Sonntag den 8. März
1896
Nr. 58
Viertellährigkr
Keneral-Mnzeiger
Aints- unb Zlnzeigeblatt für bett Kreis Gießen.
Hratisbeikage: Gießener Kamitienölätter
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
Die Gießener IKmikienblälter werden dem Anzeiger »öchmtlich dreimal beigelegt.
Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
Neueste Had^rid^en*
Wolff» tel«gr»phtscher Eorrespoodenz-Bureem.
Budapest. 6. März. Der „Pester Lloyd" schreibt: „Bei der schweren Entscheidung, welche Italien in den nächsten Tagen zu treffen hat, kann eS der Nation und den Staatsmännern. welche das letzte Wort zu sprechen haben, Genug- thuung bereiten, daß ste ihre Entschlüffe frei von aller Sorge um die europäische Situation des Landes zu fassen in der Lage find- denn die Sicherheit Italiens, seine Unverletzlichkeit und Integrität stehen unter dem Schutze des Dreibundes. In der heutigen Weltlage würde sobald keine Macht daran denken, einen Moment der Schwächung des Nachbars zu benutzen, um ihn zu überfallen- aber selbst angenommen, daß solcher Plan irgendwie bestände, müßte er an dem Schutzwalle deS Dreibundes scheitern. Ob Italien auch noch ganze ArmeecorpS nach Afrika dirigirt, so bleibt es doch im Dreibunde immer der gletchwerthige Partner, der es von Anfang an gewesen ist. Dos Bündniß mit zwei mächtigen Staaten deS ContinentS gestattet Italien, heute ohne Sorge um seine Stellung in Europa für Erythräa frei und ungehindert dasjenige zu thun, was nach den Erfordernissen des Augenblicks und jenen der dauernden Interessen Italiens erforderlich erscheint."
Rom. 6. Marz. Auch in Parma find Ruhestörungen entstanden. DaS Militär stellte die Ordnung wieder her.
Rom. 6. März. Während des gestrigen Nachmittag« dauerten die Kundgebungen fort. ES wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Viele Ladenbefitzer haben zeitiger geschlossen. Es fällt unaufhörlich Regen.
Rom. 6. März. Die „Opinioue" meldet: Baldissera, der gestern in Asmara angekommen ist, sandte ein Telegramm, in dem die Lage ernst beurtheilr und Forderungen behufs besserer KrtegsauSrüstung von Asmara gestellt werden. Die „Opintone" berichtet: Die Nachrichten auS Adigrat lauten nicht gut. DaS Fort ist von Rebellenhaufen um- zingelt. Baldissera telegraphirt, daß er jetzt zum Entsätze nichts versuchen könne, es seien Lebensrnittel nur für einen Monat dort, Die Garnison bildet ein weißes Jägerbataillon
Deutscher Reichstag.
63. Plenarsitzung. Freitag, den 6. März 1896.
Auf der Tagesordnung steht die zweite Berathung der Gewerbenovelle.
Nach Art. 1 soll die Concesfion für Privat-Kranken-, Entbindung«- und Irrenanstalten auch versagt werden unter gewissen örtlichen Voraussetzungen, im Falle von „erheblichen Nach- theilen oder Gefahren" für Mitbewohner und Nachbarn.
Abg. v. Holleufer (cons.) beantragt, htnzuzufügen: „ober Belästigungen".
Staatss-cretär v. Bötticher erklärt sein Einverständniß mit diesem Anträge.
Sbgg. Dr. Schaedler (Str.), Pachnicke (srs. Vg) und Kruse (nl.) fürchten, daß bei Annahme des Antrags die Errichtung solcher Anstalten unter Umständen gan, unmöglich sein werde.
Art. 1 wird unverändert unter Ablehnung des Antrags Holleufer angenommen. , ,
Art. 2 bestimmt, daß die den Schausvielunternehmern ertheilte Concession nur für das bei Ertheilung der Soncesfion bezeichnete Unternehmen gilt, drß sie dagegen bet wesentlicher Veränderung des Unternehmens ober für ein anderes Unternehmen einer neuen Er- laubniß bedürfen. Ferner, daß die Soncession zu versagen ist, wenn der Unternehmer, nicht den Besitz der zu dem Unternehmen nöthigen Mittel Nachweisen kann.
Abg. v. Wolsztegier-Gilgenburg (Pole) beantragt die erstere Bestimmung zu streichen. . ,£ ,
Staatssecretär v. Bötticher bittet um Ausrechterhaltung derselben im Interesse der ehrsamen Handwerker und Schauspieler, welche durch ftagwürdige Unternehmer nicht selten schwer geschädigt würden. £
Richter (°rs. Vp.) meint, die ehrsamen Handwerker und Schauspieler würden geswadigt, wenn die Schauspielunternehmungen gar zu sehr erschwert würden. Urheber dieser ganzen Bestimmung ist die Bühnengenossenschaft und der Leiter, der Generalintendant der König!. Schauspiele, der die Bühnenconcesstonen mehr und mehr eingeschränkt sehen möchte. Diese Herren gehen viel zu sehr von idealen Vorstellungen aus, indem sie nur höberen Kunstinteressen Rechnung getragen wissen möchten. Sie übersehen aber dabet, daß nicht Jeder so rein künstlerische Genüsse bezahlen kann, und daß für diese Leute doch auch schon die weniger idealen Schaustellungen von Werth sind, denn zum Mindesten unterbrechen dieselben das öde Einerlei des WtrthtzhauSlebens. Redner bekämpft aus den gleichen Gründen auch das Erfordernih des Nachweises der be- nöthtgten Mittel und beantragt schließlich, den ganzen Theater- artlfe^bg ^Re^ißhauS (Soc.) verbreitet sich über die ungünstige Lage der Bühnenangestellten, über ihre Ausbeutung durch das unlautere Treiben der Theater-Agenten, und rügt, daß die Regierung hiergegen noch immer nichts gethan habe.
Staatssecretär v. Bötticher verweist dem gegenüber auf ein Rundschretb-n, welches schon 1893 an die Verwaltungsbehörden erraffen worden ist und in welchem, und unter Vorlegung jenes unlauteren Treibens und des weitgehenden Einflusses der Theateragenten auf die Buhnenleiter, die Verwaltungsbehörden aufgefordert worden find, dem unlauteren Treiben mit S 35 der Gewerbeordnung entgegenzu- treten. Wenn Richter trotz des iffenbaren Nothstandes auf diesem Gebiete sich dem Nachweis der zu einem Theaterunternebmen nöthigen Mittel widersetze und den ganzen Artikel gestrichen wissen wolle, so erinnere er daran, daß Richter ja den agrarischen Nothstand auf den Mangel an Mitteln bei den Landwirthen zurückzuführen pflege. Wie sei es damit vereinbar, daß Herr Richter sich hier dagegen sträube, daß von den Theaterunternehmern vor Ertheilung der Con- cefston der Nachweis genügender Mittel erfordert werde!
Abg. Beckh (frf. Vp.) äußert sich im Sinne Richters.
Abg. Richter: Der Herr Staatssecretär beruft sich auf meine Stellung zu dem agrarischen Nothstand und darauf, daß diesem Nothstand sehr oft Mangel an Mitteln zu Grunde liege. Ja, bereitet
vrmgerlohn.
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denn etwa der Herr Staatssecretär einen Gesetzentwurf dahin vor, daß die Landwirthe, ehe sie einen Betrieb selbstständig übernehmen, den Besitz der nöthigen Mittel Nachweisen müßen? (Heiterkeit ltnkS.) Redner beantragt Verweisung deS Art. 2 an eine Sommifsian.
Abg. v. Bennigsen (natl.): Meine Freunde sind hiermit einverstanden, wir setzen dabei allerdings voraus, daß der vielen zu der Vorlage noch gestellten Anträge halber auch noch eine ganze Anzahl anderer Artikel an die Commission gehen.
Abg. Frhr. v. Manteuffel (conf.) und Schadler (Str.) erklären sich gegen den Antrag Richter, da die ganze Novelle schon im Vorjahre genügend durchgrarbeitet fei.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp) widerspricht gleichfalls dem Anträge, der nur bezwecke, das ganze Gesetz nicht zu Stande kommen zu lassen, was Abg. Richter bestreitet.
Abg. Frhr. v. Stumm: Herr Richter hat erst am Mittwoch gezeigt, daß er ihm unbequeme Beschlüsse auf alle Weise zu verhindern ucht.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.) constatirt gleichfalls, daß daS Haus vorgestern beschlußfähig gewesen wäre, wenn nicht die Socialdemokraten und Freisinnigen absichtlich den Saal verlassen hätten.
Abg. Richter: Ich gebe das zu. Aber wenn die Herren da drüben durch Ablehnung der Vertagung die Fortsetzung einer sach- zemäßen Debatte zu verhindern suchen, so roerben wir dem uns auf ebe Weise widersetzen.
Abg. Frhr. v. Stumm: Wir werden solcher Obstruction mit allen geschäflsordnungsmäßigen Maßregeln entgegentreten müssen. (Beifall rechts.)
Abg. Richter: Wir sind hier noch nicht im Königreich Stumm. (Große Heiterkeit links.)
Ein Antrag v. Bennigsen, den ganzen Rest der Vorlage an eine Sommtffron zu verweisen, wird abgelebnt, ebenso der Antrag Richter auf Zurückverweisung nur deS Art 2. Die Beratdung des Art. 2 nimmt daher ihren Fortgang, worauf der Antrag Wolzlegier in namentlicher Abstimmung mit 143 gegen 83 Stimmen abgelehnt und Art. 2 der Vorlage angenommen wird.
Es folgt Art. 3, demzufolge die Landesregierungen sollen anordnen können, daß die Bestimmungen deS S 33 der Gewerbeordnung über den Betrieb von Gast- und Schankwirthschaften, sowie über den Kleinhandel mit Branntwein auch uneingeschränki aus Consum- unb anbere Vereine Anwenbung finben.
Ein Antrag Gröber-Holleufer (Str.) u. Cons. will nur bezüglich ber anberen Vereine bte betr. Anorbnung ben LavbeS- regterungen anheimgeben, dagegen sollen die Consumvereine dem 833 im ganzen Reiche unterstellt sein.
Abg. Engels (Rp.) spricht sich im Interesse der Consumvereine gegen den ganzen Artikel aus.
Abg. Hitze (Ctr.) findet dagegen die Vorlage nicht weitgehend genug. Es sei, wie daS ber Antrag Gröber wolle, nöthig, die Unterstellung ber Vereine unter die Soncessionöpflicht gleich für das ganze Reich festzulegen. ,
In gleichem Sinne äußert sich Abg. Jacobskötter (cons.)
Abg. Schneider (srs. Vg.) bittet um Ablehnung des ganzen Artikels, mit dem man auß-r einigen Schuldigen, den sogenannten Schnapsconsumvereinen, auch viele Unschuldige, viele Gerechte treffen würde.
Hierauf vertagt sich da« Haus. Morgen Fortsetzung.
unter Major Prestinari. Er glaubt, baß bfele der in der Schlacht vom 1. März Verwunbeten und Versprengten nach Adigrat geflüchtet seien.
Nizza, 6. März. Nachbem Präfibent Faure in Monaco vom Prinzen Albert herzlich begrüßt worden war, begab er sich nach La Turbie in die Billa des Großfürsten Thronfolgers. Im Salon desselben erwartete den Präsidenten der Großsürst Thronsolger, welcher den Großcordon der Ehrenlegion angelegt hatte. Der Zusammenkunst, welche 20 Minuten dauerte, wohnten Prinz Peter von Oldenburg und der Herzog von Leuchtenberg bei. Die Unterhaltung hatte hauptsächlich die gestrige Aufnahme deS Großfürsten Thronfolgers und der anderen Großfürsten in Nizza zum Gegenstände, welche die russischen Gäste überaus angenehm berührt hatte. Nach dem Besuche kehrte Präsident Faure nach Nizza zurück. Aus dem Wege wurde er mit den Rufen: „ES lebe Faure! ES lebe Rußland!" begrüßt.
Nizza, 6. März. Der Präsident Faure ist heute früh 7 Uhr mit den Ministern nach AntibeS abgereist. Bei der Abreise wurden dem Präsidenten von der zahlreich anwesenden Bevölkerung lebhafte Kundgebungen dargebracht.
Valencia, 6. März. Neue Kundgebungen gegen die Vereinigten Staaten von Nordamerika fanden hier statt. Die Fenster deS amerikanischen ConsulatSgebäudeS wurden durch Steinwürfe zertrümmert. Die Polizei griff die Ruhestörer an und zerstreute dieselben.
New York, 6. März. Nach Depeschen aus Havanna sind im District Du Vuelta de Abajo 13 Städte in Asche gelegt worden. Zwei derselben standen noch in Flammen, als die spanischen Truppen anlangten. Die Insurgenten räumten diese Städte.
New-Yersey, 6. März. Heute schleppten hier Studenten die spanische Flagge durch die Straßen und zerrissen sie bann. _____________
Depesche» Ul Bure«, .Herrkb*.
Berlin, 6. März. Da« Kaiserpaar begab sich heute zum ersten Male in die Anlagen der Berliner Gewerbe-Aus- stellung und zeigte sich von den Plänen sehr erfreut.
Berlin, 6. März. Gutem Vernehmen nach wird sich die Kaiserin Friedrich nach Beendigung ihres bevorstehenden AusenthaltS in Italien auf etwa vierzehn Tage nach Athen begeben.
Berlin, 6. März. Dir „Post" kann bestätigen, daß der Besuch deS Grafen GolnchowSky in Berlin seit längerer Zeit geplant ist und mit den Ereignissen der letzten Zeit, durch die übrigens ber Dreibund in keiner Weise alterirt wird, durchaus nicht zusammenhängt. Graf Golu- chowSky wird vermuthlich zwei bis drei Tage in Berlin bleiben.
Berlin, 6. März. Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, soll die Oster-Vertagung sowohl im Reichs- tage wie im Abgeordnetenhause kurz vor Palmsonntag eintreten und voraussichtlich bis 14. April dauern.
Berlin, 6. März. Der „Voss. Z." wird aus Paris telegraphirt: Die neuerdings durch die Zeitungen gehende Mit- theilung von der bald bevorstehenden Abberusung Hertz et res von seinem Berliner Posten scheint diesmal begründeter zu sein, denn der Minister deS Aeuheren, Berthelot, bereitet eine größere Aendernng in Frankreichs auswärtiger Vertretung vor. Der „Figaro" nennt als muthmaßlichen Nachfolger HerbetteS den ehemaligen General-Gouverneur von Algier, Eambon.
Berlin, 6. März. In der heutigen Sitzung der Budget-Commission deS Reichstages wurden beim Marine-Etat folgende erste Raten bewilligt: 500,000 Mk. zur Armirmig deS Panzerschiffes „Friedrich der Große", 500,000 Mk. zur Armirung der beiden Kreuzer „M. N. , 210,000 Mk. zur Torpedo Armirung dieser beiden Kreuzer, 700,000 Mk. zur Armirung der Torpedoboote. Eine längere Debatte rief die Forderung von 400,000 Mk. zur Vergrößerung der Kohlenlager und 438,000 Mk. zur Errichtung von Lagerstätten zur Schiffskessel-Heizung hervor. Schließ- lich wurden auch diese beiden Forderungen bewilligt.
Berlin, 6. März. Die AbgeordnetenhauS-Commisfion zur Vorberathung deS DolkSschullehrer-GesetzeS be- rieth gestern Abend ben entscheibenden § 25, welcher die Veranlassung zu dem neulichen Städtetag war, weil von sämmtlichen Gemeinden mit mehr als 25 Schulstellen der Staatszuschuß wegfallen soll. Finanzminister Miquel erklärte sämmtliche Abänderungsvorschläge für unannehmbar. Em Ausgleich würde gestern nicht erzielt. Heute Abend werden die Verhandlungen fortgesetzt.
Berlin, 6. März. DaS Abgeordnetenhaus beab- ' sichtigt vom Montag an zur Förderung der EtatSberathnng
Bekanntmachung.
r Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger zu Alsfeld wird Sonntag den 15. März 1S96, Nachmittags 2 Uhr, in dem Saale des Herrn Wirths Theist zu Weitershain über Errichtung einer Genossenschaftsmolkerei einen Vortrag halten. " m KZ
f- ?, Zu diesem Vortrag werden alle Landwirthe und Freunde der Landwirthschaft hierdurch eingeladen.
■ Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Gemeinden werden hierdurch ersucht, dies in den Gemeinden zur öffentlichen Kenntniß bringen zu lassen und auf recht zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, ben 6. März 1896.
Der Director beS landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Carl Jost, Req'erungSrath i. P.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Zwicker, 1 Taschenmesser, 1 Hackmesser, 1 Paar Manschetten mit Knöpfen, 2 Paar Kinderhandschuhe, 1 einzelner Handschuh, 1 Pelzkragen, 1 Umhängeluch, 2 Taschentücher, 1 Weckbeutel und 1 Theil eines Pferdegeschirrs.
Zugeflogen: 1 Hahn.
Gießen, den 7. März 1896.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. E.
v. Bechtold, Regierungs-Assessor.


