Ausgabe 
24.2.1895 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1893

Sonntag dm 24. Februar

M 47j Drittes Blatt.

tnt Gießener freeUUeltlttn wctttn brwi Mnjrigtr bttimel

Der

Vwhtwx **|rte<r «»scheint täglich eit Lusnahm» bffl Montag»

8Vxt*UW* jL»»xecMteUn*1 9 «er! 20 Wfr» Vringerlehn.

D«ch die Post bezeG» 1 «art 60 Ps,.

ÄAvtien ^nxbNbe enb Druckerei: Och»«tN^H.

Fcrn^recha 8L

Siebener Anzeiger

Keneral-Mnzeign.

Amts» ttnb An;«igeblatt für den Kreis öiefeen.

Hratisbeitage: chießener Aamitienßkätter

g[flt Rllnoncen-Lurnmx de» In- und HuÄlanbel nehm« Anzeigen für ben ,«iehener Anzeiger^ entgegn».

Begnadigung erfolgte denn auch. Ob der greife Kaiser dieses Gesuch vielleicht seinemgrüßen Jungen" gezeigt und dieser in seiner Herzensgute und bei seiner Empfänglichkeit für Humor es recht warm besürwortet hat ?

Der deutsche HandlungSgehulfe war von jeher, so schreibt man derKöln. Ztg." aus London, der Popanz seines englischen Genossen, der sich von ihm auS den Euhgeschäften verdrängt glaubt. Dieser Brodneid, der sich fast bis zum Hasse steigert, ist namentlich vomDaily Telegraph" durch Leitartikel geschürt worden, und nun scheint auch ein Corre- spondent derEily Preß" diese Streitfrage verbittern und den hiesigen deutschen HandlurgSgehülfen daS Leben schwer machen zu wollen, indem er in emer Zuschrift an das C tyblatt zugibt, der größere Theil der Antworten, die er auf sein Gesuch nach einem HandlungsgehUlfen erhalten, seien von Deutschen gekommen, die in keinem Falle mehr als 15 Schillinge wöchentlich verlangten oder anderseits sich anboten, die Stelle ohne Gehalt zu übernehmen. Dem Verfasser der Zuschrift (die auch durch die deutschen Zeitungen gelaufen ist) scheint eS aber nicht eingefallen zu sein, daß die Mehrzahl dieser Deulsch-n nur zeitweilig in eine solche Stellung tritt, um daS Geschäft und die Sprache zu lernen, und dann nach der Heimath zurückkehren, um dort ihre Kenntnisie zu verw:rthen, daß also ein Wettkampf ums Leben zwischen dem deutschen und englischen Handlungsgehülfen in London daraus nicht gefolgert werden kann.

Eine Kaiserstiftung für Arbeiterwohuungen. Kaiser Franz Josef von Oesterreich-Ungarn will, daß sein fünfzig­jähriges Regierungsjubiläum im Jahre 1898 thunlichst durch Schaffung von Wohlfahrtseinrichtungen gefeiert werde. Zu diesem Zwecke hat er genehmigt, daß auS dem Wiener Stadt- erweiterungSfondS 250000 fl. überwiesen werden an eine neue Kaiser Franz Josef-Stiftung zur Erbauung billiger und gesunder Arbeiterwohnungen in Wien. Dieser Stiftung soll auch das Vermögen des Vereins für Arbeiter­häuser zusallen. Zu gleichem Zweck hat der ntederösier- retchische Gerverbeverein 10000 ft. bewilligt und wettere namhafte Beträge stehen in Aussicht. Aufgabe der neuen Stiftung soll eS sein, Häuser mit kleinen Wohnungen zu erbauen und zu verwalten, alle einichläg gen Fragen zu unter­suchen und gesetzliche Bestimmungen, sowie Verwaltungs- Maßnahmen zur Verbesserung der WohnungSverhältnisie an­zuregen. Nach einem bereits vorliegenden Plane sollen zunächst zwölf dreistöckige Häuser mit 180 kleinen Wohnungen, be­stehend auS Zimmer, Kammer und Küche, erbaut werden. Bei einem Mtethpreise von 120 Mark jährlich würde sich eine Verzinsung von 4>/z Procent ergeben. Von anderer Seite ist angeregt worden, kleine Familtenhäuser nach englischem Vorbilde mit Gärtchen zu errichten. Außerdem hat man I auch den Bau von Volkshallen zur Belehrung und Unter-

Haltung in Aussicht genommen. Da der Kaiser selbst sich für die Sache intereisirt, so wird sie voraussichtlich in wetteren Kreisen ausgiebige Unterstützung finden und man darf an­nehmen, daß die Wohnungsfrage nunmehr auch in Oesterreich practisch und thatkräftig angefaßt werden wtrd.

Kalte Jahre. DerTempS" stellte kürzlich die Jahre dieses Jahrhunderts zusammen, tn denen es kälter war als sitzt. Am 15. Febr. zeigte daS Thermometer den tiefsten Stand 13 5 Grad. Es war kälter tn den Jahren 1802 (15.5), 1803 (15.5), 1820 (14.3), 1824 (14.6), 1829 (17), 1830 (17.2), 1838 (19), 1840 (13.6), 1846 (15.1), 1853 (14 4), 1860 (16.2), 1871 (21.5), 1879 (25.6), 1888 (15), 1890 (15). Es ist alfo dts j.tzt in 95 Jahren nur lömal kälter gewesen wie jetzt. DerTempo" Der# zeichnet auch die Jahre, tn denen es tm Februar kalter war wie tm Januar: eS sind die Folgenden: 1801, 1803, 1804, 1805, 1808, 1814, 1816, 1827, 1845, 1853, 1860, 1865, 1870, 1874, 1876, 1888.

Vermischte».

Mannheim, 20. Februar. Eine trübselige Hoch zeitSreife nach Italien hat ein junges Ehepaar auS Breslau durchgemacht, das von der hiesigen Armencommtssion eine Retleunterstützung von 4 Mark erhielt, um nach Darm­stadt fahrin zu können, wo es zur Weiterbeförderung aber- malS die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch nehmen mußte. W.e daS Pärchen, das den Eindruck trostlosester Nieder­geschlagenheit machte, angab, hatte es mit einem Reisegeld von 900 Mark die Hochzeitsreise nach Italien angetreten. In Neapel war ihm das Geld ausgegangen und eine tele­graphische Bitte um Nachsendung weiteren Geldes war zu Hause, wo man auf die Verbindung übel zu sprechen war, wirkungslos geblieben. Der deutsche Consul, an den sich der junge Ehemann tn seiner Verlegenheit wandte, konnte nichts thun, als für Rückbeförderung bis zur Grenze sorgen, von da ab reiste daS Paar auf Kosten der öffentlichen Armenpflege.

Aus Gnadengesuchen an Kaiser Wilhelm I. sei Folgendes mitgethetlt:Nachdem mich August Schulze, waS der ober- faulste Schul »er hier am Platze ist, schon viele Monate durch Schwindeleien htngehalten hatte, sagte er, als ich ihn zum hundertsten Male mahnte, ich sollte nur die Hand auf- machcn, da würde ich daS Geld wtederbekommen. DaS ihat ich. Statt des Geldes spuckte er mir tn die Hand. Da habe ich ihm freilich mit der Faust einige Zähne entzwei geschlagen. Aber hatten es Ew. Majestät viel- leicht anders gemacht?" Ebenso apostrophirt ein gleichfalls wegen Körperverletzung Bestrafter den Kaiser: Ew. Majestät find ja auch einmal jung gewesen und reiften aus eigener Erfahrung, daß man auf dem Tanzboden leicht Krakehl bekommt, wenn man einen zu viel getrunken hat." Wir schließen mit der wortgetreuen Wiedergabe eini'S Bittgesuches einer Schlesierin, daS sie für ihren wegen Diebstahls bestraften Sohn an den Kaiser richtet, und in welchem sich ein rührendes Vertrauen zu dem Landesvater funbgibt:Hochgeehrte großmächtige Magisteetl Nehmen SeeS mer nid) für ungutt, wenn ich schreib an Sie. Ich machS kurz, weil Sie ja ooch nid) viel Zeit Ham wern. Nämlich Korle (Karl), m-1 elfter sonst a ganz gutteö Jüngel. A iS ock halt blüßlg (nur, bloß) et schlechte Kum- panl veigeroihen und da Hot er gelangfingert. Liebste, beste, Maglsteet, thun Se mer ock a eenztgsten Gefallen und be- gnodigen Se mer met Sohndcl. Ich wern schont wieder orml'ch kriegen. Sie Ham ja ooch 'n grüßen Jungen der wol ooch schont manches ausgefressen hat. Nu läben Se mer recht gesund, Magtstet, und grüßen Se mer Ihre Frau, de Kaiserin, recht schiene von Ihrer aller- unterthänigsten Dienerin, der Wittwe Nilschken." Die

Was der Anrufende Ule« pyontrt hat.

Wien. JulrS Payer, der Letter der ersten Siordpot-Expedtlton, bat sich nach Breme,Haven gewandt, wo er alsbald eine neue Expedition auSrüsten will.

Rom. Die Papiere der Jta- lienischen Bank Haven heut an den Börsen meilicne verloren; steno- tiiten ungefähr 755.

(Stuttgart. Die soctaltstische Partei Württemverg puolktit Soeben ihre EantndatenUfte. Die Liste enthält 18 Personen, von denen einige in mehreren Wahl­kreisen candidiren.

Budapest. Offen wird in Budapest auszelprochen, daß Wekerle noch in diesem Jahr die Getchäfle wieder tn die Hand nehmen wird.

Bangkok. Der Kronprinz von Siam, der an Asthma litt, hat ausgeliiten. Sein Htnscheiden Hai dir Bevölkerung tief erschüttert. Man rühmt ihm nach, daß er einen vortrefflichen Eharacler, wie sein Vater, besessen habe.

«MNUtzme eoe Injtige* |u btr Nachmittag« für Ve i eiern btn Tag erscheinenden Nuipmer bi« Norm. 10 Uhr.

gedruckt wurde.

JuleS M^yer, der Leiter der ersten ö|lerre.ch,schen Nordbahn- Dluclion, ist in Bremen zum Grasen ernannt, weil er mit aller Gewalt eine neue Konfession, die der Christen, will.

Die Füsi.iere der Italiener find krank, sie Haven heut ein böseS Reißen tn den Ohren; es deser- tiuen aus dem Heer 755.

Bei dem socialistischen Lakai Hirrenberg explodirle soeben eine Glanatenkiste. Die Kiste enthielt 18 Patronen, von denen einige mehrere Maie leise detonirien.

In Ofen und in BudweiS ist die Pc,r ausgebrochen, sodaß der Schrecken noch in diesem Jahr hestig überhand nehmen wird.

Der Kronprinz von Siam, der auf dem Asphalt schritt, ist auS- geglttten. Sein Htngleiten hat die Bevölkerung lief erbittert. Man rühmt ihm nach, daß er I vortrefflicher und compacter wie | sein Vater gesessen habe.

* Mißverstanden, wie telephonirt! So lautet die neueste Variante der früheren Sentenzgelogen, wie telegraphirt"- daß sie nicht ganz der Berechtigung entbehrt, beweist die nachfolgende ZeitungSnummer, welche auf dem heute üblichen Weg der telephonischen Berichterstattung entstanden ist.

Wie es verstanden und

Feuilleton.

Wochenbriesc »us btt Mtfibenj.

(Ortginalbericht beS(Siebener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 21. Februar.

Vo« Sarneval. - Fünftes Hofmufik-Concert.

Vom Großh. Hostheater.

Dom carnevaltsttschen Leben unserer Stadt will ich Ihnen heute belichten, obwohl Fastnacht noch n cht ge* wesen, die lustige Narrenzeit also noch nicht einmal zu Ende ist, ja, des Haupteff cies noch völlig entbehrt. Jndiffen die Beobachtungen, die ich angestellt habe, gestatten schon heute ein abschließendes Urtheil. Wer daß Carneoalsleben einiger­maßen kennt, der weiß, daß für den, der einen wirklichen Genuß darin sucht, die Zeit vor dem Fastnachts-DienStag diesen mitbringt, der Fastnachts Dienstag mit seinemRummel und Trubel gehört der Masse- er bleibt sich gleich tn jedem Jahre, mag der Lärm, der ihn begleitet, nun etwas stäiker oder schwächer sein, in seinem Grundcharacteristikum «st er eben einzig und allein. Anders mit den carnevaltsttschen Ver­anstaltungen der vorhergehenden Zeit. Hier zeigt sich in den einzelnen Sitzungen, ob wirklich Humor und Pitz in einer Gemeinde lebt. Bei uns Darmstädtern ist ja daS eigentliche FaschingSleben noch verhältnißmäßig jung. Dor kaum einem Decennium erst sozusagen als Treibhauspflänzchen importin, ward es von sorgsamen Händen gehegt und ge­pflegt und hat sich nunmehr in recht imponirender Weise entwickelt. Nicht wenig Arnheil an dieser gedeihlichen Ent­wickelung hat aber unsere Nachbarstadt Mainz, jene Hochburg ächten FaschingStreibenS. Sie sandte schon seit Jahren ihre besten Kräfte, damit sie unter unS wirkten durch humoristische Borträge in den Sitzungen re. Zu bedauern ist nur, daß das EarnevalSleben unserer Stadt nicht in einheitlicher Leitung

liegt. Zwei große Dere'ne stehen sich gegenüber:Der Zug Verein" und dieCarnkvalgestllichasl", und d e Be­ziehungen der beiden zu einander find eben, wie es in der Natur der Sache liegt, nicht die besten. Ein FaftriachtSzug kam tn diesem Jahre nicht zu Stande, inbtft.n hat man schon jetzt begonnen, Vorbereitungen für einen tm nächsten Jahre, wo derZug-Verein" sein zehnjähriges Bestehen feiert, statt findenden zu treffen. Zwanzig Groppen sind schon äuge- meldet und wenn so rührig weitergeardettet wird, kann etwas Großartiges aus der Sache werden. Für dieses Jahr hat es derZug-Verein" bei einem Maskenball am Faftnachts- DienStag bewenden lüften. DieCarnevalgesellschaft" hält ebenfalls einen Maskenball, hat indessen schon zwei Herren- und Damensitzungen und eine Herrensitzung veranstaltet, die unter ganz coloftolem Andrange des Publikums sämmtlich einen großartigen Verlauf nahmen. Die auflretenden Redner entfalten Witz und Humor in Fülle und auch die eigen« ge­dichteten carnevalistischen Lieder zeigten, daß den Darmstädiern der Fasching allmälig in Fleisch und Blut Übergeht. Daß auch die hohe Stadtverwaltung Gefallen an ihm findet, be» zeugte der von ihr zur Ertheilung des städtischen Segens eigens entsandte erste Beigeordnete Dr. Köhler.

Die Bekanntschaft eines in unserer Stadt noch nicht gehörten TonwerkeS vermittelte daS am letzten Montag statt- gehabte fünfte Hofmufik-Concert unter Leitung deS HofcopellmeifterS W. de Haan seinen zahlreichen Hörern durch die Aufführung der Berlioz'schcn SymphonieHarold in Italien". Ein eigenthÜmlicheS Werk, voll vcn groleSken, ja oft geradezu ungeheuerlichen und bizarren Motiven, das trotzdem eine geniale Eigenart des Schöpfers verräth, die auch den Beifall deSNicht Berlioz-SchwärmerS" heraus- fordert. AIS Solisten waren für den Abend gewonnen Fräulein Toni Can statt auS WormS, die besonders durch eine Anzahl neuer Lieder von Giehrl und Schumann sich

lebhaften Dank erwarb, und der Dioloncellist'Car 1 Fuchs aus Manchester, der auch hier seinem Rufe als Künstler von ganz brillantem Können alle Ehre machte.

Unser Hoftheater beherbergt feit zehn Tagen zwei illustre Gäste, die den vergangenen beiden Wochen die Signatur wahrer Festiage gaben: S gnonna Franceschina Pre­vost i abioloinc etn dreiabeadticheS Gasttpiel, das am ver­gangenen Sonntag setn Ende fand, und jetzt gastiit der Generaidtrector der bayerischen Hostheater, Ern st P o s sart, ebenfalls an drei aufeinanderfolgenden Abenden. U ber ihn werde ich nach Beendigung seines hiesigen Aufenthalts im näd sten Briefe beraten, heute meinem Versprechen gemäß Einiges über die ^evostt. Ihre Anwefenhett bot den Anlaß zur Hervorholung eines von unseren Theaierbesuchern fast ver- offenen Werkes, der dreiactigen OperDworah" von Meyerbeer. Wohl dte geradezu beispiellosen Schwierigkeiten der Titelrolle mögen der Grund fein, weßhaib man feit mehr als 25 Jahren nicht mehr an eine Wiedergabe deS Werkes dachte- einer Prevosti gab sie willkommen Gelegen- he.t, die ganze sieghafte Meisterschaft ihrer genialen Gesangs- lauft zu zeigen. Rauschend war der Beifall, der die Leistungen der gefeierten Künstlerin begleitete, ja, am Sonntag bei der Wiederholung der Oper steigerte er fich zu dreizehn (I) Hervor­rufen. Außer der Dtnorah fang die Prevosti die Partie der Violetta Valery tn VerdysLa Traviata", eine Rolle, die neben erheblichen gefänglichen Anforderungen auch solche schauspielerischer Natur tn großem Maße stellt. Daß der Gast auch diese in einzig dastehender Art befriedigte, ist un* nöthig besonders bemerkt zu werden. Ausverkaufte Häuser, prächtige Blumenspenden und biß zum Enthusiasmus ge­steigerter Beifall waren dte unzertrennlichen Begleiter der Künstlerin bet jedem Auftreten.