entfernt, ist daS Fehlen jeglicher . Spannung, mit voller Seelenruhe sieht man die Ereignisse sich abwickeln, ferner das gedämpfte Auftreten der Affecte, die, mag auch dos Wort immerhin die ganze Scala der Leidenschaften durchlaufen in der musikalischen Sprache stets geläutert auftreten und endlich die unzulängliche Fähigkeit, die Welt des Dämonisch en zu beherrschen. Wer an die Musik der Romantiker gewöhnt tft, dem machen die Furlentanze und die Geisterbeschwörungen bei Gluck einen sehr verblaßten Eindruck, sie lassen ihn kalt. Die Seele und die Nerven deS Hörers mit mystischen Schauern zu über­rieseln auf diese Kunst verstanden sich Weber, Marschner und vor Allem Wagner. Gluck aber bleibt immer klar, ein Sohn des Tageslichts auch da, wo er das Dunkel und die Nacht aussucht.

Das Libretto, welches der französische Operntextdichter nach TassosBefreitem Jerusalem" gearbeitet hat, baut sich einfach und übersichtlich auf.

Hidraot, König von Damaskus und die unter seinem Einfluß stehende und mit ihm gemeinsam wirkende Armida find die geschworenen Feinde der tapferen Kreuzfahrer, die unter Gottfrieds Führung zur Befreiung des heiligen Grabes nach Palästina gezogen. Bei den Fallstricken, welche die schöne und listige Armida den Rittern legt, denkt man un« willkürlich an die Lockungen, welche den Gralsrittern von KlingSohr und der Zauberin Kundrh bereitet werden.

Eine oberflächliche Verwandtschaft besteht zwischen beiden Operndichtungen. Sidonie und Phenize, zwei Mädchen im Gefolge der Armida fingen, als der Vorhang aufgeht, daS Lob der hohen Herrin, deren Zauber Niemand widerstehen kann, diese selbst aber ist unmuthig, weil Rinaldo, der stärkste und gefürchteteste der Kreuzfahrer, sich ihr noch immer fern hält. Der Uumuth steigert sich zum heftigen Zorn, als die Botschaft kommt, Rinaldo habe viele seiner gefangenen Genossen befreit. Im zweiten Act geräth der Held in den Zauberwald Armidens, wo süße Weisen der Najaden ihn in Schlummer fingen. Armida naht, will ihn im Schlafe töbten, wird aber bei seinem Anblick von Plötz- licher Liebe zu dem bisherigen Todfeinde ergriffen. Im dritten Act kämpft Armida mit ihrem Gefühl, die Geister der Unterwelt, welche sie herauf beschwört, um einen Schutz zu haben, weissagen ihr nur Unheil für die Zukunft und bitteres Leid, wenn sie sich ihrer Liebe Überläßt. Im vierten Act dringen zwei befreundete Ritter in den Zauber- I wald ein, um Rinaldino zu seiner Pflicht zurückzuführen.

Verlockungen in Gestalt weiblicher Huldinnen kreuzen ihren

Weg, doch erreichen sie durch Standhaftigkeit daS Ziel. Das Liebesgespräch zwischen Armida und Rinaldo, welche« den fünften Act eröffnet, ist außerordentlich kurz für alle die, welche an die langatmigen erotischen Ergüsse bei Wagner gewöhnt sind. Die frühere Zeit war in diesem Punkte noch sehr reservirt. Etwa« rasch erfolgt nach dieser Scene der Umschlag. Die Ritter erscheinen, halten Rinaldo den strahlenden Schild Gottfrieds vor, in welchem dieser das herabgewürdigte Bild seiner Mannheit erblickt und sofort ist dieser auch be­reit, die Geliebte zu verlassen. Armida aber begräbt sich unter den Trümmern de« Palastes, den ihre Zaubermacht geschaffen. DaS Einstürzen der mächtigen Pfeiler, welche« daS persische Einhorncapitäl zeigen, und der niederrieselnde Goldregen, welcher den Einsturz begleitet, tft von großer scentscher Wirkung, desgleichen die Stelle, in welcher Genien das Mooslager, auf welchem Rinaldo eingeschlasen, mit Rosenketten umwinden und ihn und Armida emportragen. Die maschinistischen Künste, welche bei dieser Aufführung spielen, find hohen Lobes würdig. Für die Soloportien stehen erste Kräfte da: Frau Ende-Andrießen als Armida", die für die liebende Zauberin auch sehr weiche Töne findet, und Herr v. BandrowSki alsRinaldo", der seinen jugendlichen HeH mit Glanz und Nachdruck ver­tritt. Mit deutlicher TextanSsPrache fang Frl. Weber den kleinen Part derFurie des Hasses", welcher inmitten der aufsteigenden Wafferdämpfe gar nicht zu bewältigen ist. Sehr süß klang Frl. Schackos Stimme, die alsLucinde" den dänischen Ritter im Zauberwald zu verlocken hat. Der König von DamaScuS, die Ritter aus Gottfrieds Heer, waren durch die Herren Baumann, Hunger und Pichler kräftig repräfentirt. Die Najade deS Frl. Jenny Fischer und die jungen Mädchen im Gefolge ArmidenS (Frl. Blatterbauer und Frl. Mendorf) erfreuten durch melodischen Gesang.

Die neue Oper von Erik Meyer - Helmund, der ein Künstlerabeuteuer behandelnde EinacterTrifchka", hat den Compouisten auf dem ihm geläufigen Gebiet des liedmaßigen Gesanges gezeigt und somit die Erwartungen, welche sich an diese Novität knüpfen konnten, gerechtfertigt. Wer frisch von Gluck oder Wagner kommt, wird freilich bei Meyer-Helmund keine große Erbauung finden, aber eS giebt noch immer genug Leute, die eS mit Freuden begrüßen, wenn der Platz, den der selige Nrßler eingenommen hat, wieder ausgefüllt wird, und jedenfalls ist Helmund ein liebenswürdiges Talent, da« sich seiner Bestimmung bewußt zu bleiben scheint und in keinerlei Pretentionen verfällt.