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Gießener Anzeigerä
Deutsch-Oesterreichischer Alpenverein, Sektion Gießen.
Bericht über den Ausflug am 19. und 20. October 1895.
Als erste Vereinstour des WinterprogrammS 1895/96 des deutsch-österreichischen Alpenvereins war für Monat October ein auf zwei Tage berechneter Ausflug m den unteren Lahngau vorgesehen und nach dem für die Eigenart der bevorstehenden Wanderung nicht gerade günstigen, zu trüber Weltanschauung stimmenden SamStagSwetter des 12. October fürsorglich auf acht Tage verschoben, um gemäß der für die Alprntouristik unerbittlich strengen Cardinaltugend genügsamen AbwartenS nunmehr am 19. mit Umschlag der Witterung und Stimmung, durch den günstigen Treffer eines Hellen, klaren Reisetages herbstlich milder Art reichlich ent- schädigt, zur Mittagszeit lahnabwärtS abzudampfen.
Obschon im Berhältniß zur numerischen Stärke deS Vereins nur ein geringes Häuflein an diesem wetteren AuS- fluge sich zu betheiligen Zett und Lust gefunden hatte, konnte man jedoch umsomehr eines harmonischen Verlaufs der vielversprechenden Tour gewärtig sein, als man die prächtige Thalfahrt ohne beklemmende Wertherftimmung, vielmehr dem Entschlüsse nach frei, dem Gefühle nach unbefangen, ja in Begleitung eines die Fahrt fröhlich stimmenden und Glück verheißenden Bräutigams antrat. Mochte deS letzteren schnell- Idampfende Phantasie im Ztckzackflug oftmals lahn- und rhetn- »adwärtS bis zur altehrwürdigen Colonia Agrippina ab- schwetfen, so seffelten uns Unbefangenen die bei der milden iOctobersonne sanft abgetönten Stimmungsbilder der prächtigen Landschaft auf daS Angenehmste. So schwelgten auch wir nach berühmten Mustern rc. in Betrachtung der Nähen und Fernen rc., der bebuschten Felsen, der sonnigen Wipfel, der feuchten Gründe, der thronenden Schlösser und blauen Berg- cieseu, ja waren nach der Vorschrift des Wächters nicht nur bemüht, die malerischen und übermalerischen Schönheiten der Landschaft zu entdecken, sondern auch mit Skizzenbuch und Momentapparat füt nähere Tour ausgerüstet. Da winkt der alte Reichskammersitz mit KalSmunt herüber, fernerhin zrüßt uni gar bald Kloster Altenberg, wir durcheilen den Thaleinschnitt der Braunfelser Gegend, gelangen gar bald z.um lieblichen Weilburg mit seinem malerisch thronenden Schlosse und fahren dann, durch Haufen Tunnels oftmals abgeschnitten, im engen Thalgrunde. Von einsamer BergeS- höhe schaut gar bald daS erst in jüngster Zeit errichtete Denkmal KonradS deS Franken herab, uns die actuelle Frage des Gießener Kriegerdenkmals ins Gedächtniß rufend. Wir befinden uns jetzt in der eisensteinreichen Gegend bei Aumenau, von wo, dem Flußlauf in seiner scharfen Biegung nach Westen folgend, die Bahn nunmehr an dem marmorretchen Vilmar rind den Weinbergen deS feurigen Runkeler Rothen vorüber- ftthrt und dann in den weiteren, kahleren und einförmigen Thalkessel des altberühmten Bischofssitzes Limburg mit feinem b-errltchen Dome auf steilen Kalkfelsen einmündet, um von dort in Bälde das schöner gelegene Diez zu erreichen, wo noch vollzogenem Wagenwechsel mit geringem Aufenthalt uns die Aarthalbahn aufnimmt und auf der Strecke gen Schmalbach in prächtig ausgestatteten, frischen Ausblick gestattenden Waggons gar bald über Hahnstätten zu dem Endziel der heutigen Bahnfahrt, der nahen Station Zollhaus, entführte.
DaS leichtfertige Völkchen einer herumziehenden Akro- batentruppe grüßt uns hier bei Beginn unser Wanderung, dieses ewige Wandervolk ist vielleicht auch schon auf, seiner Reise zum Herbst-RendezvouS nach dem Dorfe Selz bei Hadamar begriffen, wo sich ja zu dieser Jahreszeit aus aller Welt daS lustige, springende, singende und klimpernde Völkchen jusammenfindet. „Vive la Boheme!* rufen wir mit Müller t. KSnigSwinter. Der erste Slartnetttft einer herumziehenden Mufikantenschaar, der ziemlich durstig dreinschaut, erhebt von unS einen Zehrpfennig als gebührenden Zoll hier in Zollhaus.
Nach kurzer Rast und Begrüßung des uns bekannten yefitzerS deS hier im Thal befindlichen bedeutenden Farben- lackwerkS von Hammerschlag und Beyer treten wir unsere Kußwanderung au und kraxeln gleich zu Beginn auf einen sie ilen Steinbruch, von dessen Höhe ein genußreicher Ausblick über daS industrielle Thal mit Burgschwalbach im Hinter- gnunb unS reichlich entschädigt. Bald nimmt uns das Waldes- diäkicht auf, wir finden unS auf schattigem Pfade an der prLchtigen Wegmarktrung gar bald zurecht, um nach etwa rimstündiger Wanderung mit vorgeschriebener Linksrichtung infier nächste! Ziel, Burg Hohlenfels, zu erreichen.
Da lugt fie plötzlich hervor und grüßt herab auf die Heilden des üppigen Buchenwaldes. Auf einem Kalksteinzacken niüi ihren drei Vorhöfen und sechs schön gewölbten Thoren imposant erhebend, wirkt fie in ihrer abgeschiedenen Wald-
einsamkeit doppelt wirkungsvoll an einem solch sonnigklaren Herbstnachmittage, wo der Blick nach allen Seiten sich ein- toucht in das tiefrothe und gebräunte Blättermeer, das in den mannigfachsten Nüancirungen schillert, während von Süden her die weiten Höhen und Thäler des sanftgewölbten Taunus unS freundlich grüßen. Die am Fuße der Burg vorgestreckten Wielen und Ackerflächen, vom Walde rings umsäumt, geben zu dem Waldtdyll eine wohlthuende Abwechslung. Es mag ein rauflustiges Rittergeschlecht hier oben gehäuft haben auf dieser von tiefen Berggründen umgebenen Bergkuppe, manch streitbarer Ritter mag während deS häufigen Besitzwechsels in den Zetten derer von Langenau, derer von Eynenburg, Mudersbach und so fort in den unheimlich steil abfallenden Burgverließen in trostloser Gefangenschaft geschmachtet haben, denn die Geschichte der Burg bildet eine ununterbrochene Kette heftiger Ganerbenfehden. Der noch gezeigte Bienenstand der Burg erzählt unS nur den einen humoristischen Zug, daß bet einer harten Belagerung (1363) die Belagerten die Bienenkörbe mit ihren Insassen auf die Stürmer geschleudert und sich deren also erwehrt haben. Doch waS hilft'S, es heißt sich trennen, wollen wir noch unser heutiges Wegziel erreichen, und so heißt es Abschied nehmen von diesem prächtigen Punkte.
Der deS Wegs kommende Pfarrer von Schönborn wird zum liebenswürdigen Begleiter des Vortrupps und führt uns auf schönem Waldpfad, allerdings auf kleinem Umweg, nicht ohne unS Wegunkundigen bet der Verabschiedung vor EbertS- Hausen humorvoll zu gestehen, daß er aus dem verzeihlichen Egoismus, längere Begleitung zu haben, uns diesen «was weherer. Weg geführt habe, während der Nachtrupp dadurch unS auf directem Wege überholte und früher, beim Dunkelwerden, in Katzenellenbogen eintraf und uns mit Halloh im Hotel Bremser empfing.
Nach gehöriger Restaurtrung in unferm heutigen Standquartier tischte unS der liebendwürdige Wirth, der bet einem Glase „Braubacher OctobertheeS" uns zu gemüthlicher Unterhaltung fesselte, bei der angeregten Frage über die Entstehung des Namens Jammerthals, das wir am andern Morgen durchwandern wollten, eine stimmungsvolle Geschichte in behaglicher Breite auf, die im traulichen WirthSzimmer beim melodischen Tonfall eines für dieses Thema geschulten wirkungsvollen VortragS, bei einer dankbar lauschenden Zuhörerschaft ihren Eindruck nicht verfehlte. Demnach verdanke dieses Jammerthal, alias DörSbachthal der Treulosigkeit eines Ritters aus dem Geschlechte derer von Katzenelnbogen seinen Namen, die darin bestand, daß er einer Müllerstochter dieses Thales leichtfertig die Ehe versprochen hatte, um sie auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu verführen, bann sie aber treulos verläßt, um in standesgemäßer Ehe seine Jugendsünde zu vergessen. DaS unglückliche Mädchen wurde laut Bericht zur Kindesmörderin, und ihre ruhelose Seele jammere noch jetzt dem zur Nachtzeit im Thal verirrten Wanderer auS dem unheimlichen WaldeSdickicht gruselig entgegen. DaS genügte, um unS die Schlafdecke gar bald noch ausgesuchter Ruhestätte noch mehr über die Ohren zu ziehen, und bestimmte unS, am Hellen lichten Morgen unsere Wanderung anzutrelen. Katzenelnbogen mit seinem unschönen Namen, der laut Aussage deS Führers aus catti melibocus corrumpirt sei, das einem berühmten, auch für die hessische Landesgefchichre bekanntlich wichtigen Grafengeschlechte, als ursprünglichen Vögten deS bis hier in den Einrtchgau sich erstreckenden Besitzes deS reichen Klosters Prüm, seinen Namen gegeben hat, bietet obne Voreingenommenheit wenig landschaftlichen Reiz und der Blick vom hohen Burgsitz wenig Abwechslung, sodaß wir nach freundlicher Verabschiedung von dem über den Thermometerstand stets insormirten Herrn Wirth schon frühzeitig ausbrachen, um an dem stillen Sonntagmorgen unsere vielversprechende Wanderung anzutreten. Noch lag der Rauchfrost auf der Landschaft, aber der milde Sonnenstrahl verhieß einen herrlichen Tag. Von Katzenelnbogen führt der Weg zunächst über den vor der Eingangs- Pforte zum Thal liegenden Filialort Klingelbach hinaus in die gemächlich absteigende Thalsohle, bis die zu beiden Seiten immer näher hervortretenden Höhenzüge sich soweit verengen, daß fie uns ganz in fich aufnahmen, und bei der nächsten Biegung plötzlich der Eingang ganz verschwunden ist, und unS nun daS hochromantische Thal mit seinem zauberischen Bann stundenlang eivgeschloffen hielt. ES bietet dieses Thal, von der Verkehrsader abgeschlossen, und vom breiten Strom der Touristik durch seine Lage abgelenkt, dem Wanderer alle die Vorzüge und Reize eines beginnenden FlußthalS mit seiner frischen Ursprünglichkeit. Da wird der schmale Fußsteig, der fich eben noch am Dald-Wtesenrain hinschlängelte, bei einer vorspringenden Felswand am abschüsstgen Ufergelände jäh unterbrochen, da kommen denn die alpinen Aus
rüstungen bestens zur Geltung, bei denen die Bergschuhe ihre treuen Dienste leisten, denn bei den vielen Windungen und Krümmungen deS Thals muß oft auf wasserumspültem FelSgeröll, ja wohl an die 30 bis 40 Mal der Bach durchwatet werden, denn nur im Hochsommer, bei niedrigem Wasserstande ist der Weg ohne jegliches Hinderniß leicht und glatt palfirbar. Dabei führte der Weg in der Enge des Thals oft auf kurze Strecke den Felsen hinan, um von dort aus die Aussicht auf ein neu sich eröffnendes Thalbild mit einer malerisch im Wiesengrunde gelegenen Mühle darzu- bieten. Oftmals schiebt sich eine pittoreske Felsenwand weit inS Thal und giebt von unferm im feuchten Wiesengrunde fortführenden Fußsteig auS dann einen prächtigen Aufblick. Der in gewundenen Zickzacklinien oftmals sich htnschlängelnde Bach, von überragenden Baumwurzeln überschattet, bricht oftmals plötzlich seine Fahrt am WaldeSrande ab und staut sich dann im breiten Wiesenbette, um hier von Neuem eine Mühle zu treiben, deren wir wohl an die zwanzig gezählt haben und die oft nur auf Büchsenschußlänge entfernt, eine willkommene Abwechselung in der ftummlebenbtgen Natur schaffen. So geht es in drei bis vierstündiger köstlicher Wanderung ununterbrochen fort, uns in immer frischer Spannung auf neue Überraschungen erhaltend. Im unteren Theil deS Thals werden dann die Felswände noch schroffer und steiler, die Thalmulde bietet größere Ausbuchtungen und die Landschaft gewinnt an Großartigkeit, auch die Mühlen, jetzt auf stattlichen Brücken erreichbar, haben ein wohlhabenderes Aeußere, dabei ist der Sonnenstrahl nicht mehr so karg, er spiegelt sich auf thaufrischem Wiesengrund, in buntschillerndem Farbenspiel auf den mächtigen Buchen- und Eichenhalden, die Wege werden geebneter und ziehen sich zu bequemerer Abfuhr für Wald- und Wiesenertrag breit an den Bergen hinauf, uns zu bequemerer Fußwanderung einladend. Wir nahen dem Ende der Waldeinsamkeit und sehen bei einer neuen Wegkrümmung plötzlich vor uns in mächtiger Höhe daS köstliche Arstein, das auf stattlich sich erhebenden Felsen zwischen der Lahn und der Mündung unseres DörSbachS mit seiner Rückseite daS Jammerthal abschlteßt. So find wir nach der stillen Wanderung im abgeschlossenen Thal Plötzlich dem Verkehr der lauten Außenwelt wiedergegeben, dessen PulSschlag ein im Lahnthal vorbeiführender Eisenbahnzug noch ungesehen unS entgegenrasielt.
Da liegt es nun unmittelbar vor uns, das prächtige Arnstein und unten aus dem Thal rauscht unS die Lahn ihren Willkommengruß entgegen. Es ist Mittag und feierliche SonntagSstille lagert über der köstlichen Landschaft, die wir in willkommener Erholung vor den Klosterräumen voll genießen.
Der nach der Waldabgeschlossenheit ganz neue und überraschende Anblick des breiten LahnthalS fesselte uns mit seinem wundervollen Bilde. Unmittelbar vor uns liegt daS weitläufige Kloster in zierlichster Bauart mit seinen vier Thürmen. Das prächtige Eabinetstück in dem reichhaltigen Burgenschatze deS LahnthalS, „dessen weiße, zierliche Gebäude auf den hinter ihm liegenden Waldbergen so schön und malerisch ab« setzen", daß man nach Müller v. Königswinter, dem bewährten Landschaftskenner, kaum einen Punkt wüßte, der besser und lebendiger die deutsche Romantik auSdrückte, der ihn zu dem Fretltgrath'schen AuSrus begeistert: „Gruß dir Romantik." Wir übergehen die reiche Geschichte dieses anmuthigen Punktes, des ursprünglichen Sitzes der mächtigen Grafen von Einrichgau und wissen es auS landschaftlichem Interesse dem wilden Spröß- ling dieses Geschlechts, dem Raubritter Ludwig III., Dank, daß er in fich ging und mit reumüthigem Gewissen aus dem Raubneste eine Prämonftratenser - Abtei >schuf, deren landschaftliche Staffage dem Wanderer diesen herrlichen Genuß bietet. Mit einem Gruß nach Langenau hinüber verabschiedeten wir uns, um in der unterhalb des Klosters gelegenen Wirth- schaft zur Klostermühle ein nach der Morgenwanderung doppelt willkommenes, wirklich vorzügliches Mittagsmahl bei äußerst freundlichen und empfehlenswerthen WirthSleuten uns munden zu lassen und in bester Stimmung wir uns dann thalabwärts wandten. Bet Obernhof setzten wir auf der Fähre über, um auf dem jenseitigen Flußnfer für den prächtigen Sonntagnachmittag uns den besonderen Genuß eines köstlichen Landschaftsbildes gleichsam als Schlußtableau unserer lohnenden Fahrt trotz deS steilen Aufstiegs nochmals zu bieten. Oberhalb Obernhof erhebt sich auf steiler Anhöhe der Goethepunkt mit einem AusfichtSthurm, der von dem Vater eines der uns begleitenden Herren, weiland Oberförster in Nassau, an dieser entzückenden Stelle angebracht ist. Kaum eine zweite Höhe im weiten Lahngebiet möchte diesem Aussichtspunkte gleich kommen, denn von hier auS überblickt man die beiden Bergrücken und Seitenthäler tief unter fich in den verschlungensten Windungen, bis diese in den mannig-


