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23.3.1895 Zweites Blatt
 
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Samstag den 23. März

1S95

Zweites Blatt

Nr 70

Gießener Anzeig er

^enerat-Z<nzeiger.

Redactron, Expeditiaff und Druckerei:

Schutflraße Kr.7.

Fernsprecher 61.

Vierteljähriger Avounemrulsprets t 2 Mark 20 Pfg. Bit vringerlohn. Durch die Post bezogE 2 Mark 60 Psg.

Die Gießener A-mtkieuvrätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelegi.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Aints- und Zlnzeigeblutt für den Ureis Giefzen.

Hratisöeitage: Hießener Jamilienbkätter

Annahme Don Anzeigen zu der Nachmittags für de» fslgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Vureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Abonnements - Einladung

Zum Bezug desGietzeirer Anzeiger" für oaS 2. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weheren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhcssen ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in H aus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaeben zu wollen. Neuhinzuttetende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Unio.-Buch u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

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Mfa, 20. März. Eine kalte Herberge fand in einer der letzten Nächte ein Handwerköbursche. Derselbe wollte, nachdem er sich bis znr völligen Dunkelheit in einer hiesige» Wirtschaft ausgehalten, den Weg nach Eichelsdorf einschlagen, gerteth aber, von der Richtung abkommend, in einen Steinbruch. Hier stürzte er von einer Felswand in die Tiefe und zwar auf eine Eisfläche, auf welcher er, von dem Falle verletzt, die Nacht cawpiren mußte. Dem Tode nahe, wurde er von einem hiesigen Arbeiter aufgefunden, welcher den Aermsten auf seinen Schiebkarren lud und hierher verbrachte. Nachdem man ihn erwärmt und gestärkt hatte, reurbe er gegen Abend zu Wagen in das Krankenhaus nach Schotten übergeführt.

*** Aus Oberhefsen, 19. März. Ein vor einigen Wochen anfgerauchter Bi er st reit scheint beig-legt zu sein. Nicht nur in Lauterbach erhält man jetzt Bier zu einem billigen Preise, jonbeiß auch die Wirthe des Vogclsberges, so z. B. in Bermuthshain, kommen ihren Gästen entgegen und verkaufen daS Bier jetzt zu einem billigeren Preis. Auch der Schnaps hat in dem eben genannten Orte einen Abschlag erfahren.

Darmstadt, 20. März. Die von dem hiesigen Garrrnbau- aercin in diesem Jahre beabsichtig!? allgemeine Gar: en - Ä«S stell un g, verbunden mit einer Rosen-Ausstellung,

findet in den Tagen vom 27. Juni bis 2. Juli in den Räumen des Großh. Orangeriegartens statt. Zu derselben werden alle Arten von Erzeugnisien des Gartenbaues, Garten« pläne, Gartenliteratur und Gartenutensilien zugelaffen. Die Anmeldung der auszusteüenden Gegenstände muß spätestens bis zum 5. Juni geschehen.

Langen, 19. März. Einer hiesigen Familie sind am Samstag zwei Mädchen, ein Zwillingspaar, durch den Tod entrissen worden. Sie haben vor einem Jahre saft zu gleicher Zeit das Licht der Welt erblickt und so ist auch eines dem andern unmittelbar in den Tod gefolgt. Gleichwie sie gekommen, find sie in Gemeinschaft aus der Welt gegangen und beide kleine Leichen in einem Sarge nebeneinander heute Nachmittag an ihrem Geburtstage gemeinsam ins Grab ver­senkt worden.

Mainz, 20. März. Die von derDeutschen Wein- Zeitung" in Umlauf gesetzte Eingabe gegen die Som- munal - Weinbesteuerung, welche an den Reichstag gerichtet ist, hat bis heute früh 16,276 Winzer-Un'erschriften aus 290 Weinbauorten erhalten. Diese. Unterschriften sind fast überall von den OrtSvorständen unterstützt worden.

A Ans Rheinhessen, 20. März Die gegen die Corn- munatweinvefteuerung von derDeutschen Weinztg." anger-gten Petitionen haben binnen kurzer Zeit bereits auS 61 Orten Unterstützung gesunden und sind die bezüglichen Proteste schon an den ReichSrag abgegangen. Ueberall stehen Bürgermeister und OrtSvorstand, mehrfach auch der Pfarrer an der Spitze, ihnen folgen dann die Besitzer und Winzer der betreffenden Orte mit ihren Unterschriften, die biS jetzt über 4000 zählen.

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* Frankfurt a. M. Ein hochherziges Bermächtniß, daö seinen Stifter, bezw. Stifterin, sowohl durch seine Fülle, wie durch den darin tief waltenden humanen Zug gleich­mäßig ehrt, errichtete die am 10. Juli 1893 verstorbene Frau Cäcilie Heitefuß Wtw., geb. Rössing zu Frankfurt a. M. Dieselbe vermachte dem Frankfurter Ge- fängnißverein (Verein zur Unterstützung entlassener Sträf­linge und damit verwandter Bestrebungen) die Summe von 103,000 Mark. Ehre dieser edlen Frau! Die Stiftung gelang im November v. I. zum Vollzug. Auch eine Frau Wtw. Wagner, geb. Trost, bedachte den Verein testa­mentarisch mit 2000 Mark.

Weilburg, 20. März. Aus der Unterosfizier-Vorschule Weilburg a. d. Lahn find drei Zöglinge entwichen. Dieselben werden steckbrieflich verfolgt.

* Düffeldorf, 20. März. Ein grausiger Vorfall wird au« der Friedrichsstadt gemeldet: Am SamSiag Abend um 6 Uhr mißhandelte eine in einem Hause an der Kirch­felderstraße wohnhafte Frau ihren an Influenza erkrankten, zehn Jahre alten Stiefsohn in so barbarischer Weise, daß der arme, bemitleidenswerthe Junge schließlich tobt zu Boden stürzte. Als die Rabenmutter wahrnahm, welcher schweren und verbrecherischen That sie sich schuldig gemacht hatte, er« griff sie die Flucht. Der in einem Werke zu Oberbilk be­schäftigte Vater wurde von der Arbeit weg an die Leiche seines Söhnchens gerufen.

* LaadSberg a. d. W., 20. März. Gegen die Handelsfrau Müller aus Waldhof im hiesigen Kreise ist ein Raubmord durch einen unbekannten Händler versucht worden. Der Thäter fuhr das Opfer nach Altkarbe, von dort ist er in der Richtung nach Schneidemühl entflohen. Die Frau lebt.

Bromberg, 19. März. Der älteste Mann in unserer Gegend und vielleicht auch in ganz Deutschland ist der frühere Handelsmann Hirsch in Mrotschen- derselbe feierte vor einigen Tagen seinen 114. Geburtstag; er ist noch sehr rüstig, körperlich sowohl wie geistig, und noch heute im Stande, einzelne Geschäftsleute zu besorgen. Er führt jetzt noch ziemlich dieselbe Lebensweise wie vor fünfzig Jahren.

* Lübeck, 19. März. Der Beamte des Vorschuß« und Sparvereins, Johannes Buschow, hat 42,000 Mark unterschlagen. Der Betrag ist durch die zwölf Vor­standsmitglieder des Vereins gedeckt worden.

* Newyork, 19. März. Nach langer Untersuchung kommen hier 25 höhere Polizeibeamte wegen Bestechung unter Anklage.

* Rauchen verboten. Auf Befehl des Kaisers ist den Offizieren und Mannschaften der Berliner Garnison das Rauchen in den Straßenzügen Unter den Linden, Fried­richstraße, Königgrätzer Straße, Chauffeestraße bis zur Jn- validenftraße, Potsdamer Straße bis aur Lützowstraße und tm Thiergarten verboten worden. DaS Verbot soll durch

nicht vorschriftsmäßige Honneurs veranlaßt fein, die dem Kaiser und den Mitgliedern deS königlichen Hauses erwiesen wurden. Aehnliche Rauchverbote seien in letzter Zeit Übrigen­häufiger in den Orten erlassen worden, in denen der Kaiser während der Kaisermanöver Quartier genommen hatte.

In Zwickau waren dieser Tage die Zuhörerräume bei den öffentlichen Stadtverordnetensitzungen, die sonst eine be­denkliche Leere aufweisen, von etwa zwanzig Schul­kindern, Knaben im Alter von 12 bis 13 Jahren, besetzt. Die Kinder waren, wie dasZwickauer Tageblatt" schreibt, erschienen, weil sie von einem ihrer Lehrer btt Aufgabe er­halten hatten, eine Arbeit über eine Sladtverordnetensitzung anzufertigen. Auch ein Thema!

* Tieneue ungarische Eivilehe". In der Gemeiude Tälbanhegyes hat sich der folgende unerhörte Fall ereignet. Die Frau deS TütbLnhegyefer Einwohners Georg Szrnake verließ ihren Gatten und übersiedelte in das Haus eine- Burschen Namens Adam Zsiak, zu dem die junge Frau m Liebe entbrannt war. Auf die Beschwerde deS Gatten orbnett ber Dorfrichter an, das Paar fei in Fesseln unter Trommel- schlag durch die Gemeinde zu schleppen. Und diesesUrtheil" wurde vollstreckt. Man band die Frau und den Burschen aneinander und während ein Trommler neben ihnen durch die Gaffen deS DorseS schritt, rief der mitmarschirende Klein­richter an jeder Gaffenecke:Das ist das erste Muster der Civilehe!"

Einen großen Schwindel mit Hilfe der Slectrieität betrieb letzthin ein Gauner zu Albi in Frankreich, der auf dem Markte ein unfehlbar wirkendes Rattengift feilbot, w.lches allen anderen Thieren und Menschen absolut un­schädlich sein sollte. Zum Beweise seiner Behauptung der- schluckte der Jndustrieritter eine Portion des angebliche« Giftes, worauf er einen Brocken, von dem er abgebiffe«, einer in einem Käfig gehaltenen Ratte gab. Diese hatte kaum das Mitiel verzehrt, als sie auch plötzlich tobt nieder­sank. Der wackere Rattenfänger machte mehrere Tage brillante Geschäfte, bis es die Polizei für gut fand, dem­selben etwas auf die Fmger zu sehen und wobei sich denn herausstellte, daß die Ratte nicht an dem angeblichen Gift, sondern an einem elektrischen Schlag zu Grunde ging, welchen dieselbe bei unbemerkter Herstellung des ConlacteS einer eiectrischen Batterie, welche mit bim metallenen Boben deS Kf sigs leitend verbunden war, empfing. DerRattenfänger oot' Albi" hat jetzt im Gefängniß Muße, sich eine neue Methode der Ratten- und Bauernsängerei auszudenken. (Mit« getheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin N.-W.)

Literatur und lUnft.

Der nahende achtzigste Geburtstag des Ackrsto« vtsmarck wird dn sestlich-s Erdgnitz werden, an dem AlUS, roaS deutsch fühlt, denkt und fprtcht, theilnimmt, und es ist nur natürlich, daß solch ein Eretgniß, wo dn Volk einen feiner größten Söhne mit dankbarer, bewundernder Begeisterung und Liebe umsetert, feine Schatten vorauswtrst. Btsmaickbücher, Btsmarckbtlder und Bismarck« hüllen füllen die Auslagen der Buchhändler und Kunsthandlungen, überall im Deutschen Reiche und unter Deutschen tm Autzlande werden Btsmarcksrtern und Eommerfe veranstaltet oder vorbereitet; man kann sich nicht genug thun, dem Manne, der feinem Volke die Erfüllung heißester Wünsche gebracht, der an dessen Größe gearbeitet wie Keiner, zu zeigen, daß es ein dankbares Deutschland gibt, und daß man das Glück nicht unterschätzt, ihn noärzu besitzen, ihm selbst noch danken zu können. Es ist daher ein ganz zeitgemäßer Gedanke der Kunstanstalt von G. H uer & Kirmse, Berlin, gute literarische und künstlerische Erscheinungen, die unter der frohen Bewegung dieser Tage entstehen, zufammenzufassen und jetzt tm geeignete« Augenblick den zahllosen Verehrern Bismarcks vorzuwhren. Di« Kunstanstalt beabsichtigt, alljährlich eine große patriotische Kunstgabe für vornehmen Wandschmuck und dazu in vierteljährlichen Hefte« eine tUuflrirte Rundschau für Bismarck-Biographie, deut che Geschichte, Kunst und Leben: »SUmatd* herauszugeben. Beides um ben Preis von 12 Mart jährlich. Erfreulicherweise hat es sich die Kunstanstalt zuerst angelegen fein lassen, die Bedenken zu zerstreue«, die man mit nur zu großem Recht gegen alle Anerotetungen von vornehmem Wandschmuck" von vornherein haben muß. Die erste Kunstgabe der Herren Heuer & Kirmse ist eine ganz vorzügliche Kupferätzung nach eenem der besten Bilder Fran^von LenbachS, tat den greisen Fürsten in schwarzem Rock und mit nchlapphut, sitzend, die Hände auf den Stock gestützt, dar stellt. Abgesehen davon, daß es lernen Künstler gibt, der größere Offenbarungen über Bismarck als Character und bedeutende Perfönl'chkeit gebracht hätte, als Lenbach, wovon dieses im vergangenen Jahre gemalte Bild em beredter Zeuge ist, verdient diesePhotogravüre unbedingte Anerkennung, j sie macht fast den Eindruck einer guten Radirung und kann In ihrer ichönen tonigen Haltung feilst verwöhnte Ansprüche befriedigen. ; Dieses herrliche Blatt ist zu haben in der Buch- und Kunsthandlung von Karl Krebs, Schulstroße 10, wo es im Schaufenster ausgesteltt j ist. Wir ergreifen gern die Gelegenheit, alle Freunde Bismarcks betaut aufmeitfam zu machen.