Ausgabe 
25.4.1895 Zweites Blatt
 
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Nr 96 Zweites Blatt. Donnerstag den 25. April

1898

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Feuilleton.

Zriteinthkilungen und Kalender bei verschiedenen Völkern.

Von Otto Lehmann.

(1. Fortsetzung.)

Der römische Kalender wurde von Romulus, dem Gründer Roms (754 v. Chr) eingeführt, welcher das Jahr in zehn Monate theilte. Der erste Monat des Jahres hieß Martin- (März), da er dem Kriegsgotte gewidmet war, und hatte 31 Tage. Dann kam der Aprilts, der Oeffnende, weil in jener Gegend zu dieser Zeit die Erde sich gleichsam öffnet, mit 31 Tagen. Ihm folgte MajuS (Mai), der Aeltere- er war den Senatoren zu Ehren so genannt und hatte ebenfalls 31 Tage. Der vierte in der Reihe war der JuniuS, der Jüngere, dem Volke zu Ehren genannt; er zählte 30 Tage. Darauf folgten QuintiliS, der Fünfte, mit 31 Tagen, SextiliS, der Sechste, mit 30 Tagen, der Sep- lember, der Siebente, von 30 Tagen, der October oder der Achte mit 31 Tagen, der November, der Neunte, mit 30, und der December, der Zehnte, mit ebenfalls 30 Tagen. RomuluS Nachfolger, der zweite König von Rom, Numa PompiliuS (669 v. Chr.) fügte zwei Monate hinzu, den JanuariS, nach einem früheren lateinischen Könige JanuS, nachmaligem Gott des Friedens, und den Februarius, den Sühne-Monat. Der erstere zählte 31, der andere 29 Tage. Außerdem bestimmte er, daß-das Jahr mit dem 1. Januar beginnen sollte.

Die aus dieser Eintheilung des Jahres entstandene Un­regelmäßigkeit in Beziehung auf daS eigentliche Sonnen- oder Mondjahr war so groß, daß Julius Cäsar rach der Schlacht bei Pharsalus (48 v. Chr.) eine Ausgleichung für dringend viithig sand. Daher ordnete auf seinen Befehl der Alexandrinische Astronom Sosigenes das Jahr nach dem Laufe der Sonne". Dabei erhielt er 365 Tage und sechs Stunden, welch letztere er für jedes vierte Jahr zu einem Schalttag zusammensaßle und dem Februarius beifügte, wobei

verwischtes.

* Putzig (Westpreußen), 23. April. In Rutzau sind drei Kinder des Arbeiters Lock infolge Genuffes von farbigen Bonbons gestorben, ein viertes Kind ist schwer erkrankt.

* einen lustigen Nachtrag zu der Studentenfahrt nach Friedrichsruh verzeichnete kürzlich dieMagdeburger Zeitung" : Bei der Abfahrt nach Hamburg waren infolge deS gewaltigen ZudrangeS zum Bahnhofe rund 100 Leipziger Studenten in einen Zug gepackt worden, der in Wittenberge erst nach sechs Stunden Anschluß hatte, so daß die Armen gezwungen waren, von 9 Uhr Abends bis 3 Uhr Morgens in Wittenberge zu verbringen. Nachdem man vergeblich versucht hatte, mit den süßesten Flötentönen den Stationsvorsteher zur Bewilligung eines SonderzugeS zu bewegen, stürzte man mit sittlicher Erregung in die Diensträume, verlangte daS Beschwerdebuch, ein Jeder nahm die Feder zur Hand und nun begann ein furcht­bares Massendichten. Einige Dutzend von Kalauern strotzende und möglichst ungereimte Knittelverse, damit die Bahn­verwaltung Gelegenheit habe, für etwa darin enthaltene Anödungen auch ihn verantwortlich zu machen. Dann wälzte sich alles befriedigt hinaus, sinnend, womit man die Zeit verbringen könnte. Der Gedanke, den Einwohnern Witten­berges einen Fackelzug zu bringen, wurde mit ungeheurem Jubel aufgenommen- jeder kaufte sich eine Stearinkerze und eine Papierdüte vom BahnhofSwirth, machte sich eine primi­tive Laterne, und der Zug setzte sich wohlgeordnet und wohl- . commandirt in Bewegung unter den Klängen möglichst lustiger :t Lieder. Ganz Wittenberge eilte aus den Häusern und schloß sich dem Zuge an, der auf einem größeren Platz Halt machte , und einen Kreis um eine Laterne schloß, an der ein ebenso gewandter Turner als ulkigrr Redner hinaufkletterte, um von hier aus die Bürger des Städtchens in zündender Rede zu begrüßen. Unter stürmischem Beifall wollte er seine An ' spräche soeben in einem Hoch auf Bismarck auSklingen lassen, als ihn der Arm der Gerechtigkeit ergriff und so schnell herunterzog, daß er kaum Zeit hatte, noch schnell die Laterne auSzudrehen. DaS Auge des Gesetzes starrte ihm erst glühend ins Gesicht und dann verständnißlos aus die ihm entgegen gehaltene Studentenkarte- eine derartige Einrichtung hatte sich noch niemals in den Bannkreis seiner Macht ge- \ wagt. Zürnend erzählte man ihm, waS für ein Verständniß ; seine Hamburger Amtsbrüder einer derartigen Begeisterung

entgegengebracht hätten, zweifelte an seiner Existenzberechtigung und drohte, ein Hoch auf die Wittenberger Polizei auS zubringen, wenn er den Commilitonen zur Wache schleife. Das wirkte. Er ließ die Musensöhne, nachdem sie versprochen, sich in der nächsten Kneipe festzusetzen, ungehindert weiter­ziehen. Die nächste Kneipe war die Honoratiorenkneipe des Städtchens, und die ehrwürdigen Bürger sahen mit Staunen und Mißtrauen die übermüthigen Schaaren hereinströmen, durch das Local ziehen und von Mufikklängen angelockt, durch die nächste Thür in den Saal verschwinden. Ach! das Mißtrauen war nur zu berechtigt! Tanzten doch drüben die jugendlichen Honoratiorentöchter unter der Aufsicht eines gestrengen Tanzlehrers und einer noch gestrengeren Tanz­lehrerin mit jugendlichen Schülern und jugendlichen Hand- lungsbeflissenen! Der gestrenge Tanzlehrer und die noch gestrengere Tanzlehrerin flohen entsetzt von dannen, die Schüler und jugendlichen Handlungsbefliffenen empfahlen sich gleich­falls, und ihnen schloß sich der Roth gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, die Schaar der Backfische langsam trippelnd nnd verschämt um sich blickend an. Aber das kümmerte die Studenten nur wenig, sie engagirten sich gegenseitig mit zierlichen Knixen und feierlichen Verbeugungen und tanzten nach den Klängen einer eigene zu diesem Zwecke componirten Musik einen wilden Fackeltanz. Bald fand man mehr Geschmack an einem Commerse, Tische wurden zusammengerückt, Lieder gesungen, und schon nach kaum einer Stunde fand man die Honoratioren Wittenberges als zahlende Ehrengäste an den Tischen der Studenten, von denen sie sich mit Wohlbehagen als die Löwen des Tages feiern ließen. Kurz vor 3 Uhr trennte sich mit wehmüthigem Händeschütteln und Schmollistrinken Bürgerschaft und Studentenschaft, und mit dem LiedeStudenten find fidele Brüder, kein Unfall schlägt sie ganz darnieder" zog die letztere zum Bahnhof ab.

Literatur und Katt ft

Katechismus der BaueonstructtonSiehre. Mit be­sonderer Berücksichtigung von Reparaturen und Umbauten. Von Walther Lange, Dtrector des Technikum zu Bremen. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 343 in den Text gedruckten und einer Tasel Abbildungen. In Original-Leinenband 3.50 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Das Buch enthält Maurer- conftructionen, als Mauerverbände, Stärke von Mauern, Aufführen derselben, Versetzen der Hausteinstücke, Schornsteine und Feueranlagen, Bogen, Sogenformen, Bogenconstructionen und Gewölbe, Isolier­schichten, Lichtkästen, Unterkellern und ähnliches, Stampfbau Lebm, Kalksand und Beton, Verputzen, Gesimse, Verblenden, Fundtrungen,

I Gerüste, Fußbodenbeläge, Kegelbahnen, Pflasterung, Treppenanlagcn, 1 Thürme, Thurmspitzen auS Stein und Holz und Anlage von Waffer- behältern, Brunnen und Anderem. Die Zimmerconstructionen bieten Holzverbindungen, Hängewerke, Sprengewerke, Decken und AehnlicheS aus Holz, Balkenlagen, Fachwerkswände, Glockenstühle, Abspreizungen, Dächer und Dachausmittelungen und vieles andere. Dann finden sich verschiedene Constructionen für Thüranlagen, Fenster, Beschläge, Fußböden, Dachdeckungen Verglasungen und Constructionen deS Schlossers. Hieran schließen sich Reparaturen auf.dem Gebiete der Maurerarbeiten und Zimmererarbeiten und alS Schluß Umbauten und sonstige arbeiten. Es ist somit allen Fächern deS Bauhandwerks Rechnung getragen und daher in Wort und Bild ein Werk geschaffen worden, das nicht allein den Fachgenossen, sondern auch allen Bau­herren und Grundstücksbesitzern als unentbehrliches Hilfsmittel aufS Wärmste empfohlen zu werden verdient.

»«ettefle Erfindungen und Erfahrungen* auf den Gebieten der practischen Technik, Elecirotechnik, der Gewerbe, In­dustrie, Chemie, der Land- und Hauswtrthschaft rc. (A. Hartlebens Verlag in Wien). Pränumerationspreis ganzjährig für 13 Hefte franco 7.50 Mark. Einzelne Hefte für 60 Pfg. in Briefmarken. Diese gewerblich-technische Zeitschrift,welche in ihrem zweiundzwanzigsten Jahrgang erscheint, verfolgt nur rein praktische Zwecke. Die Mit­arbeiter sind nur Manner der Praxis, welche am besten die wirklichen Bedürfnisse der Techniker und Industriellen zu ermeffen verstehen. Die Zeitschrift, reich an Ortginalbeiträgen und conftructioen Ab­bildungen, bietet einen vollständigen UeberbUtf über alle Fortschritte im gewerblichen Leben. Besonders werthvoll erscheint es, daß in dieser Zeitschrist immer practtsche Wege zu neuen Erwerbsarten, verbesserte Arbeitseinrichtungen und practtsche Anleitungen zur Er­höhung der Concurrenzfähtgkeit gegeben werden. Dadurch empfiehlt sich dieselbe von selbst für jeden VorwSrtSstrebenden.

Technische Fortschritte.

Ein wirksamer Kitt für «laS und Metall Da es in der Technik oft große Schwierigkeiten bereitet, GlaS und Metall fest aneinander zu litten, so sei hiermit den Jnterefienten berichtet, daß, um Metalle an Glas zu befestigen, 1 Theil kaustisches Natron und 3 Theile Colophonium in 5 Theilen Wasser gekocht und mit der halben Menge Pariser Gyps gemischt werden. Nach der Verwendung trocknet dieser Kitt in einer halben bis dreiviertel Stunde. Er wird von Wasser, Hitze ober Petroleum nicht angegriffen und eignet sich daher vorzüglich zur Befestigung von Lampenballons an Metall. DieN. Erfind, u. Erf." bemerken dazu, daß sich eine MischunglauS Bleiglätte und Glycerin ebenfalls vortrefflich bewährt habe. Man reibt die Bleiglätte mit wafferhellem, syrupdickem Glycerin recht gleichmäßig an und bringt den dicken Brei beispielsweise in die Fassung für die Zapfen der Petroleum Glasgefäße. Dieser Kitt wird nach kurzer Zeit nicht nur steinhart, sondern widersteht auch allen möglichen Einflüssen, namentlich auch jenen des etwa in dem an­geführten Falle zu befürchtenden Herabfließens des Petroleums.

der 24. dieses Monats, der Tag nach dem Feste der Ter- minalien, alS der Schalttag galt, woraus eS sich erklärt, daß er keinen heiligen Namen hat*). Bei dieser Umgestaltung des Jahres entstand eine Differenz, die nicht weniger als 90 Tage betrug. Man sah sich daher genöthigt, das nächste Jahr (das 45. n. Chr. Geburt) aus 15 Monaten oder 444 Tagen bestehen zu laffen und nannte es Annue con- fusionie (das Jahr der Verwirrung). Seit dieser Zett wurde auch Julius Cäsar zu Ehren der QuintiliS, oder fünfte Monat Julius genannt. Mehrere Jahre später bekam auch der Name SextiliS eine andere Bezeichnung, indem er zu Ehren des ersten römischen Kaisers Oc'.avianuS Augustus den Namen Augustus erhielt.

Um das Jahr einer Begebenheit anzugeben, zählten die Römer von der Erbauung Roms, fügten aber gewöhnlich noch die Namen der in demselben Jahre amtirenden Consuln bei. Eigentümlich war die Art und Weise, wie sie die Tage ihrer Monate zählten. Sie hatten keine Wochen- Eintheilung, dagegen war jeder neunte Tag in Rom ein Markttag, der Nundinae hieß. Zwischen den Markttagen lagen für die Landleute die Arbeitstage. Der erste Tag eines jeden Monats hieß Calendae, in den Monaten März,' Mai, Juli und October hieß der siebente Tag Nonae und der fünfzehnte Idus, während in den übrigen Monaten der fünfte Tag mit dem ersteren, und der dreizehnte mit letzterem Namen belegt wurde.

Dieser römische ober Julianische Kalender wurde auch von den Christen angenommen. Da aber die überzähligen Minuten des Sonnenjahres in 130 Jahren einen ganzen Tag betragen, so beauftragte der Papst Gregor XIII. den Astronomen Aloifius Lilius, diesen Kalender einer Revision zu unterwerfen. Die infolge dessen beantragten Aenderungen wurden durch die Bulle vom 24. Februar 1582 für die katholische Christenheit gutgeheißen, mit der Bestimmung, daß im October 1582 zehn Tage wegfallen sollten, so daß dieser Monat anstatt 31 Tage diesmal nur 21 Tage hatte. Vom

*) Anmerk.: Der Geschichtsschreiber Professor Th. Mommsen bezeichnet auf eine in Afrika aufgefundene Inschrift sich stützend den 25. Februar als den eingeschalteten Tag.

4. October, welcher ein Donnerstag war, sprang man auf den 15. über, welcher eigentlich ein Montag gewesen wäre, nun aber zum Freitag wurde. Gleichzeitig wurde bestimmt, daß die durch Einschaltung eines vollen Tages nach je vier Jahren durchschnittlich zu viel gerechneten 11 Minuten und 10 Secunden dadurch zu beseitigen sind, daß alle 400 Jahre drei Tage ausgelaffen werden (der Ueberschuß beträgt in dieser Zeit etwa 3 Tage 21/2 Secunden) und zwar in der Art, daß nur die ohne Rest durch 400 theilbaren Säcular» jahre gerechnet werden dürfen. Daher wird 1900 ebenso wenig ein Schaltjahr sein, wie 1700 und 1800 es gewesen­er st das Jahr 2000 ist wieder als solches zu rechnen. Da nun aber nach 4000 Jahren die überschießenden Secunden wieder etwa einen Tag ausmachen, so wird nach diesem Zeiträume trotz alledem die Rechnung nicht stimmen. Das evangelische Deutschland nahm diesen Kalender erst später an, nachdem im September 1699 auf dem Reichstage zu Regens­burg ein dahingehender Beschluß gefaßt worden war. In demselben wurde bestimmt, im Jahre 1700 vom 18. Februar gleich auf den 1. März überzuspringen, doch blieb es vor­läufig im evangelischen Deutschland noch bei der althergebrachten Osterfest Berechnung, so daß ein Unterschieb von 8 Tagen bezüglich der Feier des Osterfestes zwischen den beiden Gon» fessionen bestand. Erst am 13. Juni 1777 wurde auf An­trag Friedrichs des Großen auch diese Abweichung vom Gregorianischen Kalender für die Evangelischen ausgegeben. Den Protestanten Deutschlands folgten diejenigen der Schweiz, indem auch fie im Jahre 1700 den neuen Kalender an» nahmen. Zum Ausgleich begannen sie das Jahr 1701 gleich mit dem 12. Januar. Diesem Beispiele folgte im Jahre 1752 auch England, welches vom 2. September sogleich auf den 14. Überging und gleichzeitig den Anfang deS JahrcS vom 25. März auf den 1. Januar verlegte, während im nächsten Jahre (1753) am 19. April Schweden und Norwegen ebenfalls den Derbefferten Kalender annahmen und im Jahre 1754 sogleich vom 17. Februar auf den 1. März rückten.

(Fortsetzung folgt).