Ausgabe 
28.7.1895 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 28. Juli

189»

Zweites Blatt

Nr. 175

Amts- und Auzeigeblatt für den rtreis Gieren.

Hralisöeikage: Gießener Iamitienbtätter

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Carl.

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All: Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

besonders sorttrt werden. Die Entfernung von hier bis an den Bahnhof Friedberg beträgt ungefähr eine Stunde und zwanzig Minuten 6 */2 Kilometer. Makler Becker wird zu jeder weiteren Auskunft gerne bereit fein.

n. Staden, 25. Juli. Bei der heute hier stattgehabten Gemeinderathswahl trat der gewiß sehr seltene Fall ein, daß für 17 Candidaren Stimmen abgegeben wurden, während nur 3 Mitglieder zu wählen waren. Da wir nur 73 stimmberechtigte Einwohner haben, erhielten also über 23 pCt. Stimmen. 47 Stimmberechtigte über 64 pEt. machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Trotzdem verlief die Wahl in der denkbar größten Ruhe und Ord­nung. Die drei ausgeschtedenen Mitglieder (Decher, Lauckert, Lehmer) wurden wiedergewählt.

Aus dem Ohmthal, 26. Juli. Die Aepfel- und die Zwetschenbäume hängen so voller Früchte, daß sie jetzt schon gestützt werden müssen, sollen anders nicht die tiefgebeugten Aeste brechen. Eine Ausnahme von diesem Fruchtreichthum machen die Bäume, die im vorigen Jahr einen reichen Ertrag geliefert haben. Diese hängen weniger voll. Durch das vorausgegangene trockene Wetter ist wohl viel grünes Obst abgefallen, aber keinesfalls zu viel. Das im Frühjahr befürchtete massenhafte Auftreten von Jnsecten, worunter auch die bekannten Obstbaumfeinde, ist glücklicher Weise nicht etngetreten, obwohl alle Anzeichen damals ein solches erwarten ließen. Im Gegentheil, Blattläuse, Raupen rc., die oft im Sommer ganze Bäume kahl fressen, sind nur selten zu sehen. Jedenfalls hat der kalte Vorsommer dem Un- geztefer stark zugesetzt. Die Obstbäume zeigen denn auch trotz ihres Fruchtreichthums ein üppiges, kraftstrotzendes Aussehen. Besonders gilt das auch von den Obstbaum­pflanzungen an den Staatsstraßen, denen allerdings die volle richtige Behandlung bezw. Pflege zu Theil wird. Für den Freund der Obstbaumzucht ist es ein Vergnügen, die prächtige Entwickelung dieser Musterpflanzungen zu verfolgen. Daß die Obstbäume im tiefer gelegenen Thal vom Froste stärker beeinflußt werden, wie auf der Höhe, beweisen sehr deutlich gegenwärtig die Nußbäume. Während in den Thalgemar­kungen die Nußbäume ohne jede Frucht sich zeigen, sahen wir dieser Tage in Ulrichstein Nußbäume voll behangen mit grünen Nüsien. Diese Thatsache lehrt auch, daß das Ulrichsteiner Klima lange nicht so schlimm als sein Ruf ist, und daß, wo Nußbäume gedeihen, gewiß auch minder an­spruchsvolle Obstsorten gezogen werden können.

Worms, 25. Juli. Nach der letzten Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni hat Worms 27 165 Ein-

Der Vorstand.

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juli. Die deutsche Kriegs marin e ist zur Zeit in den ausländischen Gewässern in überaus seitlicher Weise vertreten. An den Küsten Asiens, Afrikas mb in der Südsee befinden sich gegenwärtig zusammen 19 deutsche Kriegsschiffe, ferner manöverirt die aus den vier g wattigen Hochseepanzern derBrandenburg". Klaffe und eil em Aviso bestehende erste Panzer-Division an der spanischen Stifte, während das SchulschiffMoltke" vor England kreuzt, wohin dieser Tage auch sein SchwesterschiffGnetsenau" abgeht. Jnsgesammt weisen diese 26 Kriegsschiffe, welche lic verschiedensten Typen unserer Marine repräsenttren, einen Besatzungsstand von ca. 8000 Mann auf.

der Tänzer wagte ihr zu nahen und ihr Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an. Da hielt es Carl nicht mehr aus. Und wie dankbar glänzten ihm ihre Augen entgegen, als er vor sie hintrat und sie in sehr feiner und höflicher Weise um einen Tanz bat.

Ehe sie antworten konnte, sprach neben ihr eine tiefe, aber freundliche Stimme:Bitte, Elise, tanze nur mit dem Herrn!" Und als nun das Paar im Tanze leicht dahin- schwebte, sagte dieselbe Stimme:Frau, das ist kein gewöhnlicher Tänzer, steh' einmal, diese Haltung, dies Geschick!",

Ein hübscher Mensch," bestätigte die Angeredete,und weiß sich auch zu benehmen."

Ganz recht war es ihnen, daß er noch einige Male Fräulein Elise zum Tanze führte. Um so ungehaltener war Vater Eichner darüber. Adele Raffer hatte noch keinen Tänzer gefunden, so auffällig sie sich auch benahm- ihre Eltern saßen wie auf heißen Kohlen,- Carl schien gar kein Auge für seine Zukünftige zu haben.

WaS ist denn das für eine fremde Person, mit der Du immer tanzest?" brummte endlich Meister Eichner seinen Sohn an.

Ich weiß nicht; sie ist in Pension bei einem Freunde des hiesigen Pastor."

Dann laß Du Deine Nase gefälligst von ihr weg und bekümmere Dich um Leute, die Dich mehr angehen/

Carl hatte schon eine unwillige Entgegnung auf d« Lippen, da er sah, daß die Herren und Damen drüben fich erhoben. Er ging hinauf, wie um frische Luft zu schöpfen, und sah, daß eine Kutsche die drei aufnahm und eiligst davon- sührte, der nächsten Bahnstation zu. Sie schaute noch einige Male in daS Menschengewoge- suchte fie vielleicht ihn?

Nicht viel später brachen auch die Oberberger auf. Meister Raffer und seine Frau warfen ingrimmige Blicke auf Carl und gingen vorbei.

(Fortsetzung folgt).

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lofigkeit, so daß selbst die beiden Ortsgeistlichen, der evange- lische Pastor und der katholische Pfarrer, die in christlicher Eintracht miteinander gekommen waren, mit fichtlichem Wohl­behagen in daS Menschengewoge schauten. Und nun er­tönten auf der Sängertribüne die köstlichen, herzerhebenden Weisen des deutschen Volkes, bald vom Gesammtchor der erschienenen Vereine, bald von einem einzelnen Vereine ge­sungen. Dann legte sich ein andachtsvolles Schweigen auf die Menschenmenge und je nach dem Characier des Liedes erglänzte manches Auge in Thränen oder kühn und feurig blitzte eS unter den Wimpern hervor.

Jetzt wurde das Banner des Gesangvereins von Ober­bergern über der Rampe erhöht und bald darauf erklang das gefühlvolle Lied:Es liegt ein Weiler fern im Grund." In tiefer Bewegung lauschten die Hörer, vor allem entzückte sie der prachtvolle Tenor Carls und manch schönes Auge blinte mit Bewunderung zu ihm empor. Auch seine Augen schweiften dann und wann über das Menschengedränge hin- mit einem Male aber blieben sie wie gebannt auf ein wunder­holdes Mädchenantlitz gerichtet. So milde, blaue Augen, so tadellose Gesichtsformen, so reiches, prächtig hellblondes Haar hatte er noch nie gesehen, und wie betend schaute fie zu ihm empor.

Ein btsher ungekanntes Gefühl beschlich ihn und .sein Herz pochte ungestüm. Wie anders gefühlvoll sang er jetzt die Worte:O Röslein roth, o Röslein schön, ach hätt ich nimmer Dich gesehn!" Und siehe, Purpurgluth bedeckte das Antlitz der Schönen, sie erbebte unter seinem Blicke. Das Lied war beendet, reichster Beifall lohnte die Sänger. Carl durfte sich^sagen, daß ein großer Theil deffelben ihm galt, aber er hörte nur mit halbem Ohr hin, er verfolgte nur ihre Spur.

Das Schlußlted ertönte noch vom vollen Chor gesungen, dann blieb die Tribüne leer und aus den Zelten erklangen lockende Tanzmelodten. O Wonne, in dem Zelte für die Oberberger erblickte er die Holde wieder. Aber sie saß ja so nahe bei dem Pastor und die Herren und Damen ihrer Umgebung sahen alle so würdig und so vornehm aus! Keiner

Cocole* rrnd provinzielles.

Grüuberg, 26. Juli. Gestern Nachmittag wurde im Brunnenthale unter angemeffenen Feierlichkeiten der Grund­stein zum Maschinen Hause für die neue Wasserleitungs- arlage gelegt. Als Grundstein diente der Schlußstein des DiebsthurmS", der bekanntlich zur Aufnahme des Hoch- rescrvoirS umgebaut wird. In einer Höhlung des Steines toiirben außer einer schriftlichen Urkunde mehrere photogra­phische Ansichten der Stadt und Proben der jetzt gebräuch­lichen Münzen eingemauert. Herr Ingenieur Tappe, Herr Bürgermeister Zimmer und Herr Stadtrath Sehrt hielten Ansprachen und vollzogen, wie auch nach ihnen sämmtliche Stadträihe, der Bauunternehmer und die Bauführer, die üblichen drei Hammerschläge. Sämmtliche Theilnehmer an der Grundsteinlegung wurden sodann in zwei verschiedenen Stellungen photographisch ausgenommen. Nach der Feier wurden die Arbeiter auf Kosten der Stadträthe und des Bauunternehmers, des Herrn Winn aus Gießen, mit Bier und Wurst bewtrthet. Gestern Abend hat sich hier ein Verein gegründet, deffen Zweck es ist, den Besitzern von Schweinen bei vorkommendem Verlust der letzteren durch llnklücksfälle Entschädigung zu gewähren. Die Taxation der zur Versicherung angemeldeten Schweine hat bereits begonnen. Gr. Anz.

-1- Melbach. 26. Juli. Auf die vor einigen Tagen im Briefkasten desGieß. Anzeigers" erschienene Anfrage nach neuen Kartoffeln wird hierdurch mitgetheilt, daß bet iM neueFrührosen" zu 6 bis 6y2 Mk. pro Malter <9oppelcentner) zu haben find. Es wird dazu bemerkt, daß der Preis etwas schwankt, je nachdem die Kartoffeln verkauft werden, wie sie der Acker giebt, oder ob sie noch

>e« 30. Juli:

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kvtree 50 Pfg, Hch. Elge».

s A. Gretscher, Giessen Neustadt 55. Giessen empfiehlt Loose aller genehmigten Lotterien. = Prompte Zusendung der Gewinnliste. =

Der Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

, Die Gießener AnmikienStälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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wohner, hat also seit 1890 um 1661 zugen ommen. Im ganzen Kreise waren 72111 Personen ortSanwesend (2905 mehr als 1890).

Worms. 25. Juli. Von höchst lästigen Gästen wurde heute Vormittag der Besitzer einer Conditorei in der Kämmerer- straße hetmgesucht, indem ein ganzer Bienenschwarm auf bis jetzt noch unaufgeklärte Weise in dessen Laden etn- drang, viel Schaden und Verdruß verursachend. Nur mit vieler Mühe und unter Anwendung verschiedener VerttlgungS- mittel wird eS wohl gelingen, sich der ungebetenen Etndring- linge zu entledigen.________

Verrutschtes.

* Auf eigenartige Weife verunglückte am 18. Juli daS vierjährige Söhnchen einer Familie in Hadamar. DaS Kind kletterte im Garten an einem in die Erde gesteckten hölzernen Rechen empor und gerieth mit dem Kopfe zwischen die zweizackige Gabel, auS der es sich nicht mehr befreien konnte. Als man bald darauf daS Kind in der Gabel hängend fand, war es bereits eine Leiche.

* Ems, 22. Juli. Am 13. Juli, dem bekannten Ge­denktage, spielte nach der erhebenden Kundgebung am Benedettistein in unserem Kurgarten sich auch eine heitere Scene ab. Bekanntlich trägt dieser Stein die Inschrift: 13. Juli 1870, 9 Uhr 10 Min. Morgens". Eine Dame aus der Badegesellschaft nun, welche die 25. Wiederkehr des Zeitpunktes der denkwürdigen Begegnung zwischen König Wilhelm und Benedetti auf die Minute abwarten wollte, stand mit der Uhr in der Hand neben dem Stein und ver­folgte aufmerksam das langsame Vorrücken des Zeigers. Als derselbe 10 Minuten nach 9 Uhr stand und die Dame nun den einzig richtigen Moment für die Bestätigung ihrer patrio­tischen Gesinnung durch Niederlegen eines Blumenstraußes gekommen glaubte, bemerkte ihr ein anderer Kurgast, daß fie beinahe eine halbe Stunde sich verfrüht habe, da wir jetzt mitteleuropäische Zeit in Ems hätten, welche mit der von 1870 nicht mehr übereinstimme. Darauf allgemeines Lächeln und stillschweigendes Verschwinden der Dame.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Carl Heini ?keit, iMg t

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uli 1895- BC0 Nachmittags 4 Mr'6372

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K* 64

Feuilleton.

Freundestreue.

Eine Erzählung von K. Wagemann.

(2. Fortsetzung.)

Aber warum war beim die Theilnahme der Familie Raffer am Feste für ihn ein so entscheidender Grund? Das so. Sein Berufsgenoffe Raffer war sein Hauptgläubiger mb hatte nur eine Tochter. Da nun Carl Eichner ein heraus ordentlicher, geschickter und fleißiger Mensch war, so hüten die Eltern eine Ehe zwischen beiden abgekartet, so daß die Geschäfte miteinander vereinigt würden und die -ärgerliche Hypothek verschwände. Aber Carl, und das war Ittnes Vaters schwerer Kummer, zeigte hier gar kein Ser» standniß für der Eltern Pläne. Er konnte daS Mädchen richt leiden und mied es geflissentlich, denn, wie daS bei einzigen Kindern nicht selten vorkommt, es war eine ver­logene, launige Person, fie spielte immer die vornehme Dame und was ihn besonders abstieß, sie benahm sich immer so strablaffend ihm gegenüber.

Der Tag deS Festes kam. Auf einer herrlich gelegenen Wiese vor Hohendorf waren Zelte und Buden und auch eine Tribüne für die Sänger aufgefchlagen, Fahnen flatterten in dm Lüften, Guirlanden zogen sich über die Straßen und Ehrenpforten boten den Festtheilnehmern ihre Willkommen- zrüße dar. Hinter dem Festplatze hob ein massiger Berg sein bewaldetes Haupt empor, an beiden Seiten zogen fich Gebaute Berglehnen hinauf und aus dem sich über demiFest- zilatze immer mehr erhebenden Thale schauten die Häuser Md die zwei Kirchen von Hohendorf so freundlich hernieder. Arid über dem allem wölbte sich ein heiterer, von keinem Wölkchen getrübter Himmel und gab dem Feste Glanz und Leben.

So stiegen denn auch von allen Höhen die Bewohner der Bergdörfer nieder und auf den Straßen zogen die ge- lidenen Vereine dem Festplatze zu. Bald entstand auf dem- .selben ein buntbewegtes, fröhliches Leben in aller Harm-

ME üit, i£ M Leitung i. Kühne.

Entree 50 P isch