Ausgabe 
29.6.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 150

Der

-iezever A»,eig<r erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamiliendlätter »erde« dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.

Zweites Blatt. Samstag den 29 Juni_____________________

Gießener Anzeiger

Kmerat-Wnzeiger.

1898

Vierteljähriger Avoanementrprewr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

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Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h ess en ansässige Berichterstatter, ist derGießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Thelle des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wisiens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- tikün ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die

Feuilleton.

Neubildung und Verjüngung.

Von Dr. Hans Fröhlich. (Nachdruck verboten).

Die Neubildung verloren gegangener Körpertheile ist be­sonders unter den niederen Thieren sehr ausgebreitet. Schneidet man von dem kleinen Süßwasserpolypen (Hydra) ein Stück ab, so wächst daraus ein ganzes Wesen hervor. Quer zer­schnittene Ringelwürmer ergänzen sich wieder zu ganzen Jndi« viduen. Liebhaber von Krebsen werden schon öfters zu ihrem Bedauern bemerkt haben, daß manch' schönes, großes Exem­plar dieser gepanzerten Wasserbewohner eine oder auch zwei unverhältnißmäßig kleine Scheeren besaß. Im Kampf um's Dasein waren diese Waffen verloren gegangen, wuchsen aber bald wieder nach. Manche Fische vermögen sogar wiederholt zerstörte Flossen, zumal die Schwanzflosse, zu ersetzen. Höchst possirlich sehen auch die schlanken Eidechsen aus, wenn sie nur mit einem plumpen Schwanzstumpf flink über die Steine dahinhuschen- bald bildet sich derselbe aber wieder zu einem zierlichen Schwänzchen aus.

Viel beschränkter ist die Neubildungskraft bei den Warm­blütern und beim Menschen. Nach Verletzungen erneuern sich unter günstigen Verhältniffen allerdings auch Knochengebilde, Blutgefäße, Muskeln und Haut. Beim Menschen wachsen vom siebenten Jahre an neue Zähne an Stelle der ausfallen­den Milchzähne. In der Regel hört aber die Neubildungskraft mit dem zunehmenden Alter ganz auf. Höchst merkwürdig muß daher der wunderbare Vorgang einer Verjüngerung er­scheinen, welcher bei nicht wenigen Greisen unzweifelhaft be­obachtet worden ist, indem bei ihnen zu einer Zeit, wo andere Menschen zu leben aufhören, neue Zähne und neue Haare hervorkommen, die Runzeln aus dem Gesichte verschwinden, Auge und Ohr wieder schärfer werden u. s. w. Hufeland theilt in seiner Makrobiotik zwei solche Fälle aus seiner eigenen Beobachtung mit. Der eine betrifft einen Greis aus Rechingen in der Pfalz, welcher im Jahre 1791 in einem Alter von 120 Jahren starb und welchem im Jahre 1787, also im 116. Lebensjahre, nachdem er seit lange alle Zähne verloren hatte, auf einmal acht neue Zähne wuchsen, welche aber bald wieder ausfielen und durch neue ersetzt wurden. Der andere Fall betrifft einen Herrn aus Hufelands eigener Verwandt­schaft, den Amtmann Thon aus Ostheim, welcher im sechzigsten Jahre ein hitziges Fieber bekam, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Er Überstand dasselbe glücklich, erhielt hierauf

stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff I bringen, namentlich im Kreise der Familien eine | beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch' h. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

Die wichtigste Berkehrsreform für das platte Land.

ES ist schon vor einiger Zeit von einfichtigen Politikern darauf htngewiesen worden, daß die Bewohner deS platten Landes in Bezug auf die von den Staatseisenbahnen dem Handel und Verkehr gebotenen Vortheile zu kurz kommen, denn im Staatshaushalt muß der Bewohner der von den Eisenbahnen nicht begünstigten Gegend genau so für daS Eisenbahnwesen aufkommen, wie die Bürger, welche in Städten und bevorzugten Dörfern die Eisenbahnen in un­mittelbarer Nähe haben. Dieser Einseitigkeit bezüglich der Etsenbahneinrichtungen hat man allerdings seit einem Jahr- zehnt dadurch die Schattenseiten zu nehmen gesucht, daß man zahlreiche Secundärbahnen gebaut hat, welche nur ein Geleise

und beschränkten Betrieb haben. Aber diese Secundärbahnen, welche im Uebrigen normal wie die großen Vollbahnlinien gebaut find, können wegen ihrer hohen Kosten doch noch lange nicht in solchen Mengen gebaut werden, wie eS die wirthschaftlichen Jntereflen der von Eisenbahnen noch nicht durchschnittenen Gegenden erfordern. Es find daher weitere Schritte nothwendig, welche eine allgemeine Reform des Verkehrswesens für die Bewohner des platten Landes herbei­führen, und zwar ist dies möglich erstens durch den Bau von Localbahnen, welche in Bezug auf Spurenbreite und Wagengröße noch den Normalbahnen entsprechen, aber der Kostenersparniß halber kleinere, leichtere Locomotiven haben und ihre Schienenstränge, wenn irgend möglich auf den etwa verbreiterten Landstraßen haben, zweitens ist daS Ziel, wenn die entstehenden Kosten immer noch zu hoch erscheinen, durch den Bau von Kleinbahnen erreichbar, welche ohne jede Um­stände auf Landstraßen und Chauffeen, ja sogar auf einiger­maßen breiten und mit Steinen belegten Feldwegen angelegt werden können, schmalere Spuren, schwächere Geleise, kleinere Wagen und kleinere Locomotiven besitzen. Auch bedürfen die Räder der Kleinbahnen und vielleicht auch die Schienen noch einer besonderen Construction, um Steigungen und Curven in kurzen Verhältniffen überwinden zu können. Bei der heute sehr hoch entwickelten Technik im Eisenbahn- und Maschinenbau und in Hinblick auf die verhältnißmäßig ge­ringen Kosten, welche Localbahnen und Kleinbahnen verur­sachen, könnte die Ausführung derselben, zumal wenn die Regierung und die Kreisverbände diese wichtige Verkehrs­reform begünstigen, sehr bald zum Nutzen und Frommen der Bewohner des platten Landes und der Landwirthschaft, rück­wirkend aber auch zum Segen für Handel und Gewerbe vor- genommen werden.

Knnat-Ancctollnnrt tm Thurmhaus am Brand, lkUDSlaAUSSWllUIlU| geöffnet täglich, mit Aus­nahme deS Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch und Sonntag auch noch von 3 bis 5 Uhr. Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.

neue Munterkeit und Kräfte, sowie neue Haare und Zähne, und | lebte noch zwanzig Jahre in solcher Frische, daß er im acht­zigsten Lebensjahre hohe Berge leicht hinauf- und hinabsteigen konnte. Professor Jdeler führte in seinerAllgemeinen ; Diätetik" das Beispiel einer Marquise von Mirabeau an, welche im 86. Lebensjahre starb, nachdem die jugendliche Fülle und - Frische mit ihren Folgen wiedergekehrt waren- ferner einer Nonne Namens Magarethe Verdür, bei welcher im 56. Lebens- ! jähre die Runzeln verschwanden, die fehlende Sehkraft wieder­kehrte, neue Zähne hervorbrachen und welche zehn Jahre später, 1 aussehend wie ein junges Mädchen, starb; endlich zweier über . hundertjähriger Männer, welche neue Haare und Zähne be- * kamen und von denen der eine wieder ein so scharfes Gesicht bekam, daß er die feinste Schrift lesen konnte, während er vorher nicht im Stande gewesen war, ohne Brille die größte ' Schrift zu lesen.

Der französische Arzt und Statistiker Foissak sagt (de , la longevite humaine):Man hat Frauen gesehen, welche i mit sechzig Jahren Mütter wurden. Dr. (Surren theilte . dem gelehrten Kliniker Graves mit, daß seine Großmutter, j eine Frau Waterworth, mit 80 Jahren ihre vorher sehr ge- , schwächte Sehkraft derart wieder erhielt, daß sie bis zum j Augenblick ihres Todes (im 90. Jahre) die feinste Schrift lesen ; und die feinsten Nähnadeln einfädeln konnte." Eine dritte i und selbst vierte Zahnperiode ist nach Foissak bei alten Leuten ' nichts Ungewöhnliches.

Noch mögen einige Beispiele aus neuester Zeit erwähnt ! werden. So berichtet dieNeumärkische Zeitung" vom Juli 1880 aus Brenkenhofsfließ:Dort lebt ein 82 Jahre alter j Ausgedinger P., welcher seit länger als 10 Jahren keinen Zahn mehr im Munde hatte. Seit einem halben Jahre j empfand er Schmerzen im Gaumen und in den Kiefern, und j wer beschreibt sein Erstaunen, als er wahrnahm, daß sich im - Laufe des letzten Winters in seinem Mund ein vollständiges i neues Gebiß bildete. Die Zähne sind allerdings nur klein, \ aber glänzend weiß und so brauchbar, daß ihr Besitzer damit j jede harte Speise zerkauen kann." Das Blatt bemerkt dazu, f daß ihm die Wahrheit der vorstehenden Mittheilung von amt- ; licher Seite bestätigt worden sei.

Unterm 14. Mäk^ 1880 berichtet die Pariser Zeitung ; La Justice Folgendes:Soeben starb in Tilh (Departe- t ment Landes) am Schlagfluß eine Frau von 103 Jahren, } 11 Monaten und 12 Tagen, Namens Margarethe Laulhv. Sie hat bis zum letzten Augenblick ihre vollen geistigen Fähig- j fetten behalten und Niemand sah ihr dies hohe Alter an.

Das Gesicht hatte feine Runzeln und sie las ohne Brille. Vo? sechs Jahren bekam sie einen neuen, Prachtvollen Backen­zahn."

Aus Wohlan in Schlesien wurde im Januar 1887 der Schlesischen Zeitung" geschrieben:In Schönbrunn, Kreis Wohlan, lebt ein ehemaliger, jetzt 82 Jahre alter Gemeinde­vorsteher, Inhaber des allgemeinen Ehrenzeichens, mit Namen Betschel. Derselbe erhält jetzt zum dritten Male Zähne, von denen bereits 18 vorhanden sind, die übrigen stehen dem Durchbruch nahe. Aber noch mehr! Sem sonst schneeweißes Haupt- und Barthaar wird nunmehr grau melirt, ja, unter dem Kinn am Hals tief schwarz. Infolge desZahnens etwas angegriffen sich fühlend, ist er sonst gesund und rüstig und will das Gefühl haben, als ob im ganzen Körper eine Veränderung sich vollziehe. Solche physiologische Abnormi­täten, so selten sie Vorkommen, sind in ärztlichen Kreisen nicht unbekannt."

So bietet bisweilen das Greisenalter wunderbare Züge von körperlicher Verjüngung dar. Aber auch eine Art von Gemüthsverjüngung tritt ein. Es ist eine ständige Eigen- thümlichkeit des Greises, daß er sich zur fremden wie zur eigenen Kindheit hingezogen fühlt. Er liebt die Kinder, be­sonders seine Enkel, sieht sie gern um sich und ergötzt sich an ihrem muntern Treiben. Die Bilder seiner Kindheit, die während seines Mannesalters verbleicht waren, treten wieder mit frischen Farben vor seine Seele- er erinnert sich der kleinsten Züge aus seinem Kinderleben, und d ese beschäf­tigen seine Phantasie auch im Schlafe. So erinnerte sich Kant sehr lebhaft, besonders in seiner allerletzten Lebenszeit der Gassenlieder, die er als Knabe gehört hatte. Während im mittleren Alter auch das Bild des physischen Lebens ernster und trüber wird, gewinnt es im Greisenalter wieder einen jugendlichen, freundlichen Charakter. Die Seele des erst Alternden erfüllt ein gerechter Schmerz über die Trennung von den bisherigen Genossen und von der gewohnten Wirk­samkeit, aber der schon Altgewordene, der sich in sein neues Verhältniß gefunden hat, wird wieder jugendlich heiter. Das frühere leidenschaftliche Wesen macht der Sanftmuth Platz, und nur, wo die Härte und Schroffheit des Charakters zu tiefe Wurzeln geschlagen hatte, zeigt sich die Milde erst sehr spät oder gar erst kurz vor dem Tode.

So werden von der gütigen Mutter Natur die Gebrechen des hohen Greisenalters meist gemildert durch geistige und bisweilen auch körperliche Verjüngung.