Ausgabe 
9.12.1896 Erstes Blatt
 
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1896

290 Erstes Blatt. Mittwoch den 9. December

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Lietzener >njdget «scheint täglich, nit Ausnahme des

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Gießener Anzeiger

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Deutsches Reich.

Hamburg. 6. December. Ja mehreren Blättern wurde behauptet, daß die finanziellen Ergebnisse der hie« ßgen Rhedereien keineswegs günstige seien, so daß die Rheder außer Stande wären, die Forderungen der Hafen­arbeiter zu bewilligen. Eine merkwürdige Illustration hierzu bietet ein Circular der Rhederfirma Robert M. Sloman jr., da» demHamburger Echo" auf den RedactionStisch geweht wurde. In dem Circular, daS vom 26. November d. I. batirt ist, heißt:ES ist mir gelungen, daß anerkannt beste große Segelschiff der englischen Handelsflotte in meinen Besitz zu bringen, und zwar zu einem Preise, der als außer« ordentlich billig zu bezeichnen ist. Daß Schiff, Vtermastschiff California", wurde im Jahre 1890 von Harland u. Wolff in Belfast zum Preise von circa 660,000 Mk. gebaut und hat fich seitdem in jeder Weise alß hervorragend bewiesen, wlrdig dem großen Namen seiner Erbauer und seiner Rheder, derWhite Star Line" in Liverpool. Der Preis, zu welchem ich dieCalifornia" erstand, betragt nur 365,000 Mk., ein Preis, welcher ein gutes Resultat bet selbst nted« rtgen Frachten verbürgen sollte. Ich habe auf diesem Schiffe eine Parten Rhederei gegründet mit einem Rhederei« Capital von 365,000 Mark, eingetheilt in 73 Parten k 5000 Mk. Das Schiff, daS fortan den NamenAlster" führen wird, wird unter meinem Management stehen, doch berechne ich mir keine Correspondenz-Proviston, wie sonst üblich, sondern begnüge mich mit den Courtagen auf die besorgten Frachten. Ich habe in Liverpool dieAlster" ver­frachtet für eine Reise von Liverpool nach Calcutta mit voller Ladung Salz zur Rate von 20/ Sterling, eine hohe Rate, welche ungefähr die ganzen Kosten der Rundreise (also bis daß Schiff im europäischen Hafen wieder entlöscht ist, tncl. Affecuranz, Gagen, Hafenkosten rc.) deckt, sodaß fast die ganze Fracht der Heimreise Ueberschuß ist."

Neueste

Krolfst telegrephifcheS Sorrefvonday-Bnrca«.

Berlin, 7. December. Das Staats Ministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.

Berlin. 7. December. Die Commission des Ab­geordnetenhauses für den Gesetzentwurf betreffend die Staatßschuldentilgung und den Außgleichsfouds begann die Berathungen. Im Laufe der Debatte betonte Finanz- Minister Miquel die Nothwendtgkett eineß festen TtlgungS- planes.

Berlin, 7. December. Wie aus dem Zusammenhänge der Aussagen des Botschafters Grafen Eulenburg hei vor­geht und wir noch ausdrücklich bestätigen können, handelt es fich bei der von dem Botschafter dem Criminalcommissar v. Tausch erwiesenen Freundlichkeit um eine österreichische Deeoration, deren Befürwortung zu den dienstlichen An­gelegenheiten deS Kaiserlichen Botschafters am Kaiserliche» Hof in Wien gehört.

Bremerhaven. 7. December. Der A u ß st a n d der Arbeiter in Wenkestock war nur unbedeutend. Die Lohnstreitigkeiten find beigelegt. H-ute wurde gearbeitet.

Hamburg, 7. December. Der Unterstützungßfonds ist sehr reichlich mit Mitteln versehen. Morgen wird die Unterstützung der Schauerleute vom Comits um 1 Mark pro «opf erhöht werden. Sonntag find wieder vier zugereiste Arbeiter auf den Sch'ffm verunglückt.

Hamburg, 7. December. Der Stand b Strikeß ist wenig verändert. Bon einer Vermehrung der Arbeit im Hafen und auf den Sch ffen ist wenig bemerkbar. Die Steinkohlenhändler erhöhten die Preise um 30 Pfennig daß voppelhectoliter. Die Jutefabrik stellte ihren Betrieb wegen lkohlenmangelß ein. Die Detailltstenvereine beabfichtigeu eine Petition circultren zu laffen, die den Senat ersuchen soll, iehufß Abhilfe der Calamnät seinen Einfluß für eine Ber« Mittelung geltend zu wachen. Gegenwärtig find beide Parteien iw» Außharren entschlossen-

Hamburg. 7. December. Eine Versammlung von socialdemokratischen Gewerbetreibenden nahm rtmstimmig den Antrag au, vom Senate und von der 8 Lrgerschaft zu verlangen, daß sie zu dem Außstande Stellung nehmen.

Weimar, 7. December. Der Feftact zur Feier deß Zabtlääms der deutschen Bühnengenossenschaft Im hiesigen Hoftheater nahm einen glänzenden Verlauf- der Snoßherzog und zahlreiche Ehrengäste und Delegirte wohnten demselben bei. Nach derFestouverture" von Lasten hielt

der Präsident, Hermann Nisten, die Festrede. Schriftsteller Paul Schlenther hielt einen Vortrag überMime und Nach­welt", Klara Ziegler sprach eine Dichtung von Martin Greif auf die Genossenschaft, Max Pohl eine solche von Ernst von Wtldenbruch auf die dramatische Kunst. Am Nachmittag findet die Festtafel, am Abend die Aufführung von Byrons Manfred" im Hoftheater statt.

Schaffhausen, 6. December. Daß Volk beschloß mit 3600 gegen 2600 Stimmen, die vollständige Revision der Cautonßverfassung sei trotz der Berwersung des dem Volk vorgelegten Entwurfes fortzusetzen. Die Regierung wurde ohne Widerspruch für die neue vierjährige Amtßdauer bestätigt.

Kopenhagen, 7. December. Der große Strike der Hamburger Hafenarbeiter berührt auch die Han­delsinteressen Kopenhagens und zwar hat derselbe zunächst zur Folge gehabt, daß unsere Ausfuhr, ganz be­sonders die Getreideausfuhr, stark zugenommen hat. So geht jetzt die ganze Ausfuhr nach Schleswig und Holstein über Kopenhagen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 7. December. Fürst Bismarck hat das ihm angetragene Ehrenpräsidium des Comitss für die Nattonalfeter am 22. März 1897 angenommen.

Berlin, 7. December. Wie diePost" erfährt, ist dem BundeSrath der Entwurf einer Grundbuchordnung durch den Reichskanzler zur Beschlußfaffung zugeganqen.

Berlin. 7. December. In Verbindung mit dem Entwurf einer Erweiterung der Berliner Museumsbauten, an dem jetzt ernstlich gearbeitet wird, wird die Errichtung eines Denk­mals für Kaiser Friedrich III. geplant. Dasselbe soll seinen Platz auf der nördlichen Spitze der MuseumSinsel finden.

Berlin, 7- December. Wie derBerl. Local-Anz." meldet, hat v. Tausch vor seiner Verhaftung den Wunsch ausgesprochen, durch den Rechtsanwalt Dr. Sello ver« theidigt zu werden.

Berlin, 7. December. Der neue Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Oberst Liebert, wird sich, denBerl. Reuest. Nachr." zufolge, noch in diesem Monat auf seinen Posten in Dar«eS°Salam begeben. Seine Familie nimmt er zunächst noch nicht mit.

Königswinter, 7. December. Ein der Vollendung ent­gegengehender Gasthof auf der Rosenau ist infolge eines heftigen Stnrmeß theilweise rin gestürzt. Menschenleben sind nicht zu beklagen.

Hamburg, 7. December. Wiederum find vier ungeschulte Hafenarbeiter verunglückt, also in zwei Tagen etn Procent aller zugereisten Arbeiter. Die Verstcherungs- Gesellschaften verlangen von den Kaufl-uten höhere Prämien, weil die Maaren durch ungeschickte Behandlung leiden, be­sonders Jute, Thee und Mais.

München. 7. December. Bet den gestrigen Gew erbe - gerichtß-Wahlen siegten die vereinten OrdnungSparteien mit der Liste der Arbeitgeber gegen die socialtsttsche Liste mit 2259 gegen 774 Stimmen.

Berlin, 8. December. Im Processe Leckert- Lützow wurde gestern Abend 10 Uhr daß Urtheil gefällt. erhielten Leckert und v. Lützow je l1/* Jahre, Berger 1 Monat Gesängntß, Dr. Plötz 500 Mk. und Föllmer 100 Mk. Geldstrafe. Leckert sen. wurde freigesprochen.

Berlin, 8. December.' (Proceß Leckert.) Daß gestern Abend gefällte Urtheil entspricht den Hauptpunkten dem Anträge des Oberstaatsanwalts. Bezüglich der Publi- kationsbefugniß wurde nach dem Anträge deS StaatSanwaltS erkannt, v. Lützow erklärte sich zum Antritt der Strafe bereit. Leckert behielt fich eine Erklärung vor, ebenso der Staatsanwalt bezüglich v. Lützow. In der Begründung des Urthetls, welches nach dreistündiger Berathung verkündet wurde, heißt u. A.: Von einer angeblichen Preßwirthschaft deS Auswärtigen Amtes könne hier gar keine Rede sein. Daß Gericht sieht für vollständig widerlegt an, daß daß Auswärtige Amt mit Hetzartikeln in Verbindung steht.

Berlin, 8. December. DemLocalanz." zu Folge hat v. Tausch bet seiner Abführung, wie von Ohrenzeugen mehr­fach bestätigt wird, gesagt:Jetzt werde er reden und nichts solle verschwiegen bleiben." Als er von seiner Ver­haftung erfuhr, bat er den vom Polizeipräsidium entsandten Stenographen, zu übernehmen, daß seine kranke Frau von dem Borgefallenen schonend in Kenutniß gesetzt werde.

«rüffel, 8. December.Jndependance" meldet eine Massenvergiftung in einer Antwerpener Kaserne. Biß- her se'en 80 Soldaten in daß Spital geschafft worden.

Brüffel, 8. December. In Folge der Intervention deß Königs wurden sämmtliche liberale Schöffen wtedergewählt. wird angenommen, daß Bürgermeister Bulß nun seine Demission zurückziehe.

Schwurgericht.

W Steßeu, 7. December.

In der Verhandlung gegen die Dienstknechte Balser und Konrad Retz von Steinfurt wegen Meineids, bot die Beweisaufnahme resp. die Zeugenvernehmung daß bei Raufe­reien bekannte Bild. Ein Theil der Zeugen belastete die Angeklagten, während der andere Theil der in diesem Fall von Hörensagen refertrte, entlastende Außsagen machte. Nach Vernehmung der Zeugen theilt der Vertheidiger, ReLlß« anwalt Grünewald mit, daß er außer dem Carl Justuß Jordan von Mehlbach den Chr. Weiß I. und Ludwig Bökener von Steinfurt telegraphisch geladen habe, er bitte, die Ber- Handlung biß 5 Uhr Nachmittags zu vertagen. Die Ver­handlung wird um 1 Uhr Mittag« bis 5 Uhr Nachmittags vertagt. Aber auch um diese Zeit waren die von der Ver- theidigung geladenen Zeugen noch nicht zur Stelle. Rechts­anwalt Grünewald übergiebt dem Vorsitzenden eine Antwort« depesche des von ihm geladenen Jordan, worin derselbe obne Grundangabe telegraphirt, er könne nicht kommen. Die Ver« theidigung erklärt, auf diesen Zeugen nicht verzichten zu können, und bittet daher um eine nochmalige Vertagung. Erster Staatßanwalt Dr. Güngerich erklärt, sich diesem An« trage anschlteßen zu wollen, denn er wolle dem Angeklagten ketnenfalls die Vertheidigung beschränken. Darauf beschließt der Gerichtshof, die Sache auf Dienstag Nachmittag 5 Uhr zu vertagen, die von Rechtsanwalt Grünewald geladenen drei Zeugen aber von AmtSwegen auf Dienstag Mittag 12 Uhr zu laden, damit bet deren eventuellem Nichterscheinen der Gerichtshof die zwangsweise Vorführung der Zeugen bis 5 Uhr Nachmittags veranlassen kann.

W. Gießen, 8. December.

Der Vorsitzende, Herr Landgertchtsrath Müller, er­öffnete heute Vormittag die Verhandlung gegen Franz Milk au von Schotten wegen SittlichkeitSverbrechen. Die Anklage vertritt Herr Erster Staatsanwalt Dr. Güngerich. Die Vertheidigung führt Herr Rechtsanwalt Wetdtg- neun Zeugen sind zu hören. Als Sachverständiger ist Herr Medicinal« rath Lorenz-Friedberg zur Stelle. handelt fich bei der Sache um einen Nothzuchtzsversuch, begangen auf der Straße SchwalheimBad - Nauheim. Wegen Gefährdung der Sittlichkeit wird bet verschlossenen Thüren verhandelt.

CocaUs und prwhtjkßef.

Gießen, den 8. December 1896.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten' Versammlung Donnerstag den 10. December 1896, Nachmittags 3^ Uhr pünktlich. 1. Gesuch deS Louis Huhn um Erlaubniß zur Ueberbrückung deS Bruch- grabens. 2. Baugesuch der Firma Heyligenstaedt u. Comp. für den Riezelpfad. 3. Gesuch deS Wilh. Steinbach um Erlaubniß zur Aufstellung einer Bretterhalle in seiner Sand- grübe am NahrungSberg. 4. Deßgl. des Wilh. Seipp II. zum Bauen tn der Liedigstraße. 5. Ausbau der Ltebtgstraße- hier Bauwpflanzung. 6. Ausbau der Dammstraße westlich der Steinstraße. 7. Reinigung der Straßen und Plätze hier Gerätheanschaffung. 8. Gesuch deß Friedrich Hatncr um Erlaubniß zur Benutzung deß städtischen Platzeß vor seinem Hause tn der Bahnhofstraße zum Feilbteten von Christ« bäumchen. 9. Gesuch des Dienstmannes I. Ferber um lieber» lassung des Platzes gegenüber den MarkUauben zum Verkauf von Christbäumchen. 10. Gesuch deß I. Walldorf dahier um Erlaubniß zur Aufstellung eines WeihnachtsverkaufSstandeß auf dem Marktplatz. 11. Gesuch der M. Dampfmaun nm Erlaubniß zur Aufstellung eines Verkaufsstandes in der Dor- Halle des alten RathhaufeS. 12. Verkauf von Straßen- gelände an der Rodheimerftraße an Phil. Kröck. 13. Den Bau einer KUinbahn von Gießen nach Bieber. 14. Erneue- rung der Stadtkirche- hier das Spritzenhaus bet derselben. 15. Ehrengabe für Henry Dunant, den Begründer des Rothen Kreuzes und der Genfer Convention. 16. Ausführung der Ortsfeuerlöschordnung - hier die Einrichtung von Feuermelde­stellen. 17. Gesuch der Carl Balzer Wittwe, Burggraben 9, um Erlaubniß zur Ausdehnung ihres WirthschaflSbetriebeS auf ihren Neubau. 18. Gesuch des I. F. Sorger um Er- laubntß zum WirthschaftSbetrieb im Hause Neuenweg 5 (Deutscher Hof). 19. DeSgl. der Orauienbraueret Dillen­burg im Hause Neustadt 1. 20 D:'gl. derselben im Hause