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14.1.1896 Erstes Blatt
 
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Zweites Blatt. Sonntag dm 12. Zanuar

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Millionen unserer Zeitgenossen kennen Pestalozzi nicht I einmal dem Namen nach und daS ist verzeihlich; Millionen anderer haben seinen Namen gehört, wissen aber nicht, um was sich handelt, das ist nicht verzethlick, sie sollten sein Buch, da» schönste aller Volksbücher:Lienhard und Gertrud gelesen haben; viele Tausend andere glauben Pestalozzi zu kennen, sie täuschen sich aber; wer Pestalozzi kennen will, muß wenigstens seine Hauptschriften, auch seine socialpolitischeu, gelesen Haven, einige Tausende auS dem Lehrerstande kennen Pestalozzi genauer, haben seine Schriften studtrt und suchen in seinem Geiste zu wirken und das von rechtSwegen.

Eine große Menge derer, die Pestalozzi dem Namen nach kennen, glauben, sie hätten es bloß mit einem berühmten Schulmeister" zu thuv, der in seiner Zeit einige Verbesser- ungeu im Unterricht in der Volksschule herbeigeführt habe und desien Methode noch jetzt von den Lehrern nachgeahmt werde. Sie haben nicht so ganz Unrecht. Pestalozzi refor- mirte den Unterricht und die Unterrichtsmethode der Volks, schule; er machte sich dieses Problem zur Lebensaufgabe, weihte demselben Gut und Blut und arbeitete noch in seinen 80. Lebensjahre, bis zum letzten Athemzuge daran. Dennoch aber war ihm diese ganze heiße Arbeit eines langen Lebens nur Mittel zu dem einzigen Zweck: die Menschen von unten herauf, aus den niedersten Stnfen her durch Unterricht zu versittlichen, sie aus dem Banne grenzenloser Unwisienheit zu erlösen und zu freien, selbstständigen, allezeit ihre Lebens­lage beherrschenden Gliedern der menschlichen Gesellschaft zu erheben. Daß hiernach Pestalozzi ebenso sehr Socialpolitiker wie Pädagoge war, tst ganz selbstverständlich. Die Soctaltsten betrachten ihn als einen Vorläufer ihrer Bestrebung'«; dieS tst insoweit richtig, als die Anschauungen Pestalozzi» über das allgemeine Dolkselend sich theilwetse mit denjenigen deS heutigen GocialtSmuS decken, aber das ganze geistige und leibliche Ringen, der Heroismus in seinen Anstrengungen das niedere Volk zu retten, wurzelte in dem unverfieglichen Quell reinster Menschenliebe, von welch-r sein Herz über und überquoll; wenn er auch die socialen Mißstände seiner Zeit und seines Volke» unerschrocken aufdeckte und an daS Gewiffen der Reichen und Großen appellirte, fo lag ihm dabei nichts ferner al» die politische Demagogie, wovon der heutige Socta- lismu» so stack durchtränkt ist.

Welchcs find die Grundursachen deS VolkSeleni^und auf welche Weise kann eS beseitigt werden"? Diese Fragen, von welchen heute alle gesellschaftlichen Verbände bewegt werben und von deren mehr oder weniger glückttchen Lösung der Fortbestand der heutigen Culturstaoten abhävgt, sie waren eS, welche Pestalozzis ganzes Denken und Fühlen in Anspruch genommen hatten. Aus dieser tiefen Sehnsucht, daS häßliche Elend deS niederen Volkes zu beseitigen, faßte er den heroischen Entschluß,Schulmeister" zu werden. Nicht darum wac es ihm zu thun, ein berühmter Lehrer zu werden, denn das wußte er bet all feiner kindlichen Naivität, daß auf diesem Felde keine Lorbeeren zu pflücken waren,

Joh. Heinrich Pestalozzi,

geb. am 12. Januar 1746, gestorben den 17. Hornung 1827.

Retter der Armen auf Neuhof;

Prediger des Volks in Lienhard und Gertrud;

zu Stanz Vater der Waisen;

zu Bargdorf und Münchenbuchsee Gründer der neuen Volksschule; in Jfftrten Erzieher der Menschheit. Mensch, Christ, Bürger.

Alles sür Andere, für fich nichts! Friede seiner Asche!

Unser« Vater Pestalozzi, der dankbare Aargau.

So lautet die Jaschrift auf dem Denkmal an der west­liche« Giebelseite des Schulhauses zu Btrr im Cantou Aargau, unter dem Pestalozzi den süßen Frieden gefunden, den ihm die Welt nicht bieten konnte.

Wie wenige von den nach Tausenden zählenden Sommer« frtfchlern, die nur au-Mode alljährlich in die Schweiz ziehen, wissen, daß in einem Winkel zwischen Aarau und Brugg, »ahe dem Ufer der Reuß die Asche eines Mannes rudt, der für das Wohl der Mit« und Nachwelt mehr geleistet hat, t(6 Mancher, der eine Krone getragen, Provinzen regiert, Armeen commandtrt oder Millionen an Gold und Silber »ufgehäuft, Städte, Straßen, Canäle und Brücken erbaut »der auch durch große Erfindungen und Entdeckungen sich ausgezeichnet hat. Denn eine« bleibt doch ewig unter den Zielen höchstes der Menschheit im Vordergründe stehen und da» ist: die Erziehung unseres Geschlechts zu freien, sitt­lichen, selbstbewußten, erkennenden Wesen, oder mit anderen Worten: die Abstreifung der thierischen Seite innerhalb der Menschenuotur und Veredlung dieser zu einem rein sittlichen Wesen, dessen Wollen nur allein auf daS Wahre, Schöne und tonte gerichtet ist.

Denn was nützen alle Vervollkommnungen der Technik, all der glänzende Comfort, alle Fortschritte in Wifienschaft und Kunst, wenn bei der großen Masie die thierische Natur fortwährend bet den geringsten Anlässen in ihrer ganzen Nacktheit an den Tag tritt; waS wollen alle HumanitätS- destrebungen sagen, gegenüber der Thatsache, daß der Krieg mit all seinen Greueln noch immer al» ein heiliges Recht angesehen tst; wer mag von Bildung reden, wenn man daran denkt, daß vier Fünftel unseres Volkes nach ihrem Austritt aus der Schule in ihrem ganzen Leben, wenn eS nicht gerade daS Gesangbuch ist, nie mehr ein Buch in die Hand oe- kommen, eS sei denn eine Brandschrift, die ihnen zum Fenster hineingeworfen wird.

Unter der verhältnißmäßtg kleinen Zahl edler Geister, die seit dem Beginn der menschlichen Culiur, aber zerstreut über den ganzen Erdball und unter allen Völkern der alten wie in der neuen Zeit gleichem nur wie Meteore ausschossen, fich der Veredlung des menschlichen Wesen», insonderheit der niedersten, ärmsten und zurückgebliebensten Theile der jeweiligen menschlichen Gesellschaft, weihten, nimmt Pestalozzi einen hervorragenden Rang ein.

FeuiUrton.

Wochrndrirfe aua der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 9. Januar.

Aarneval. Sportfest. Vom Hofe. Allerlei.

Mit dem 11. Januar wird seine närrische Hoheit der Prinz Carueval seinen feierlichen Einzug in die närrische Haupt- und Residenzstadt Darmstadt halten. Von den zwei Vereinen, die carnevaltstisches Leben in Darmstadt pflegen, hat diesmal die große Carnevalsgesellschaft von Veranstalt« ungen abgesehen, um derNa rrhalla", die in diesem Jahre ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, vollen Spielraum zu lasten. Der städttsche Saalbau wird wiederum der Schauplatz der närrischen Thateu sein. Geplant sind mehrere Damen- und H-rrensttzuugen, dann eine Sitzung ausschließlich für das -stärkere" Geschlecht, ein großer Maskenball und last iot least ein mächtiger Carnevalszug am Faschings- die«»tag mit darauffolgender Kappensahct am Aschermittwoch. Seit Jahren hat man keinen großen Zug mehr veranstaltet, »nd so rüsten fich denn alle närrischen Kreise, um diesmal »it ganz besonderen Leistungen hervorzutreten. Eifrig wird bereits berathen und geheiwnißvoll werden Vorbereitungen getroffen. Auch die Studentenschaft ist zur Betheiliguog utfgesordert und hat ihre Mitwirkung zugesagt. Rur über He Person des Prinzen Carneval will noch nicht» verlauten unb wir können nickt verrathen, ob fich schon ein Bewerber

für dieses hohe Ehrenamt gefunden hat oder ob das närrische Comite noch auf der Suche ist. Schließlich darf die Local- poffs nicht vergessen werden, deren Aufführung man plant. Wie verlautet, sind auf das närrische Preisausschreiben hin drei Arbeiten ringeretcht worden, von denen zwei in die engere Concurrenz gekommen find. Wem der hohe auSgesetzie Preis von111 Mark 11 Pfg. iu Gold" zu Thcil werden wird, ist nun die große Frage, deren Beantwortung die nächsten Wochen bringen müffcu. Eine für Darmstadt neue caruevalistische Veranstaltung bietet die Direction deS Orpheums ihren Besuchern. Es sollen nämlich von nun an nach Schluß der MtttwochSvorftellungen große Redouteu ab- gehalteu werden, wie sie in anderen großen Städten mit großer Studentenzahl auch stattfinoen. Da an derartigen Vergnügungen hier kein Ueberfluß besteht, dürste daS neue Unternehmen großen Zuspruch finden.

Ein eigenartiges Sport »fest steht uns auch für die nächste Zeit bevor. Dem hiefigen Schlittschuhclub ist nämlich von cem Verband der deutschen Eislaufvereine die Abhaltung des großen Berban d swettlaufens für Kunst- und Schnelllaufen übertragen worden. ES waren auch schon bestimmte Termine angesetzt, doch seither hat die Witterung jedesmal den Plan zu Waffer werden lassen, im eigentlichen Sinn des Wortes. Da von auswärts auf starke Betheiliguvg gerechnet wird, namentlich von Seiten hervorragender Kunst­läufer, so darf man d^m F.ste mit großem Interesse ent« gegensehen. Reben drm Schlittschuhclub ist auch der EiSbahu- verein eifrig thätig. Die Bahnen find alle hergeftellt und nun hofft namentlich die liebe Jugend auf lange Andauer deS eingetretenen FrostwetterS.

obwohl er auch nie nach solchen trachtete; Wohlthäter, Retter der Armen, durch Bildung und Wissen, die eine Um­wandlung der gesellschaftlichen Mißverhältnisse zur Folge haben müßten, daS wollte er sein und so wurde der Social- reformer zum Lehrer Europas.

Noch am Abend seines Leben» schrieb er in einet seiner kleineren Schriften:An dar niederste Volk in Hel- netten!" Ich habe dein Zurückstehen, ich habe dein ttele», dein tiefstes Zurückstehen gesehen und mich deiner erbarmt. Liebes Volk, ich will dir aufhelfen. Ich W keine Kunst, ich kenne keine Wissenschaft, und ich bin in dieser Welt mcht», gar nichts; aber ich kenne dich u:>d gebe dir mich, ich gebe dir, was ich durch die ganze Mühseligkeit meine» Leben» nur für dich zu ergründen im Stande war."

Wer Pestalozzi bloß durch die Brille de» Pädagogen betrachtet, der erfaßt ihu nur halb, sein Streben ging nicht auf in der Entwickelung und Ausbildung des Kinde», fein Ziel lag viel weiter: die Besserung der gesellschaftlichen Zu­stände durch Erziehung und Unterricht war daö Ideal seines Lebens, der treibende Motor in seiner warmen Brust. Diesem Bedürfniß seines Herzens dienen denn auch mehrere seiner vornehmsten Schriften. ZunächstLienhard und Gertrud", ein Werk, das in der ganzen deutschen Volks­bücherliteratur nicht seines Gleichen hat; in höherem Grade noch aber:Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts". Diese-, vielleicht daS bedeutendste Werk Pestalozzis, blieb längere Zeit ungewürdigt und unverstanden. Das war natürlich, mau begriff nicht die Erhabenheit, die Prftalozzi darin seinem Geschlechte beilegte und begriff nicht den weiten Weg, den letztere» von seinem Ziele trennte und noch weniger die Mittel, durch welche die menschliche Natur jenen entgegen- gef hrt werden sollte. Heute ist diese» Buch kein Rächsel mehr, das Verständniß desselben mußte erfolgen in einer Zeit, die von den nämlichen Ideen bewegt wird, die auch ihm zu Grunde liegen. Was Pestalozzi in diesem Werke behandelt, ist nichts anderes, als das große Problem unserer Tage: die sociale Frage.

Pestalozzi geht darin von einem Naturftande der Menschheit au», preist diesen aber nicht, wie der französische Erzieher Rousseau, als den Stand der Unschuld, zu dem man zurückkehren müsse, sondern er erkennt in dem sog. Ur­menschen nichts anderes als ein Raubthier.ES ist nicht wahr", sagt Pestalozzi,daß der Urmensch friedlich lebte auf Erden; eS ist nicht wahr, daß er die Erde ohne Gewalt, ohne Unrecht und ohne Blut vertheilt hat; eS ist nicht wahr, daß der Ursprung des Mein und Dein in einem Gefühle der Billigkeit und deS Rechts zu suchen ist. DaS ist viel mehr wahr, daß er (der Urmensch)triefte von dem Blute seine» Geschlechts. Er schützte seine Höhle wie ein Tiger und tödtete sein eigen Geschlecht; er sprach die Grenzen oet Erde als sein an; er ihat unter der Sonne, wa» er wollte. Er kannte kein Recht und kannte keinen Herrn, sein Wille

Bei Hofe hat eine leichte Erkältung des Großherzogs die Verschiebung de» sür den 8. geplanten Hofballes auf den 15. dS. nöthig gemacht. In der Gesellschaft wird eifrigst getanzt, die Ballveranstaltungen folgen fich in großer Zahl in Verein»- wie in Privatkreisen.

Im Hoftheater hat die abgelaufene Woche nicht» Neues von besonderer Bedeutung gebracht, doch hat die Wiederholung von Smetana»Dalibor" am letzten Sonntag bewiesen, daß die Aufführung dieses Werkes in der That da! bemerkenswerthefte mufikalischeEreigniß" der Saison gewesen ist. Noch stürmischer wie bei der Prem-öre erbrausten die Beifallstürme und die Bewunderung de» gesammten Publikums für da» grandiose Werk war ungctheilt. Die beliebtePuppenfee" brachte derselbe Abend in neuer In- scenirung. Da» reizende Ballet ist hier so beliebt, daß e» auch in dem neuen Gewände, trotzdem eS nun schon etwa 30aial erschienen ist, einen lebhaften Erfolg errang. Die nächste bemerkenSwerthe Vorstellung wird nun die Aufführung derRäuber" am SamStag sein, da damit der Anfang mit den geplantenVolttvorstellungen" gemacht werden soll. Bewährt sich diese» neue Unternehmen, so wird nach einige« Wochen LesfingSNathan der Weise" folgen und daun gedenkt man auch eine klassische Oper, wahrscheinlich Beet- HovensFidelio" zu geben. Die Preise der Plätze find ganz außerordentlich ermäßigt. Fremdenloge, der theuerste Platz, kostet nur 2 Mark und die zweite Gallerte 30 Pfennige. Damit ist auch de« Unbemittelte« Gelegenheit zum Theater- besuch gebste«.