189M
Donnerstag den 3L October
Zweites Blatt
Nr. 256
vierteljähriger
Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gießen
Hratisöeitage: Gießener Kamilienökatter
Unnah m« dom An,eigen ,u der Nachmittag« für ben felynbtn Lag erscheinenbm Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.
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zufolge befinden sich tm Kreise 71 Volksschulen, wovon 70 gemeinsame und 1 katholische find. Sämmtliche Schulen sind gemischt, nur in den 3 obersten Klassen zu Büdingen werden die Geschlechter getrennt unterrichtet. An Schulklasien befinden sich zur Zeit im Kreise 104 Schulklasien, an diesen wirken jetzt genau 104 Lehrer, wovon 86 definitiv angestellte und 18 Schulverwalter find. Die Gesammtzahl der Schulkinder betrug zu Beginn dieses Schuljahres 6137, 13 weniger als tm Vorjahre- von diesen sind 3046 Knaben und 3091 Mädchen. Der Confession nach gehören 5879 zur evangelischen, 55 zur katholischen, 202 zur israelitischen und 3 sind Dissidenten. Von den genannten Schulklasien sind 47 einklassig, 19 zwetklassig, 3 dreiklassig und 1 vterklassig. Auf einen Lehrer kommen im Durchschnitt 59 Schüler. Acht Schulen befinden sich z. Z noch im Kreise, io denen über 80 Schüler unterrichtet werden. Die Fortbildungsschulen des Kreises betragen 71 und haben einen Schülrrbestaud von 1016, 26 mehr, als im Vorjahre, von diesen sind 979 evangelisch, 5 katholisch und 32 israelitisch. Außerdem befinden sich im Kreise 1. die erweiterte Schule zu Nidda mit 3 Lehrern und 45 Schülern, 2. die höhere Töchterschule zu Büdingen mit 2 Kehrerinnen, 2 Hilfslehrern und 2 Hilfs- lehrertnnen und 41 Mädchen, 3. das Institut auf dem B.ngenheimer ForsthauS mit 3 Lehrern, 1 Lehrer unb 26 Schülern. Nach Erschöpfung des geschäftlichen Abschnitts wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten, auf der sich als erster Gegenstand befand: „Die Fortbildung des Lehrers tm Amte." Referent Herr Lehrer Maurer- Heuchelheim. Das zweite Thema der Tagesordnung war: „Forderung der Gegenwart an die Volksschule." Referent Herr Lehrer Frank-Langenderghetm. Beide Referenten lösten ihre Aufgaben in ansprechender und recht klarer Weise.
Main-. 27. Oclober. Ein schändliches Weib wurde vorgestern durch die Polizei wegen empörender Mißhandlung des eigenen Kindes zur Anzeige gebracht, und Derjenige, der die Anzeige machte, war der eigene Mann der Frau und Vater des Kindes. Das Kind, ein Mädchen von 6 Jahren, wird schon feit langer Zeit von seiner Mutter in der brutalsten Weise, besonders mit dem Feuerhaken bearbeitet. Die Arme, der Rücken und der Hals des KivdeS waren voll- ständig schwarz und blau zerschlagen und mit Blut unterlaufen- mit einem scharfen Kamme hieb die unnatürliche Mutter dem Kinde fortwährend in das Gesicht, so daß daS Geficht des Kindes bis zur Unkenntlichkeit angeschwollcn war. Von Seiten der Polizei wurde das Kind sofort in Pflege gegeben und gegen die Mutter Untersuchung eingeleitet.
Gießen, den 28. October 1895.
Da- Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu
-m dte Grstzh. leitegtrmtHkrdt* des Kreises.
In Folge der Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen vom 18. September ds. IS. (Regierungsblatt Rr. 34) ist in Ergänzung der zur Anweisung der Zoll- und Steuerbehörden erlassenen näheren Bestimmungen zu § 30 der Instruction vom 17. December 1891 (Regierungsblatt Nr. 40 von 1891) zur Ausführung des Gesetzes über daS Verwaltungs-Strafverfahren rc. betr. als zweiter Absatz einzuschieben:
„Hat jedoch der Beschuldigte in diesem Falle den Strafbrtrag bei der Bürgermeisterei oder einer anderen öffentlichen Behörde bereit« freiwillig hinter- legt, so ist Strafbescheid zu erlasien.
Die Bekanntmachung desselben (§ 29) erfolgt alsdann durch Anheften einer Ausfertigung an die Ortstafel derjenigen Bürgermeisterei, in deren Bezirk die Zuwiderhandlung verübt worden ist. Die Zustellung gilt als erfolgt, sobald der Strafbescheid während einer Woche an der Ortötafel angeheftet gewesen ist. Der Beschuldigte ist, soweit möglich, bei
Der Anzeiger erlcheint täglich, ■rtt Ausnahme be« Montag«.
Die Gießener >«*tn<Ml fädet werden btm Anzeiger »Sch«tlich dreimal beigelegt.
Bekanntmachung.
Betr.: Da« Verfahren bei Erlaß von VerwaltungS Straf- Bescheiden- hier: Zustellung derselben an abwesende Contravenienten.
Theil.
Bekanntmachung, betreffend: Controle der Invalidität«- und Altersversicherung der unständigen Arbeiter.
Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 31. Januar l. IS. — Gieß. Anz. Nr. 31 — wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß an Stelle des Steuer- commissariatS-Gehülfen Nau der Zeugweber Karl Schmidt zu Grünberg zum Eontrvlbeamten für den seither von ersterem vertretenen Bezirk ernannt worden ist.
Gießen, den 28. October 1895.
Großherzoglichrs KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Gießener Anzeig er
Generat-Mnzeiger.
In dem Schauspiel „Ottilie" handelt es sich um die I tugendhafte Frau, die nur einmal, in einem unbewachten I Moment einen Fehltritt begangen hat, den sie nun die ganze übrige Zeit ihre« Lebens büßt und der ihr schließlich doch zum Verhängniß werden muß! In diese« Genre haben sich unsere Bühnenautoren nachgerade verliebt, und seitdem sich sogar unsere großen weiblichen Romanschriftsteller wie Marie v. Ebn er-Eichenbach („Unsühnbar") und Ossig Schubin („Gloria victis“) von dem nämlichen Thema locken ließen, kann man ihnen kaum einen Vorwurf daraus machen, wenn es auch zu beklagen bleibt, daß die Probleme unserer modernen Dramen in einem gar so engen Kreise sich bewegen. Es drückt auf die geistige Höhenlage des gefammten Schauspiels, wenn die Dichter über die erotischen und sexuellen Motive nicht mehr hinaus kommen! Muß es denn immer die gefallene Frau oder das verführte Mädchen sein, durch welches die poetische Phantasie sich inspirirt fühlt? Giebt es, weiß Gott, denn keine anderen Beweggründe für dramatische Acrion, zumal in unseren Tagen, wo die geistige und sociale Sphäre der Frau, gegen früher, so ungleich weiter geworden ist?!
Der Darstellungskunst der Damen GÜndel und Frank werden durch die Partien der „Gräfin Fritzi" und der „Ottilie" dankbare Aufgaben Überwiesen.
Das Frankfurter Concertleben steht schon in höchster Blüthe. Die Kammermufikabende haben begonnen und die Opernhaus- und MuseumSconcerte folgen einander aus dem Fuß<>. Ein künstlerisches Eretgniß ersten Ranges war das zweite Freiragsconcert der MuseumS- G es ell schäft, das unS, unter der sprühenden Leitung Capellmctster Kopels, die Bekanntschaft mit der Tschai- kowsky'schen „Manfred.Shmp honie" vermittelte. Das Werk ist der Byron'schen Dichtung, deren Haupiphasen es in Tönen nachdichter, con genial, und damit ist eigentlich schon daS größte Lob ausgesprochen.
Man kann diese Symphonie nicht hören, ohne nicht im
Betretung ober bet Hinterlegung deS StrasbetrageS auf diese Art der Bekanntmachung htnzuweisen, sowie über die gesetzlichen Rechtsmittel und die Folgen ihres Nicht- gebrauches zu belehren."
Der folgen de, nunmehrige dritte Absatz erhält hiernach die Eingangsfassung:
„Ist eine solche Hinterlegung nicht erfolgt, so kann in erheblicheren Fällen rc."
Im Uebrigen bleibt der § 30 bestehen.
Wir weisen Sie aus diese neueingeführte ZustellungS» form besonder« hin.
v. Gagern.
tiefsten Empfinden getroffen, nicht mit allen F'.bern in Mitleidenschaft gezogen zu werden ! Die Instrumentation ist die Berlioz'sche, womöglich noch farbenprächtiger- ein frischer Melodtenreichthum, der un« schon in des rusfischen Compontsten Oper „Onagtn" entzücken mußte, geht den geistreichen instrn- mentalen Klangcombinationen zur Seite und bekundet, daß Tschaikowsky nicht nur mit der Phantasie, sondern auch mit dem Gemüth gedichtet hat.
Von großem Beifall war daS Auftreten deS berühmten englischen Tenonsten Ben DavieS begleitet, der bereit« in der Generalprobe, zur großen Freude der zahlreichen Hörer, sein Programm mit voller Stimme heruntersang. In der Wiedergabe der Arie aus Händels „Jephta" bewies der Künstler, daß er in dem Oratorienstil des deutschen Meister«, dem England die zweite Heimath gab, vollständig zu Hause ist und ihn souverän beherrscht. Feine Schule und schöne« Eindringen in den Geist der Compofition nahm man auch in dem Vortrag der Rubinstein'schen Lccder „Der Traum" und „Fliehe Nachtigall" wahr, aber in der Interpretation des „PreisliedeS" aus den „Meistersingern" störte etwas die gaumige, englische Aussprache deS deutschen Texte«.
Man hat gemeint, die Tage für das Recitiren großer Dramen seien gezählt, zumal in Städten, die ein gutes Theater besitzen. Von dieser Annahme kommt man zurück, wenn man Türschmann hört und seine Erfolge mit erlebt. Der berühmte Recitator klassischer Dramen, der ja ganz Deutschland bereist hat, findet auch in Frankfurt sein Publikum wie in Berlin und BreSlau rc. und einen andächtig gestimmten Hörerkreis, der sich willig von ihm in die erhabenen Regionen Sophoklei scher Tragik einführen läßt. Aber nicht nur Dramen recitut Türschmann, selbst an „historische Balladen", welche daS Durchschnittspublikum nach absolvirter Schulzeit meist nicht mehr genießen will, darf er sich wagen, ohne fürchten zu müssen, vor leerem Saal zu sprechen.
CocoUs utifc provinzielles.
Butzbach, 29. October. Am Sonnlag Vormittag verhaftete der Gendarm Wienold von Butzbach in der Nähe von Fauerbach v. d. H. einen Deserteur, der dem Gießener Regiment angehört. ES ist die« ein Recrut, der kurz vor seiner Vereidigung, sich aus seiner Garnison heimlich entfernt hatte. Die hiesige Gendarmerie hat den Durchgänger, der keine besondere Vorliebe sür daS Militärleben zu haben scheint, wieder au den Truppentheil abgeliefert. An Stelle de« Waffenrocks trug der Arrettrte ein gestricktes Wamms, sowie Müttärhose und Mütze. Einige Tage Arrest dürften, da noch nicht vereidigt, dem angehenden „VaterlandS- vertheidiger" wegen unerlaubter Entfernung aus der Garnison in Aussicht stehen. W. B.
Friedberg, im October. Bei der GemeinderathSwahl am 24. d. Mt«. machten von 792 Wahlberecht gten etwa 52 pCt. von ihrem Wahlrechte Gebrauch. E« waren 6 Gemetnde- rathSmitglieder zu wählen und gingen als gewählt aus der Urne hervor: die seitherigen Gemeinderathsmitglieder Fr. Hecht mit 347 Stimmen, Gg. Falk mit 308 Stimmen, E. Wlndecker mit 248 Stimmen und K. Berg mit 201 Stimmen. Neugewählt wurden Mehlhändler Hch. Rausch mit 281 Stimmen und Buchhändler K. Scriba mit 260 Stimmen. Die Candidatenliste trug nicht weniger als 15 Namen. D. Ztg.
K. Büdingen, 28. October. Die Krel<conferenz der Lehrer unseres Kreises sand heute im Rathhaussaale dahier, unter dem Vorsitze de« Herrn Geheimen RegierungS- rach Klietsch und im Beisein de« Herrn KreiSschulinspeclor Buß, de« Herrn Hofprediger Tyllmaun, des Herrn Land- I tagSabgeordneten Erk und des Herrn Oeconomen Reitz, statt. Herr KreiSschulinspector Buß erstattete vorerst Bericht über den Zustand der Schulen des KceiseS. Diesem Bericht
Feuilleton.
frankfurter Kries.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
Rene Sticke im Theater. Aus btm Soncertleben. Tnrschmann- Recitationeu.
Dr. M. „Gräfin Frttzt" von Oscar Blumenthal »nd „Ottilie" von Friedrich Gustav Triesch sind zur Zeit die Novitäten im Schauspielhaus. Erstere ist das Werk eines vielgewandten und vieldekanvten Berliner Bühnen- schriflstellerS, der keine Saison ungenützt verstreichen läßt, letztere die Arbeit eines auch nicht mehr jungen Wiener Autors — Triesch ist jetzt gerade fünfzig Jahre — dessen Ruf noch etwas Flackerndes hat, obwohl bereit- mehrere seiner Luft- und Schauspiele mit einem Preise bedacht worden
Blumenthal« Comödie „Gräfin Fritzi" bereichert den Typus der „Bühnenheldtn" um eine neue Spielart und kann gewiffermaßen als Ergänzung zu des Autors früherem Anton Anthony", der die innere Verlogenheit und läppische Eitelkeit des vom Publikum verwöhnten Mimen schilderte, aufgefaßt werden. Die Gräfin Fritzi ist keine Comödiantin im Leben, sie giebt sich ebenso wahr und einfach wie die Heldin in Paul Lindaus „Maria und Magdalena". Man merkt, daß der Verfasser diese Gestalt und die ganze gesellschaftliche Aimosphäre, die sie umfließt, mit großer Liebe und peinlicher Sorgfalt herauSgearbeitet hat, aber der Erfolg ist seiner Mühe leider nicht beschieden gewesen. Man bleibt bei den Raisonnernents dieser in Idealismus gebadeten Theater- Prinzessinnen eiskalt, die ganze Handlung behält etwa« Con- struirtcs. DaS mag wohl daher kommen, weil die Zeiten einer Charlotte Ackermann thatsächlich vorüber sind und unsere höchst materiellen Theaterverhältnisse nicht dazu angerhan scheinen, ähnliche Priestcrinucn der Kunst zu erzeugen.


