Nr. 305
Der
Hitßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener W«mitte«vtLlter werden dem Anzeiger rovchattlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt.Sonntag den 29 December
189»
Keneral-Mnzeiger.
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chratisöeitage: chießener Jamikienötätter.
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Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1896 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch an allen Orten der P r o v i n z O b e r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postsrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements- Letrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).
Amtlicher Theil.
Gefunden: 1 Brille, 4 Handschuhe, 1 Gummischuh, 1 Arbeitsbeutel, 1 Schleier, 1 Cammtgürtel, 1 seid. Kissen, 1 Plüschkappe, 1 UmhLngtuch, 1 Kinderkragen, 1 Maschinen- -heil (Schmierbottich), 1 Theil eines Schrankes und 1 Haar- Zopf-
Gießen, den 28. Dccember 1895.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. E.
v. Bechtold, Regierung-Assessor.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 28. Dccember. Gestern Nachmittag fand im Palais am Luisenplatz für die Kinder der HosbediensLeten, beute Nachmittag findet für arme Familien eine von Ihren KSniglichen Hoheiten dem Groß Herzog und der Großherzogin ausgehende Christbescheerung statt, welchen die Allerhöchsten Herrschaften beiwohnen werden.
Berlin, 27. Dccember. Der angckündigte Entwurf über die Reform der Arbeiter-Versicherungs- Gesetze scheint dem Reichstage noch nicht sobald zugehen zu sollen. Nach einer kürzlichen Auslassung eines halbamtlichen Berliner Blattes ist diese ganze Frage noch lange nicht spruchreif, nur das, was sich ohne grundsätzliche Aende-
rungen der bestehenden socialpolttischen Gesetzgebung bessern und umgeftalten läßt, soll thunlichst bald in Angriff genommen werden. Entsprechende Vorschläge befinden sich, wie von genannter Seite weiter mitgetheilt wird, bereits von den am meisten an der Sache betheiligten Leutralftellen des Reichs und Preußen» in Prüfung und Erörterung.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Paris, 27. Dccember. In der Budget-Commission sprachen heute der KriegSmtnister, der Colonialminister und der Ftnanzmtntster über die Nachtragscredite von 17 Mill. Francs für die MadagaScar-Expedition und die Ausgaben für die Occupation bis zum 30. Juni 1896. Die Commission beschloß, die Credite zu bewilligen, jedoch nur für die Zeit bis zum 30. April 1896.
London, 27. Dccember. Nach einer dem „Bureau Reuter" von der armenischen Liga zugegangenen Mittheilung wurde die an den Czaren entsandte armenische Deputation von dem russischen Ministerrath kühl aufgenommen. Der Minister des Aeußern, Lobanow, habe geäußert, Rußland habe schon große Opfer für die christlichen Unterthanen der Pforte gebracht. Wenn wenigstens drei Mächte, darunter Großbritannien, Rußland dazu auffordern würden, sei es bereit, in den von den Unruhen heimgesuchten Provinzen Anatoliens die Ruhe wieder herzustellen und die Verwaltung zu übernehmen. Aber der Czar müffe der Unterstützung Europas bet dem Werk versichert sein, das er lediglich im Interesse deS Friedens und der Humanität übernehmen würde.
Konstantinopel, 27. Dccember. Nelidoff wurde gestern vom Sultan empfangen. — Der Biceadmiral Arif Pascha ist mit Geschenken deö Sultan» nach Petersburg abgeretft. — Amtlichen Berichten zufolge ist nur Me Kaserne von Zeitun von den türkischen Truppen eingenommen.
Algier, 26. Dccember. Unweit des htesigens Hafens stießen der unter holländischer Flagge segelnde englische Dampfer „Bellerophon" und der französische Dampfer „Emile Hsloise" zusammen. Der letztere sank. Zehn Personen ertranken, darunter sechs Araber.
Depesche» d«8 Bure«: „Herold-
Berlin, 27. Dec.rnber. DieUeberfiedelung des kaiserlichen Hoflagers nach Berlin soll nunmehr bestimmt am 9. und 10. Januar 1896 erfolgen.
Berlin, 27. December. Die Prinzessin Friedrich Leopold ist heute Vormittag 11 Uhr beim Schlittschuhlaufen auf dem bet Potsdam belegenen Grtebnitz-See an der am See befindlichen Dampfer-Anlegestelle ein gebrochen. Auch ihre Gesellschaftsdame, Fräulein ü. Colmar, sowie den Maschinisten Hankwitz, der zur Rettung der beiden Damen herbeigeeilt war, ereilte dasselbe Schicksal- Erst dem Sohne des Maschinisten gelang eS nach vieler Mühe, zuerst seinen alten Vater, dann Fräulein v. Colmar und zuletzt die Prinzessin Friedrich Leopold, welche es am längsten aushalten zu können erklärte, aus dem Wasser wieder auf das Eis zu ziehen.
Berli», 27. December. Prinz Alexander ist an einem heftigen Katarrh erkrankt, infolgedessen sich ein großer Schwächezustand eingestellt hat. Bei dem hohen Alter des Prinzen von 76 Jahren erscheint es, wie der „Localanzeiger" schreibt, nicht ausgeschlossen, daß die Erkrankung einen ernsten Character annimmt.
Berlin, 27. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht heute folgende Bekanntmachung dcS Reichskanzlers: „Nach Allerhöchster Bestimmung Seiner Majestät des Kaisers wird am 18. Januar k. Js. zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Neu-Begründung des Deutschen Reiches eine Feierlichkeit im königlichen Schlosse Hierselbst stattstnden, zu welcher u. A. auch die damaligen Reichstags- Mitglieder etngeladen werden sollen. Demzufolge werden diejenigen Herren, welche dem Reichstage des norddeutschen Bundes Ende 1870 oder dem ersten Deutschen Reichstage 1871 angehört haben unb gegenwärtig nicht Mitglieder des Reichstages sind, hierdurch ersucht, ihre Adressen bis zum 3. Januar 1896 dem ReichSamte des Innern einzusenden.
Berlin, 27. December. Der vorjährige Rector der Berliner Universität, Professor.Pflei derer, veröffentlicht in der „Nationalzeitung" folgende Erklärung: Die von mir in Ihrer geschätzten Zeitung veröffentlichte Erklärung, be- treffend daS Gutachten des Professors HinschiuS über die Disciplinar-Verhältnisse der Privatdocenten, hat zu der Annahme Veranlassung gegeben, als ob das erwähnte Gutachten ohne Wissen und Zustimmung des Verfassers veröffentlicht worden sei. Ich fühle mich deßhalb zu der Bemerkung verpflichtet, daß diese Annahme nicht begründet ist.
Berlin, 27. Dccember. Der frühere Commandeur deS GardecorpS, von Meer scheid: Hüllessew, in gestern Nachmittag 3 Uhr im Alter von 70 Jahren am Gehirnschlage gestorben.
Berlin, 27. December. In Sachen deS Ceremonien« meisterS v. Kotze ist über das seitens des Ziethen-Husaren- RegimentS in Rathenow gefällte ehrengerichtliche Unheil nunmehr die dem obersten Kriegsherrn zustehende Entschließung gefaßt worden. DaS Ergebniß derselben ist noch nicht definitiv bekannt geworden. Es scheint jedoch nicht, schreibt der „Localanzeiger", als ob das Unheil umgestoßen worden sei, denn in diesem Falle wäre die Sache zur erneuten Verhandlung vor ein anderes Ehrengericht verwiesen worden.
Berlin, 27. December. Der Ausstand der Taxa- meterkuischer hat den erhofften Erfolg nicht gehabt. Etwa ein Drittel der Fuhrherren soll die Forderungen bewilligt haben, bei den übrigen haben nur wenige Leute die Arbeit niedergelegt. Einige Fuhrherren haben den Kutschern eine Zulage von 25 Pfg. als Waschgeld bewilligt, do eine Lohnerhöhung in anderer Form die von dem Fuhrherrenring festgcs-tzte Conventionalstrafe nach sich gezogen hätte.
Köln, 27, December. Heute Mittag 12 Uhr fand unter ungemein starkem Andrange im Dome die Beisetzung der Leiche des Cardinal- MelcherS statt, welche in feierlichem Zuge von der GereonSkirche nach dem Dome Überführte worden war. In dem Zuge war eine Anzahl fremder Bischöfe und Prälaten vertreten. Die Leiche wurde von zwölf AlexianerbrÜdern getragen. Die Gedächtnißrede hielt Bischof Komm aus Trier, dessen Ausführungen bei dem Im Innern des Domes herrschenden lebensgefährlichen Gedränge schwer verständlich blieben. In seiner Einleitung dankte der Bischof dem Kaiser für die Genehmigung der Beisetzung der Leiche MelcherS im Kölner Dom unb entwarf alsdann ein Lebensbild des Verstorbenen, welchen er als Dulder unb Märtyrer feierte, der im Kampfe für die Freiheit der Kirche Kerker und Verbannung erduldete
Wien, 27. December. Der „Neuen Fr. Presse" geht aus Petersburg die Meldung zu, die Regierung der Bereinigten Staaten habe dortfelbst fonbht, welche Stellung Rußland zu dem venezuelanischen Conflict ein- nehme. Die Antwort Rußlands habe äußerst günstig ge< lautet; es fei der gleichen Anficht, wie Präfident Cleveland und habe beschlossen, diesen Standpunkt zum Mindesten ans diplomatischem Wege nachdrücklichst zu unterstützen.
Der Krieg von 1870|71,
geschildert durch Ausschnitte -uS ZeitungS-Skimmern jener Zett
(Nachdruck verboten.) 29. December.
Eine allgemeine Hoffnungslosigkeit beginnt fich der Gemüther der Franzosen zu bemächtigen; die Leute wehren sich noch, sich daS einzugestehen, aber daS Gefühl der Ohnmacht ist mächtig geworden in dem Einzelnen, wie in der ganzen Bevölkerung. Man fängt bereits an, nicht mehr den Feind anzuklagen, sondern fich selbst; man sucht die Schuld im eigenen Hause, bei den Machthabern deS eigenen Landes. Der Franzose kann die ihm nothwendige Annehmlichkeit des Lebens einige Zeit entbehren, jetzt fängt ihm diese Entbehrung an unerträglich zu werden. Verkehr und Handel stocken; am besten find noch die kleinen Leute daran, die auf die Straße einen Tisch stellen und den Soldaten die nothwendigsten Bedürfnisse verkaufen, diese erhalten wenigstens baar Geld; die größeren Kaufleute könnten Geschäfte machen, aber sie haben keine Maaren; sie haben dieselben nach dem Süden in Sicherheit gebracht unb beklagen dies tief. Leute, bie 30,000 Franken Renten haben, besitzen keinen Sou baar Geld, finb genöthigt, ihre Bedürfnisse beim Bäcker unb Fleischer zu borgen. Das baore Gelb ist in bie Banken ober außer LanbeS gebracht.
30. December.
Le Bert Galant, 29. December, NachtS 1 Uhr 28 Mtn. Mont Avron ist heute Nachmittag 3 Uhr gänz- lich verlassen gefunden unb von einer Compagnie deS 4. Infanterie Regiments besetzt worben. Die Geschütze hat bet Feind weggebracht unter Zurücklassung vieler Lafetten, Ge- wehre, Munition unb Tobten.
Die französischen Batterien am Mont Avron find verstummt und es darf demnach wohl vorausgesetzt werden, daß die Wirkung der deutschen Batterien gegen diesen Punkt eine so durchschlagende gewesen, daß sranzösischerseitS auf bie weitere unmittelbare Bertheibigung desselben verzichtet werden mußte.


