Ausgabe 
22.9.1895 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 22. September

Zweites Blatt

M. 223

Anrts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Igor

Hratisöeitage: Gießener Kamikienökälter

dem

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^terbüedenev.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für br* tofgenben Tag er schein enben Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

einem 5Reiter» I. Z.". Anläßlich ging es nach der der Soldaten ge-

Mag Steh Den Den Das

der erste der Offizieren oben an ihn heran, schlissige Wand

Dir Gießener PamiltenVlLlter werben bew Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgr.

am Abhang. Er treibt fein Pferd bis dicht Dieses spreizt die Vorderbeine, um die ab zu erreichen. Jetzt hat es diese, daS Hebet

rasch bis nach vorne und auf allen Vieren

Wer künftig früh und spät am Tag De» stolzen Thurm besteigen mag, Dem wünsch ich. steht er auf der Zinne, Ein gutes Äug' und frische Sinne! Dazu ein Herz, das ohne Zwang Froh anerkennt in warmem Drang, Daß Goll der Herr fürwa >r gedichtet, Als er die Lerge rings geschichtet, Und Thal und Auen, Feld und Hain Gleich bunten Bildern schob hinein! Wohin der Blick auch hier wird eilen, Entzückt wird nah, wird fern er weilen! Am letzten nicht am Berge dort, An den, wie an den treu sten Hort, Sich Marburg lehnt mit Schloß und Mauern, Mit Häuslein, die am Berge kauern. Und ward das LooS ihm so gestellt,

Herbst den Flammentod erleiden, Land in Winter schnee sich kleiden!

kühnen Leistung.

Marburg, 18. September. Wie zahlreich der Kais er - Wi l Helm -Thurm auf Spiegelslust bis setzt von Fremden besucht worden ist, geht daraus hervor, daß daS daselbst zum Sinzeichnen aufgelegte Fremdenbuch seit einigen Tagen aus- gefüllt ist. DankenSwerther Weise hat nunmehr Herr Buch-

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Gießt«« Anzeiger "scheint täglich, mit Ausnahme be» Montag».

nanntenKletterberg" bei Bühl. Der Ort ist eine von steilen Wänden umgebene, nicht zu große Mulde, anscheinend ein ehemaliger Steinbruch oder dergleichen. Die UebungS stelle fällt mindestens zwei Meter in ganz geringem Winkel

Biertrljähriger SrvonnementopreiAr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch bie Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Rtbaction, Lxpebilio» und Druckerei:

Achnlstraße^r.7.

Fernsprecher 51.

Vernichte».

* Saarburg, 14. September. Von stückchen ersten Ranges erzählt dieSt. der Jubelfeier des 7. Ulanen-Regiments Parade am Montag zu dem im Munde

All: Annoncen-Bureaux beS In- unb AuSlanbe» nehmen Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

h-iliiahllie wahrend der igung unseres unmgeß-

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Daß er in Marburg kam zur Welt: So fühlt er stolz sich und erhoben, Stehl er ins Land vom Thuime droben, Vielleicht auch ist fein H rze weich Entrinnt ihm eine Throne gleich.--

Dich hüte Gott, du siolzer Bau Bon deiner kühnen Warte schau Ins Land bis in die fernsten Zeiten, auch manch Wetter Dich umstreiten, tausendmal den Lenz noch blüh'n, Sommer in den Rosen glüh'n,

Gesicht,jetzt wirst Du doch nicht länger zweifeln. Na, bann man zu!" gab ich zurück,eilen wir nach dem Verloofungsbureau."

Hier ging es lebhaft her.Hurrah, noch ein Ochsen­gewinner!" schrie stud. H., welcher den Eichenkranz des Oechs- leins umgehängt hatte und wie toll umhertanzre.Wir haben den Vater der Heerde bereits verklopst, man hat uns 175 Gulden (300 Mk.) dafür gegeben, drinnen wird eben berappt."O, Ihr Schlauköpse!" war die Antwort, man hat Euch übern Löffel barbirt, der Ochse soll 250 Gulden werth sein und ist es ganz gewiß," rief unS ein Sach­verständiger zu.DaS macht all nix," versetzte H. be­lustigt,eS gibt immer noch eine Weste, sagte Schneider Pimper, wenn er eine Hose verkehrt geschnitten hatte, nur herbei mit dem Mammon!"

In diesem Augenblicke kamen sechs Fulder Musikanten angesegelt, sie machten sauere Gesichter, denn die edle Mufica hatte an diesem Tage wenig bescheert.Heran, Ihr Jünger EuterpeS!" ries H., indem er der Mufikbande winkte.Göttm Fortuna hat heute ihr Füllhorn reichlich über uns auS- geschüttet, da darf es ohne Flötenspiel nicht abgehen. Stoßt in Eure Hörner, daß der alte DiebSthurm wackelt. Greßen soll leben, hurrah hoch! Unb bie Ochsengewinner daneben, hurrah hoch! Unb die Landwirthschaft daneben, hurrah hoch!

Die Fulder stießen in ihre Hörner- da sich die Künstler aber wahrscheinlich nicht verständigt hatten, was sie blasen wollten, blies der eine c, der andere dis, der dritte e, der vierte fis, der fünfte gis und der sechste mit seiner Ls-Clart- nette, welche heißer war wie eine trockene Gänsegurgel, das hohe zweigestrichene d. ES war ein Accord, den man bet Richard Wagner vergeblich suchen wird, der Stein erbarmen, Menschen rasend machen konnte. Der musikalisch feinfühlige L. F. fuhr auf dem Absätze herum und rief in Heller Verzweiflung:Hört ums Himmels Willen auf, man bekommt Krämpfe!" ,

Mit einem straffen Säcklein, gespickt mit blanken Silber- gülden, kam unser Deputirter jetzt zum Vorschein- er com- manbirte:Fulder au die Spitze, im Gänsemarsch nach dem Cafe Ebel, H. unb ber Eichenkranz unmittelbar hinter bte Musik. Vorwärts! Marsch!"

(Schluß folgt.)

$ Schlecht, aber gerecht erging es einem Zeugen, ber sich amgMitiwoch vor ber 136. Abteilung des Schöffengerichts in Berlin ungebührlich benahm. Er batte eine Aussage gegen einen des Diebstahl» ongeschulbigten Angeklagten zu machen. Als ber Vorsitzende ihn auf einen Widerspruch tn seiner Aussage aufmerksam machte, erwiderte er in kurzem Tone:Wenn Sie mir nicht glauben wollen, bann glauben Sie doch dem Spitzbuben da". Wegen dieser ungeziemenden Aeußerung wurde ber Zeuge in eine Gelbstrafe von 20 Mk. ge­nommen. AlS biefer Beschluß deSGerichtShofeS verkündet wurde, ließ der Gemaßregelte ein vernehmlichesBravo!" ertönen. Jetzt erkannte der Gerichtshof auf eine sofort zu verbüßende Haftstrafe von 3 Tagen.

* Heber eine sonderbare Leichenverwechselung schreibt bte Elb. Ztg." : In Meran in Tirol starb ein russischer General äuS Riga, besten Leiche über Elbing nach Riga gebracht würbe. Um dieselbe Zeit starb auch in Meran bte Renttere H. aus Berlin, deren Leiche auf telegraphische Benach­richtigung seitens ber Angehörigen nach Berlin übergeführt würbe. Vor einigen Tagen sollte in Berlin bie Bestattung erfolgen. Als der Sarg aus Wunsch btt Angehörigen, welche bie Dahingeschiedene noch einmal sehen wollten, geöffnet wurde, fanden sie in ihm eine männliche Leiche, angethan mit der russischen Generals-Uniform. Bei nochmaligem tele­graphischem Meinungsaustausch stellte sich denn heraus, daß die weibliche Leiche nach Riga gegangen war, wo bereits bte Beisetzung mit allen militärischen Ehren stattgefunden hatte.

* Humor vor dem Standesamt. Auch in dentrau­lichen" Räumen des Standesamts spielt der Humor eine Rolle. Brachte da vor Kurzem, wie man derTgl. Rdsch/ erzählt, einer unserer bedeutsamsten jüngeren Musiker die Geburt seines ersten Sprößlings persönlich zur Anzeige. Der Meister, groß von Können, aber klein von Statur, sieht sehr jung aus, umsomehr, da sein Mund vom Barte nicht beschattet ist. AIS er, bie Brust geschwellt von Vaterstolz, dem Beamten bie Geburtsmelbung machen wollte, sagte dieser, indem er ihm wohlwollend auf die Schultern klopfte:Ja, Kleiner, da muß Dein Vater selbst kommen!"

steil am Felsen hinab, bann geht eS noch einige Meter minder steil über sandiges Gefäll. Vom Auge des Reiters grmeffen bis unten zum Boden haben Sachverständige die Höhe auf 7^2 Meter gerechnet. Wie ist es möglich, ohne sich zu überschlagen, dort hinunter zu reiten? Ein Seitlich kommen ober gar ein Drehen deS Pferbes würbe unfehlbar ein mehrfaches Überschlägen zur Folge haben. Da erscheint Reiter von etwa 50 Mann unb mehreren

jr miAt kommt . .

ratscht eS nun, bie Felsenfläche wie eine Schlittenbahn streisenb, glücklich bie Tiefe hinab. Der Reiter legte sich ganz hintenüber aus den Rücken seines Pferbes, um bas Gegengewicht ber Hinterhanb zu unterstützen unb habet dem Pferbe bie Zügel frei zu lassen, damit es in seiner Bewegung ungehemmt ist. Lauter Beifall belohnte das kühne Manöver, welches nicht von Einzelnen als Paradestück, sondern vielmehr vom ganzen Regimente auSgeführt wurde, unb als zum Schluß ber Commanbeur des Regiments, der Veranstalter biefer Kletterparthieen, selbst glatt unb schlank hinuntersauste, da erscholl der Beifall erst recht ob ber

Dem alten Kaiser gleiche du, Steh fest im Sturm, in sich'rer Ruh 1 Sei Merkziel, wie's der Held gewesen, Den Gott zu Großem auserlesen, Und schau vorn stolzen Bergesrand Stets in ein einig Vaterland!

Frankfurt a. M., 15. September 1895.

Elisabeth Mentzel.

* München, 19. September. Wie berAllgem. Ztg." auS Augsburg gemeldet wirb, würbe im Manöver bei Unsleben ber Einjährig-Freiwillige Haas beS hiesigen Artillerie-Regiments burch Explosion einer Kartusche getöbtet.

binbermeifter Schaaf cm reueS Fremdenbuch mit schöne» Einband gestiftet. Auf Vrranlaffung beS Gebers hat bte bekannte, auS Marburg stammende Dichterin Frau E. Mentzel in Frankfurt a. M. folgende Widmung verfaßt, welche in Buche ausgezeichnet worden ist:

Eine solche OdyffeuSfahrt ist mir ober doch noch nicht vor­gekommen," sprach er.Ich bin zwar immer etwas wackelig auf ben Beinen, wenn ich einige GlaS über ben Durst ge­trunken habe, doch diesmal muß etwas im Stoff gewesen sein, sonst wäre er mir nicht so scharf in bie Pebäler ge­schlagen."Wie viel Schoppen hast Du wohl gestern hinunter gebracht?" fragte ich.So an die dreißig ober vierzig, wer kann baS wiffen."Kunststück, wenn ba die Untertanen rebellisch werben."

Wir tranken eine Taffe Kaffee zusammen, rauchten eine Pfeife dazu unb trennten uns. Etwa ein Jahr danach, oder noch etwas später, ging Ajax als Informator nach Brasilien, wo er dem mörderischen Klima und anderen ungewohnten Anstrengungen erlag. Es war ein prächtiger, lieber Kerl. Sit tibi terra levis! Requiescat in pace!

Der Festjubel war verrauscht, nuu galt es wieder zu ochsen, denn das Examen rückte näher heran. In analytische Geometrie und Differentialrechnung hatte ich mich hinein­gebohrt. Meister Slebsch, »er leider zu früh Geschiedene, hatte uns mit seiner Determinantentheorie und seinen äußerst eleganten scharssinnigen Entwickelungen neue Bahnen gewiesen, denen wir eifrig folgten. Die LemniScate, eine Gurte vom vierten Grade, hatte ich untersucht und freute mich bei Re- fultatel. Diese LemniScate ist ber reinste ProteuS unter den krummen Linien, denn je nach ben Bedingungen bat sie die Gestalt einer liegenden Achc cc ober sie gleicht einer Eilinte ober baucht sich ein unb au?, ober wirb zu zwei kreiSartigen Figuren, ober kann sich zu zwei einzelnen ober gar zu einem einzigen Doppelpunkte zusammenziehen.

Plötzlich würbe unten bie HauSthüre aufgertffen, hastig stürzte ein Jüngling herein unb versuchte mit wenigen Sprüngen bie Treppe herauf zu gelangen, em Fehltritt unb ern Hinplumpsen verursachten weiblichen Spektakel.Heran-! Hurrah!" schrie ber Abgestürzte,wir haben gewonnen. G., wo steckst Du?"Was haben wir gewonnen, einen Dreschflegel?" fragte ich unb bot dem wieder auf bie Beine gelangten L. F die Hand.Den ersten Preis, den Ochsen, haben mir gewonnen!" schrie F.,Du sollst gleich mitkommen." -Aus den Leim gehe ich nicht, mein Söhnchen, war die Antwort.Mein Ehrenwort darauf, daß wir den ersten Preis gewonnen haben," erwiderte F. mit strahlendem

Wchener Anzeiger

Keneml-Unzeiger.

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Sohn Carl, * j «'-*

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Feuilleton.

ziem «rletmi-e eines ehemaligen Sießeuer Musev- fotate auf dem laudwirtylchaftlichk« SrsmMlfeste Siehe» im August 1864.

(2. Fortsetzung.)

Nun vorwärts, Freund Ajax," sprach ich und stieß dem Guten etwas unsanft in die Seite, denn es galt mir selbst, unter Dach zu kommen,ich wittere Morgenluft, eS wird frifd)."Der Schiffenberg zieht seine Haube an und kalt her bläst eS jetzt von Garbent^ich," travestirte Ajax,der Tag ich mein wird ba sein, eh' wirS denken." Er erhob sich etwas, klappte aber wieder zusammen wie ein Taschen- mesfer.So können wir nicht weiter, Freund Ajax, ich werde Dich huckepack, wie Aeneas den Vater AnchiseS auS dem brennenden Troja trug, auf ben Rücken nehmen - recke Dich empor, old boy! Nach einigen Anstrengungen ge­lang e-, ben Sicheren aufzuhucken Aber der hatte bairisches Gewicht, er wog mindestens seine 160 Pfund- dabei schlang er mir seine fleischigen Arme so ungeschickt um den Hals, daß ich fast erstickte. Im Schneckengalopp ging es vorwarts- bicke Schweißtropfen rannen mir von der Stirn, bis ich mit meiner Eenlnerlaft bie kurze Strecke zurückgelegt hatte. Das bärteste Stück Arbeit war, die Treppe hinaus zu kraxeln. Sie ächzte, knackte unb knisterte in allen Fugen- vorsichtig würbe ein Sein dem andern nachgezogen, endlich waren wir eben. Beim Eintreten in die Sude stieß Ajax den Kopf an den oberen Thürriegel, daß eine Beule gab so dick wie eine Knöppcheswurst. Ajox schimpfte und winselte über bie engen, niedrigen Thüren. Keuchend, pustend und schnaufend lud ich ben Gewichtigen auf das Sopha ab, machte Licht unb mußte eS als halbes Wunder anfehen, baß wir glücklich, ohne jeglichen Arm-, Hals- ober Beinbruch landen konnten. Schon hatte es sich Ajax auf dem Sopha bequem gemacht - seine tiefen, regelmäßigen Athemzüge verkündigten, daß er unverzüglich eingeschlasen war. Zur Belohnung für meine Samariterdienste ergriff ich von dem Sette Besitz.

Die Sonne hatte die Mittagshöhe überschritten, als wir fast gleichzeitig erwachten. Ajax erhob sich und kam heran, wir brachen beide in schallendes Gelachter auS.

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