Ausgabe 
30.6.1895 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 30. Juni

Amts- unb Anzeigeblcrtt für den Aireis Gieren.

Hratisbeikage: Hießmer Kamilienötätter

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausländer nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Verkehr, Land. mtb vslkrwirthichaft.

Q Grüuberg, 28. Juni. Der gestrigeJohanni-Markt" nahm e.nen recht befriedigenden Verlauf. Der Rtndviehmarkt zeigte starke Auffahrt. Da aber die Nachfrage besonders nach Jungvieh groß war, fo fand alles aufgefahrene Vieh raschen Absatz. Die Preise bewegten sich auf der durch den Futlerreichthum bedingten Hohe. Auch der Schwetnemarkt war sehr gut befahren, hier aber zeigte sich im Handel eine etwas flaue Stimmung, weil die Preise für die Ferkel ganz bedeutend gesunken sind. Acht Wochen alle Ferkel konnte man schon zu 28 bis 30 und 30 bis 36 Mk. das Paar kaufen. Aeltere und ressere kosteten per Paar 38 bis 40 und 40 bis 45 Mk. Läufer galten das Paar im Durchschnitt 60 bis 70 und 70 btS 80 Mk. Der Krämermarkt zeigte guten Besuch.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

vierteljähriger >6onnement5prd#l 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Redactton, Expedition und Druckerei:

Schutstraße M.7.

Fernsprecher 51.

Nachrichten über den Saatenstand im Grotzherzogthum Hessen

um die Mitte des Monats Juni 1895.

^usammengestellt bei der Großherzoglichen Oberen landwirthschast- lichen Behörde. __________________

Rr. 151 Zweites Blatt

Der chieffener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» MontagS.

Die Gießener AamiklenScStler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

15 Mk. verkauft wurde, nur 8 bis 10 Mk., eine Abthei- Lung, welche sonst mit 50 Mk. bezahlt wurde, kostete dieses Jahr etwa 30 Mk. Bet den nächsten Gemeinde-Heugra^ Versteigerungen erwartet man noch billigere Preise. Auch die Preise des dürren und alten Heues find sehr niedrig, der Cemner kostet Mk. 1 bis Mk. 1.50.

§§ Vom höheren Vogelsberg. 26. Juni. In den höheren Orten unseres Gebirgs find die Landwirthe seit Anfang dieser Woche mit dem Heumachen beschäftigt und wird bei gegenwärtiger Witterung auch schönes Heu geerntet, während das Wetter für die erst kürzlich gesetzten Dickwurz, pflanzen usw. sehr ungünstig ist. Die Qualität ist eme sehr gute, jedoch die Quantität wird nicht das ergeben, waS erwartet wurde. In den naffen und säuern Wiesen 'st daS Gras kurz und steht auch meistens etwas dünn, dagegen in den trockenen guten Wiesen steht es bedeutend bester und dichter. Die Preise deS Schweinefleisches sind fett letzter Zeit bedeutend herunter gegangen. Das Pfund kostet im Einkauf 38 bis 42 Pfg., im Verkauf 45 bis 50 Pfg. Ebenso hat die Butter einen selten niedrigen Preis, daS Pfund wird von den Händlern zu 50 bis 55 Pfg. ein- oekauft. Ein kleiner Unterhändler hatte dieser Tage eine Quantität Butter eingekauft (etwa einen Gentner) und konnte sie nicht wieder los werden, bis er nach acht Tagen (mbem die Butter sonst verdorben wäre) dieselbe an einen Groß­händler, daS Pfund für 25 Pfennig, verkaufen mußte. Die Brodpreise find in die Höhe gegangen, der Laib wird gegenwärtig zu 40 Pfg. verkauft, seither kostete er 36! Pfg.

Oppenheim, 25. Juni. Ein werthvoller Fund wurde gestern im Gebiet der Firma Schlichting & Maurer am Zuckerberge gemacht. Arbeiter fanden im Boden einen Topf, worin, in einem Lederbeutel eingeschlossen, sich eine große Anzahl goldener Münzen, theilweise btS zur Größe einer Doppelkrone, befanden. Die Münzen sind gut ausge­prägt und haben, neben Wappen und Btfchofsbtldern, lateinische Umschriften in gothischen Buchstaben.

Gießener Anzeig er

Kemrat-Mnzeiger.

Bemerkungen: Im Allgemeinen sind die Aussichten auf die <r«te gegen den vorigen Monat kaum verändert. Die Wtnter- getreidearten stehen in den meisten Erbebungsbeztrken gut, Roggen zum Dheil sehr gut; nur in den Erhebungsbezirken BenShetm, Alsfeld, Friedberg und Alzey zeigt Weizen und in den Erhebungsbezirken

Offenbach, Alsfeld und Friedberg Roggen einen nur mittleren Stand. Das Sommergetreide hat sich gut bis sehr gut gestellt, nur in den Bezirken Bensheim (Gerste), Altzfeld (Gerste und Hafer) und Friedberg (deSgl.) bleibt die Note unter gut. Die Kartoffeln haben sich im Allgemeinen ebenfalls befriedigend entwickelt ; in den feuchteren Lagen haben jedoch die häufigeren Regen der letzten Zett geschadet. Einzelne Theile der Provinz Starkenburg wurden von schweren Gewittern mit wolkenbrucharttgem Regen heimgesucht. In zwei Gemarkungen des Erhebungsbezirks Erbach, würben nicht nur die Culturpflanzen, sondern auch viele Grundstücke stark beschädigt.

Der Weinstock ist zwar gut entwickelt, allein die Aussichten für ben Herbst sind, wie in ben früheren Berichten bereits mitgetheilt, gering. __

Cocate» unfc protHttjicttes,

Grüuberg, 26. Juni. Im Brunnenthale ist man gegen­wärtig mit den Vorarbeiten zum Bau des Maschinenhauses beschäftigt; dasselbe soll schon bis Anfangs August unter Dach sein. Auch am DiebSthurm, dem zukünftigen Hoch­reservoir, geht die Arbeit jetzt rascher von statten. Es find nämlich mehrere Arbeiter sogar während der Nacht mit dem Wegräumen des Bauschuttes beschäftigt, damit dadurch die Abbruchsarbeiten am Tage ohne Unterbrechung vorgenommen werden können. Am verflossenen SamStag wurde den Arbeitern der hier betriebenen Filiale der Cigarrenfabrik Burck u. Storck in Gießen gekündigt. Die Filiale wird nach Entlassung der Arbeiter nicht weiter betrieben werden.

GL Bad Rauheiw, 28. Juni. In der Woche vom 21. bis 28. l. Mts. wurden 736 C u r f r e m d e angemeldet, (1894 = 632), hierzu Bestand nach voriger Liste 5387, Summa 6123 (1894 5281), davon waren 3085 am 28. l. Mts. noch anwesend.' Gegen 1894 bis jetzt 842 mehr.

§ Hercheuhain, 25. Juni. Ein junger Mann von HartmannShatn, welcher einem hiesigen Landwirth beim Heu- machen half, gerieth während des Mähens mit dem linken Arm derart in eine Sense, daß ihm der Arm oben, hinter dem Handgelenk, bis an die Knochen durchschnitten wurde.

§ Crainfeld, 26. Juni. Als der hiesige Lan-dwirth und Bienenzüchter Heinrich Schmalbach VI. gestern seinen Bienenstand besehen wollte, gewahrte er einen jungen Schwarm, der im Begriffe war, auszuziehen, als die Königin sich auf seinen Arm setzte- blitzschnell hingen auch sämmtliche Bienen daran. Langsam ging der Bienenzüchter nach einem leeren Bienenfaß und schwenkte die Bienen hinein, ohne daß er auch nur einen Bienenstich bekommen hätte.

§ Grebenhain, 26. Juni. Die Heugras -Der- steig er un gen der fiscalischen Wiesen in der hiesigen Oberförsterei ergaben in diesem Jahre einen MtndererlöS. So kostete z. B. eine Fuhre, welche im vorigen Jahre für

£

Provinzen unb

Saatenstanb.

Note 1 --- sehr guter, 2 guter, 3 mittlerer, 4 = geringer, 5 sehr geringer Stand

Q

ErhebungSbezirke.

Winterweizen Sommerweh.

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Winlen-ogger.

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Kartoffeln

iKltt (auch Luzerne)!

Wielen Weinberge

Provinz Starkenburg.

1,5

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12 5

3 -

1

Kreis Bensheim.....

3 -

2

2

2

3

Darmstabt.....

Dieburg.....

2

1

1 1

2 1,

12 52

1

1,5

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Erbach......

2 -

2

2,5^

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2

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2

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Groß-Gerau ....

2

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1

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6

Heppenheim ....

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2

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7

Offenbach.....

2.5II2

3

2 ||2,

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Durchschnitt für ©tartenbura

2,3||2

2

1,9|1,9|1

91,9

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l,v ~

Provinz Oberhessen.

2,5 2

8

Kreis Alsfelb......

3 -

3

53

2

2

9

Bübingen.....

2 2

2

2 2

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2

2

10

Friebberg.....

3 4

3

3 Z

3

2

3

11

Gießen......

2 -

2

2 2

2

25

1

12

Lauterbach.....

2 2

2,5

2 2

2,5

1

1

13

Schotten.....

2 2

12

2 |2

2

1

1 ]

Durchschnitt für Oberhessen

2,3 2,

öH

|2,4

2,4|2.2:|2,5||1,7||1,7H

Provinz Rheinhessen.

14

Landw. Dereinsbezirk Alzey

3 -

2

1,5 2

2

2

4

15

Bingen. .

2 -

1,5

1,5 2

1,5 1

2

1,5

1,5 3,5

16

Flonheim .

1,5'|

2

5 2,5

|2

1,5 4

17

Ingelheim.

2 1-

1,5

1,5 1

5 [2

2

2 |3,5

18

Mainz . .

2 -

1

1 1

2

2

1 3

19

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2 1-

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1,5

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2

2

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2C

Oppenheim

2 -

1

1 1

51,5

1,5

3,5

21

, Osthofen .

11,5

2 |2

2

1,5

3

2S

Pfeddersheim

2 -

2

2 2

2

2,5

2 3

2-

Wöllstein .

2 -

2

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2 3

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Wörrstadt.

2 -

-

2

2 |2

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Worms

2 |-

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1,5 3

Durchschnitt für Rheinhessen

2 II-

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|1.711

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|1.7||3,5

Durchschnitt f. b. Großherzogthum

2,4|2,3|| 2 ||2

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|2,1||1,7||1,7||3,5

Feuilleton.

Frankfurter Thraterbries.

(Origtnalbericht für ben .Gießener Anzeiger".)

(Nachbruck verboten.)

Shi8»»vd». Dalibor. Shakespeare CyclnS. Französische Comodie.

Dr. M. Der complicirte Apparat, welchen Sardou in seinem neuesten OpusGhismonda" aufbietet und der schon sehr an die Ausstattungsstücke ä laTheodora" ge­mahnt, wird in der Theaterwelt bei Weitem nicht die Zug- traft Üben, wie die in unendlich bescheidenerem Rahmen com- ponirteMadame SanS-Gene". Bühnen, welche etwas in Coulissenpracht und stilvollen Deeorationen aufwenden können und außerdem eine Schauspielerin haben (in Frankfurt gibt Fräulein Gündel die Ghismonda), welche für die Haupt- Partie genügende Mittel einzusetzen vermag, werden fich das Stück, so lauge eS einigermaßen neu ist, nicht entgehen lassen, aber im Uebrigen dürfte derGhismonda" keine lange Aera beschicken sein, und Sardou selbst wird schon dafür sorgen, baß sie bald als sein vorletztes Werk zählt.

Anders verhält es fich mit der Smetana'schen Oper Dalibor", die in der Partitur alt, auf der Bühne aber erst jetzt zu leben anfängt. Man kann sich aufrichtig darüber freuen, daß das Frankfurter Stadttheater dem Beispiel des königlich böhmischen Nationalrheaters in Prag, das zuerst bie Smetana'schen Opern der Vergessenheit entriß, so rasch gefolgt ist. Wohl haben die Böhmen außer dem ästhetischen noch ein patriotisches Interesse an den Schöpfungen ihres Landsmannes, aber die Erkenntniß, daß die Musik inter­national ist, daß ihr die geheimnißvolle. Kraft innewohnt, die Völker zu verbinden, ein einigendes Band zwischen Ger­manen, Romanen und Slaven zu flechten, hat sich dermaßen

Bahn gebrochen, daß chauvinistische Rücksichten bei Annahme oder Ablehnung von Kunstwerken kaum noch mitsprechen, und überdies wissen wir ja auch, daß die volksthümliche Melodik Smetanas sich ihre Grundlage vom Mozart'schen Tonleben geholt hat.

Der formale Einfluß der deutschen Klassiker gibt sich nun am deutlichsten inDalibor" zu erkennen. Der Text ist naiv, wie das die meisten der Smetana'schen Libretti sind. Dalibor, ein böhmischer Held, hat einen Freund gehabt, einen großen Geigenspieler, Zdenek, der ihm sehr theuer ge­wesen. Bei einer Fehde mit der Stadt Leitmeritz fiel dieser in Feindes Hand und ward enthauptet. Dalibor aber übt eigenmächtig Blutrache und erschlägt den Mörder seines Freundes, den Burggrafen Ploschkowitz, dessen Burg er zer­stört. Milada, des Burggrafen Hinterbliebene Schwester, verklagt Dalibor vor dem Könige, und dieser wird zu ewigem Kerker verurtheilt. Aber nachdem Milada die einfach­edle Rechtfertigung ihres Feindes vernommen hat, wandelt sich ihr Haß in Liebe. Als Gehilfe nimmt sie bei dem Kerkermeister Dalibors Dienste, ein Zug, der augenscheinlich an denFidelio" erinnert, gibt fich dem Helden zu erkennen und verabredet seine Befreiung. Der Anschlag auf den Thurm, den Milada mit den Mannen DaliborS leitet, miß­lingt jedoch, das kühne Mädchen wird verwundet und stirbt tu den Armen Dalibors, der sich jetzt freiwillig dem Tode weiht, weil dieser ihm dit Bereinigung mit dem Freunde und der Geliebten verheißt.

Musikalisch zeigt sich daS Werk schon vielfach berührt von Wagner, und dieser Umstand war eS, der ihm im Jahre 1868 zum Unheil gereichte und seinen Componisten veranlaßte, von Prag Abschied zu nehmen und einem Rufe als Capellmeister nach Gothenburg zu folgen. WaS damals Dalibor" den Einzug auf die Opernbühnen erschwerte, trägt jetzt, wo die einst so arg verlästerte Zukunftsmusik längst

GegenwartSmusik geworden ist, wesentlich zu seinem Fort­kommen bei.

In Frankfurt fingt^Herr v. Bandrowski die Titel­rolle. Für die Partie derMilada", die eigentlich Frau Ende-Andrteßen gehört, hatte man bei der ersten Aufführung Fräulein He in dl aus Mannheim citiren müssen, die in jeder Richtung Vorzügliches leistete und sich in das ihr un­bekannte Ensemble trefflich einfügte. Der Kerkermeister war durch Herrn Greef, der König durch Herrn NawiaSky entsprechend besetzt.

Mit der Jnscenirung eines Sha'kespeare-Chclus, der auch solche Werke umfaßte, die zu den seltenen Repertoire­erscheinungen gehören, hat die Direction eine Arbeit auf fich genommen, für welche ihr jedenfalls alle Diejenigen aufrichtig Dank wissen, welche der Ueberzeugung leben, daß die An­regung, welche aus der Dramenpoesie des großen Briten für Publikum und Darsteller fließt, nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Werke wieMacbeth",Romeo und Julie",Sommernachtstraum",Komödie der Irrungen" rc. rc. gaben dem Künstlerpersonal reiche Ge­legenheit, seine Fähigkeiten nach den verschiedensten Richtungen zu betätigen.

Gegenwärtig versucht drüben, und,'zwar in den Räumen deS Opernhauses, die französische Gesellschaft Comedie Parisienne in Paris, unter Führung von M. Pierre Verton, ihr Glück. DaS Repertoire der fremden Gäste ist für den DurchschnittSgeschmack berechnet, und erzählt uns nichts Neues (Les jurons de CadillacLe Marquis de Villemer), aber in Einzelletftungen und Gesammtton bietet die französische Gesellschaft etwas ganz Apartes, und da die Frankfurter das Französische gut beherrschen, ist auch der Besuch dieser Vorstellungen ein recht erfreulicher.