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Nr. 202 Zweites Blatt. Donnerstag den 29. August
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Der Krieg von 1870|71,
geschUdert durch Ausschnitte aus Zeitung«-Nummern jener Zeit.
(Nachdruck verboten.)
29. August.
Etu auf dem Kriegsschauplätze anwesender österreichischer Arzt, Namens Emil Sch., welcher schon als Student die Schlachtfelder Italiens im Jahre 1859, dann jene in Böhmen im Jahre 1866 als Arzt besucht hatte, um nach Kräften zu helfen, bringt über da« Verhalten der verschiedenen Verwundeten interessante Mittheilungen. Die Franzosen, gebeugt von der Wehmuth über die harten Schläge deS Schicksals, die ihr Vaterland erleidet, flehen oft um den Tod, der fie von aller Erdenqual befreien soll, und Selbstmorde find bereits vorgekommen- ein kaum l8jähriger Lieutenant, dem eine Kanonenkugel daS rechte Bein zerschmettert hatte, erschotz fich mittelst eines Revolvers. Die norddeutschen Verwundeten bewahren eine stolze Ruhe, — mannhaft über« stehen sie selbst die peinlichsten Operationen. Klagen werden selten laut. Den schwierigsten Stand verursachen den Aerzten die Bayern, welche überhaupt von allen im Felde stehenden deutschen Stämmen die fürchterlichsten Raufer find. Die Leichtverwundeten verderben fich oft durch ihr vieles Trinken, da ihnen die Civilbevölkerung Wein und Bier zuschmuggelt. Burschen, welche Schüfie in den Armen oder Beinen haben, hört man jodeln und dudeln; fie kennen nur eine Sehnsucht: bald gesund zu werden, „um wieder alles z'sammenhauen zu können". Alle Truppen, so Deutsche als Franzosen, haben nur eine Stimme der Verwunderung über die Todesverachtung und factische Tollkühnheit der Bayern, welche geschworen haben, weder Pardon zu geben, noch zu nehmen, da sie über die verschiedenen meuchlerischen Ansälle der Bauern und die bestialische Behandlung, die mehreren Jägern durch die Turkos wtdersuhr, bis zur Wuth entstammt sind.
hebet den eigentlichen Standpunkt der Truppen Mac Mahons fehlt es bisher noch immer an zuverlässigen Nachrichten- da jedoch bas Erscheinen größerer feindlicher Truppen- maffen auf der Linie RheimS-Mez'öreS oder gar weiter östlich jedenfalls schon hätte wahrgenommen werden müffen, muß man nothwendigerweise zu der Annahme gelangen, daß die Andeutungen der Pariser Journale Über den geheimnißvollen „Plan" Mac MahonS wiederum nur Flunkerei gewesen seien und daß der Marschall über SoiffonS auf Paris zurückgehe.
* Berlin, 26. August. Der Sohn deS hiesigen Bankier Model, ein erst 23jähriger Jurist, ist nach einer hier eingetroffenen Depesche am Sttlffer Joch abgestürzt und infolge der erlittenen Verletzungen sofort gestorben.
• Eine eigenartige Gabe wird derBerlinerGarnison am Sedantage zu Theil werden.- Ein dortiger Bierstuben- befitzer hat fich die Erlaubniß erwirkt, am 2. September jedem Soldaten ein Paar Wiener Würste und ein halbes Liter Bier umsonst verabfolgen zu dürfen. Es sind hierzu 28 000 Paar Wiener Würste und 14000 Liter Bier nöthig, welche an diesem Tage an die Garnison zur Vertheilung gelangen werden.
* Ein Veteran von MarSlaTour. Der BahnhosS- restaurateur Witte zuFallerSteben hat am 16. August 1870 als Kürassier den Todesritt bet Mars la-Tour mttgemacht und zwar als Bursche des damals gebliebenen Rittmeisters Meter von den Halberstädter Kürassieren. Witte ist nun am 25jährigen ErinnerungStage, den 16. August d. I., gestorben.
* Pferdeveterauen. Der alte „Jux", ein Pferd, daß die Attacke der 16. Ulanen bei MarS-la-Tour mitlief, hat, wie das „Salzw. Wochenbl" meldet, die 25. Wiederkehr dieses TageS nur um 24 Stunden überlebt. Ein Kolikanfall, der am 16. August einsetzte, aber gegen Abend gehoben schien, wiederholte sich am 16. und steigerte sich derartig, daß die Erhaltung deS alten, braven Pferdes ausgeschloffen schien. So ließ denn Landrath von der Schulenburg, bei dem „Jux" daS Gnadendrod erhielt, das Thier durch eine Kugel von seinen Qualen erlösen. „Jux", ein schwarzer Wallach unbekannter Abkunft, wurde 1864 geboren- er war Remonte von 1869 auS dem Depot zu Ferdinandshof. Seine Beine zeigten btS zuletzt nicht den geringsten Tadel, die Sehnen lagen „glasklar", wie bei einem Dreijährigen. Ein merk- würdiger Zufall fügte es, daß er nicht nur die fünfundzwanzig- jährige Wiederkehr des Tages von Marl-la-Tour gerade noch erlebte, sondern daß auch sein Reiter in der Attacke, Futter- meister Dabert im Remontedepot zu Aiendsee, ihn am 17. August noch besuchen und rührendes Wiedersehen mit ihm feiern konnte. Von den Pferden, dse am 16. August 1870 im TodeSritt der Brigade Bredow mitliefen, dürste nunmehr daS einzige noch lebende das Kürassierpferd sein, daS beim Rittergutsbesitzer Walter-Weißdeck in Wegeleben das Gnaden- brod erhält.
» Ein Attentat auf die Gesundheit der in Saarbrücken
und Spicheren zur Gedenkfeier versammelten Krieger ist durch die Aufmerksamkeit der Behörden noch rechtzeitig vereitelt worden. Ein in München-Gladbach wohnender Fleischer- meister wurde bei der Fabrikation von Pferdewurst betroffen. Auf die gegen ihn erstatt,te Anzeige sand die Polizei daS ganze Wurstfleisch, und zwar in verdorbenem Zustande vor- sie belegte den Vorrath, der für mehrere tausend Würste bestimmt war, mit Beschlag. Der betreffende Fleischer betreibt nur Wurstfabrikation und setzt seine Würste nur bei Volks- und JahrmarktSfesten ab, wo sie als „warme Würstchen" in Masten verkauft und alsbald verzehrt werden. Die beschlagnahmte, verdorbene Fleischwaare war für die Krieger-Gedenktage in Saarbrücken, Spicheren, Wörth und Weißenburg bestimmt. Der Biedermann wurde sofort verhaftet.
* Weißenfels, 24. August. Die Drähte der elec- tri scheu Leitung wurden Hierselbst von der oberen Schicht eines Fuders Hafer, das zu hoch geladen war, berührt. Sofort sprangen electrische Funken auf daS Fuder über und binnen kurzer Zeit branfiten Wagen und Getreide lichterloh. Die Pferde konnten nur mit knapper Noth dem verheerenden Feuer entzogen werden. Der Umstand, daß sich der Unfall tn der hart an der Saale gelegenen Deichstraße abspielte, zerstreute weitere Besorgnisse, da die glühenden Ueberreste sofort in die Saale geworfen wurden.
* Au8 der Schweiz, 24. August. Die Berggeister fordern diesen Sommer viele Opfer. Sogar Getßbuben verunglücken, denen doch in der Regel weder Grat noch Firn ein Hinderniß find. So meldet man auS Engelberg, daß dort der Geißbub Karl Amstutz in den sogenannten Wengegräben mit total zerschmettertem Schädel tobt aufgefunden worden. Offenbar wollte Amstutz die auf der anderen Seite der Wengegräben weidenden Ziegen aufsuchen, glitschte an steiler, schlüpfriger Stelle aus und fand durch den Absturz über Felsengeröll einen unerwarteten Tod.
* Radsahreude Damen debutirten am vergangenen Sonntag auf der Berliner Rennbahn vor einem sicherlich nicht prüden fportverftändigen Publikum als Wettfahrerinnen und erzielten einen — Lacherfolg. Es war ein Niederradfahren über 1500 Meter. Drei Ehrenpreise. Von acht Damen, die fich gemeldet hatten, erschienen nur vier am Start. Siegerin wurde ein Fräulein Zöllner. Sie brauchte für die Strecke 2 Minuten 404/5 Secunden, ein Beweis, daß recht gemüthltch gefahren wurde. Das Sportblatt Radwelt vertritt in seinem Unheil über diesen Wettlauf die Ansicht, daß ein Darnen- rennen einen keineswegs schönen Anblick gewährt, wie eS sportlich auch von keinem besonderen Werthe sein kann, und
Feuilleton.
A Smnknmgkn kiuks freiwillige« Kauitätsmuuues ns in August-, nnd Septembektageu des Jahres 1870.
(5. Fortsetzung.)
Es war dunkel, als wir in Gravelotte anlangten und auf der Straße hielten. Draußen auf den Feldern flammten da und dort kleine Feuer auf, welche fich rasch vergrößerten und vermehrten. Schon bei Verny hatten wir die Wachtfeuer erblickt und selbst eins augezündet- doch wie sie fich hier, auf der Hochebene von Gravelotte, dem Auge barboten, da- hatten wir noch nicht gesehen. Die über uns hin- zieheuben niedrigen Regenwolken warfen einen blutigrothen Widerschein zurück. Auf einmal erhoben sich ganz in der Nähe von Gravelotte gewaltige, feierliche Töne: „Wachet auf, ruft uns die Stimme", spielte eine RegiwentScapelle. AIS der Choral beendigt, vernahmen wir von größerer Entfernung weich und zart: „Befiehl Du Deine Wege". Die Wirkung dieser hehren deutschen Choräle auf daS Menschen- herz find unbefchreiblich, selbst der verknöchertste Sünder wird dadurch gepackt. Wer auf keinem Schlachtfelde gewesen, gewirkt und geholfen hat, vermag den Faust'fchen Ausspruch: „Der Menschheit ganzer Jammer saßt mich an," nicht völlig durchzufühlen. Und wer noch keinen Choral auf dem Schlachtfelde bei flammenden Wachtfeuern gehört, hat keinen vollständigen Begriff davon, wie die Musik daS Innere eines Menschen packen und erschüttern kann. Die vollendetsten Aufführungen von Oratorien, Passionen, Opern in Sälen, Kirchen ober Opernhäusern find nicht im Stande, daS menschliche Gemüth so zu ergreifen und emporzuheben, wie die Choräle in der Abendstille bei den Wachtfeuern. Die dadurch erzeugten Eindrücke find unvergeßlich. Wenn starke Unwetter mit heftigen Blitz- und Donnerschlägen in Sommernächten dahin rasen, höre ich die Choräle bei Metz- in der WafferSnoth am Rhein 1882/83 vernahm ich die
Choräle bet Metz- wenn ich einen lieben Verblichenen zur letzten Ruhestätte geleite, höre ich die Choräle bei Metz. So mögen die Posaunen des jüngsten Gerichts erklingen! Gewaltig, erschütternd! Aber auch trostreich und erhebend. — Die Kameraden vertheilten fich, um nach Unterschlupf zu suchen, ich blieb mit einem Begleiter bet dem Fuhrwerk zu- rück. Vor einem kleinen Hause, wo eine Schtldwache auf und ab ging, stand ein Offizier im JnterimSrocke. Der Herr trug eine Brille. Ich theilte ihm unsere Aufträge und unsere Verlegenheit, mit. Der Offizier rief einen Sergeanten auS dem Hause und erteilte ihm einen kurzen Befehl- ich verstand: nach der Mairie, die übrigen Worte wurden leise gesprochen. Verbindlich dankend, zog ich mich nach dem Karren zurück, bet welchem sich die übrigen Kameraden nach und nach tn gedrückter Stimmung, weil jeder Versuch sehl- geschlagen, wieder etnsanden. Der Sergeant begleitete uns nach der Mairie. In der Scheuer sanden wir einen besseren Zufluchtsort, als totr zu hoffen wagten. „Wem verdanken wir da- Quartier?" fragte ich den Unteroffizier. — „Excellenz von (Soeben," war die Antwort des Kriegers, der stramm abmarschtrte. — Der Eigenthümer des Rothschimmels machte sich nach empfangener Bescheinigung ebenfalls davon, nachdem er unS in feinem lothringischen Jargon die Pest und sonstige Annehmlichkeiten mit auf den Weg gegeben hatte.
Wir kletterten eine Leiter hinauf, kauten im Dunkeln, da Licht in der Scheuer nicht angezündet werden durfte, an einer CommiSdrodrinde, die bitter nach Schimmel schmeckte, und lagerten unS auf feuchtes Stroh. Gegen Mitternacht wurde ich durch einen Wafferguß, der Gesicht und Brust traf, aufgeweckt. DaS Scheuerdach war von Kugeln durchlöchert, weßhalb der starke Regen leicht einbringen konnte.
Am folgenden Morgen (26. August) fanden wir schwere Arbeit. Im Garten der Mairie standen fünf Zelte mit französischen Schwerverwundert, -welche zum Theil noch die Nothverbände vom letzten Kampfe des 18. August an den zerriffenen Körpertheilen trugen. Das Eiend der Krieger, bei denen die französischen Krankenwärter, sorglos ihre Thon-
pfeifen rauchend, mit großen weißen Schürzen angethan, herumspazierten, ist schwer zu schildern. Fast alle Wunden waren brandig geworden. Der Franzose mag ein guter Soldat fein, aber menschliches Gefühl besitzt er wenig, sonst würde er sich keine so nichtswürdige Fahrlässigkeit gegen seine leidenden Brüder zu Schulden kommen laffen. Wir reinigten die Wunden, legten neue Verbände an und erquickten die Schmachtenden. So verging der Tag. Wohin und wie rasch die Stunden verflogen, wußten wir nicht. Mancher heiße DankeSblick und Händedruck lohnte unsere schwache Hilfe. Die meisten Verwundeten erlagen wohl ihren Ver- letzungen.
Unvergeßlich bleibt mir der Anblick eines blutjungen französischen Lieutenants, dem ein Granatsplitter von der Größe eines Fünfmarkstückes in den Oberschenkel und von da abwärts bis in die Nähe des Kniees gedrungen war. Mit Geschicklichkeit und wohlthuender Zartheit behandelte Br. Sch. den jungen Mann. Als die Operation beendigt, erhielt der Verletzte einen kühlen Trank. 8Ah! je vous remercie mille fois!u drang es ihm aus tiefster Seele hervor. Sehnsüchtig blickte er nach einem rauchenden Kameraden - der Blick wurde verstanden, bald hielt der Leidende eine brennende Cigarre zwischen den Lippen. Mit Wohlbehagen rauchte er fie etwa zum dritten Theile, um fie, sorgsam neben daS Lager legend, später wieder finden zu können. „Je veux dormir,“ sagte er, legte sich etwas auf die Seite und schloß, freundlich lächelnd, die Augen--8um
ewigen Schlaf.
„Der Tag der Abrechnung wird kommen, wo Napoleon, Eugenik, Ollivier, Grammont, Leboeuf und all die Anderen Rechenschaft geben müfftn von dem, was sie gethan Haben, jagte einer der Unseren, als wir nach einem anderen Zette gingen. „Ewige Strafe und Höllenpein können das nicht ausgleichen, was diese entsetzlichen Creaturen an zwei großen Völkern verbrochen haben."
(Fortsetzung folgt).


