Hr. 306
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MOZ
Zweites Blatt. Dienstag den 3L Decemve
Meßener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Die Weltlage am Jahresausgange.
I» Zeichen einer ernsten politischen CrisiS auf Inter* -nationalem Gebiete vollzieht fich diesmal der Uebergang aus dem alten Jahre in den herangenahten neuen Zeitraum. Der schon länger schwebende diplomatische Confltct zwischen Nord» L»erika und England wegen der englisch-venezuelanischen Grenzstrettigkeiten ist infolge der herausfordernden jüngsten Botschaft deS Präfidenten Lleveland plötzlich acut geworden, die Möglichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes zwischen zwei der hervorragendsten Culturuationen der Welt taucht ,»m mit einem Male bedrohlich auf. Noch aber giebt fich fast allseitig die Zuverficht kund, daß eS noch gelingen werde, auf gütlichem Wege den ConflretSfall wieder zu beseitigen, und somit einen Krieg zu verhindern, der geradezu eine Aeltcalamität genannt werden wüßte und der in seinen Inter» nationalen Wirkungen und Folgen ganz unabsehbar wäre. Freilich ist hierzu die unbedingte Voraussetzung, daß die Chauvinisten im Laude der Uankees mit ihrer bramarba- firenden Losung: „Amerika für die Amerikaner !" nunmehr im< längsten daS Feld beherrscht haben, «ud daß endlich vernünftige Leute „Drüben" zu Gehör kommen, sonst müßte eine friedliche Lösung der gesammteu Venezuela-Frage tu der That immer schwieriger werden.
Während so gerade am AuSgange des Jahres 1895 durch das Auftreten des uordamerikantschen Staatsoberhauptes und feiner Hintermänner ein ernst genug auSschaueudeS Problem der internationalen Politik geschaffen morden ist, beginnt fich dafür an anderen Punkten die Weltlage erfreulich zu klären. ES gilt dies namentlich von der türkischen Crifis,- dank dem einmüthigen und vorsichtigen Vorgehen der Mächte ist derselben die bedrohliche Spitze nach außen abgebrochen worden, und eS steht jetzt, soweit menschliche Voraussicht reicht, nicht mehr zu befürchten, daß die jüngsten Wirren im türkischen Orient zu europäischen Verwickelungen führen könnten. Allerdings giebt eS aber für die Regierung des Sultans noch übergenug zu thun, um die Ruhe im Innern des OSmaueureiches wieder herzustellen. Speziell machen die aufständischen Armenier in Syrien, welche soeben in Zeituu Maffcnschlächtereien unter der gefangenen türkischen Besatzung wie unter der türkischen Civilbevölkerung au- gerichtet haben sollen, der Pforte noch immer zu schaffen, außerdem beginnt es auch auf der Jastl Kreta bedenklich zu gähreu. Im äußersten Osten Asien- nehmen sich die Verhältnisse ebenfalls beruhigender aus, der geschloffene Friede zwischen Japan und China ist nicht wieder erschüttert worden. Jene fremden Mächte, welche am meisten in den oftafiattschen
Fettilleton.
In Pans.
Hrzählung aus dem KriegSjahre 1870/71 von C. v. Falkenberg.
(Nachdruck verboten.)
ES war im Frühjahre 1870.
Auf den Boulevards in Paris, der Weltseele, wie es einige Monate später Victor Hugo in bombastischer Ueber- schwänglichkeit nannte, stuthete das Leben wie immer. Die Pariser amüfirten sich oder plauderten und klatschten beim Kaffee und Wein über die neuesten Roden und Hüte, Pferde und Wagen der luxuriösen Kaiserin Eugenie, über das harmlose Kind von Frankreich, den Prinzen Lulu, und spöttelten über den Kaiser Napoleon, der sich von dem schlauen Grafen v. BtSmarck mehrere Male ein Schnippchen habe schlagen lassen. DaS Ansehen Louis Napoleons, des Mannes, vor dessen Stirnrunzeln Europa bisher lächerlicherweise gezittert, «ar sichtlich gesunken und die veränderungSsüchtigen Pariser flüsterten fich ganz leise etwas von seinem baldigen Sturze zu, obwohl im Grunde genommen LouiS Napoleon manches Jahr ein Herrscher nach dem Herzen der Pariser gewesen »ar, denn er hatte ihnen billigen Großmachtsruhm und gute Geschäfte, zumal durch die Weltausstellung, eingebracht. Die Geschäfte gingen aber jetzt flau, doch „aprite noua la deluge“ (nach unS kommt die Sünofluth) dachten die Pariser und »müfiren mußten fie fich auf jeden Fall.
Au einem Abend in dieser kritischen Zeit trat aus einem Boulevard-Hotel ein junger, schlanker, elegant gekleideter Mann heraus und wandte fich dem Cafs Lagrange, einem sehr beliebten Sommerplatze der Pariser der besseren Klaffen, zu.
Hier nahm er an einem Marmortischchen Platz und bestellte sich ein GlaS Wein.
DaS Local war stark gefüllt und man plauderte laut und stritt fich fast an jedem Tische um die brennende Tagesfrage.
Dingen interessirt find, Rußland und England, haben beide es für gut befunden, an der ostafiatischrn Frage einstweilen nicht weiter zu rühren, allerdings wird letztere aber sich so fort erneut hochaktuell gestalten, sobald nur Rußland erst hinlänglich gerüstet ist, um seine Pläne im fernen Osten mit Nachdruck aufzunehmen.
Episoden von begrenzter Wirkung stellen noch immer der Feldzug der Spanier auf Euba und daS kriegerische Berhältniß Italiens zu Abeffynten dar. In beiden Fällen erscheinen zwar ernstere internationale Folgen nicht gänzlich ausgeschlossen, jedoch ist diese Möglichkeit sowohl in der cubanlschen Angelegenheit, als auch bet dem neuen Afrika» seldzuge der Italiener zur Zett noch in weitem Felde. Ganz verstummt find gegenwärtig die marokkanische und die egyp- rische Frage, daß fich jedoch dort wie hier mancherlei Gegen« sätze und Interessen kreuzen, bleibt freilich unbestreitbar. Im Uebrigen bleibt nach wie vor die bisherige Mächte-Gruppi- rung in der hohen Politik bestehen, auf der einen Sette der Dreibund, auf der anderen der französisch-russische Zwetbund. Beide Gruppen haben fich bislang höflich, ja entgegenkommend behandelt, es ist kein Grund zu der Besürchtung vorhanden, daß eS hierm't im neuen Jahre anders werden könnte.
Der Krieg von 1870(71, geschildert durch Ausschnitte eu8 ZeitungS-Nummern jener Zeit (rnach^uck verboten.) 31. Decemder.
DaS Jahr scheidet mit einer . guten Aussicht. Jeder Müller und Advokat weiß, wie schwierig und ärgerlich Wasser Prozesse find. Deutschland hatte so einen Waffer- Proeeß, der über die Main«Brücke -entbrannt wo'. Im Prager Frieden 1866 war die Main-Brücke zwar nicht zerstört, aber durch ein Thor gesperrt und an das Thor du franzöfischeS Schloß gelegt worden. Kein deutscher Anlieger hüben und drüben sollte über die Brücke .schreiten dürfen ohne Erlaubniß der Franzosen und Oesterreicher. DaS war ein böses Servitut, das so lange galt, biß die Deutschen im Juli d. I. Thor und Schloß mit den Bajonetten sprengten und hinüber und herüberzogen. Die Franzosen warfen ihren Schlüssel in den Rhein, nur Oesterreich hatte noch seinen vertragSmäß'-^en Schlüssel- freilich was hilft der Schlüssel, wenn daß Schloß fehlt? Bismarck meinte aber doch, wir wollen daß ö.terreickische Servitut friedlich ablösen und schickte eine Note nach Wien mit dem deutschen Danke dafür, daß Oesterreich dem Vernehmen nach von seinem Prager Servitute keinen Gebrauch zu wachen gedenke, und mit den friedlichsten
Plötzlich rief eine kräftige Stimme:
„Em Extrablatt! Hört, hört!"
„Was gibt-?" klangen die Fragen.
„Spanien hat einen hohenzollernschen Prinzen, also einen Vetter des Königs von Preußen, zum König gewählt."
„Welch ein Scandal!"
„Frankreich ist beleidigt!"
„Wir müssen Genugthuung fordern!"
„Diese Hohenzollern greife« nach ollem!"
„Das ist wahr. Haben fie nicht Hannover, Nassau, Hessen, Holstein annectirt?"
„ES ist infam!"
„Das darf der Kaiser nicht leiden!"
In dieser Weise erschollen die Srimmen erregt durcheinander. Nicht weit von dem Fremden saßen zwei an ständig gekleidete Herren. Der eine, demAusicheu nach ein Republikaner und Gegner Napoleons, erhob fich und sprach mit lauter Stimme:
„Meine Herren, entschuldigen Sie, die Hohenzollern find ein uraltes, weit verzweigtes Geschlecht, dessen Stammbaum weiter reicht als derjenige der Napoleouiden. Als Napoleon Bonaparte ans Corfika geboren ward, war er nur eines Bürgers Sohn. Ich wünsche den Spaniern übrigens keinen König, denn ich bin republikanisch gesinnt, abT im Grunde genommen geht uns die Sache nichts an."
Jetzt erhob sich Plötzlich der andere Herr, schob jenem ein kleines Porpellanschild hin und flüsterte:
„Mein Herr, ich bin der Criminal-Polizet Lommiffar Record- entfernen Sie fich augenblicklich oder ich muß Sie verhaften, denn Ihre Worte könnten hier zu einem Tumulte führen."
Der Redner erschrack und — verschwand.
Der Geheimpolizist wandte fich nun an den Fremden, der vorher in das 6af6 getreten war.
„Mein Herr, Sie sind wohl nicht aus Paris?"
„Wie kommen Sie zu dieser Frage?"
Anerbietungen für die Zukunft. Beust ist nicht der Mann der die deutsche Hand jetzt noch curütftodft. Deutschlan, und Oesterreich werden daher im neuen Jahre das Bild verschlungener Hände statt gekreuzter Schwerter oder auch nur der Gellert'schen Nachtwächter bteten, die sich verdrießlich den Rücken kehren. Und daß ist die gute Aussicht, mit der wir daß Jahr 1871 antreten.
Deutsche» Reich.
Berlin, 28. December. Der Kaiser hat den Lehrern und Schülern deß Friedrich-GywnafiumS in Cassel, dessen Schüler er selbst gewesen, ein Exemplar seines bekannten Bildeß: „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter" mit eigenhändiger Unterschrift geschenkt.
Berlin, 28. December. Der Kaiser soll, wie der „Local - Anzeiger" erfährt, heute Nachmittag im Beisein deS Chefs des CivilcabinetS, von LucanuS, den Professor BeguS empfangen haben, um fich von diesem Büsten für die projectirte Ausschmückung her SiegeS-Allee vorlegen zu lassen.
Berlin, 28. December. Die commandirenden Generäle der deutschen ArmeecorpS werden auch diesmal am NeujahrStage in Berlin eintreffen, um in herkömmlicher Weise dem Kaser bei der üblichen Parole-Ausgabe ihre Glückwünsche zum Jahreswechsel abzuftatten. Bei diesem Anlasse pflegte der Kcäser in seiner Erwiderung auf die gemeinsame Beglückwünschung seitens der Generäle in früheren Jahren mit einigen Worten die auswärtige Lage zu berühren, ob dies auch jetzt wieder geschehen wird, muß indessen noch dahingestellt bleiben. Auch der Besuch mehrerer Bundeßfürsten anläßlich deS Neujahrsfestes wird am kaiserlichen Hofe erwartet, u. a. derjenige der Könige von Sachsen und Württemberg, sowie beß Großherzogs von Baden.
— Der „Retchsanzeiger" meldet ossiciell in Bestätigung früherer Mitthetlmigen: „Nach allerhöchster Bestimmung findet am 18. Januar zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Nenbegründung beß deutschen Reiche- eine Feierlichkeit im Königlichen Schlosse statt, zu der unter Anderen auch die dermalwen ReichstagSmitg'ueder geladen find."
Berlin, 28. Decemder. Der Redacteur beß „Vorwärts", Fritz Kunert, ho,te sich heute vor der dritten Strafkammer des Landgerichts wegen der im Vorwärts enthaltenen Kritik mit der Ueberschrift „Gnade wem Gnade gebührt", wegen Majeftätsbeleidigung zu verantworten. Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gesängniß, der Gerichtshof erkannte auf drei Monate.
„Ich sehe es Ihnen an."
„Nun, da werden Sie sich wohl irren."
Der jung: Mann zog seine Karte hervor und gab sie dem Polizisten. Dieser las aus der Visitenkarte:
„Ernest Robin vom Hause Eclair «. Praille in Pari-, Rue de Rivoli."
Er gab die Karre zurück, zog den Hut, v und ging.
Der Zwischenfall war vom großen Publiku»
werkt worden, Ernest Robin aber hatte er so verstimmt, daß er sofort ousstaud und daß Local verließ.
„Bei Gott," murmelte er in deutscher Sprache, „man hat wirklich jetzt Ursache, in der berühmten Stadt Paris al- Fremder vorsichtig zu fein, sonst wird man ohne Weiteres an die Luft gesetzt."
Er wandte sich dem Modelnden der Fabrik seines Hauses zu. Die Firma Eclair u. Praille machte nach Deutschland gute Geschäfte, fie lieferte den Modegeschäften jährlich für Hnnoerttausende von Francs an Kunstblumen und Modeartikeln.
Seine Chefs empfingen Ernest Robin nach seiner Ankunft sehr freundlich. Er war schon vor vierzehn Tagen engagirt worden, hatte aber erst jetzt Gelegenheit, fich den Chefs, die bisher auf Reisen gewesen waren, vor- zuftcllen.
„Die Geschäfte," sagte Eclair, ein schon ältlicher Herr, „liegen jetzt flau- wir haben Sie deßhalb als deutschen Correspondenten engagirt, um die Verbindungen in Deutsch- land, bereu wir so viele haben, zu erweitern und zu befestigen. — Sie entstammen der franzöfischen Colome in Berlin?"
„Mein Urgroßvater war französischer Emigrant und ist im vorigen Jahrhundert nach Berlin eingewandert."
(Fortsetzung folgt.)


