Ausgabe 
11.10.1896 Drittes Blatt
 
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Feuilleton.

Grober Unfug.

AuS der Schule gfpleubert von Hedwig Erlin.

(Nachdruck verboten.)

Daß Schulstunden unter allen Umständen nicht der Trdengeuüffe höchste sind, werden selbst aufrichtige Bildungs» freunde gern zugeben- wenn aber ein junge», lebensfrohe» Mädel, das bereit» ins sechszehnte Jahr geht, gezwungen ist, fünf bi» sechs Siunden täglich bei den Büchern zuzu« bringen, so wird da» bedingungslos als beklagen-werth an­gesehen werden müffen.

Diese» Standpunkt vertheidigte Käthe Berthold wenigstens auf das Entschiedenste. Sie war, wa» man so sagt, ein hübsches, aufgewecktes Ding, mit blonden Hängezöpfen und Augen, die so festlich glänzten, al» warteten sie auf das Glück.

Die Selecta der höheren Töchterschule zählte sie zu ihren Schülerinnen, allerdings nur bis zum kommenden Ostern, wo das Examen bevorstand, waS zugleich den er­sehnten Abschied bedeutete.

Aber eS war roch ein halbes Jahr bis dahin und in diesem halben Jahre mußte immerhin etwas geleistet werden. Käthes Notizbuch gab über die vergangenen und zukünftigen Arbeitslasten ungefähr Bescheid.

Unter der Ueberschrift:Stundenplan!" enthielt eS eine Reihe von Aufzeichnungen mit Randbemerkungen. Oben- an stand: Französisch. (Randbemerkung: scheußlich.) Daun kam: Physik. (Herr Doctor Bister müßte wegen chronischer Unfreundlichkeit strafrechtlich verfolgt werden.)

Ferner: Geschichte, alte. (Fräulein Karola ist jeden­falls die geeignetste Person, um über Antiquitäten Auskunft

zu geben, zählt sie doch selbst -u den Antiquitäten, wenn auch zu den wenig werthvollen.)

Nun folgte: Literatur. (Doctor Dedding wird von allen angeschwärmt, aber er macht sich nicht» d'rau». Schade! ! ! ) Sin Tintenklex, in Form einer dicken Thräne, schloß den interefianten Bericht stimmungsvoll ab.

Er aber, dem die schwarze Thräne und die Liebe von sünfzehn angehenden jungen Damen galt, blieb ungerührt bis in die äußersten Spitzen seines schönengeistvollen" Schnurrbartes hinein.

Heute war er besonder» kaltherzig.

Er sprach Über indische Literatur und so deutlich seine Schülerinnen auch durch Unaufmerksamkeiten aller Art ihr Mißbehagen über da- nach ihrer Meinung langweilige Thema zu erkennen gaben, kein Scherzwort, keine lieben»würdige Anzüglichkeit würzte seine Rede.

In ruhig vornehmer Haltung stand er am Katheder, während seine Augen lebhaft und wachsam die Schaar seiner Zuhörerinnen überflog.

Also wir waren letzteSmal bei der indischen Fabel stehen geblieben! Dem Alter nach ist von den un» bekannten indischen Fabelwerken da» Paotschatantra . . ."

Käthe Berthold, waS schreiben Sie da für unnütze» Zeug? Merken Sie lieber auf!"

Tadelnd ruhte sein Blick aus dem jungen Störenfried, der kichernd etwa« der Nachbarin zuschob, um dann hinter einem aufgeftapelten Wall von Büchern zu verschwinden. Aber Doctor Bedding war damit nicht zufrieden.

Wiffen Sie vielleicht, wa» Pantschatantra ist?" forschte er unerbittlich.

Pantschatantra ....?"

Käthe suchte die Erklärung dieses zungenverletzenden

Worte» an der Decke, an den Wänden, an sämmil^,. Kleiderhaken, endlich mußte sie ihre Unwiffenhett bekenne»

Eine andere wurde befragt und fie wußte zn erkläre», daß man unter Patschatautra fünf Bücher indischer Fabr!,, Märchen und Erzählungen verstehe.

Haben Sie'» gehört, Käthe? Denken Sie in gefälligst etwa» ernster Über Ihre unentwickelte CUb»»./

Das mußte fie hören! Der schreckliche Mensch!

so etwa» zu sagen ... wo «an bald sechzehn Jahre l war . . . Ach, diese Schule!

Käthe stützte den Kopf und nahm fich fest vor, st- Doctor Bedding überhaupt kein Ohr «ehr zu haben. hatte er nun davon l Warum war er so ... . s, freundlich? Ob er wohl intmer wenn er fich nun p, Beispiel mal verlobte ... Da mußte er doch tntfatefa ein andere» Benehmen haben.

Nun, meine Damen, erklärte ich Ihnen soedea, Pantschatantra im fünften Jahrhundert n. Ehr. verfaß 1 und jetzt möchte ich ... . Wer stöhnt denn da so»n lich? Traurige» Armuth»zevgniß, diese Langeweile . Also ich möchte nun einige» über den Inhalt der darin er­haltenen Fabeln bringen Aber e» ist doch entsetzlich \e

Ein auffällige» Rascheln, Tuscheln und Kichern aas ttrr der Hinteren Bänke ließ Doctor Bedding seinen vorn., unterbrechen und nach dem Grunde der Unruhe forsche».

Magda Möwe», wa» haben Sie da? Ich verbine»- die Spielerei I"

Eine baumlange Blondine steckte der nebenan fyaH Freundin schnell ein Stück Papier in die Hand, erhob Fi al»dann und bethenerte, unschuldig aa dem Lärm zn fite.

(Fortsetzung folgt.)

BekarmtmachrmL-

Auf Verfügung Großh. Kreisamts bringen wir Nachstehendes zur allgemeinen Kenntniß:

Der sogenannte Frostnachtspanner richtet an den Obstbäumen (ins- besondere an den Aepfel-, Kirschen- und Mirabellenbäumen) den größten Schaden an. In der Zeit von Mitte October bis December entschlüpft der Frostnachtspanner seiner Puppe und klettert der weibliche Schmetter­ling an den Stämmen der Bäume empor, um in den Knospen seine Eier abzulegen, welchen im nächsten Frühjahr kleine Räupchen entschlüpfen, die sofort an den Blüthen zu fressen ansangen und alle Bemühungen zu ihrer Vernichtung zu Schanden machen.

Es ist deshalb von Wichtigkeit, den Schmetterlingen den Zutritt zu den Zweigen und Knospen zu erwehren, was am Gründlichsten durch An­legung von sogenannten Kleberingen (Klebegürteln) erreicht wird. Zur Herstellung von Kleberingen ist Brumataleim oder auch folgende Maffe geeignet: 5 Kg. Rüböl und 1 Kg. Schweinefett tüchtig gekocht; 1 Kg. dicker Terpentin und die gleiche Menge Kolophonium für sich zusammen­geschmolzen und dann unter fleißigem Umrühren der ersten Mischung zu­gesetzt. Diese so erhaltene sehr klebrige Maffe wird auf 10 Ctm. breite Papierstreifen, welche fest um die Bäume zu binden sind, aufgetragen und muß, falls sie nach einigen Monaten zu zähe geworden ist, erneuert werden.

Wir fordern hiermit die Baumbesitzer zur Vertilgung des Frostnacht­spanners durch Anlegung von Kleberingen unter dem Anfügen auf, daß der Stadtgärtner und das Feldschutzpersonal zur Ertheilnng jeder ge- wünschten Auskunft angewiesen sind.

Gießen, den 8. October 1896.

Großherzogltche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth, Oberbürgermeister.8981

Versteigerungen.

Wonlag den 12. d. Mts.,

Mittag« 3 Uhr, versteigere ich die

(Srnte von zwei Triebvierteln gegen Baarzahlung.

Zusammenkunft am Lutherberg.

Versteigerung voraussichtlich bestimmt.

Gießen, den 8. Octobrr 1896.

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