Ausgabe 
11.10.1896 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

«r. 240

Der

A«zel-er erscheint täglich, Btzt Lu-nahme des Montags.

Die Gießener

H.»ttte«-cL1ter yrten dem Anzeiger ^chattlich dreimal deigeleg».

Drittes Blatt. Soimta- den 11. October 1806

IIMlCW I

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Bierte(156rtgtr ASonncmeiUtpreisk 2 Marl 20 Pfg. mit vringerloyn. i Durch die Post bezog«» 2 Mark 50 Pfg.

----- \ Redactton, Expedition und Druckerei:

-chukstrateAr.^' Fernsprecher 5L y

Anrts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.

lanahm« von Anzeige« zu der Nachmittags für de« solgendm Lag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr.

Hratisöeitage: Gießener Aamikienökätter.

> - t > - ..........

Alle Annoncen-Vureaux deS In« und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegm.

Lhait.

vekauntmachuug.

Die KreiSstraste Beuern - Bersrod kann wegen btt Umbaues der Brücke über den Roßgraben von

Montag den 19. d. Mts. ab nicht befahren werden.

Gießen, den 9. October 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

vekmmtmachuag,

betreffend: Maul- und Klauenseuche zu Holzheim.

Nachdem in einem Gehöfte und unter der Schafherde ^Holzheim die Maul- und Klauenseuche amtlich fest- gestEt worden ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffent­lichen Kenntniß gebracht, daß Gemarkungs- und Weidesperre «geordnet worden ist.

Ni en, den 10. October 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Geldstück, 1 Laterne, 1 Rüstschnur, 1 Manschettenknopf, 1 Taschen­tuch, l Peitsche, 1 Regenschirm, Briefmarken, 1 Paar Hand­schuhe 1 Löffel, 1 Taschenmesser, 1 Brille, 1 Hundehals­baud, 1 Petschaft.

Gießen, den 10. October 1896.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. 93.: Roth.

N Siu Bad im Polarmeer. Im Lause dieses Winters uird Nansens Werk Uber seine Nordpol-Ex- nebiiton fertig vorliegen, lieber daS Verlagsrecht hat er leib tu mit einer Firma in Chrtsttavta den Contract ab- istUaffeu. Ganz besonderes Jutereffe muß der Abschnitt i i In in, der die denkwürdige und in der Geschichte der Polar- «llchung ohne Seitenstück dastehende Schlittenreise Nansens : i.ab Johansen- vomFram" aus gegen den Nordpol und jerüd dis FraP-JosefS Land behandelt. Was die beiden üinmer auf dieser Reise zu erdulden hatten, davon gibt iitchftsheude Episode einen Begriff: ES war kurz nach der * lifnnft bei Franz-JosefS-Land. Die beiden Polarreisenden 1 |dtta ihre zusammengebundenen Kajaks mit darauf befind- i sm Schlitten, Proviant und Munition am Strande ge- I lejm und waren ins Land gezogen, um zu recognoSciren. splitzllch fragte Nansen, ob denn auch die Kajaks gut fest- !"

Feuilleton.

Wochenbriefe ans der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 8. October.

4kriiierettuuge» zum Empfange des ruffifcheu HerrfcherpaareS. Som Lutherfestspiel. Allerlei.

Nur noch wenige Tage trennen uns von dem Besuche li« russischen Majestäten bis der Brief in den j Men Ihrer geschätzten Leser ist, wird ihre Ankunft bereits ichlgt sein, heute sei deshalb einstweilen von den Dor- ilstituingen größeren Stils gesprochen, die aus diesem Anlaß lienoffen werden. Bereits im letzten Briefe geschah der »vLhtt gen Ehrenpforte Erwähnung, die von Setten der Stadt, Ilm Ehrenbürger Zar Nicolaus ist, am; Eingänge der ? Hiin'rtraße, nächst den Bahnhöfen errichtet wird. Bis heute iMnr Bauwerk bereits so wett gediehen, daß sich sein zu- kDjiigeS Aussehen schon ahnen läßt. ES find drei gewal-

Rundbogen, von denen der mittlere, der größte, von etüitt Kuppel gekrönt wird, die eine mächtige Krone trägt,- 1 lei Ganze ist reich mit russischen, deutschen und hessischen l Mp tln, Guirlanden, Wappen, Emblemen und electrischen Sippen geziert und wird in seiner Vollendung einen präch- t r.ym Anblick gewähren. Die Rhetnstraße selbst wird zu einn Via triumphalis umgestaltrt. Benetianische Masten, ilNtcn denen sich ein Fichtevbäumchen dicht beim anderen iishibet, find in großer Menge aufgestellt, mit Wappen und uHutin reich geziert und durch Guirlanden untereinander 6 isilnmbcn worden. Den gleichen Schmuck zeigt die Wilhel-

gemacht seien, und alS beide umkehrten, um sich davon zu überzeugen, sahen sie, daß die beiden Kajaks mit allen Sachen wett draußen auf dem Meere zwischen Etsstückrn schwammen, ohne daß eS eine Möglichkeit zu geben schien, sie zu erreichen. Entschloffen warf Nansen seine Kleider ab mit Ausnahme der wollenen Jacke und der Hose, denn nackt würde er sofort erstarrt sein, und warf fich in daS von Ei- gefüllte Wasser, um den Kajak- vachzuschwimmen.Thue eS nicht!" hatte Johansen warnend gerufen, hier gab eS aber keine Wahl. Die Kajaks zu verlieren, bedeutete sicheren Tod, langsamen Hungertod. Nansen, der vielleicht fünf, vielleicht zehn Minuten geschwommen war, fühlte schon, wie alle seine Glieder steif zu werden begannen, als er an das Ziel kam. Nun galt eS, in die Kajaks zu kommen, aber steif gefroren, wie er war, wollte dies nicht glücken, und er lag einen Augenblick still und fühlte, wie die Kälte immer höher in den Gliedern stieg. Biele Gedanken durchkreuzten in diefem Augenblicke sein Hirn: Er dachte an Frau und Kind für deren Zukunft würde der Landtag vielleicht sorgen an denFram" und an seinen treuen Kameraden am Strande, Johansen, der nun langsam zu Tode hungern mußte. Aber er machte noch eine äußerste Kraftanstrengung und es glückte ihm, indem er sich längs der Boote legte, daS eine Bein auf die Kante zu bekommen und den Körper nachzuziehen. Für einen halb zu Tode gefrorenen Mann war e» keine Kleinigkeit, mit den Kajaks an den Strand zurückzukommen. Aber als er endlich dort war, wurde er von Johansen in einen Schlafsack gesteckt und von ihm so lange bearbeitet, bis das Blut wieder in Bewegung kam. Am nächsten Tage war Nansen wieder frisch und munter wie am Tage vorher. Auch Johansen hatte während dieser Schlittenreise Gelegenheit gehabt, das Waffer des Eismeeres näher kennen zu lernen. Als beide eines Nachts bemüht waren, ihre drei Schlitten über eine Spalte im Treibet- zu bringen, fiel Johansen bet über 40 Grad Kälte mit dem halben Körper in daS Waffer. Seine Kleider waren nach dem Herau-kommen steif wie GlaS, und eS bauerte einige Tage, ehe fie wieder weich wurden.

Eine gefährliche Liebesbrief - Geschichte erzählt die Posener Zeitung." Neulich ersuchte der jugendliche, den Briefmarkensammelsport betreibende Sohn eines Bürgers in Posen den Vater, eine Anzahl solch' alter Marken er hatte fie aus dem Boden entdeckt verkaufen oder bei seinen Kameraden gegen andere Marken umtauschen zu dürfen. Der Vater erlaubte daS und schärfte dem Sohne noch be­sonders ein, die Marken auf den Couverts zu laffen, da er bann höhere Preise erzielen werde. Der gehorsame Sohn beherzigte daS und gab in seiner kindlichen Unschuld sogar noch die alten Briefe zu, die sich in den CouvertS befanden. Wie erschrak aber der Papa, als ihn rach einigen Tagen eine bekannte Dame darauf aufmerksam machte, daß zur Zeit

minenstraße, der Markt- und Luisenplatz. Am Großherzog­lichen Schloß, am Neuen PalatS und am Monument Ludwig- I. stehen mächtige in deutschen, russischen und hessischen Farben gehaltene ObeliSke, die zur Aufnahme großer Blumen-Arran- gements dienen sollen. Die Straßen selbst, welche die Aller­höchsten Herrschaften pasfiren, werden mit rothem Sande bestreut. Täglich kann man auf ihnen in früher Morgen­stunde den Großh. Hofstallmeister Frhrn. Rtedesel zu Etsen- bach in eigner Person den k la Daumont angeschirrten prächtigen Viererzug in den Straßen bewegen sehen, um die Thiere an den Anblick der Fahnen rc. zu gewöhnen. Die Allerhöchsten Herrschaften werden, soweit bis jetzt bekannt ist, Samstag Morgen um 9 Uhr auf dem Ludwigsbahnhof in Darmstadt eintreffen, fich nach dem Main-Neckar Bahnhof begeben und von den hier anwesenden Mitgliedern der Groß­herzoglichen Familie und den Spitzen der Behörden empfangen werden. Dortselbst steht auch die aus den verschiedenen Compagnien deS Leibgarde-Jnfanterie-RegimenteS zusammen- gezogene Ehrencowpagnie unter dem Befehle des Haupt­mann- Stubenrauch. Die Wagen der Allerhöchsten Herr­schaften begeben sich, nachdem die HouneurS erwiesen find, unter der Escorte zweier Schwadronen der hier garniso- nirenden Cavallerieregimeuter zum Neuen PalaiS an der katholischen Kirche, woselbst auf besonderen Wunsch Ihrer Majestät der Kaiserin der russische Hof refidirt. DaS Ge­folge nimmt im Großherzoglichen Residenzschloß Wohnung. Für den Abend ist ein großer Fackelzug und Serenade der verschiedenen Vereine vorgesehen.

Im Großh. Hoftheater ist für kommenden Sonntag Abend eine besonders glanzvolle Vorstellung geplant. Zur Aufführung kommt WagnersLohengrin" tu neuer AuS-

die Liebesbriefe, die er als Bräutigam von seiner damaligen Braut, jetzigen Frau, empfangen, in der Stadt circulhten und den Inhabern erhebliches Vergnügen bereiteten! Der Junge hatte diese zarten, seit Jahren achtlos bet Seite ge­legten Beweise zärtlichen Empfindens erwischt und ohne Prüfung des Inhalts in fremde Hande gegeben! Nun wurden große Anstrengungen gemacht, diese handschrift­liche Liebeslyrik wieder in die Hände ihres EigenihümerS gelangen zu laffen aber nicht immer mit Erfolg. Manchem der gegenwärtigen Besitzer machte es Spaß, dieseBekennt- niffe" für fich zu behalten vielleicht, um sie einmal als Briefsteller für Liebende" zu benutzen.

Singen in deutscher Sprache. Aus London schreibt man: Die englische Primadonna Emma EameS Story wird diesen Monat in Newhork dieElsa" in deutscher Sprache singen. Einen Landsmann, der ihr sein Bedauern darüber aussprach, daß fie sich mit einersolch schrecklichen Gurgel­sprache" abquälen müsse, überraschte fie mit der Antwort: Deutsch ist viel leichter zu fingen, als englisch. Die Endungen ing" undble" sind ein schrecklicher Stein des Anstoßes für gutes Singen in englischer Sprache und unsere Gewohnheit, die Vocale zu erwischen, macht es schwer, einen Ton herauS- zubrtngen, ohne affrcttrt zu erscheinen. Deutsch singt sich selbst bester als französisch,- englisch ist beinahe unmöglich. Italienisch ist da- Vollkommene."

CHeratur und Arnrft.

Die ßöleetriettät und ihre Technik, von W. Beck, In­genieur für Electrotecbntk. Nebst einem Anhänge: DaS Wesen der Electricität und deS Magnetismus von I. G. Vogt. Mit zahlreichen Illustrationen, farbigen Bildern,Tonbtldern u.s w. In 55 wöchentlichen Lieferungen ä 10 Pfg. ober in 11 Heften ä 50 Pfg. Verlag von Ernst Wiese Nachf., Leipzig. Lfg. 1. Die erste Lieferung obigen Werkes, die uns heute vorltegt, kann nur das günstigste Vorurthetl für das Ganze erwecken, lieber die hohe Bedeutung eines derartigen Werkes als Btldungsmittel für die weitesten Kreise ist jede Dtscussion überflüssig. Leben wir doch heute bereits mehr im Zeitalter der Electricität als in dem des Dampfes. Soll aber ein Werk diesen hohen Zweck erfüllen, so sind drei Vorbedingungen unerläßlich: eine Erschöpfung des Themas, eine durchaus gemeinverständliche Dar­stellung und ein niedriger Preis. Diesen drei unbedingten Elforder- nisfen genügt das Beck'sche Werk in hohem Maße. Telegraphie, Telephonie, electrische Beleuchtung, electrische Klingel, Blitzableiter, Galvanoplastik, die Elcetrometallurgie in allen ihren Anwendungs­formen, electrische« Schmelzen, Schweißen, Hart- und Weißlöten, die Anwendung der Electricität zu Heilzwecken, electrtscheS Kochen und Heizen, electrische Uhren, Electromotoren kurz alle die tausenderlei Gebiete, in die heute die Electricität ihren siegreichen Einzug gehalten bat, werden in knapper und doch gründlicher Weise abgehandelt. Und dabet wird der Verfasser niemals langweilig: alles liest sich so leicht, so fließend, so ohne alle gelehrte Weit­schweifigkeit, daß man das Buch ohne weiteres jedem Laien in die Hand geben kann. Es kommt hinzu, daß die Darstellung überall durch treffliche Illustrationen veranschaulicht wird, die das Ver- ständniß in hohem Maße erleichtern.

gM9

stattung bei festlich beleuchtetem Hause. Herr Buar, der neuengagirte Tenor, der seither schon verschiedene Mal Ge­legenheit hatte, durch seine prächtigen Stimmmittel zu brilliren, wird die Titelrolle fingen. Auch die vergangene Woche war für unser Kunstinstitut eine ereignißreiche, fie brachte neben Mozarts unvergänglicherZauberflöte" und VerdisTrou­badour" als Novität Grillparzers historisch - dramatische- MeisterwerkKönig Ottokars Glück und Ende", da- namentlich durch Herrn Heines (König Ottokar") und Wagners (Rudolf von HabSburg") Kunst eine in allen Theilen abgerundete und in jeder Hinficht vollendete Wiedergabe fand. Wenn der zur Aufführung geplante Grillparzer«CycluS hält, was dies Stück versprochen hat, wird unser Schauspiel-Ensemble einen hervorragenden Beweis seine- Könnens geliefert haben. DevrieutsLuther" hat ebenfalls trotz mehrfacher Wieder­holungen noch nichts an Zugkraft eingebüßt, die beiden Hauptdarsteller Herr Edward und Frau Dr. Hauser waren kürzlich wiederum Gegenstand begeisterter Ovationen zum Danke für ihre vollendeten Darbietungen. Mit einer am Sonntag zu ermäßigten Preisen zu veranstaltenden Volks» Vorstellung wird die Reihe der Aufführungen deS Werkes schließen.

Eine Nachricht, die in den weitesten Kreisen der Be­völkerung unserer Stadt Freude erregt haben dürfte, war die durch die Blatter gegangene Meldung, daß sowohl Seine König!. Hoheit der Großherzog wie das Großh. Mini­sterium die Anlage einer electrische« Straßenbahn in der von der Bürgermeisterei gewollten Gestalt genehmigt habe, hoffentlich nehmen die Arbeiten dazu nun bald ihren Anfang!