Nach der Mittagspause um 31/: Uhr wird all nächste Zeugin die Ehefrau Eva Matern vernommen. Dieselbe hat zufällig im Hofe nebenan gestanden, all der Streit statt- fand,- die Worte fielen laut und bestanden zum Theil in unanständigen Reden, obgleich die Zeugin den Inhalt del Schluffe! de! Zankes genau augeben kann, weist sie nicht! von einer Aeußerung auf den Großherzog. Am nächsten Morgen hat die Frau Kratzenberger der Zeugin gesagt, man könne die Pitzer wegen Majestätsbeleidigung anzeigen.— Die Zeugin Ehefrau Hau! hat zwar den Streit am 10. Juli gehört, auf die Worte aber nicht geachtet. Der Angeklagte war gegen 7 Uhr am 10. Juli bei ihr in der Wohnung, sonst hat Frau Hau! keine Erinnerung mehr, sie glaubt aber nicht, datz Rothe, wie er angtebt, bis Nacht! i/zl2Uhr bet ihr gewesen sei. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten vor, daß nach der Aulsage dieser Zeugin, an dem wa! er über den 10. Juli gesagt habe, kein wahre! Wort sei, trotzdem bleibt Rothe dabei, e! sei Alle! so, wie er e! beschworen.— Frau Mühlha uS, in der Steinstraße wohnend, hat von dem Vorfall nicht! gehört, wohl aber habe Frau Pitzer ihr gesagt, daß Frau Kratzenberger diese wegen Majestät!- beletdigung anzeigen wolle. — Anna Kratzenberger, Tochter der Kratzenberger'schen Eheleute, war am 10. Juli nicht zu Hause und weiß bestimmt, daß sie überhaupt nicht in die Wohnung der Frau Hau! gekommen, auch nicht mit Rothe gesprochen hat. Am 9. Juli hat die Zeugin diesen auf dem Festplatz gesehen. Der Angeklagte giebt darauf nähere Detail!, wa! und worüber er mit der Zeugin gesprochen. Diese bestreitet entschieden deffen Angaben. — Crirninalschutzmann Weiß giebt dem Angeklagten ein gute! Zeugniß bis zum Jahre 1894. Er war dann einige Zeit für die Gesellschaft „Electra" al! Verkäufer thütig, er ist dort gekündigt, weil er leichtsinnig private Schulden gemacht hat. Es ist bann mit dem Angekagten schnell berggab gegangen, er hat sich nicht um lohnenden Erwerb gekümmert, er hat unter Beilegung eines falschen Namen! sich vom Schneider Schnell einen Anzug verschafft.
Der Schneider Schnell bezeugt, daß er unter dem Namen Becker für Rothe gearbeitet habe, derselbe habe allerding! seine richtige Wohnung angegeben und auch mehrere Male bezahlt, wa! er unter dem Namen Becker geliefert erhalten. Der Zeuge hat dann nie mehr nach dem Namen seine! Kunden gefragt, dieser ist ihm den letztgelieferten Rock schuldig geblieben. — Der Taglöhner Ludwig Pitzer erzählt sehr aulführlich den Vorfall in der Kratzenberger'schen Wirtschaft, er schildert die Episode zwischen seiner Frau und der Wirthin Kratzenberger, was da für Worte gefallen, weiß der Zeuge nicht. Die Aulsage deS Pitzer wird auf Antrag der Anklagebehörde wörtlich niedergeschrieben. — Die Pitzer Ehefrau wird unter Aussetzung der Vereidigung vernommen und bestreitet entschieden, die Majestäts- beletdigung begangen zu haben, sie erzählt die Vorfälle, wie sie sich in der Kratzenberger'schen Wirtschaft abspielten und wie sie sich nachher mit der Wirthin gezankt. — Anna Pitzer, Tochter der Eheleute Pitzer, 15 Jahre alt, schildert die Vorgänge, wie dieselben von der Mutter angegeben und erklärt besonder!, daß die Mutter die Majestätsbeleidigung nicht gethan habe. Am Abend des 10. Juli, kurz vor Be- ginn deS Streit!, sei ein Herr von der dritten Etage des Kratzenberger'schen Hauses herunter gekommen, genau erkannt habe sie denselben in der Dunkelheit auf der Treppe nicht, sie habe aber damals schon gemeint, es sei Rothe gewesen. — Der letzte Zeuge, Schuhmacher Strack, weiß sich auf nichts mehr zu erinnern, er ist zu dieser Zett stark angetrunken gewesen.
Auf weitere Zeugenvernehmung wird verzichtet.
Der Vorsitzende ertheilt dem Herrn Staatsanwalt Koch wegen der Vereidigung der Zeugin Pitzer da! Wort. Derselbe protestirt gegen deren Vereidigung. Er sowohl, wie die Strafkammer, sind der Meinung, die Zeugin sei der Majestätsbeleidigung schuldig und sie hätte wissen muffen, daß der Angeklagte nicht beschwören konnte, was er beschworen hat, so daß die Zeugin der Beihilfe de! Meineides verdächtig sei.
Die Vertheidigung ist entgegengesetzter Meinung.
Der Gerichtshof beschließt, die Zeugin Pitzer nicht zu vereidigen, weil sie der Beihilfe be! hier in Frage tommenben Verbrechens verdächtig.
Die an die Geschworenen gerichtete Schuldfrage ist vom Gerichtshof dahin gestellt:
Ist der Angeklagte Rothe schuldig, am 6. Februar 1896 io der Strafsache Ludwig Pitzer Ehefrau wegen Majestätlbeleidigung vor dem LaodgerichtSrath Seeger unter Eid wiffeutlich falsche Aulsagen gemacht zu haben? Nach einer kurzen Pause, während deffen sich der Zn- Hörerraum mit Menschen gefüllt hatte, beginnen um 7 Uhr Abend! die Plaidoyer! und nimmt Herr Staatsanwalt Koch zur Begründung der Anklage zuerst da! Wort und führt au!, daß die von den Geschworenen zu prüfende Frage im vorliegenden Fall sehr einfach liege. ES drehe sich lediglich darum, hat der Angeklagte am 10. Juli 1895 die Wahrnehmungen, die er am 6. Februar 1896 vor dem Land- gerichtsrath Seeger eidlich deponirt hat, auch wirklich gemacht ober ist bte! nicht geschehen. Wenn dies letztere durch die Verhandlung dargethau, so hat der Angeklagte einen Meineid geleistet und die Geschworenen haben die an sie gerichtete Schuldfrage zu bejahen.
Herr Rechtsanwalt Grünewald führt den Geschworenen vor, daß sie nicht zu prüfen haben, ob sein Client etwa heute hier, ober vor dem Untersuchungsrichter ober sonst wo gelogen habe, e! handelt sich nur darum, ob Rothe am 6. Februar Unwahres beschworen habe und da! bestreite er ganz entschieden. Der Angeklagte habe nach dem Protokoll damal! im Februar gesagt, er habe unten gestanden, die Pitzer oben und die Kratzenberger unten, die beiden haben geschimpft, weiter hat er eidlich angegeben, er habe die Majestätlbeleidigung nicht gehört und das Gegentheil hiervon ist heute nicht erwiesen. Der Vertheidiger vertritt den Standpunkt, daß die Staatsbehörde zur Stütze der schweren Anklage mit Zeugen operirt, die keine Prima-Zeugen sind. Menschen, die geleitet werden von gegenseitiger Feindschaft, von Haß, die theilweise an jenem 10. Juli im Bierdusel sich befunden, sie sollen nach dreiviertel Jahren Bekundungen machen und obzwar sich diese Zeugen theilweise widersprechen, will man eine Anklage damit stützen. Die ganze Sache von damals ist dunkel, dunkel besonders, soweit Rothe damit belastet werden soll, was diese Zeugen heute noch von damals au! eigener Wahrnehmung wissen. Neben einem sehr wichtigen Punkt sind sich die Zeugen auch nicht einig, wie denn die schmutzige Aeußerung über den Landelherrn eigentlich gelautet. Der Vertheidiger geht den Belastungszeugen mit der Sonde der Kritik scharf zu Leibe und erklärt, e! gehe entschieden nicht an, au! diesen unzuverlässigen Zeugniffen ein Fundament zu bauen für eine Verurteilung. Der Der- theidiger kommt zu dem Schluß, sein Client habe keinen Meineid geleistet und darum könne man ihn auch wegen de! Verbrechens nicht verurtheilen.
Die Plaidoyer! dauerten bis lange nach 10 Uhr. Nach ganz kurzer Rechtsbelehrung und nachdem die Geschworenen kaum 20 Minuten berathen, verkündete der Übmann, Fabrikant Otto Schäfer-Büdingen, den Wahrspruch, der auf Verneinung der Schuldfrage lautete, worauf der Ge- richtshof den Angeklagten freisprach.
m*6 pMvtajMkf.
A Mainz. 3. Juni. Die heutige, von vielen Seiten mit großer Spannung erwartete außerordentlich e Generalversammlung der Hessischen Ludwigsbahn nahm den leicht vorher absehbaren Verlauf. Angemeldet waren im Ganzen für 52 750 000 Mk. Actieo, von welchen in der Versammlung 47 131 000 Mk. vertreten waren, mithin fehlten zu dem zu der Beschlußfäbigkeit erforderlichen 2/> des Actien- capitalS (111000 000) noch für 22 000 000 Mk. Actien. Die größte Actiengruppe, die durch die Firma Aronl und Walther in Berlin vertreten war, verfügte über 14 Millionen Actien. Als Regierungsvertreter sungirten wie auch bei der jüngsten Generalversammlung Überbaurath Wetz und Finanz- rath Welker. Wegen leichter Erkrankung deS Geh. Commer- zienrath Werner führte der Vicepräsident des Ser* waltungSrathl, Bankdirector Heddrtg den Vorsitz. Im Anschluß an die Erstattung del Vortrags bei Verwaltung!- raths, besten wesentlichen Inhalt wir schon vor einigen Tagen im Auszug mitgetheilt haben, brachte ber Vorsitzende noch folgende nachträgliche Erklärung de! VerwaltungSrath! zur Verlesung, zu welcher Verhandlungen, die nach der Drucklegung deS Vortrag! stattgefunden, die Veranlastung
gegeben haben: „Nach den Verhandlungen Un». Zweifel hegen, daß die Regierungen ju tiDt/fr“ Gebote!, wie es den Erwartungen der Actioväre 8 würde, sich nicht eutschließev werden, daß fie ber Ablehnung be! Angebots mit der partitn," ? lichung und den angedrohten Zwanglnahmeo tnr, u den. Wir haben indeffen die Ueberzeugung atBC) C beide Regierungen im Falle einer gütlichen ' auch threrfeit! eine mäßige Aufbesserung bei Erwägung ziehen könnten. Eine Erhöhung bei ; '
Angebote! durch die Bewilligung einer baarm von 20 Mk. pro Sctie und eine Zuweisung von Dividende für da! Jahr 1896 aufl den Betrieb1 diese! Jahres, also außer den im Angebot bn-J” ’ den 87,0/0 eine weitere baare Zuzahlung ‘(’?a 10.50 Mk. pro Sctie, also inlgesammt eine baan..1 von 30.— Mk. pro Sctie, wird da! äußerste fein, welche! bte Gesellschaft im Wege ßntlifrtfe‘r' erreichen kann und e! ist uni Seiten!der Regieruvir- sicht gestellt worben, die Bewilligung bteter Sr^L, wollende Erwägung zu ziehen, fall! der den Vorschlag ber obigen Aufbesserung etnbriig, Vorschlag bte Zustimmung ber Generalversammiua^.'.^ Im Hinblick auf bie großen Nachtheile, welche tn schäft im Falle einer Nichtverstänbigung drohen' ’ der Verwaltunglrath die Annahme bei staatliche- unb ber Bebiogung ber eben bezeichneten Aystesimä» In die DtScussion etntretenb, theilt Dr. BiuauT!, Hamburg nicht bte von der Verwaltung geäußert» g*, tungen, indem er bie von ber Regierung u gestellte Maßnahmen all unburchführbare Drohun-n • Unter häufigem Beifall bei längeren die erörternb, räch Dr. ©lumenfelb entschieden Vir Annahme be! Regierunglangebotl und zwar aut r ; kleinen Ausbesserung, bie bte Verwaltung in de» ote gebeuteten Vorschlag zu erreichen hofft, ab. bte ttie Sinn spricht sich Dr. Löwenthal - Frankfurt aus, lr: lebhafter Zustimmung au! ber Versammlung dtt □ aufforbert, bei bem Bunbelrath unb dem Retchrrnrrr^ amt gegen bie Vergewaltigung unb angtdrohte 8<itcu entziehungen Protest zu erheben. Schritte btt btr Srö eisenbahnamt zu thutt, hielt ber Vorsitzende ftr wWch zwecklol, da da! genannte Amt nur zufrieden itt, tu: > gelte, gegen bte Privatbahnen vorzugehtn. I» ^,3 glaubt der Vorsitzende, daß die von genannten Ben,-.,- anempfohlene Haltung bedenklich sei, indem er die Utbqa^. t gewonnen, daß die Regierung, unbekümmert über hnte ihre Absicht durchführen werde. Der Theilhaber der7» AronS L Walther in Berlin brachte sodamt itlztrd Resolution ein: „Die in der heutigen Generalen:am.. vertretene Actionäre erklären wiederholt, daß fit hl v meinsame Anerbieten ber hessischen unb preußisch« «tpenr, al! durchaus ungenügend erachten unb entschieden kiRt.: u finb, dasselbe abzulehnen. Wir fordern daher dievn.r:. .-. 7 Alles aufzubtetev, um eine wesentliche ErhShaoz del »rtt 1 der Regierung zu erwirken und eventuell hx ..1 Beschlußfassung competenteu Generalversammlur^ 1. :
breiten." Zu dieser Resolution sprechend, derühn e» v 1 Straßburge r-Frankfurt die Lage der Besitzet gvtt *: Staatspapiere, wobei er daran erinnerte, dah birttiü 1 Pari! eine Conferenz tagte, bei welcher der 8trn:t Deutschland! Gefahr laufe, daß ihm irgevd an 1 mit Beziehung auf bie Ludwiglbahn bemerke, dab »*-*- • in seinem eigenen Lande denselben Diebstahl nah -r ' letztere Bemerkung proteftirte ber 9tegierunglpn:n:?: ■< erregter Weise, dabet die Aeußerung ©tra§bur|nt :' „Unverschämtheit" bezeichnend. Diese! wentgparl«k«m t Wort bei Regierungsvertreters rief in dtt Bct’cct . einen Sturm ber Entrüstung hervor und Bon alle: 'ttc ertönten laute Proteste, untermischt mit nicht seht Htnie haften Complimenten für ben Regierunglvertteter 8« :r schiedenen Seiten würbe in aller Form beantragt, ‘-3 / Wort „Unverschämtheit" zurückgenommen werten t- wozu sich bann auch ber Regierunglvertreter nach emtz« Wiberstrrben verstaub. Nachbern sich der Lturw fi-n ber Vorsitzende erklärt hatte, daß bie Nerval nsß 6 Resolution Walther zuftirnrne, wurde dieselbe »c« einstimmig angenommen.
Samstag den 4. Juli,
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Gießen, den 22. Mai 1896.
Großh. OrtSgericht Gießen. ___________I A-: Bogt. 4895
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Die VerdinaungSunterlagen sind gegen post- und gebührenfreie Einsendung von 1 JL durch die unterzeichnete Jnspection -u beziehen bezw. in deren AmtSgebäude, Poststraße 6, Zimmer 26, etnzusehen- . Sröffnunfl der an uns einzureichen- den Offerten, welche geschloffen, gebührens ftei und mit der Aufschrift .Angebot auf die Herstellung eine« Drehscheiben-Funda» ment! auf Bahnhof Lollar" zu versehen sind, erfolgt:
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fufchlagSfrist 3 Wowcn. 5170 rankfurt a. M., ben 28. Mai 1896.
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