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Nr 146

Dienstag den 25. Ium

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Gießener Anjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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folgenden Tag erscheinenden Nummer b,S Borm. 10 Uhr. | <c I . _ r -i__

Amtlicher Thett.

Bekamttmachmlg,

betreffend Amtstage des Großherzoglichen Kreisamts Gießen.

Die unterzeichnete Behörde wird

Gamstag den 6. Juli 1895, Vormittags, einen AmtStag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingeseffenen aus den Amtsgerichts-Bezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubringen.

Gießen, den 21. Juni 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 21. Juni 1895.

Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießeu

Ätt die Groffh. Bürgermeistereien der in den Amtsgerichtsbezirkeu Grüuberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden desKreises Giesten.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juni. Kaiser Wilhelm wird nach einer Meldung auS Luxemburg dort Ende August zum Besuche deS Großherzogs erwartet. Bon Luxemburg aus begibt sich der Kaiser nach Schloß Urville in Lothringen, wo bekanntlich die Kaiserin mit den kaiserlichen Kindern einen längeren Auf- enthalt nehmen wird.

Berlin, 22. Juni. Wie aus Kiel gemeldet wird, haben sich die bei der Kaiserin schon seit einiger Zeit vorhandenen Indispositionen vermehrt. Die Kaiserin, welche infolge ihres leidenden Zustande- der feierlichen Eröffnung des Nord-Ostsee- Canals Überhaupt fernzubleiben gedachte, entschloß sich erst in letzter Stunde dazu, wenigstens den Kieler Festlichkeiten beizuwohnen. Durch die Retseftrapazen wurde das Allgemein­befinden derart ungünstig beeinflußt, daß sich die Kaiserin zu Bett begeben mußte. Sie bedarf einige Tage der Schonung.

Berlin, 22. Juni. Die gla n z v o ll en Fe ftl i chk e it en | im deutschen Norden anläßlich derEröffnung desRord- ostsee-Canals haben mit dem vom Kaiser am SamStag Abcnd im Kieler Schlosse gegebenen Diner ihren Abschluß gefunden. Es waren selten-scdöne Tage, welche sich jetzt in Hamburg und Kiel unter der lebendigen Theilnahme des ganzen deutschen Volke- abgespielt haben, mit ihren schier sinnverwirrenden farbenprächtigen und großariigen Bildern, welche wohl Jedem, der sie mit eigenen Augen schauen durfte, unvergeßlich bleiben werden. DaS Kaiserbanket im Hamburger Nachhause und daS märchenhafte Nachtfest auf der Alster, die Erüffvungsfahrt deS Festgeschwaders durch den Canal, die verschiedenen Festivitäten in Kiel mit frer Schlußsteinlegung zum Canal und die grandiose Flottenparade vor dem Kaiser und seinen fürstlichen Gästen als ihren Mittelpunkten, zum Sckluffe endlich die Manöver der deutschen Flotte im Betsein der fremden Flottenabtheilungen, das Alles vereinigte sich zu einem effeclvollen Ganzen, das sich noch lange von dem Strome der gewöhnlichen Tagesbegebenhetten leuchtend ab­heben wird. Als besonders erfreulich muß es bezeichnet werden, daß die Canalfeier trotz des Zusammenströmens ge­waltiger Menschcnmaffen und des Durcheinanders von fünfzehn Nationalitäten einen ungetrübten und ungestörten Verlauf genommen hat, einige Unfälle, die sich ereigneten, können angesichts der riesigen Dimensionen der Festfeier nicht weiter in Betracht kommen. Nunmchr ist die neue ; Wasserstraße, welche die Nordsee mit der Ostsee verbindet, i eröffnet möchten die mancherlei Hoffnungen, welche auf ' das jetzt dem allgemeinen Verkehr übergebene große Unternehmen 1 gesetzt werden, voll in Erfüllung geben. Möge sich der 'Kaiser Wilhelm-Canal", wie ihn der Kaiser getauft hat, vor Allem in Wahrheit als ein der Förderung des Völker- . friedens und der Völkerwohlfahrt dienendes Werk erweisen, i möchten die friedekündenden Verheißungen, welche Kaiser Wilhelm in seinen bedeutsamen Festreden von Hamburg und Kiel an die Eröffnung des neuen Canals geknüpft hat, voll und ganz ihre Verwirklichung erfahren.

Kiel, 22. Juni. Heute früh 63/t Uhr schiffte sich der Kaiser mit Gefolge auf demKurfürst Friedrich Wilhelm" ein, während die deutschen Fürsten, die regierenden Bürger­meister der Hansastädte und die fremden Fürsten die Yacht Hohenzollern" bestiegen. Um 7 Uhr begann das Flotten- Mauöver für das Manövergeschwader. DieHohenzollern" ! folgte der Manövkrflotte. Die zugelaffenen Schiffe schloffen

sich der Yacht an. Dte Manöver sind bei prächtigem, nicht zu heißem Wetter programmmäßig verlaufen.

Kiel. 22. Juni. Bet dem gestrigen Abendfest, welches der hiesige Journaliften-Veretn den auswärtigen Journalisten gab, hielt Staatsminister von Köller eine längere Ansprache, in welcher er ausführte, daß die Regierung die Bedeutung der Preffe nicht verkenne und sich freue, wenn c8 ihr gelungen sei, den Journalisten ihr schweres, verantwortungs­volles Amt zu erleichtern. Der Minister schloß mit einem Hoch auf den Verein.

Kiel, 22. Juni. Seit gestern Abend beginnt die Stadt sich allmählich wieder zu leeren- Extrazug auf Extrazug führt die herbeigeströmten Schaaren Schaulustigerdwieder tu die Heimath zurück. Immerhin bieten Stadt und Hafen noch ein überaus belebtes Bild, wozu daS herrliche Wetter nicht wenig beiträgt. Schon um 6a/t Uhr Morgens gingen die Schulschiffe zum Flottenmanöver in See, fast gleichzeitig wurde auf S. M. S.Kurfürst Friedrich Wilhelm" die Kaiierstandarte gehifft.

Kiel, 22. Juni. Als bei dem heutigen Flotten­manöver der PanzerWörth" den SchnelldampferAugusta Victoria", auf welchem sich auch die Mitglieder des Reichs­tages befanden, passtrte, rief der Commandant bex?Wörth", Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich, den in Parade stehenden Matrosen zu:Der Reichstag Hurrah!" worauf dte Matrosen kräftigst ein dreifaches Hurrah anstimmten. Die Paffagiere derAugusta Victoria" erwiderten mit einem dreifachen Hurrah auf Seine Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich.

Köslin, 22. Juni. Amtliches Wahlresultat der am 18. Juni im 3. Reichstagswahlkreise Köslin stattgehabten Ersatzwahl: Von 15,769 abgegebenen giltigen Stimmen entfielen auf v. Gerlach, Landrath a. D. (cons.), 7101, auf Benoit, Geh. Baurath (sreis.), 4650 Stimmen. Ersterer ist mithin gewählt.

Eltville, 22. Juni. In der Gemarkung Eltville hat eine Senkung des Geleises stattgefunden, infolge deffen werden dte fahrplanmäßigen Züge vorläufig nicht ab- gelassen.

Breslau, 22. Juni. Auf Anregung desBreslauer General-Anzeigers" wurden zu Ehren der Anwesenheit der französischen Schiffe bei den Kieler Festlichkeiten die auf dem hiesigen Garnisonktrchhofe befindlichen Gräber der 1870/71 in der Gefangenschaft in Breslau verstorbenen fran-

Feuilleton.

a r b t n b 11 n b.

Bon Marie Treuter.

(1. Fortsetzung.)

Professor Alfred Gottfried Müller galt bei allen seinen Schülern für arrogant. Er bekleidete außer seinem Amte als Professor am Gymnasium z. B. noch dasjenige eines literarischen Kritikers und hatte vor längerer Zeit ein Werk berauSgegeben, betitelt:Kritik der modernen deutschen Literatur", welches indessen bis jetzt nicht über dte erste, wie allgemein bekannt war, nur durch eine Subscription ermög­lichte Auflage hinauSgekommen war.

Armtnius Werter haßte alle arrogante Menschen.

Warum werden die Verdienste großer Männer oft erst «ach ihrem Tode anerkannt?"

Dies war also das Thema, welches Professor Alfred Gottfried Müller jüngst der Prima deS Gymnasiums zu B. aufgegeben hatte.

Mit wahrem Feuereifer hatte sich ArminiuS Werter in diese Arbeit versenkt. Er wurde nicht nur primus omnnim genannt, er war eS auch im wahren Sinne des Wortes, be- sonder- aber zeichnete er sich durch feine gediegenen, in knapper Form verfaßten, aber kraftvollen Aufsätze aus.

Der Tag erschien, an welchem der Professor dte Hefte an die Schüler zurückgeben mußte. Mit wachsendem Er­staunen bemerkte Armtnius Werter, wie der Professor die Hefte an feine Mitschüler vertheilte, das feine aber mit den Worten:Ich ersuche Sie, Werter, nach Schluß deS Unterrichts noch in der Klaffe zu verweilen, zurückbehielt.

Dte Stunde verging. Sämmtliche Schüler hatten sich «it mehr oder weniger mysteriösen Mienen entfernt. ArminiuS Werter war mit dem Professor allein. Sein Herz klopfte. Er war sich keines Unrecht bewußt, im Gegentheil, gerade diese Arbeit war ihm besonders gelungen. Wollte er ihn dafür besonders auSzeichnen? m irr c

Professor Alfred Gottfried Müller hatte die Brille ab- .zenommen. Das erste Mal in seine« Leben sah Armtnius

Werter in seine Augen. Und waS für Augen waren das? Braun, intensiv braun, groß, majestätisch, durchdringend, schneidend.

Schneidend ist auch seine Stimme, mit welcher er, ihm einen Zettel dicht unter dte Nase haltend, beginnt:

Werter, wollen Sie mir die Bedeutung dieses Zettels erklären?"

ArminiuS Werter weicht bei der plötzlichen Annäherung zurück. Indessen er ist nicht feige.

Der Zettel? Er ist allerdings von ihm. Mit der un- schuldvollsten Miene nimmt er ihn in Empfang. Er soll dem Professor dte Bedeutung erklären. Ja, warum denn nicht? Es ist der Entwurf zu dem Aufsatz. Er hat aus Versehen den Zettel im Heft liegen lassen. War das etwa ein Ver­brechen? Verständnißlos sieht er den Professor an.

Lesen Sie!"

ArminiuS Werter liest mit ruhiger, deutlicher Stimme: Warum beurtheilt die Nachwelt die Verdienste großer Männer richtiger als ihre Zeitgenossen?"

1. Unrichtiges Urtheil, hervorgebracht durch Unterschätzung.

a) indem die Zeitgenossen aus Neid die Verdienste großer Männer verkleinern,

b) kann man die Folgen der Verdienste oft erst nach dem Tode ihres Urhebers einsehen,

e) lassen die Menschen schwer von gewohnten Borurtheilen los und unterschätzen das Verdienst großer Männer, welche fle erschaffen haben,

e) Cann nichts Neues eingeführt werden, ohne daß Je- mand dadurch Schaden erlitte.

2. Unrichtigkeit durch Ueberschätzung.

Beispiele: Sokrates, KoperntkuS, Gallilet, Gutenberg, Muhamed, Alfred Gottfried Müller und andere.

BisAlfred" war er ahnungslos gekommen, dann hatte e» ihm momentan vor den Augen geflimmert, die Buchstaben tanzten auf dem Zettel hin und her, sie wuchsen zu gigan­tischen Leitern empor, verwandelten sich zu fratzenhaften Ge- Ratten und plötzlich stand deutlich von des Professors wuchtiger Handschrift geschrieben:Carcer."

DaS war das Schlimmste noch nicht. DaS Abtturtum

i stand vor der Thür. Er vermochte die Tragweite seiner I Thal nicht auSzudenkeu. Professor Alfred Gottfried Müller war tödtlich von ihm beleidigt worden, daS wußte ArminiuS

1 Werter nur zu gut. Hatte er ihn doch an seiner verwund­barsten Stelle getroffen, an seinem Ehrgeiz, daS forderte Rache.

Augenblicklich begnügte sich Professor Alfred Gottfried Müller damit, seinem Gegner einen vernichtenden Blick auß seinen noch immer unbebrillten braunen Augen zuzuschleudern, denselben in einer schwer zu beschreibenden Situation allein lassend.

Armtnius Werter war ein ehrlicher Bursche. Er fühlte, daß er eineTacilofigkeit begangen hatte, die eine exemplarische Strafe verdiente. Warum hatte er ihm nicht Carcer zu- ertheilt? Mit Freude würde er die Schmach auf sich ge­nommen haben. Die Ungewißheit war unerträglich. Sollte der Professor großmüthig auf jede Genugthuung verzichten? ArminiuS Werter wäre der Letzte gewesen, die Großmmh seines Gegners in Anspruch zu nehmen.

Gerade diese Großmuth verletzte ihn aufS Tiefste und gerade darum haßte er den Professor.

Wenige Tage nach diesen Ereignissen lernte er die braunen Augen kennen, welche von nun an den Glanzpunkt seines Daseins bilden sollten.

Jetzt fühlte er eS dem Professor nach, wie tiefschmerzlich eS war, nicht verstanden zu werden, nicht die gebührende Anerkennung zu finden. Und der Professor buhlte doch nur um die Anerkennung eines großen Publikum-, waS hatte daS zu bedeuten gegen sein Mischgeschick?

Ehrgeiz, Gewinnsucht dort, hier eine erste, wahre, alles umfassende Liebe.

ArminiuS Werter war nicht der Mann, der sich thatenloS einer sentimentalen Stimmung hinzugeben vermochte. Er handelte. Bor allen Dingen mußte er die Auserkorene seines Herzens Wiedersehen.

(Fortsetzung folgt).