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Nr. 148 Zweites Blatt. Donnerstag den 27» Juni
189»
Der chietzener A«-ei-er erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Dir Gießmer AamikieAötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
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Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren.
folgenden Tag erscheinenden «Üm7/b°k^' w ■£ | Hratisöeikage: Gießener Kamitienötätter. |
Amtlicher Theil.
Bekamltmachmlg,
betreffend die Rothlaufseuche.
In der Gemeinde Atzbach, Kreis Wetzlar, ist die Rothlaufseuche amtlich festgeftellt worden.
Gietzen, den 25. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
vekauntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
In Gettenau, Kreis Büdingen, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und die Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, den 25. Juni 1895.
Großherzoglicheß KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 26. Juni 1895.
Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung.
Die
vrotzh. Kreis-Schulcommifston Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobil machung innerhalb 8 Tagen bei uns einmreichen find. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.
In den Gesuchen ist anzugeben:
1) Civilstellung,
2) Vor- und Zunamen,
3) Militärcharge und Truppengattung,
4) Genaue Angabe des Truppentbeils, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist und Datum des letztere«,
5) Bezirk des Landwehrbataillons.
Bei Lehrern oder Schulverwaltern, wi lche bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es keiner Meldung.
Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reklamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
v. Gagern.
Prämiirungs-Ordnung für die Landwirtschaftliche Ausstellung zu Gießen vom 19 bis 22. September 1895.
Erste Abteilung. Werk.
A. Rindvieh (5545 M, außer den Ehrenpreisen).
1. Sogetsöerger und einfarbiges GdeuwäkderLandvieh.
a. Bullen, sprungfähig, mindestens P/2 Jahre ein erster Preis........120
zwei zweite Preise ä 80 jfC . . . . 160 „ zwei dritte Preise a 60 JC . . . . 120 „ b. Kühe, in Milch oder erkennbar tragend (worüber im Zweifelsfalle der Nachweis noch zu erbringen ist)
ein erster Preis........120 „
zwei zweite Preise ä 80 JC . . . . 160 ., zwei dritte Preise ä 60 JC . . . . 120 „ c. Rinder, erkennbar tragend
ein erster Preis........100 „
zwei zweite Preise ä 60 Jb . . . . 120 „
zwei dritte Preise ä 30 JC . . . . 60 „ d. Sammlungen,
a. größere Sammlungen (Zuchten von Landwirthen, die über 30 «stück Rind
vieh im Stalle haben, von Zuchthöfen, Zuchtgenossenschaften und Gemeinden, bestehend in 5 Kühen, 5 Stück Jungvieh und 2 Bullen (ev. statt 1 Bullen 1 Kuh oder 1 Stück Jungvieh mehr)
ein erster Ehrenpreis des Landesausschusses von 300
zwei zweite Preise a 200 jft . . 400 „ ß. kleine Sammlungen (3 Kühe und 3 St.
Jungvieh eines Besitzers, der weniger wie 30 Stück Rindvieh im Stalle hat) ein erster Ehrenpreis des Landesausschusses von 200 jtf,
zwei zweite Preise a 150 jtb . . 300 JL
7. beste Sammlung von 5 Kühen rein Vogelsberger Rasse aus einer Gemeinde Oberhessens (unter Ausschluß von Zuchthöfen)
Ehrenpreis Sr. Erlaucht des Präsidenten des Oberhess. Provinzial- Vereins Herrn Grafen zu Solms- Laubach von 200 jtf,
2. Simmertthater.
a. Bullen ohne Schaufeln (bleibende Schneidezähne)
ein erster Preis........100 jfC
ein zweiter Preis.......70 „
ein dritter Preis.......50 „
Bullen mit 2 Schaufeln ein erster Preis........120 „
ein zweiter Preis.......80 „
ein dritter Preis.......50 „
Bullen mit 4 und mehr Schaufeln ein erster Preis........120 „
ein zweiter Preis.......80 „
ein dritter Preis.......50 „
Verschiebung der Preise innerhalb dieser Bullenklassen ist den Preisrichtern gestattet.
b. Kühe in Milch oder erkennbar tragend ein erster Preis........120 „
zwei zweite Preise ä 90 JH . . . . 180 „ drei dritte Preise ä 60 JC . . . . 180 „
c. Rinder, erkennbar tragend ein erster Preis........100 „
zwei zweite Preise a 80 jft, . . . . 160 „
drei dritte Preise ä 50 Jtt, . . . . 150 „
d. Sammlungen,
a. größere Sammlungen (s. oben)
ein Ehrenpreis des Landes-Ausschusses 300 JC
ein erster Preis........ 250 „
zwei zweite Preise ä 150 JC . . . 300 „
ß. kleine Sammlungen (s. oben) ein erster Preis........ 200 „
zwei zweite Preise ä 120 Jt . . . 240 „
Kreuzungen mit Simmenthatern.
a. Kühe in Milch oder erkennbar tragend
zwei erste Preise a 100 .jft . . . . 200 JH,
drei zweite Preise ä 60 JC . . : . 180 „
■ drei dritte Preise a 40 jfC . . . . 120 „
b. Rinder, erkennbar tragend
ein erster Preis........60 „
zwei zweite Preise ä 50 JC . . . . 100 „
drei dritte Preise ä 35 JC . . . . 105 „
Andere Waffen (Schwyzer, Holländer rc.)
Große Sammlungen (12 Stück)
ein erster Preis........ 250 „
ein zweiter Preis.......150 „
65.-
154.-
137.-
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85,50 103.75
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90.40 1887'38.30
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6 Seit-»-
Feuilleton.
„Farbrnblin 6“.
Von Marie Treuter.
(Schluß.)
Fünf Minuten vor Fünf stieg Arminius Werter frisch rafirt und in gewählter Toilette klopfenden Herzens die Treppen zu der Wohnung seiner Angebeteten empor.
Auf sein schüchternes Läuten öffnete ihm ein Mädchen, welche- ihn, nachdem es thn gemeldet harte, mit den Worten: „Die Herrschaften lasten bitten," in den Salon führte.
Auf der Schwelle der weitgeöffneten Flügelthür blieb er wie angewurzelt stehen.
Träumte er oder äffte ihn ein neckischer Spuk.
An der Sette seiner Angebeteten, seiner Aglaja mit den braunen Augen, saß der Mann, den er haßte, und von welchem er gehaßt wurde, der Profestor Alfred Gottfried Müller.
WaS war er hier?
Nicht lange sollte er im Zweifel bleiben.
Der Professor war aufgestanden und begrüßte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Auch Aglaja hatte sich erhoben und trat dem sich verneigenden und tief erröthenden Jüngling einige Schritte entgegen.
„Erlaube, liebe Louise," sagte der Professor wieder mit einem cynischen Lächeln, „daß ich Dir Herrn ArmtniuS Werter vorstelle, primus omnium unseres Gymnasiums, nebenbei Dein liebenswürdiger Beschützer vom Else und neuerdings Nachbar," und mit einer Handbewegung auf Aglaja, „meine Gattin!"
Meine Feder ist nicht im Stande, auch nur annähernd den Eindruck zu sch ldern, welchen die letzten Worte deS Pro« fefforS auf Arminius Werter hervorriefen.
Gattin ?! Wie die Posaune des jüngsten Gerichtes brauste ihm das Wort in den Ohren. Warum verschlang ihn denn der Boden nicht, — fuhr nicht plötzlich ein Blitz hernieder, der ihn zerschmettern würde? Seltsam, in seiner bis zum ParoxySmuS gesteigerten Aufregung sah und hörte er alles in erschreckender Deutlichkeit. Er fühlte, daß er seinen Mund zu einem Lächeln verzerrte, er verbeugte sich, er ergriff sogar die ausgestreckte Hand seiner Angebeteten, er sah in die Augen, in die schönen braunen, — ja, was war denn das?
Die Augen waren ja gar nicht braun. Blau waren fir, veilchenblau. DaS helle Licht der klaren Februarsonne fiel hinein. War er denn blind gewesen oder träumte er nur?
Nein, er wachte.
Kindergeschrei ertönte. Eine Nebenthür wurde geöffnet und in derselben erschien eine Wärterin, welche ein Baby auf dem Arme trug.
Profestor Albrecht Gottfried Müller nahm daS schreiende weiße Bündel in seine Arme und hielt es ArminiuS Werter, wie weiland den ominösen Zettel, fast bis dicht unter die Nase.
„Meine Tochter Aglaja, alias Clara, vulgo Tata genannt, der Gegenstand Ihrer Verehrung - augenblicklich einjährig, aber mit den besten Aussichten, dereinst Frau Arminius Werter zu werden."
„Aber Gottfried, ich bitte Dich!"
Alles hatte Arminius Werter gehört, auch den Einwurf Der jungen Frau. Ader ohne den Einwurf seiner Frau zu beachten, fuhr der Profestor mit teuflischem Behagen fort: . *
„Merkwürdig, meine Frau hat blaue Augen, ich habe graue und unser Baby hat braune Augen."
Arminius Werter blickte pflichtschuldigst und wie auf
Commando erst in die Augen der jungen Frau, bann in die des Professors und zuletzt in die des Babys. Wirklich, der Säugling allein hatte braune Augen. DeS ProfefforS Augen waren grau, so grau, wie die seiner Gattin blau waren.
Arminius Werter ist nicht mehr Herr seiner selbst. Der Schweiß tritt ihm auf die Stirn.
Er greift in die Tasche, zieht die Hand aber sofort mit einem Schmerzenslaut wieder zurück und führte sie in* stinctiv zum Munde.
Die Nadel eines alten CotillonordenS hat ihn in den Finger gestochen.--
Dieser physische Schmerz bringt ihn wieder zur Besinnung.
Armer Werter! Kurz war dein Ltebestraum, entsetzlich die Rache des Professors.
Mit deinen eigenen Waffen hat er dich geschlagen — deine Ideale zerfielen in Trümmer.
Nicht einmal der Schein war echt.
Du träumtest von braunen Augen und sie waren in der Wirklichkeit blau.
Der Schein war Schein.
Arminius Werter war diesem ernsten, harten Schlage nicht zum Opfer gefallen. Im Gegentheil, er legte ein glänzendes Abiturium ab.
Glänzend war auch das Zeugniß, welches ihm Profestor Alfrcd Gottfried Müller ausgestellt hatte.
Er ging aus die Universität zu Bonn und machte im vierten Semester d n Doctor.
Augenblicklich lebt er als Privatdocent in einer größeren Stadt SüddeutsLlands und ist damit beschäftigt, ein Werk zu schreiben, welches, io viel ich im Geheimen erfahren konnte, dereinst den Titel trogen wird:
„Farbenblind."


