Rr. 198
Der
Hießener «Anjeiger erscheint täglich, .Wit Ausnahme de- MontagS.
Die Gießener A«mttteuvtä1ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Samstag den 24. August
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
189»
Vierteljähriger Lvonncmcntspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogeir 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Txpeditio» und Druckerei:
Schukstrahe Ar.7.
Fernsprecher 51.
Zlints- und Zlnzeigcblatt für den Kreis Giefzen.
f9,„ ju d-rH-chmin-gs für b« | (Lratisbeikaae: chießener Aamitienökätter.
iben Nummer bis Borm. 10 Uhr. | o _____
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutscher Reich.
Berlin, 21. August. Der „Vorwärts" veröffentlicht schon wieder einen vertraulichen Erlaß, und zwar eine am 25. Juli ergangene Verfügung des Regierungsplästdenten an die Polizeiverwalter in Altona, Kiel, Flensburg und einigen anderen Orten Schleswigs, in welcher diese aufgefordert werden, socialdemoriatische Aufzüge, die nur dazu dienen sollen, durch das damit verbundene Aufsehen zu imponiren, die socialdemokratische Partei zu stärken und die ihr entgegenstehenden Bevölkerungsklaffen einzuschüchtern, nach Möglichkeit zu tnhtbtren, da dieselben mit ähnlichen Veranstaltungen anderer Vereine, welche nur patriotische oder Vergnügungs zwecke versolgten, nichts gemein hätten. Maßgebend in dieser Beziehung sei eine Erkenntniß des Königlichen Oder-Ver- avaltungsgerichts vom 9. Januar 1892, in welchem der Grundsatz anerkannt ist, daß ein öffentlicher Aufzug, welcher stch in einer Weise, welcher die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und die öffentliche Ordnung, insbesondere den Verkehr zu gefährden geeignet ist, über die öffentlichen Straßen hinwegbewegt, gemäß § 10 des Vereinsgesetzes verboten werden kann. Da diese Voraussetzungen bei den in Rede stehenden Festzügen der socialdemokratischen Vereine in den meisten Fällen zutreffen, so werden die Polizeiverwalter angewiesen, für die Folge derartige Festzüge in der Regel zu verbieten, wenn aber besondere Umstände eine Ausnahme gerechtfertigt erscheinen lassen, vorher die Ent> schetdung deS Regierungspräsidenten einzuholen. Daß die Sache, so wie sie in dem veröffentlichten Erlaß angeordnet ist, ziemlich einwandsfrei ist, bedarf keiner Versicherung- der „Vorwärts" ist aber veranlaßt von zweierlei Maß zu reden, mit dem die bürgerlichen Parteien und mit dem die Proletarier gemessen werden. Auffallend ist jedoch eins, was der besonderen Erwähnung verdient. Der Regierungspräsident batte seine Verfügung mit den Worten geschloffen: „Mit Rücksicht auf die bei secreren Erlaffen in letzter Zeit wiederholt vorgekommenen Jndiscretionen mache ich die Herren Polizeiverwalter für die strengste Geheimhaltung der vorstehenden Verfügung verantwortlich." Trotzdem wurde das Schreiben der Redaction des „Vorwärts" zur Verfügung gestellt.
— In der nächsten Tagung des Reichstags wird der „Mil.-Pol. Corr." zufolge ein Vorschlag zur ander- weiten Regelung des VerhältniffeS der Finanzen des Reichs mnd der Sinzelstaaten nicht wieder eingebracht werden. Der nächste Reichshaushaltsetat werde in allen seinen Thetlen
ein Bild der äußersten Sparsamkeit und Zurückhaltung mit | Forderungen darbieten.
Neueste Nachrichten»
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Breslau, 22. August. Die „Schlesische Volkszeitung" veröffentlicht folgenden Beschluß der Fuldaer Bischofs- Conferenz: „Zur Erinnerung au die göttliche Fügung, welche in den glorreichen Ereignissen vor 25 Jahren gnädig über unserem Vaterlande gewaltet hat, verordnen wir, daß am 1. September in allen Kirchen unserer Diöcesen mit dem Hauptgottesdienste ein feierliches Tedeum unter Einläutung desselben am Vorabende verbunden wird. Der in Fulda versammelte preußische EpiScopat".
Kiel, 22. August. Die Manöver der Herbst- Übungs flotte in der Nordsee werden bis zum 25. d. M. dauern. Am 27. erfolgt die Abfahrt nach der Ostsee. Während der dreitägigen Fahrt um das Cap Stagen werden Evolutionen vorgenommen werden. Am 30. trifft die Flotte in Kiel ein, wo am folgenden Tage Kohlen aufgefüllt werden. Am 1. September ist Ruhetag, am 2. September findet große Sedanfeier statt, am 3. werden die Hebungen wieder ausgenommen. Die Flotte geht zunächst nach Saßnitz, trifft am 11. tn Danzig ein, wo bis zum 15. die Schlußmanöver statlfinden. An letzterem Tage erfolgt vor Neufahrwaffer die Auflösung der Flotte.
Luzern, 22. August. König Alexander von Serbien kehrte mit seinem Vater gestern Abend von einem Ausfluge nach Meiringen über die Grimselstraße zurück. Beide reisen heute Abend nach Paris ab.
Paris, 22. August. Die Direction der Glashütten in Carmaux erklärt in einem Briefe, daß fie den Ausständigen keine neue Zugeständnisse machen werde.
Loudon, 22. August. DaS Reuter'sche Bureau meldet aus Yokohama, daß seit dem AuSbruch der Cholera in Japan dort 25,000 Erkrankungen vorgekommen find, von denen 16,000 tödtlich verliefen.
Petersburg, 22. August. Der Kaiser und die Kaiserin haben sich gestern nach KraSnoje Sselo zu den dort staitfindenden Manövern begeben.
Depeschen deS Bureau .Herold"
Berlin, 22. August. Die Reise des Kaisers von Oesterreich nach Stettin ist eine rein militärische. Kaiser I Franz Josef wird daher von keinem Minister, wohl aber von
dem Chef deS Generalstabes begleitet sein. Der Aufenthalt wird bis zum 12. September dauern.
Berlin, 22. August. Die „StaatSbürger-Zeitung" schreibt in Bezug auf das H ö llen m a s ch in en - At te n tat, dem der Polizeioberst Krause zum Opfer fallen sollte: Neuerdings sind gegen mehrere Personen wichtige Verdachtsmomente zu Tage getreten. Infolge deffen fanden heute Vormittag auf Veranlaffung der Staatsanwaltschaft durch Polizeibeamte mehrfach Haussuchungen und Verhastungen statt. Die Verhafteten wurden noch im Laufe deS Nachmittags der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Man hofft nunmehr auf der richtigen Spur zu sein und die Attentäter überführen zu können. _ , x a RK//
Wilhelmshaven, 22. August. DaS Torpedoboot „8. 55 hat Ordre erhalten, der am 2. September stattfindenden Feier am Niederwald-Denkmal beizuwohnen. Es geht bereits in den nächsten Tagen von hier den Rhein aufwärts. . , c,, r
Meiningen, 22. August. Die Landessynode beschloß, den Oberkirchenrath zu ersuchen, dahin zu wirken, daß der gesetzliche Zwang zur Abnahme überflüssiger Eide in Wegfall komme. .
Lemberg, 22. August. Der „Kurjer Lwowski" berichtet. Während des letzten Manövers der hiesigen Garnison nahm eine Cavallerie-Attacke auf das 24. Infanterie-Regiment einen so unglücklichen Verlauf, daß 30 Infanteristen unter die Pferde kamen und schwere Verletzungen erlitten.
Rom, 22. August. Aus Palermo wird mitgetheilt, daß in ganz Sicilien eine große Agitation begonnen habe g egen die Eintreibung verschiedener Steuern. Nach mehreren Ortschaften mußten Truppen abgehen. In Scordia hat die bewaffnete Macht das Municipalgebäude vor einem Ansturm Seitens der Einwohner schützen müssen. In verschiedenen anderen Orten mußten die Steuerbureaus militärisch besetzt werden.
London, 22. August. Aus Hongkong wird gemeldet, daß bei Futschau neue G e w a ltt h ätig k eit en stattgefunden haben. Die Capelle und Schule der dortigen amerikanischen Mission find von einer wüthenden Volksmenge zerstört worden.
Portsmouth, 22. August. Heute wurde hier ein neues englisches Panzerschiff „Prinz Georg" vom Stapel gelassen. Dasielbe ist 350 Fuß lang, 75 Fuß breit, hat 27V2 Fuß Tiefgang und ist mit 50 Kanonen arrnirt.
Belgrad, 22. August. Auf den General-Gouverneur von Macedonien, Abdnl-Kerino Pascha, wurde ein
Feuilleton.
A Ermattungen eines freiwillige« Kauitätsmauues aus de« A«g«st- «ad Zeptembertage« des Jahres 1870.
(2. Fortsetzung.)
fuhren nach Darmstadt und meldeten uns im PalaiS deß Prinzen Ludwig- hier herrschte eine bcwunde- rungswürdtge Thätigkeit unter dem Protectorate der unvergeßlichen Prinzessin, späteren Großherzogin Alice von Heffen. Hofgerichtsrath Weber (jetzt Finanzminister, Excellenz) empfing unS und gab uns die erforderlichen Instructionen. In dem Augenblicke, als ich mich zurückziehen wollte, traf eine Depesche der 25. Division ein, wonach eine Parthie Specialkarten der Umgegend von Metz dringend erwünscht sei. Sofort erhielt ich 25 Stück Reymann'scher Special- karteu (ich selbst hatte mich vorher mit einer solchen versehen), dann ging es nach dem Bahnhofe, wo mir Major KniSpel, der Etappencommandant, die erforderlichen Legitimationspapiere einhändigte. Unsere Abreise konnte jedoch erst in der Frühe deS 22. August -erfolgen. Bis Mannheim ging es leidlich schnell- hier herrschte ein gewaltiges Gewühl- gegen Abend gelang eS, weiterzukommen, wir erreichten noch Kaiserslautern und boten, als wir erfuhren, daß wir mindestens 12 bis 15 Stunden liegen bleiben müßten, unsere Dienste in den Lazarethen an, erfuhren aber, daß reichliche Kräfte vorhanden seien. Ein junger Arzt, Dr. Sch., schloß sich uns an, waS freudigst begrüßt wurde- wir hatten nun auch einen Techniker bei unserer kleinen Sanitätstruppe. Arn anderen Tage (23. August) ging es weiter- wir gelangten bis Saarbrücken. Auch hier war in den Lazarethen gut gesorgt. Der eingeäscherte Bahnhof, sowie verschiedene abgebrannte Häuser in der Stadt und in der Vorstadt St. Johann zeigten uns die einzigen Heldenthaten der Franzosen auf deutscher Erde anno 1870.
Gegen Abend setzte sich unser Eisenbahnzug, welcher tn«
zwischen auf 94 Waggons mit drei Locornotiven angewachsen war, langsam in Bewegung. Wir hatten uns in einem Viehwagen mit Heu und Stroh, die Rucksäcke als Kopfkiffen, ein leidliches Lager hergerichtet. Es ging an dem Eisenwerke Stiring und an Forbach vorüber. Bei St. Avold blieb der Zug liegen- alle Lichter wurden Abends ausgelöscht. Franc- tireurs hatten aus dem Walde auf unseren vorüberfahrenden Zug geschaffen. Mehrere Stunden mochte der Zug still gelegen haben, als er sich wieder langsam in Bewegung setzte- ich erhob mich, indem ich mich auf den rechten Arm stützte, und stieß meinen Nachbar Dr. S. an. „Es scheint, wir fahren weiter, das wäre hocherfreulich," bemerkte ich. — Dr. S. murmelte schlaftrunken etwas vor sich hin. — Der Zug hielt einen Augenblick an, bann setzte er sich wieder in Bewegung, aber wie es schien, rückwärts. Plötzlich erfolgte ein gewaltiger Stoß, ein Krachen, Knarren und Knirschen kam unmittelbar darnach, wobei ich wie ein Spielball bis an die entgegengesetzte Wand über die „löffelchesweise" hintereinander liegenden Schläfer wegflog. Aus dem unmittelbar vor uns laufenden Wagen, der von Markedentern und Marke- denterinnen besetzt war, erschollen so herzzerreißende Töne, tote ich fie weder vorher, noch nachher jemals vernommen habe. Unser Zug mußte, wie wir später hörten, auf ein anderes Geleise verbracht werden, weil ein russischer Courier per Extrazug mit Depeschen aus Petersburg an König Wilhelm durchkäme. Auf dem anderen Geleise standen jedoch 12 bis 14 aneinander gekoppelte leere Güterwagen, welche in der Dunkelheit nicht bemerkt wurden. Auf diese fuhr unser mächtiger Train mit ziemlicher Schnelligkeit los. Die vordersten Güterwagen zersplitterten wie eine zerschmetterte Schachtel Streichhölzer. WaS von den Waggons nicht zermalmt wurde, aber Räder behielt, ergriff das Hasenpanier und lief davon, wie die Eigentümer der Waggons, die edlen Franzosen. Die Dunkelheit machte die Sache viel grausiger als sie sich später herausstellte. Wir kamen mit einigen geschundenen Nasen, Beulen und Schrammen davon. Das Widerwärtigste bei der Geschichte war das Gefühl völliger
Hilflosigkeit, ähnlich wie ich es bei Erdbeben, welche in den Jahren 1869 und 1870 die Gegenden bei Groß-Gerau und an der Bergstraße heimsuchten, empfunden hatte. Wer noch keinen Eisenbahnzusammenftoß und keine Erderschütterung erlebt hat, weiß nicht, was Hilflosigkeit ist. Wir sprangen aus dem Wagen, wie die Übrigen Reisenden. Mit Hilfe einiger kleinen Blendlaternen, welche verschiedene Paffagirre bei sich hatten, wurde der Vorfall untersucht. Erst nach Tagesanbruch (25. August) stiegen wir wieder in unseren Viehwagen, der nicht den mindesten Schaden gelitten. In mäßiger Eile ging es über Falkenberg (Faulquemont) und Herny nach Remilly, der letzten erreichbaren Eisenbahnstation vor Metz.
Unsere Fahrt war verhältnißmäßig schnell und glücklich von Statten gegangen. Nun hieß es marschiren.
Im Begriffe, nach dem Dorfe Remilly zu gehen, hielt man uns an. Niemand durste hinein, jedes Haus, jede Scheuer, jeder Stall war mit Schwerverwundeten besetzt. Nicht einmal ein Tropfen Wasser durfte an Gesunde abgegeben werden. Die Leichtverwundeten waren sämmtlich evacuirt worden. — Der Magen regte sich bei unS- seit 20 Stunden etwa hatten wir nichts mehr genoffen. Wir schauten uns nach den Markedentern um, welche mit in demselben Zuge fuhren- fie seien bereits nach Voimehaut, östlich von Remilly, mit Fuhrwerk abgeholt worden, hieß eS. Von dem grausigen Chaos, das um Remilly herrschte, hat nur Derjenige einen Begriff, der es sah. Eine Schilderung versuchen wir gar nicht. Nur das sei bemerkt, daß aus mehreren Eisenbahnwagen die Pilze von verschimmeltem, in Fäulniß übergegangenem Brode handlang hervorsahen. Der Geruch davon, gemischt mit demjenigen von In Verwesung übergegangenen tobten Pferben und Rinbvieh, von Menschenblttt und etternben Wunben, von Rauch unb Brand legt sich Jedem, der zum ersten Male auf ein Schlachtfeld kommt, schwer auf die Nerven, selbst bann, wenn er eine starke Körper« unb Sinnenbeschaffenheit besitzt.
(Fortsetzung folgt).
I


