Nr. 25
Mittwoch den 30. Zanuar
1895
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Kenerat-Anzeiger.
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Amtlicher Theil.
Gießen, den 30. Januar 1895. Bett.: Das Ersatzgeschäft pro 1895.
Der Civilvorsitzende der Großh.
Ersatz-Commisfion Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie noch mit Einsendung der Stammrollen im Rückstände sind, werden Sie an sofortige Erledigung der Verfügung vom 23. l. Mts. erinnert. Bei weiterer Säumigkeit müßten die Stammrollen durch Wartboten abgeholt werden.
Dr. Melior.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 28. Januar. Dem „Reichsanzeiger" zufolge wird in den Stadtgemeinden Braubach, Kronberg, Friedrichsdorf, Geisenheim, Haiger, Hofheim, Königstein und Usingen die StLdteordnung für den Regierungsbezirk Wiesbaden vom 8. Juni 1891 mit dem 1. April d. I. eiugeführt.
Berlin, 28. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt: Mit dem Minister GierS ist einer der hervorragendsten Staatsmänner dahingegangen. Es sei als ein glückliches Geschenk anzuiehen, daß den edlen und auf das Wohl des Volkes bedachten Herrschern Alexander III. und Nikolai II. ein Staatsmann von besonnener und maßvoller Klugheit zur Verfügung stand. Auch in Deutschland werde der Tod des Ministers aufrichtig beklagt werden, der sich um die Sache deS Friedens wohlverdient gemacht habe.
Köln, 28. Januar. Wir haben 20 Grad L. Der Rhein geht wieder mit Treibeis, so daß die locale Dampfschifffahrt bereits eingestellt und die Schiffbrücke ab- gefahren werden muß. Der Oberrhetu meldet starkes Eistreiben und steht die Einstellung der gesammten Schifffahrt zn erwarten.
Karlsruhe. 28. Januar. Aus dem Schwarzwalde wird gemeldet: Im Wtesenthal und in der Umgebung des Feldberges sind die Schneeverwehungen so groß, daß auch zum Theil der Straßenverkehr gänzlich unterbrochen ist und Hunderte von Arbeitern aufgeboten sind, um den Ver
kehr herzustellen. Weitere Schneeverwehungen sind auf den । Bahnstrecken des Württembergischen Schwarzwaldes vorge- | kommen. Auf der Strecke Nagold Altenstein und Leutkirch- JSuy ist der Gesammtverkehr bis auf Weiteres eingestellt.
Budapest, 28. Januar. Heute fand hier eine zweistündige Demonstration Arbeitsloser statt, welche die Straßen der Stadt durchzogen. Dabei wurden 19 Verhaftungen wegen Widerstands gegen die Polizrtanordnungen vorgenommen. In Gro ßbecskerek wurden aufreizende Druckschriften constscirt und ein Hauptagitator verhaftet.
Bern, 28. Januar. Der „Diritto" hatte gemeldet, die technische Lonferenz zur Berathung des Simplondurch- stiches sei auf den 15. Februar verschoben worden. Dem« gegenüber wird von unterrichteter Seite erklärt, daß der Zeitpunkt für die Conferenz noch nicht festgesetzt sei. Die Berathung wird in Mailand wahrscheinlich in der zweiten Hälfte deS Februar stattfinden.
Rom, 28. Januar. Der „Agencia Stefani" wird aus Washington gemeldet: Der Minister deS Auswärtigen, Baron Blanc, und der Gesandte Columbiens in Rom richteten an den Präsidenten Cleve land gleichzeitig die tdeutische Birte, das schiedsrichterliche Mandat zur endgiltigen Entscheidung aller Fragen internationalen CharacterS zu übernehmen, die die Forderungen des italienischen Staatsangehörigen Cerutti gegen die Regierung von Columbien betreffen.
Petersburg, 28. Januar. Aus dem ganzen Reiche treffen Deputationen ein, um dem Kaiser und der Kaiserin zur Vermählung zu gratuliren. Die Deputationen werden von den betreffenden Reffortminifiern vorgeftellt und bringen dem Kaiser und der Kaiserin Heiligenbilder, sowie Salz und Brod auf kostbaren Schüsseln dar.
Petersburg, 28. Januar. Wegen des Ablebens des Ministers v. GierS wohnte der deutsche Botschafter General v. Werder dem anläßlich des Geburtstages des Deutschen Kaisers von den deutschen Reichsangehörigen veranstalteten Festesten nicht bet. — Wie der „Grashdanin" hört, soll die Leiche des Herrn v. Giers am Donnerstag im Ssergelkloster bet Petersburg beerdigt werden.
Washington, 28. Januar. Cleve land und Carlisle hatten g ern eine mehrstündige Unterredung, in welcher Carlisle m Präsidenten eine Anzahl finanzieller Daten unterbreit ue, auf Grund deren Cleoeland eine kurze Botschaft an den Congreß richten wird, in welcher er den jüngsten Goldausfluß aus Amerika bespricht und die
Feuilleton.
Sie Hohenzollern als Jäger.
Von Botho von Pressentin-Rautter.
(Nachdruck verbotm.)
AlS Burggraf Friedrich von Nürnberg 1415 unter dem Namen Markgraf Friedrich I. die Regieruug von Brandenburg antrat, war das Land entvölkert und verwahrlost. Die einem Urwalde ähnltchen Wälder und unzugänglichen Sümpfe bet Mark beherbergten damals noch Elche, Bären, Luchse und Wölse in Fülle, und es bedurfte erst der zielbewußten Herrschertugenden jenes fürstlichen Geschlechts, dem Laude den Frieden wiederzugeben und besten Bewohner vor den Verheerungen der Raubthiere zu schützen.
Dazu waren schon die ersten Hohenzollern in der Mark die rechten Männer. Sofern ihnen die zahlreichen Fehden nut dazu Zett ließen, lagen fie dem edlen Waidwerk ob. DaS war damals nicht leicht. Es gab keine Eisenbahnen und Chausteen, keine weittragenden, sicher treffenden Gewehre. Man zog hoch zu Roß, durch streitbare Reisige gegen etwaige Uebersälle ansässiger LehnSritter gedeckt, die mächtigen Hatz« Hunde von Koppelknechten gesührt, Lebensmittel auf Pack- pfetden- mit sich führend, zur Jagd aus. Eine Hatz aus den Bär, den Wolf, daS Elch, den Hirsch und das Schwein barg jedesmal eine nicht zu unterschätzende Gefahr- denn hatten die Rüden ein solches Wild gedeckt, so galt eß für den hohen Jäger, unter Einsetzung der vollen Manneskraft, rechtzeitig gut Stelle zu sein und, von links hinten her, richtig mit der Feder den Fang zu geben.
Nut wenige aus dem streitbaren Hohenzollerngeschlecht — unter ihnen der gelehrte Johann Cicero — zählten nicht auch zu den besten Jägern ihres Landes.
Joachim II. legte in der unmittelbaren Nähe von Kölln au der Spree den Thiergarten au. Es war dieses ein von Wiesen und ausgedehnten Brüchen durchschnittener Wald, der sich bis zum heutigen Charlottenburg erstreckte und sich auch da befand, wo gegenwärtig die Dorotheeustadt, ein Theil der Friedtichsstadt und Moabit liegen. Dieser sogen. »Thier
garten" wurde mit Wild reich besetzt und hier stöhnten die Hohenzollern der Jagd, wenn ihnen nur wenige Musestunden zur Verfügung standen. Es befand sich in dem damaligen Thiergarten auch der Falkenhof, in dem die Falkoniere die für die Reiherbeize erforderlichen Falken abrichteten und ausbewahrten.
Joachim II. ließ ferner im Jahre 1542 an der Stelle, wo er zwei kämpfende Hirsche beobachtete, das heutige Jagdschloß Grünewald erbauen, von dem auS sich jetzt die Jagd- züge zu jeder Parforcejagd in Bewegung setzen. Eine Lteb- ltngSjogd dieses hochmächtigen, waidgerechten Fürsten war die Wolss- und die Saujagd. Und wie er gelebt, so starb der hohe Herr. Auf einer Wolfsjagd in der Nähe von Cöpenik (unweit von Grünau) erlag er einem nicht völlig aufgeklärten plötzlich aufgetretenen Leiden.
Seine Nachfolger bekundeten das gleiche Jntereffe für daS Waidwrrk. So ist ein Rescript deS Kurfürsten Johann Sigismund vorhanden, worin dieser dem Hofjagermeister Jacob Roth befiehlt, Hasen und Rehe einfangen zu laffen und solche im Thiergarten auszusetzen, auch mit Eifer dafür zu sorgen, daß das Hochwild genug Aesung finde.
Hirsche wurden in freier Wildbahn unausgesetzt eingefangen und im Thiergarten ausgesetzt. Diese Fürsorge für das genannte Lieblingsgehege setzte man auch noch unter der Regierung deS Großen Kurfürsten fort. Oberjägermeister von Hertefeld ließ sogar auf Allerhöchsten Befehl 1657 Auerwild in der Neumark etufangen und es bei Berlin der Freiheit Übergeben.
Friedrich Wilhelm L, dem streng sparsamen Soidaten- könig, war die Jagd in seinem fast nur der Pflicht gewidmeten Herrscherberuf die einzige Erholung. Der Berliner Thiergarten war freilich seit dem dreißigjährigen Kriege ver- wahrlost, aber das Jagdschloß zu Königswusterhausen verdankt ihm seinen historischen Ruf. Dort saß der eiserne König nach frohem Jagen mit seinem Gefolge an den Abenden bei der Pfeife und einem einfachen Glase Bier und erzog durch solch Beispiel die ihn fürchtenden, aber auch bewundernden Unterthanen zu der strengen Zucht, auS der die Zeit Friedrichs des Großen hervorging.
Mittel, demselben Einhalt zu thun, erörtert. Die Botschaft, erfolgt voraussichtlich heute.
WB. Berlin, 29. Januar. Den Morgenblättern zufolge wurde ein Mann, welcher in der Dunkelhett a« Schuppen deS Laboratoriums auf der Jungfernhaide sich verdächtig zu schaffen machte, bet dem Fluchtversuch von bet Militärpatrouille erschossen.
A Mainz, 29. Januar. Der Rhein geht in seiner ganzen Breite mit schwerem EiS. Die Schiffe und Brücken flüchten eiligst in die Häfen. Kälte — 10 Grad R.
WB. Paris, 29. Januar. General Zurltnden wurde zum KriegSmtnister ernannt.
WB. New Park, 29. Januar. Der Aufstand iu Columbien nimmt größere Dimensionen an. In Cartagena ist der Belagerungszustand erklärt, in Panama die revolutionären Führer verhaftet worden. Ein französisches und ein amerikanisches Kriegsschiff find nach Kolon gesandt.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, *28. Januar. Infolge deS ErlaffeS des Kaiser» an die städtischen Behörden wegen Ausschmückung der SiegeSallee mit Marmor-Standbildern wird der Magistrat eine Dankadreffe an den Kaiser richten und die Stadtverord- neten-Versammlung ersuchen, sich dieser Maßnahme anzuschließen.
Berlin, 28. Januar. Der Verband der deutschen Kriegervereine hat anläßlich des Geburtstages des Kaisers gestern eine Versammlung abgehalten, welche von ca. tausend Personen besucht war. Nach dem Hoch auf de« Kaiser wurde in einer Debatte erörtert, daß den noch übrig gebliebenen unversorgten Kriegern von 1870/71, 1866 und 1848/49 ein sogenannter Ehrensold gewährt werden solle. In dieser Hinficht soll bei Kaiser und Reichstag petitionitt werden. Erwähnt wurde noch, dag ein solcher Ehrensold bereits in Frankreich gesetzlich festgelegt sei.
Berlin, 28. Januar. In der Reichstags Commission zur Berathung der Umsturzvorlage wurde heute die Debatte über § Illa (Anpreisung von Vergehen und Verbrechen) fortgesetzt. Abg. Barth (freis. Der.) beantragt in der Rtthe der im Paragraphen angeführten Vergehen den Landsriedensbruch und die Erpreffung zu streichen, dagegen die Herausforderung zum Zweikampf aufzunehmen. Außerdem will er den Wortlaut deS § Illa so gefaßt wissen, daß bei der Erpreffung die Abficht vorliegen muß, zur Begehung bet
Selbst bieser Helbenkönig, ber gar kein Jäger war, bewies seine Vorliebe für Wald und Wild, indem er nach dem Schlesischen Kriege in dem vom Wilde entvölkerten Thiergarten eine Fasanerie anlegen ließ. Im Uebrigen machte sich Friedrich II., wie gesagt, wenig auS der Jagd. Als ihm eines Tages aus der Neumark gemeldet wurde, daß dort ein ansässiger Edelmann in dem königlichen Forst einen Hirsch unberechtigterweise geschoffen habe, befahl der große Monarch characteristisch genug: „Der Mann soll hundert Ducaten für den Hirsch zahlen, und kann er fie zu dem gleichen Preise meinetwegen alle haben."
Friedrich Wilhelm IN. wurde durch Kriegssorgen von der Jagd abgelenkt und wenn er in seinen späteren Regie- rungSjahren gelegentlich eine Hofjagd mit seiner Anwesenheit beehrte, so geschah eß doch eigentlich nur alS Jagdherr feinen Gästen zu Liebe. Wirkliche Freude an dem Waldwerk hatte er nicht. Uebrtgens waren auch die Wildstände in den königlichen Forsten während ber Franzoseuzeit geradezu decimirt und vertrugen es wohl, Jahre hindurch 'geschont zu werden.
Der schöngeistige König Friedrich Wilhelm IV., deS vorigen Nachfolger in ber Krone, war schon seiner Kurzsichtigkeit wegen nicht das, was man einen guten Jäger nennt. Dafür liebte er leidenschaftlich die Natur und schoß mit bet Brille nicht Übel, sobalb ihn sein Leibjäger früh genug auf das anwechselnde Wild aufmerksam machte. Geschah die» nicht, so konnte der sonst überaus liebenswürdige König außerordentlich heftig werden. In solchen Fällen schoß er nicht nur leicht in Ueberhastung fehl, sondern eS konnte dann auch geschehen, daß man an den Nebenständen das Schrot oder die Posten des königlichen JägerS klappern hörte. Die Büchse sührte Majestät in späteren Jahren so gut wie gar nicht. So lange sich der König aber ncch völlig gesund fühlte, versäumte er schon deßhalb keine Hofjagd, weil er heitere, durch pikante Scherze gewürzte Gesellschaft über alles liebte.
(Schluß folgt.)


