Ausgabe 
9.12.1896 Drittes Blatt
 
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Mr. 290

Drittes Blatt

Mittwoch den 9. December

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Gössen,

Zlntts- unb Anzeigeblcrtt für den Kreis Gietzeir.

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Inns)int do« Anzeigen zu der Nachmittag- für bew j-n Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslände» nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Hratisbeikage: Gießener Kamikienökätter

Großh. Districts-Einnehmerei Gießen I.

Bon Donnerstag den 10. December 1896 ab befindet sich das Bureau Bismarckftratze Nr. 10, im Hause deS Herrn Buchbindermetster» Saun.

Wacker, Rendant.

niemals ein Hehl gemacht habe. Zum Auswärtigen Amt habe er niemals irgend welche Beziehungen gehabt, auch zum KrtegSmtnisterium oder zum General von Bronsart habe er keine Beziehungen unterhalten. ES folgt die Vernehmung des Fräulein Adeline Wanz auS St. Johann a. d. Saar. Sie bekundet, daß die Quittung nicht in einem Casv, son­dern in der Wohnung des Angeklagten von Lützow enestanden sei. Der Letztere habe gesagt, daß er ihr eine Quitrung dictiren möchte, habe sich dann aber eines anderen besonnen, mit der Bemerkung, daß Herr von Tausch, für den die Quittung bestimmt sei, am Ende ihre Handschrift erkennen könnte. Er habe deshalb das Dienstmädchen Emma rufen laffen und ihr den Text der Quittung diclirt, sodann habe er den Hausdiener rufen lasten, der auf feine Veraulaffung den NamenKukutsch" unter das Schriftstück setzen mußte. Die Zeugin sagt ferner aus, ihr sei dieses Gebühren nicht aufgefallen, weil sie gewußt, daß Herr von Lützow von Tausch abhängig und ganz in dessen Gewalt sei. Ersterer habe sich häufig darüber beklagt. Der Z uge Israelit Gtngold Staerck sagt aus, er fei vor etwa Jahresfrist durch einen Polizei- Wachtmeister zum Commistar von Tausch geladen worden, um Auskunft über feine Personalien zu geben. Nachdem das erledigt war, habe von Tausch ihn gebeten, der Polizc Dienste zu erweisen. Er solle durct auS nichts Unanständiges oder Ehrenrühriges thun, er solle der Polizei nur den Namen des VerfaffkrS eines ActenstückeS nennen, wenn die Polizei eS für nöih g halte. Zeuge habe fich zwei Stunden Bedenkzeit erbeten und dann das Anerbieten acceptirt, weil er fürchtete, von Tausch würde sich für eine Ablehnung da­durch rächen, als er ihn als Oesterreicher auSwetsen würde. Herr von Tausch habe in der Unterredung auch über den StaatSsecretär Marschall gesprochen, diesen als einen Usurpator bezeichnet, der die Stellung nicht verdiene, die er einnehme. Auf die Aufforderung des Herrn von Tausch, fich an Herrn von Holstein zu wenden, um in Beziehungen zum AuSwär- tigen Amt zu gelangen, habe er fich an diesen Herrn schriftlich gewandt, aber keine Antwort erhalten, ebenso sei eS ihm bet Dr. Hamann ergangen. Während dieser Vernehmung ist der Polizeipräsident v. Wtndheim im Saale als Zuhörer anwesend). StaatSsecretär v. Marschall erklärt betreffs des Zeugen Staerck, daß derselbe deshalb nicht im Aus­wärtigen Amt empfangen werden sollte, weil er keinen

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Foellmar'schen Artikeln abzulassen, da er nur die erste Hälfte habe und die zweite ihm abhanden gekcmmen sei. Das Ge- präch sei dann auf den Journalisten Leckert und von Lützow gekommen. (Während der Vernehmung des Zeugen Levysohn läßt der Oberstaatsanwalt Drescher den Zeugen Tausch ab- treten.) Nunmehr thetlt der Vorsitzende mit, daß der Zeuge von Tawch soeben unter seinem Eide bekundet habe, daß er nie dem Chefredacteur Levysohn erklärt habe, Leckert sei im Auswärtigen Amte empfangen worden. Zeuge Levysohn ent­gegnet, daß er bei seiner abgegebenen Aussage bleibe. In etnrn weiteren Aussagen bemerkt der Zeuge, von Tausch habe oft zu ihm über die Regierung in den ungeschminktesten Ausdrücken gesprochen, so daß er ihm mißtraute und eS für eine Provocation hielt. Er, Zeuge, habe gewußt, daß er einen Beamten vor fich hatte und habe besten Mitteilungen nie für sein Blatt verwerthet. StaatSsecretär von Marschall erklärt hierauf, unmittelbar nach dem Erscheinen imBerl. Tagebl." habe er den Zeugen Levysohn über das Entstehen dieses Artikels befragt. Herr Dr. Levysohn habe ihm genau dasselbe erzählt, was er soeben hier gesagt, nur habe er die Sache so dargestellt, als ob er seine Mittheilungen von einem Anonymus habe- er habe den Namen von Tausch nicht ge­nannt, sondern gesagt, er könne den Namen deS Betreffenden nicht nennen. AlS jedoch er, Marschall, den Namen von Tausch nannte, habe Levysohn nichts darauf erwidert. Er babe die Empfindung gehabt, als wenn dies der richtige Namen gewesen sei. Oberstaatsanwalt Drescher ergreift daS Wort und führt auS: Angesichts dieser Maßnahmen ist der Moment gekommen, den ich fürchtete, der Moment, in welchem ich gezwungen bin, den folgenschweren Antrag zu stellen: den Zeugen von Tausch wegen dringenden Verdacht- deS wiffentlichen Meineids zu verhaften. Auf wiederholte- Befragen des Vorsitzenden, ob von Tausch bei seiner Be­hauptung, daß er nie zu Dr. Levysohn gesagt habe, Leckert sei im Auswärtigen Amt empfangen worden, bleibe, entgegnet der Zeuge: Jawohl. Das Gericht beschließt hierauf, den Zeugen von Tausch wegen dringenden Verdachts des wtflent- lichen Meineids zu verhaften, von Tausch hebt noch einmal die Hand und betheuert: Was ich gesagt habe, ist wahr. (Zeuge von Tausch wird abgesührt.) Nunmehr wird Haupt- mann König vernommen. Er sagt auS, er sei der Versaster deS am 28. April in derKöln. Ztg." erschienenen Artikels mit der Ueberschrtft:Flügeladjutanten-Politik", woraus er

Bei der Redaktion eingegaugeue Bücher re.

Die Rote*. PracttscheS, kurzgefaßtes Universal Handbuch ur Erlangung der Notenkenntniß und zur Erlernung deS Singens nach Noten. Spectell für Vereinszwecke. Von Julius Berger. H. Kiutkes Verlag, Slallupönen, Ostpr. 48 Seilen Taschenformat. 40 Pfg. Zu beziehen durch jede Buchhandlung, Die- Merkchen ist in der That geeignet, einem der gefühltesten Vereinsbedürfmsse abzuhelfen. Es gibt eine Menge kleinerer Gesangvereine und eS gibt eine Menge anderer Vereine, die Sängerabtheilungen resp. Sängersectionen haben. Können da alle Mitglieder nach Noten singen, ja kennen sie überhaupt die Noten? Daß eine solche-Kenntniß ab r zweifelsohne zum guten Gelang gehö.t, wird wohl Niemand bestreiten. Dieses Ziel erreicht ein Jeder ii. wenigen Wochen durch die in Rede stehende Broschüre, die von einem namhaften Mufik- krtttker Leipzig« für äußerst vortheilhast und proctisch befunden und allen Vereinen auf das Wärmste empfohlen wurde.

günstigen Eindruck gemacht habe. ES sei ihm trotzdem ge­lungen, bet Herren verschiedener Abtheilungen Zutritt zu erlangen. Hierauf erhielten die Diener den strikten Befehl, Herrn Staerck bei Niemandem mehr anzumelden. Derselbe habe den Eindruck gemacht, als wenn man ihm gegenüber vorsichtig fein müßte- er, Zeuge, bitte nun den Zeugen Staerck, zu erklären, wie er dazu gekommen sei, Herrn v. Huhn fälschlich als Verfasser der Artikel- derKöln. Ztg." zu nennen. Zeuge Staerck entgegnet, er kenne die Herren Leckert und v. Lützow nicht, er habe auch nie im Auswärtigen Amt einen Besuch zu dem Zwecke gemacht, die Herren Im Auswärtigen Amt auszuhorchen, er habe auch niemals versucht, für Herrn v. Lausch zu spioniren. Herrn v. Hahn habe er allerdings genannt, weil er wußte, daß dieser Herr Corrrspondent derKöln. Ztg." ist. Wirklicher Legat onSrath Dr. Hamann bestätigt daS, was Staat-- secretär Marschall über daS Aufiauchen deS Staerck im Auswärtigen Amt gesagt hat. Er sei von Anfang an mit etwas Mißtrauen behandelt worden: so oft er auch ab­gewiesen worden sei, Herr Staerck sei immer wieder ge­kommen. Auch auf die Beamten habe Staerck einen un­günstigen Eindruck gemacht und die Dermuthung sei laut geworden, daß Herr Staerck ein Abgesandter deö Herrn v. Tausch sei. Zeuge Levysohn sagt, er habe nicht daS Ge­ringste gewußt, daß Herr Staerck Beziehungen zu Herrn v. Tausch unterhalte. Die Beweisausnahme ist hiermit ge- schloffen. ES tritt eine Pause ein, nach welcher daS Plaidoyer deS Oberstaatsanwalts Drescher beginnt. Derselbe führt auS, daß der Gipfelpunkt deS Proceffes heute erreicht worden sei in dem Moment, als ein Mann zur Haft gebracht wurde, der in dieser Sache eine Gefahr bringende, eine verhängniß- volle Rolle gespielt, der Mann werde seinem verdienten Schicksal nicht entgehen. Der Proceß habe eine politische Bedeutung. Diese sei allerdings nicht in den Persönlichkeiten der Angeklagten begründet. Höchstens die beiden angeklagteu Redacteure konnten auf etwas politische Bedeutung Anspruch machen, die anderen Angeklagten hätten nicht die geringste politische Bedeutung. Leckert jr. und von Lützow bezeichnet er als gewöhnliche Verleumder, beiden fehle die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Ehre. Man glaube augenscheinlich vielfach im Publikum, daß der Behörde durch Anstellung von Vertrauensmännern ein gewiffer Makel anhafte, dagegen müffe die Behörde geschützt werden. Bisher sei die Behörde gezwungen, solche Vertrauensmänner zu halten, daS sei un­entbehrlich im SicherheitStntereffe.

Berlin, 7. December. (Proceß gegen Leckert und v. Lützow.) Oberstaatsanwalt Drescher fortfahrend: Man wüste äußerst vorsichtig sein beim Annehmen solcher Der- trauenSmänner, sonst treten derartige Verhältniffe ein, wie sie in dem Proceß zu Tage getreten sind. Die politische Bedeutung deS ProcrfleS liege in den Personen der Be- theiligten und der Kleidung. Die Hauptaufgabe des ProceffeS sei geworden, Nachweis dafür zu erbringen, daß alle die Vorwürfe, welche feit langer Zett und systematisch gegen das Auswärtige Amt geschleudert wurden, in Nichts zer­fallen, daß sie unwahr sind von A bis Z. DaS sei in vollstem Umfang erreicht. Auch nicht der Schatten eines Verdachts, auch nicht die Spur eines Makels fei an den Beamten des Auswärtigen Amtes haften geblieben. DaS Gegentheil sei erwiesen und daS verleihe dem Proceffe die eminent politische Bedeutung. Oberstaatsanwalt Drescher stellt alsdann folgenden Strafantrag: Gegen die Angeklagten Leckert jr. und v. Lützow je l1/» Jahre Gesängniß, gegen Dr. Plötz 1 Monat Gesängniß, gegen Foellmer 300 Mark Geldstrafe, gegen Berger 2 Monat Festung und gegen Leckert sen. Freisprechung. Hierauf folgen die PlaidoyerS der Vertheidtger, worauf Oberstaatsanwalt Drescher seinen Antrag gegen Dr. Plötz dahin berichtigt, eS sei nicht an- gängig, auf Festung zu erkennen. Er beantrage die ent­sprechenden Gefängnißstrafen, ferner Publikation deS UrtheilS.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. December. Prozeß gegen Leckert und v. Lützow. Der Andrang zur heutigen Verhandlung ist ein grnz coloffaler. Gleich nach Beginn der Verhandlung citiä-.i Oberstileutenant Gaede, daß der Verdacht gegen daS Litterarifche Bureau" fich nur darauf beschränke, daß einer der betreffenden Herren wiffeu könne, von wem die Notiz in

Bekamitviachims.

In den Gemeinden Leusel, Wallersdorf und Strebendorf, Kreis Alsfeld, und in Harheim, Nie der- Florftadt und Okarben, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöft- und GernaikungS- sperre verfügt worden.

Gießen, den 4. December 1896.

GroßherzogltcheS KretSamt Gießen.

v. Gagern.

benMünchener Neuesten Nachrichten" herrühre, aber jeder ! Verdacht der eigenen Täterschaft und Beihilfe sei von vorn- hiret" auSgeschloffen gewesen. Ferner erklärt Gaede, daß die Quillung mit der UnterschriftKukursch" irn Krieg-- mlm|tettum von vornherein nicht für echt gehalten worden sti. Oberstaatsanwalt Drescher theilt dann mit, daß der Botschafter Eulenburg vor Gericht Auskunft geben werde über einige in der Verhandlung zur Sprache gekommenen Thatsachen. Außerdem fei der Chefredacteur de-Berliner Tageblatt", Dr. Levysohn, alS Zeuge geladen. Es erfolgt die Vernehmung des Botschafter- Eulenburg, der erklärte, ec habe den Commtffar v. Tausch in Abazzia kennen gelernt unb j rar 1894. Seitdem habe er ihn wenig gesehen- da- letzte Lebenszeichen von Tausch sei ein Brief gewesen, den ec, Graf Eulenburg, im October d. I. in Liebenberg erhielt. Dieser Brief habe einen Zeitungsartikel enthalten, der fich mit der Fälschung deS ZarentoafteS beschäftigte. In dem Br efe habe Herr v. Tausch gebeten, ob eS nicht möglich sein würde, ihn, den Zeugen, zu sprechen, er habe Interessante- mitzutheilen. Graf Eulenburg habe darauf geantwortet, daß ba» vielleicht in Berlin möglich sein würde. Er habe aber damals schon die Absicht gehabt, den Herrn v. Tausch nicht zu empfangen. Er habe mit v. Tausch alsdann keine anderen Beziehungen gehabt.Ich erkläre hier," so führt Graf Eulenburg weiter auS,wo jede» Wort unter meinem Eide steht, eS für Verleumdung und böswillige Erfindung, wenn behauptet w rd, ich hätte Beziehungen zu Tausch unterhalten, namentlich solche, die mit den Art.kelu in derWelt am Montag" in Zusammenhang stehen. Derartigen Machen- schäften intriguanter Natur und derartigen Verleumdungen, die in irnem Artikel zu Tage traten, stehe ich gänzlich fern." 81 folgt hierauf eine längere Auseinandersetzung -wischen dem StaatSsecretär v. Marschall und dem Cornmiffar v. Tausch über b!e politische Polizei, in welcher ersterer fein Mißtrauen gegen dieselbe begründet. Auf die Frage di- Oberstaatsanwalt-, ob Tausch nunmehr die Erlaubniß habe, ben Namen seine- Gewährsmannes zu nennen, den ihm von Huhn als den Derfaffer des Artikels in derKölnischen Leitung" bezeichnete, entgegnet Tausch, eS sei der Journalist Siaerck vomBerliner Tageblatt" gewesen. Der Staat-- mwalt erwidert, Herr Staerck sei bereit- vorgeladen und Dtrbe vernommen werden. Auf die Bemerkung de- Recht»- llnwaltS LubSzinSki, daß fich daS Geständniß de» Angeklagten b. Lützow bisher in allen Purk en als wahr erwiesen habe,' uwd daß Tausch nicht Übel nehmen könne, wenn er, LuibSzinSki, annehme, daß v. Tausch den ersten Artikel schon vo»r seinem Erscheinen gekannt habe, antwortet der Zeuge b. Tausch: Nein, er habe w.der diesen Artikel, noch sonst irzgeud einen politischen Artikel inspirirt. Der nächste Zeuge ist: der Chefredacteur desBerl. Tagebl.", Dr. Arthur Lervyfohn, welcher erklärt, daß die im October dsS. IS. im Tageblatt" erschienene Notiz, wonach Leckert im Auswärtigen tae empfangen worden sei, vom Criminal Cornmiffar b. Tausch gewesen fei. Am Abend deS 21. October Haide die Unterredung zwischen dem Zeugen und v. Tausch ftaattgefunben. Letzterer habe dabei den Zeugen gebeten, ihm die zweite Hälfte der vomTageblatt" gebrachten

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