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Feuilleton.
Aus alter Zeit.
(6. Fortsetzung.)
Hab mich flugs vom Bänkletn erhoben, der Jungfrauen mein Reverenz zu machen und die Rechte ihr gar ehrsam und bescheidentltch zu biethen. Ach, wie so etseSkalt ist wtderum das Händlein gewest, daS sie mir mit trübem lächeln gereicht. Auch macht vermerken, wie daS hold Antlitz also bleich gewesen, als wenn jäher Schreck all Blut ihr aus len Wangen getrieben. Ohn ein Wort zu reden, hat ste mich mit den großen unergründlichen Augen allzu traurig ittend angeschaut, daß mtrs im Herzen wehe gethan.
„Holde Jungfrau," hab begonnen, „ist mir wol nie« malen ein Wochen also lang worden, denn diese, da ich auf kuch harren gemußet. Und itzo, da ich gewahre, wie Euer xroß vetrübniß annoch währet, so schneidet cS mir ins Herz- sagt an, Rothraut, was Euch bedrücket, Ihr sagt es vahrlich einem gar treuen Freund! WaS gäb ich nit darum, -|o ich Euch lösen könnt von Eurer Traurigkeit." Da hat üc mich so angstvoll angeblicket, daß ich solchen Blick nie- »»len vergessen kann. Geredet aber hat sie kein Wort. Fast 4iir ich Meinens, des holdeck Wesen Geist möcht sein um- «ichtet, wie denn ja oftmalen sich solcherlei im großem Trüb- flau knndgtebt. Hab aber dennoch gesonnen, wie ich sie »)cht zur Aussprach bewegen, und da sie letzlich geredet, so it von Verschuldung gesprochen, so hab auch itzo angehoben: ,tfaf Eurer reinen Stirn ist nit zu lesen, daß ein Schuld M laste auf dem Herzen." Da aber hat sie eifrig gealtet mit dem Kopf zu mehreren Malen. So hab ich denn 'crrrerken müßen, wie sie sich durch Sünd und Schuld be- Wet gehalten, und gesagt: „Ach, Rothraut, bei Gott ist bid Vergebung und der Herr Christ ist ja kommen, uns zu i Ilie» aller Bande und Sündenschuld- an ihn wollet Euch
und festiglich glauben, er wolle Such erquicken, die 1
Ihr mühseelig und beladen zu ihm genahet. Zerfleischet fürder Euer Herz nit mehr, bringt es aber sammt aller Schuld zu dem Herrn, so seid Ihr recht frei. Möget, könnet Ihr solches glauben, so gebet Euerm Trübsinn Balet, denn seelig find die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Darauf hat fie anerst die Achsel gezuckt, dann aber, da ich geschwiegen, „redet, redet, lieber Herr," geächzet.D
„Redet Ihr, Rothraut, damit ich wiffe, weß Trostes Ihr begehret." Da ist aus den geöffneten Lippen eine Stimme erschallet, wie tchS ntemalen vernommen, leise wie aus weiter Ferne und hohl, gleich als rede fie aus einem tiefen Gewölbe herauf zu mir, und daS Antlitz ist von Schmerz und Seelenqual gar erreget worden, da sie sprach. Die Worte aber, die ich nie vergeffen, lauteten: „Das einzig Kind verräth Vater und Mutter, dieweil mich trog der Mönch mit ewger Herrlichkeit. Die Eltern dahin, die Ruh dahin, die Herrlichkeit nit funden. Redet, Herr, redet, wie mag Rothraut Ruhe finden vor der Qual?"
Begreifen mocht ich nit, was ste mir gesagt, doch da fie es begehret, so hab mit viel Worten ihr beweisen mögen, wie selbst für allergrößesteS Verschulden doch noch weit größere Gnad vorhanden. WaS all ich gesprochen, weiß ich nimmer, denn die Stimme so ich gehöret, machte mich grauen am hellen Tage. Doch wenn ich anschaute daS lieblich Antlitz, deffen Aug itzo voll innigem Verlangen mich an- gebltcket, so mußt ich reden, waS mir ist in den Sinn gegeben worden. Muß auch wol das Rechte troffen haben, denn immer heller ward ihr Blick und freundlicher der Mienen Spiel, bis am letzten fie lächelnd mit dem Kopf genicket und mich gar herzig angeschauet, derweil fie meine Hand ergriffen. „Viel Dank, lieber Herr, daS hat mich erwärmet." Ist auch ihre Hand itzo anzufühlen gewest, wie ein Pfirsich oder Aprikosen, so die Sonne beschienen, daher ich gefrager: „Friert Euch so sehr?" Hätt ja wol etwas besseres reden sollen, bin aber durch ihr Berührung verwirret worden, daß
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Zweites Blatt. Mittwoch den 23. October
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Deutsche» Reich.
Berlin, 21. October. DaS Kaiserpaar ist von seinem gemeinsamen Aufenthalte in Elsaß Lothringen am Sonntag Vormittag kurz nach 8 Uhr im besten Wohlsein wieder im Neuen Palai« bei Potsdam eingetroffen. Etwa zwei Stunden später langten auch Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, ebenfalls von Straßburg kommend, im Neuen Palais an. Den kaiserlichen Majestäten ist während ihres fünftägigen Besuches auf reichsländischem Boden an allen Orten, welche sie berührten, ein begeisterter, wirklich aus dem Herzen kommender Empfang seitens der gesammten Bevölkerung bereitet worden. Keinerlei Mißton hat die über- ruS erhebend verlaufenen Kaisertage in Elsaß-Lothrtngen gestört und darf von ihnen gewiß mit Recht behauptet werden, daß fie daS ihrige dazu beigetragen haben, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem übrigen Reiche unter den Slsaß-Lothrtngern zu stärken und zu festigen. Der Kaiser ließ anläßlich seiner jüngsten Anwesenheit in Straßburg dem Statthalter Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg seine überlebensgroße Büste überreichen.
0 Die große Kuppelhalle des Reichsgerichts, in welcher nächsten Samstag der Kaiser in Gegenwart drS Königs von Sachsen, sowie der ersten Reichs- und Staatswürdenträger durch die Schlußsteinlegung die Weihe de« gewaltigen, monumentalen Bauwerks vollziehen wird, ist der eigentliche RcpräsentationSraum des in würdevoller Einfachheit gehaltenen Gebäudes. Der Gesammteindruck der ii Bafilicaform ausgeführten Halle, welche 52 Meter lang und 23 Meter breit ist, und über welcher sich auf mächtigen Säulen ruhend, die riesige, den ganzen Bau beherrschende kuppel erhebt, ist ein ungemein großer, ernster, erhaben- stierlicher. Von geradezu überwältigender Fülle aber ist Ser figürliche und ornamentale Schmuck deS Raumes und eS ist in ihm eine ungemein beziehungsvolle, tiefe Symbolik »««geprägt, wie sie in solchem Reichthum sich in keinem zweiten antiken und modernen Bauwerk wieder findet. Die vier colossalen, nach den HaupthimmelSrichtungen gelegenen Fenster sollen andeuten, daß die Thätigkeit deS Gerichts sich Iber das ganze deutsche Reich erstreckt. DaS nach Süden gelegene Fenster bringt die im Süden Deutschlands besonders lepflegte Kunst mit den Wdppen der Städte Nürnberg und Augsburg zur Erscheinung, daS nach Norden blickende deutet Handel und Schifffahrt an und enthält die Wappen der Städte Hamburg und Lübeck, das nach Osten gerichtete weist auf die Landwirthschast und zeigt die Wappen von Königsberg und Marienburg, während das nach Westen gelegene
mit seiner Andeutung der Industrie die Wappen der Städte Köln und Straßburg zur Darstellung bringt. Inmitten der Hallendecke deutet ein Kopf mit Lichtstrahlen die im Gebäude herrschende Klarheit an, vier seitliche Füllungen mit Schild, Schwertern und Schwurhänden weisen auf die Thätigkeit im Gebäude hin, vier weibliche Figuren in den Zwickeln deS mittleren Gewölbes bringen die vier richterlichen Eigenschaften, die Weisheit, Klarheit, Entschlossenheit und Milde zum Ausdruck. DaS im südöstlichen Hallentheil befindliche Relief stellt die Untersuchung als Klärung des Gerichts« falleS dar. Die mittlere sitzende Figur blickt forschend in ein Gesetzbuch. Links von ihr fieht man eine weibliche Figur mit einem Spiegel, dahinter eine schwebende Figur mit einer Leuchte, und im Gegensatz zu dieser zarten Gruppe eine männliche, sich erschreckt windende Gestalt, welcher durch die sich neigende Schale der von der Hinteren, schwebenden Figur gehaltenen Waage angedeutet wird, daß die Untersuchung zu ihren Ungunsten ausfallen dürfte. — In dem gegenüberliegenden Felde wird baß Urtheil als Entschluß zur Darstellung gebracht. Die mittlere, fitzende Figur weist mit energischen Zügen auf das geöffnete Gesetzbuch hin, zu ihrer Linken zerbricht eine Männergestalt den Stab, während andrerseits der gekettete Verbrecher zerknirscht zusammenstnkt. Im Hintergrund steht eine Gestalt, unbewegt mit erhobenem Schwert, eine andere verkündet das Urtheil. — DaS im südwestlichen Theil der Halle befindliche Relief stellt die Vollstreckung dar. Die mittlere Figur sitzt in stiller Resignation mit krampfhaft geballten Fäusten da, hinter ihrem Kopfe strahlen nach allen Seiten Blitze auS. Die eine der seitlichen männlichen Figuren hält ein Lictoren- bündel, die andere schlägt mit einem Schwerte nach dem Kopfe einer Schlange. Im Hintergründe bemerkt man zwei Furien, deren eine ein abgeschlagenes Haupt in der Hand hält. — An der gegenüberliegenden Wand ist die Gnade dargestellt. Die mittlere sitzende Figur mit sanften Zügen breitet die Arme seitlich aus. Hinter ihrem Kopfe sehen wir die Strahlen der Frieden spendenden Sonne. Einerseits blickt, den Hoffnungsanker zur Seite, eine weibliche Figur flehend empor, während andrerseits eine noch In Ketten befindliche JünglingSgestalt um Befreiung bittet. Dahinter schlagen aus einem Becken die Flammen deS DankopferS empor. Zwei Engelsgestalten schweben, Erlösung bringend, Beiden zu. — Auch der sonst noch die Hallenwände glücklich belebende, sorgfältig auSgewählte symbolische Schmuck läßt die Meisterhand de« Erbauers Hoffmann durchweg erkennen. Der Schlußstein, auf welchen die letzten Hammerschläge fallen, erhebt sich Inmitten der Halle in der Form
eines steinernen Würfels von 1 Meter Höhe. Nach Aufnahme der Urkunde soll der Stein eine Statue tragen. — Nach dem eben ausgegebenen offlciellen Programm wird nach Verlesung der Urkunde durch den Reichskanzler der bayerische Bevollmächtigte zum Bundeßrath dem Kaiser unter einer Ansprache die Kelle überreichen, mit welcher dieser Mörtrl in die Vertiefung wirft. Die Meister des Maurer- und SteinmetzgewerkS versetzen den Schlußstein, der Präsident deS Reichstags überreicht dem Kaiser, gleich- falls unter einer Ansprache, den Hammer. Der Kaiser und der König von Sachsen vollziehen die drei Hammerschläge, dann folgen: der Reichskanzler, die BundeSrathSbevollmäch- tigten, der ReichStagSpräfident, der StaatSsecretär de» Reichs- justizamtcS, der Präsident des Reichsgerichts, der OberreichS- anwalt, der Vorsitzende der Anwaltökammer bet dem Reichsgericht, der Oberbürgermeister von Leipzig, die Mitglieder der Baucommisston und die Baubeamten. Nach den Hammerschlägen der Majestäten fällt die Musik ein. Zum Schluß deS feierlichen ActuS bringt der Präsident deS Reichsgericht» das Hoch auf den Kaiser und den König von Sachsen auS. Die Ankunft der Majestäten erfolgt um ll1/» Uhr, die Abfahrt um 2 Uhr.
Vermischte».
• Stendal, 18. October. Lin erschütternder Vorgang spielte sich gestern in dem Nachbarorte Mahrburg ab. Die Frau deS Bahnarbeiters Seiler warf ihre 4 Kinder, einen Knaben von 5 und 3 Mädchen von 4, 3 und l1/» Jahren in der Freibadeanstalt in die Uchte und sprang dann selbst inS Wasser. Infolge des Geschreies der unglücklichen Kinder war ein Handwerksbursche herbeigekommen, der die Frau mit seinem Hakenstock anS Land zog. Für die vier Kinder kam aber die Hilfe zu spät- sie waren bereits ertrunken, als man sie herauSzog. Die drei älteren zog man in der Badeanstalt selbst aus dem Flusse, das jüngste war ein Stück stromab getrieben. Die erst 33jährige unglückliche Frau scheint seit der letzten Entbindung etwas tiefsinnig bezw. geistesschwach zu sein, außerdem gibt fie an, wiederholt mißhandelt worden zu sein.
* Auszeichnung. Dem schon mehrfach ausgezeichneten fachwissenschaftlichen Schriftsteller Prof. K. L. Barthels in Bonn wurde neuerdings von dem Preisrichter-Collegium der unter dem hohen Protektorate Sr. Exccllenz de» Statt- Halters in diesem Sommer abgehaltenen Gewerbe-Ausstellung zu Teplitz für ein mathematisches Werk ein Anerkennungsdiplom nebst einer broncenen Medaille zuerkannt.
ich nimmer recht gewußt, waS ich sagte. Rothraut aber nickte mit dem Haupte und seufzte, indem Traurigkeit wider über das Antlitz gebreitet: „Ach ja, so lang schon kalt, kalt." Dann erhob sie sich und schaute mich flehentlich an. „Kommt Ihr wtderum hierher, lieber Herr?* Darauf ich erwidert: „Wann und so oft Ihr es verstattet." Da nickte fie mir freundlich dankend zu und mit weicher, gar lieblicher Stimme sagte ste: „Nach dreien Tagen, Herr, o kommt zu Rothraut, um dieselbe Stund."
Hab ihr noch viele» sagen wollen, doch wie vor sieben Tagen ist sie gar flugs hinter baß Gemäuer gehuschct, gleich als schwebe sie dahin, so leicht war ihr Gang. Und da ich ihr gesolget um den Stein, war meinem Blick sie entschwunden. Sie mußte wol allhie ein geheim Versteck kennen, in dem sie sich mocht bergen, wenn sie deS Jünglings Ungestüm gefürchtet. Hab gerufen, hab gesucht, aber Rothraut nit erblicket. Mißvergnügt ging ich gen Marpurg.
Ist» doch nit geziemend gewest, so Rothraut also Versteck mit mir gespielet und meinen Blicken sich entzogen, gleich einer Feien. Hatte ich doch wahrlich der Maid nicht» böse» angefttget, wodurch sie mocht Entschuldigung finden für solch wundersam Thun.
Wundersam, ja baß war sie- ihr Wesen, ihr Aug, ihr Antlitz in seiner Schöne, und ihre Stimm, nun eineß Kinde» Stimme und nun so fern und fremd, wie auß der Gruft. Ja ihr Gang, ihr Gewand, ihr etseSkalt Händlein, ihr Kommen und Entschwinden, wundersam alleß, zu wundersam. Und nun gar die Selbstanklag? Maß solltß mit dem 93er* rath an den Eltern begangen? Der Mönch, waß sollt er, der ste betrogen mit der etogen Herrlichkeit? Hätt doch fragen sollen, wieso fie solches vermeine. Habs ja gewollt, aber bei Gott, in ihrer Näh bin ich meines Thuns und meiner Worte nimmer Herr gewest, hab reden müssen, maaßen sie begehret, gleich als ob ein fremd Macht mich zwänge, also zu thun.
Fortsetzung folgt).


