Ausgabe 
6.6.1896 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

M 131

Tfr

:t: nut täglich, »lrSnahme des Montags.

!- -Gießener

Mwil»!e«»r»tter

W' wer -ew Anzeiger »tsff-'uh dreimal ir^jdegt

Zweites Blatt. Samstag de» 6. Juni

1896

Gichmer Anzeiger

General-Wnzeiger.

vierteljährlger jL16XMrmf«t»Fr<t» I 2 Mark 20 Psg. mit vrmgerlodn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Rrtoction, ExpeditiaR und Druckerei:

-ch.rftratze^r.7. Fernsprecher bl.

iram

Juun

v I

Minuten.

nrnvei

ouutag btn i,

ft'* ° kt en*.. « Ä lo* hi?j*

^ochlichtlul^

___5 k

»Mkttz Abfahrt Moi^ - fahrpreisem-, ^reiche Bch> !s Elfcheim t: Sonnen, wird gtk $ni

i i. Jun! ih der | llhr am ThorhÄ

_

ASWrf

Röhri läge 38. *rei-Aussf ten an der k. gedielte Btf Lokalitäten.

8 Billard. in bekannter W

7ßMÜE

M

0ruckfp* iii< 7 Ä

Aints- und 2Inzeigeblntt füv den Tkveis (Siegern

Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter

>U»°h!M« B08 Anzeige« zu der Nachmittags für de» N>*!en Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de» In» und Auslandes nehme» Anzeigen für dnrGießener Anzeiger- entgegen.

Schwurgericht.

W. (Stehen, den 4. Juni 1896.

Mie kommt die Sache gegen Clemens Karl Rothe ton: Sichen wegen McinetdS zur Verhandlung. Die Staat-» behiKiü wird von Herrn Staatsanwalt Koch vertreten, die verrHsiiti^ung führt Herr Recht-anwalt Grünewald. ES findai > ckr^ehn Zeugen zu vernehmen. Der Anklage liegt folg^oiic Thatbestaud zu Grunde:

Sm 10. Juli 1895, am Tage des JugendfrsteS, fand tm .(nu|i der Kratzenberger' fchen Wirthfchaft in der« bttiitstrahe ein Streit statt zwischen der Ehefrau Kratzen» i.'-gn iiub der im gleichen Haufe eine Treppe hoch wohnenden Ehsgisuu stütz r, bet welcher die Lttzrere sich eine- Ausdruck- tu üiSunf deS Grohherzog- bediente, welcher zu einem Straf» er'rschlm wegen MajcstätSbeletdigung führte. Da- Ende ef rui Vacfahren« war vorerst, dah die P'tzer am 10. De» cmfikr 1-695 zu 3 Monaten Gefängnih verurtheilt wurde. N«>iR. Jaouar l. I. beantragte die Berurtheilte die Wieder- lafMimi de- rechtskräftig geschloffenen Verfahren-, indem e lldstuvtete, einen neuen Zeugen gefunden zu haben, der i Mt'lnfttulb bezeugen könne, sie nannte außer der Zeugin »rrcivhoiu«, den jetzigen Angeklagten Rothe al» Denjenigen, ivclioid fit entlasten würde. Hierauf beauftragte die Straf- fan rintr sein Mitglied deS Landgericht- mit der Vornahme der - vrmiiSaufnahme und am 6. Februar wurde der An- gekilüxii ml- Zeuge eidlich vernommen und bekundete u. A., . lli Shefrau Pitzer die ihr zur Last gelegte Majestät-«

bele^llgmig nicht gethan habe. Auf Grund dieser Depofition tonmk ton beantragten Wiederaufnahmeverfahren stattgegeben, :m a 18. März I. I. kam eS zur zweiten Hauptverhandlung unfro lijmar der damalige Zeuge Rothe vor der Strafkammer die logeMaßte Pitzer entlastete, endete auch diese Verhand- lunie "ii der Verurtheilung der Pitzer. Da- erkennende tercfti henkte den Angaben der übrigen Zeugen Glauben und« Hzn-nete die Aussagen de« Rothe als innerlich durchaus unssülubmiirdig und durch die Belastungszeugen widerlegt, ja ol- 1 uwöhr und erfunden. Nach dieser Verhandlung wurde kRotklk tu Hast genommen und wird er heute beschuldigt, am 6. '.MwAr 1896 vor dem LandgerichtSrath Seeger eine wiffüollidi falsche Aussage unter Eid gemacht zu haben.

Vir Angeklagte, am 10. Juli 1872 zu Lengenfeld gebttMr, ist unbestraft und will sich zuletzt in Giehen al-

Agent ernährt haben. Er behauptet heute noch, die Wahrheit beschworen zu haben. Hätte die Frau Pitzer am 10. Juli die fragliche Aeußerung gethan, er hätte sie unbedingt hören rnüffen, aber die Aeußerung hat ganz ander- gelautet und enthielt nicht die fragliche Beleidigung des GroßherzogS. Der Angeklagte will die ganzen Vorgänge deS Streite-, die sich auf dem Flur de- Haufe- abfpirlten, beobachtet haben. Er will zu Anfang im dritten Stock gestanden haben, fei dann nach dem Hof gegangen und zwar al- eine Pause im Streit eingetreten war - a'.s Rothe nun wieder zum dritten Stock hinaus gewollt und vom Hof in den Hau-flur getreten gewesen, da seien dle Worte gefallen, die eine MasestätS- deleidtgung enthalten sollen. Der Angeklagte will sogar in den Streit mit eingrsprochen haben. Nach Beendigung der Affatre sei er in den dritten Stock zur Frau Hau- gegangen, um seinen Geburt-tag in angenehmer Gesellschaft zu verleben, e- seien verschiedene Personen zur Frau Hau- gekommen, die noch als Zeugen vernommen werden.

Der Maurergeselle Konrad Wachester von Alten» Buseck bekundet, daß er am 10. Juli 1895, dem Tage de- Jugendfeste-, gegen 7 Uhr in der Kratzenberger'schen Wirth» schäft gewesen, den ganzen Streit der beiden Frauen mit angehört, der theilweise in und außerhalb der Wirthschast ftattgefunden. Der Zeuge erklärt, auf da- Allerb'stimmteste gehört zu haben, daß von der Pitzer Ehefrau die MajestätS» beleidigung gefallen. Gesehen hat der Zeuge die Frau Pitzer nicht, sie stand im Hau-flur, aber die THÜre der Wirihß» stube nach dem Hau-flur war offen, sodaß man jedes Wort hören konnte. Frau Kratzenberger konnte man vorn Wirth«» zimmer au- stehen sehen. Der Zeuge will zweimal, während der Zeit er in der Kratzrnberger'ichen Wirthschast gewesen, nach dem Hos gegangen sein, er habe den Rothe aber draußen nicht gesehen; gegen 9 Uhr hat der Zeuge seine- Erinnern« dte Wirthschast verlaffen. Der Zeuge erklärt aus Befragen, die Frau Kratzenberger sei, al« die Pitzer die Arußerung gethan, in die Stube zurückgekehrt und hat gefragt: habt ihr die MajestätSbeleidigung gehört? und dazu gesetzt: ich «erde sie anzeigen. Heinrich Becker HI. von Gießen war ebenfalls bei dem Vorfall zugegen und deponirt, daß die schmutzige Aeußerung der Pitzer wirklich gefallen und in Bezug auf den Großherzog gethan ist. Er hat die Aeußerung selber gehört, gesehen hat er die Frau Pitzer nicht, al« sie

die Worte gebraucht, aber die WinhSstubenthür stand offen, sodaß man jeden Laut von draußen hören mußte. Der Zeuge hat den Rothe nicht gesehen, weder in der Wirthschast noch auf dem Hof, den er nach dem Vorfall betreten hat, ehe er nach Hause ging. Don den Gästen war an dem Abend Niemand betrunken, al- die MajestätSbeleidigung fiel. Der Tapezier FeldhauS deponirt als Zeuge, nachdem er vom Vorsitzenden vor seiner Vereidigung streng zur Wahrheit ermahnt, er sei am Abend des Jugendfestes ebenfalls als Gast in der Kratzenberger'schen Wirthschast gewesen. Auch der Pitzer'sche Ehemann habe dort sein Bier getrunken, da sei deffen Ehefrau in die Wirthschafl gekommen und habe vor ihren Mann einen Zahlungsbefehl hingelegt. AuS diesem Anlaß fei der Streit der Frauen Pitzer und Kratzenberger entstanden und am Schluß habe die^Pitzer eine MajestätS­beleidigung ausgesprochen, die dieser Zeuge aber anders präcisirt als die Vorzeugen, er gibt aber die Möglichkeit zu, daß die Aeußerung auch so gelautet haben kann, wie Wachester und Becker angeben. Der Wirth Kratzenberger bezeugt, daß die schmutzige Bemerkung gegen den Landesherrn von der Pitzer gesallen sei, allerdings gibt der Zeuge zu, sie könne auch anders gelautet haben wie er angebe. Rothe sei tagsüber nicht bet ihm in der Wirthschast gewesen, er habe denselben jedoch NachtS zwischen 12 und 2 Uhr gesehen, da habe er noch 10 Gla« Bier bet thm getrunken. Die Zeche ist, da er sie nicht bezahlte, angekreidet worden. Der An» geklagte habe ihn, so erzählt der Zeuge, mit 28 Mark an» gepumpt und nicht bezahlt. Auf Vorhalt 'deS Vertheidiger« präctstrt der Zeuge feine Angabe dahin, daß Rothe von ihm in seiner WirthSftube nicht gesehen sei am Nachmittag deS JugendsesteS. Die Frau Kratzenberger bekundet auf das Bestimmteste, daß die Aeußerung der Pitzer die Be­leidigung deS Großherzogs enthalten habe. Sie bestreitet entschieden, den Rothe um 6 Uhr oder sonst am Tage des 10. Juli gesehen oder gesprochen zu haben. Die Zeugin gibt übereinstimmend mit ihrem Ehemann an, daß sie am 9. Juli mit demselben Abends auf dem Turnfestplatz gewesen und da sei auch der Angeklagte dabei gewesen. Sie sagt ferner auS, daß, wenn Rothe am 10. Juli an der Treppe im Hau-flur ihres Hauses während deS Vorfalles gestanden und mit dreingeredet haben will, wie er angibt, dann hätte sie ihn doch sehen rnüffen.

Feuilleton.

vss Donaowribchkn.

Von Ernst Lenbach.

(2. Fortsetzung.)

Da «einer Ecke deS Zimmers stand ein alte« Tafelclavier, mit t bwiitzwerk bescheiden geziert, darüber hing hinter Gla« unbu lahmen ein ungeheurer Lorveerkranz, ganz vertrocknet, mit a mr hervorragend geschmacklosen Schleife, welche in ver- gilbciütt Aufdruck den Namen irgend eine« kleinstädtischen - es i«: ereinS trug jedensallS eine ruhmvolle Erinnerung aulii lim Künstlerleben des seligen Herrn Metzle. Auch ein BÜöMcstt war da, mit einem Gesangbuch, einigen Bänden SchM, UhlandS Gedichten und etlichen Kalendern, und FrajmEutzle selber war eben bei meinem Eintritt mit Lesen besckWzl: in einem gelb broschirten Büchlein, welches sie bei metwnr Eintritt etwas verwirrt bei Seite legte.

B ich ihr die Beranlaffung meines Besuche« sagte, wuridtiüi! sehr gerührt und entwickelte nun allerdings eine trftaUEiiGke Lust zu reden, natürlich nur von ihrem Votzcht Max.

,Lihen Sie/ erzählte sie unter Anderem,an dem CHaMiOa machte er sich schon immer zu schaffen, al« er !am»tiur die Tasten wegsehen konnte. Ra, und da hab ich benr» Hitler in (Sötte« Namen angefangen, ihm beizubriogen, tca&d i wußte, aber viel war« ja nicht. Und eines Tage«, da siU: mich der Junge so mit einem langen, verträumten Blicaflh, wie er e« immer that, wenn er mit einer Frage nich-jitichit fertig werden konnte, und fragt mich schließlich: JWItari, list das auch die richtige Musik, wa« Du mir zeigst?" Ich Witt, ich sollt in den Erdboden versinken, wie lch das börtiiim'ib zunächst hab ich ihn denn auch gründlich herunter» ßtmiaxi:. Aber hernach, in der Nacht, da könnt ich nicht ein» schlcM:r:or Sinnen und Zweifeln und immer klang mir Im SOn nach mit der Stimme von meinem Jungen: Ist das auch» >i nichtige Musik? Bis ich mir dann schließlich ein mir selber faßte und sagte: Nein, baß ist nicht bte iinüilgie, aber nun will ich ihn zu einem Lehrer thun, der ihm ii ü nichtige beibringen kann. Und da hab ich mir bann

auch gleich einen ordentlichen genommen, sie sagten, sei der beste hier in der Stabt, unb olß er mir sagte, waß er für bte Stunde verlangte, da wäre mir doch beinahe baß Herz in bie Schuhe gefallen. Aber ich faßte mich noch unb sagte zu mir: Schäm Dich, Lisbeth, wenn auch theuer ist, ist'S doch für den Max, unb ich dachte, geb ich mir Mühe, ein Dutzend Kunden zum Aufspielen mehr zu bekommen, unb fitz' im Sommer, wo ja doch früh hell wirb, ein paar Stunben früher an ber Arbeit, so wtrdß schon langen. Unb so ging benn der Max zu dem Herrn Profeffor und daheim da übte er an dem Clavier dort. dauerte aber nicht lange, da hab ich aufgehört, selber noch mal darauf zu spielen, vordem hatte ich« wohl so ab und zu gern ein Stündchen gethan, nicht meine Tänze, wissen Sie, die hab ich in den Fingern, aber so ein Lied, wie ich « in der Jugend ge» hört unb ge'nngen, ober etwa einen Choral, und da« war mir doch immer eine rechte Erquickung- nun hab ich ß aber gelaffen, denn ich dachte, der Max soll nichts so Stümperigeß hören, daß könnt ihm schaden, und wer weiß, am Ende ver­dirbt auch daß Clavier, und da« muß doch im Stande bleiben für ihn. Nach einer guten Zeit kommt aber eineß Tageß ber Herr Profeffor unb sagt, ein Talent wie mein Max, baß bürfe nicht verkümmern, der müffe sich ganz der Kunst weihen- und wenn ich wolle, fo könne er ihm einen halben Freiplatz an einem öonferbatorium besorgen, ich solle dem Glücke meineß Kindeß nicht im Wege stehen. Da ruf ich den Max unb sag ihm: Wie ist daß, mein Junge, willst Du fort von mir gehen unter fremde Leute? Da sagte er ganz leise:Mutti, ich möcht bie Kunst außlcrnen." Unb ich hab mich zusammengenommen unb ein halb Jahr darauf ist er fort. Aber hart ungefaßt Huts mich, daß darf ich jetzt wohl sagen, und war mir doch so einsam wie nie zuvor, wenn ich hier so saß und dachte, nun ist Dein Junge da draußen in ber Welt- ich meine beinahe, ich hab immer alle Einsamkeit zusammen gesühlt, meine hier und bie seine da draußen unter den sremden Menschen. Und dann" sie stockte einen Augenblick, bann griff sie plötzlich nach dem kleinen Buche und hielt mir hin :Ach bitte, Herr Doctor, sagen Sie mal, kennen Sie baß Buch und ist daß denn alle« wahr, maß darin steht?" Sie sagte daß mit sehr ängstlicher, saft zitternder Stimme.

Ich kannte daß Buch nicht, ober ein paar rasch um­blätterte Seiten genüaten, mich Über seine Richtung unb Richtigkeit zu vergewissern. E« war eine jener Schriften, welche unter dem Vorwande wissenschaftlicher Belehrung nur zu oft dazu führen, daß fröhliche Menschen sich in Grübler und Selbfiquäler verwandeln. Die Aufschrift lautete:Ver­erbung und Entartung", und zwischen einem Sammelsurium wissenschaftlichen Kehricht« waren wunderlicher Weife auch IbsensGespenster" unb ähnliche finstere Dichtungen al« Belegmittel angeführt.

Mir ahnte etwa« von dem Gedankengang, welcher die Behauptungen diese« Buches für Frau Metzle besonder« schrecklich machte.

Daß Buch kenne ich nicht," sagte ich,ober so viel ich sehe, führt Lehren auß, die sich in dieser Schroffheit weder mit der Wissenschaft, noch mit dem Glauben an Gotteß Güte und Barmherzigkeit vertragen. Solchen Lehren gegenüber halte ich für mein Thetl mich lieber an daß große Wort: ,,E« erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch"."

Daß ist ein schöner Spruch," erwiderte sie nachdenklich, ber gehört in« Gesangbuch, ich werde ihn mir jedenfall« hineinschreiben. Ach, wissen Sie," fuhr sie dann nach einer Pause scheinbar ganz unvermittelt fort,die Leute urtheilen oft doch gar zu streng. Daß ist eben eine schlimme Sache für einen Mann, wenn er Stunden zu geben hat, nun hat er bie eine um neun, die andere um elf, unb immer fo, mit Pausen dazwischen, unb bann bie Lauferei auf dem Pflaster unb baß Sprechen beim Unterricht, daß macht müde unb trocken in ber Kehle unb dann geht so, bann" sie brach wieder kurz ab unb streifte mit einem schnellen, scheuen Blick ben vertrockneten Lorbeerkranz.

An ihren Sohn hotte sie mir nichtß mitzugeben olß ihre Grüße.

Vielleicht," meinte sie -ögernb, olß ich mich verab­schiedete,wenn Sie mirß schreiben wollten, wenn Sie etwa in seinem seinem Befinden etwaß ettoaß aber nein, ich weiß, daß würde mein Max mir selber sagen."

«Schluß folgt.)