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Der
cht-tz-uer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de»
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Die Gießener
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Zweites B!ati. Freitag den 2V. Deeember____
Gießener Anzeiger
Keneral-Wnzeiger.
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Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1896 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h ess en ansässige Berichterstatter, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie tn den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
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Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.'Buch u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).
Der Krieg von 1K7Ö|?1, geschildert durch Ausschnitte »uS Zeitung«- Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.) 20. Deeember.
General Glümer ging am 19. Deeember mit der ersten und zweiten Brigade gegen NuitS vor und traf bedeutende Streitkräfte. ES entwickelte sich ein ernstes Gefecht, das mit der Erstürmung des Bahnhofes und der Stadt NuitS endigte. Der Feind zog mit Einbruch der Dunkelheit ab. Unsere Verluste 300 Mann tobt und verwundet- Prinz Wilhelm von Baden ist leicht an der Wange verwundet. Der feindliche Verlust au Offizieren und Mannschaften sehr bedeutend. Mindestens 300 unverwundete Gefangene in unfern Händen.
Der HaudlungscommtS Plarvassagne aus Dünkirchen wurde wegen feiner Energie zum Oberftlreutenant und Platz commandant von Abbeville ernannt. Er begann seine Thätigkeit dort mit einem Todeöurtheil gegen einen angeblichen preußischen Spion, NameuS Paullters. Schärfer als in den wenigen Worten dieser Noliz können die gegenwär- tigen Zustände tn Frankreich kaum gezeichnet werden.
Bad-Nauheim, 18. Deeember. Bei der gestrigen Ge- metnderacbSwahl erhielten die Herren Retnh. Knie- rtem 345, Hch. Langsdorf IV. 313, Dr. HanS Stoll 302, Ferd. Sprengel 280, Peter Stoll II. 213 und K. Kersting 212 Stimmen und sind diese gewählt. Zwei der Gewählten waren schon vorher Mitglieder des
Gemeinderaths. Die eigentlichen Bade Industriellen erhielten im Gegensatz zu den Oeconomen eine Verstärkung. Die Be- theiligung an der Wahl war eine sehr rege, doch fand eine ziemliche Siimmenzersplitterung statt, da auf nicht weniger als. 26 Candidaten Stimmen fielen.
Hirzenhain. 16. Deeember. Man schreibt der „Darmst. Ztg." : Gestern Abend war hier unter dem Deckmantel einer gemüthlichen Abendunterhaltung eine socialdemokratisch- anarchistische Versammlung etnberusen worden. Zufälliger Weise hatte tndeffen die Behörde doch Kenntniß von der wahren Tendenz derselben erhalten und auf telegraphische Anweisung derselben erschienen kurz vor 11 Uhr der berittene Wachtmeister Ehrenklietsch tn Begleitung der beiden Gendarmen Rück und Bückner, um die ersammlung, in welcher der Arbeiterführer Dornkerf er gerade eine Rede hielt, aufzulösen. Leider ging dies nicht ohne größere Schwierigkeiten ab. Eine volle Stunde und länger hatten die Gendarmen zu thun, bis der Saal und die anderen Räumlichkeiten der betreffenden Gastwirthschast geräumt waren. Der durch einen Schuß verletzte anarchistische Arbeiter Knoll mußte vom Platze getragen werden.
§ AuS dem Vogelsberg, 18. Deeember. Während der Schnee in den Vorlandeu des Vogelsbergs nur einige Centimeter hoch liegt, lagern im oberen Gebirg gewaltige Sckneemaffen, die nicht selten tn Hohlwegen und an Abhängen eine metertiefe Lage besitzen. An verschtedenen Stellen der Chauffeen und Wetze mußte geschippt werden, damit der Verkehr nicht stockte. Diese hohe Schneedecke bildet eine prächtige Schlittenbahn. Während man im unteren Vogelsberg noch nicht Schlitten zu fahren vermag, klingt iw oberen alltäglich fröhliches Schltttengeläute. Die hohe Schneedecke mahnt, der hungernden Vögel nicht zu vergeffen.
V. AuS dem BogelSberge, 17. Deeember. Vor einiger Zeit wurde mitgethcilt, daß der Rotyebachteich aus- gefischt worden sei, ohne anzuführen, was denn eigentlich vor kam. Nur Karpfen wurden erwähnt. ES kamen aber nicht bloß solche vor, sondern auch Hechte, Aale und Forellen. Letztere fanden tn Gießen ihre Abnehmer, und Mancher, der einen solchen Edelfisch vor sich hatte, dachte nicht daran, daß er bei uns im Vogelsberge gewachsen war. Der Gelammt- ertrag des Teiches erreichte nahezu die Höhe von 1500 Mk. Die Fischzucht kann in unserem Gebirge noch sehr gehoben werden, und dürfte an manchen Stellen noch mehr eintragen als Land- und Forftwirthschaft, besonder- wenn unsere Kleinbahnen auSgebaut sind. Im Odenwalde kam es kürzlich vor,
Feuilleton.
Line Würfelparlie auf Leben und Tod
Historisches Genrebild von V. Illg en.
(Fortsetzung.)
Im Morgengrauen des nächsten TageS näherte sich ein kleiner Rettertrupp dem Lager ber kaiserlichen Armee, mit sich die zwei Durchbrenner vom Regiment Coudeuhove führend. Es war eine Reiterpatrouille unter Führung eine« Lieutenants, die jetzt von einem nächtlichen Streifzuge zurück kehrte und auf die beiden Marodeure gestoßen war, natürlich zu deren Unglück. Jedem von ihnen hatte man die Hände fest auf dem Rücken zusammengeschnürt und zum Ueberflusse waren ihre gefeffelten Handgelenke noch durch Stricke mit je einem der Retter der Patrouille verbunden, die Gefangenen hätten also unmöglich fliehen können. Beide wiesen fie verschiedene, anscheinend allerdings nur leichte Wunden auf, die offenbar von Säbelhieben herrührten.
Der Reitertrupp hatte das Lager, noch nicht ganz erreicht, als aus demselben ein Offizier in der Uniform eines kaiserlichen Dragonerobersten der Patrouille entgegenschritt. Der Führer derselben trabte dem fich Nähernden entgegen, grüßte militärisch und meldete:
„Hab dem Herrn Obersten gehorsamst zu vermelden, daß die Patrouille von dem befohlenen Nachtritt wieder zu rück ist. Von der Avantgarde der türkischen Ersatzarmee war noch ntchtS zu spüren, dafür haben wir aber auf dem Heimweg diese beiden losen Vögel da erwischt" — der Lieutenant deutete auf Hauser und Pollinger — „fie liefen un« in die Quere, der eine von ihnen dabei einen verdächtigen Sack tragend. Die Kerls wollten mir auf meine Fragen nicht Antwort stehen, ja, sie versuchten sogar auSzureißen und widersetzten fich meinen Leuten, waS den Herren Marodeurs ein paar Säbelhiebe eingetragen hat, na, sie könnten seelenfroh sein, wenn fie nur mit diesen lumpigen Fleisch wunden davonkämen — die Sache wird aber wohl bedeutend schlimmer werden."
Der junge O'fizier strich fich seinen kleinen Schnurrbart und blickte die beiden Durchbrenner an, die nun auch der Oberst scharf musterte.
„Hm," sagte der alte Haudegen bann und nickte mit dem Kopfe, „glaubs selber, daß der Spaß ihnen etwas kosten wird, haben doch erst dieser Tage Seine Hoheit der Herr Generalfeldmarschall fich in einem Armeebefehl strengstens gegen allts Marodtren ausgesprochen und Zuwiderhandelnde mit Todesstrafe bedroht. Ich werde nachher persönlich dem Hochstcommandirenden Bericht von dem Vorfall erstatten, nur möchte tch erst selber die näheren Umstände erfahren."
Sofort erzählte der Lieutenant kurz den Verlauf der Affaire. Aus seinem Berichte ging hervor, daß tn dem cei den Marodeuren vorgeiundenen Sacke verschiedenes todteS Geflügel, sowie ein gleichfalls abgeichlachteter Hammel enthalten waren/ einer der Retter hatte den Sack dann hinter seinem Sattel aufgeschnallt. Die Burschen mußten schließ lich bekennen, daß sie da- Geflügel und den Hammel auf einem einsam gelegenen Gehöft einfach geraubt und an Ort und Stelle gleich abgestochen hatten. Der Besitzer des Gehöftes wollte gegen den Raub Einspruch erheben, aber die Marodeure hatten ihn — wie sie weiter eingestanden — halb tobt geschlagen unb vielleicht würben fie in dem Gehöfte noch schlimmer gehaust haben, wenn für fie nicht bie Zeit, um unbemerkt inS Lager zurückzukommen, so knapp bi- messen gewesen wäre.
Stirnrunzelnd war der Oberst dem Berichte seines Untergebenen gefolgt, worauf er demselben bedeutete, die Gefangenen einstweilen dem ProfoS des Regiments Couden- Hove zu übergeben. Der Oberst selbst begab fich direct nach dem Zelte deS Prinzen Eugen, daS durch die aufgepflanzte Flaggenstange mit der kaiserlichen Fahne und zwei Schild- wachen kenntlich war, ließ fich anmelden und wurde sofort vorgelassen. Der berühmte Feldherr, nach seiner Gewohnheit bereits in voller Uniform, nahm aufmerksam die Meldung von dem Zwischenfall mit den beiden Soldaten vom Regt mente Coudenhove entgegen, schritt bann ein paarmal sinnend
in seiner Zelrwohnüng auf und ab unb beauftragte schließlich seinen Feldcourter, mehrere von ben Generälen, sowie ben Obersten und einige Offiziere des Regiments Coudenhove zur Abhaltung eineß Kriegsgerichts Vormittags 11 Uhr in sein Zelt zu bescheiden- der alte Retteroberft selbst ward von dem Feldherrn mit einer dankenden Handbewegung entlassen. Pünktlich um die angesetzte Stunde versammelten fich die zu dem Oberbefchlshaber berufenen Generäle und Offiziere in dessen Zelte, wo ihnen Pnnz Eugen den Fall der beiden Marodeure vortrug. DaS Kriegsgericht brauchte nur wenige Minuten, um seinen Spruch zu fällen, eS lautete gegen Matthias Hauser unb Ignaz Pollinger wegen Maro- bitenß unter erschwerenben Umständen auf Tod durch Pulver und Bler unb sollte am anderen Morgen zur Ausführung gelangen.
Pünktlich zu der genannten Frist stand am nächsten Morgen eine Abtheilung Musketiere vom Regiment Couden- hooe unter dem Befehle eines CapitänS etwa hundert Schritte außerhalb deS Lager« aufmarschirt, um da« kriegsgerichtliche Urtheil zu vollstrecken. Auch die Beisitzer deS gestrigen Kriegsgerichts waren anwesend,- zwölf Schritte vor dem zur Hinrichtung bestimmten Peloton knieeten die beiden Verurtheilten mit verbundenen Äugen nebeneinander und hinter ihnen war bereits die verhängnißvolle Grube aufgeworfen worden, welche die Körper der Erschossenen vereint aufnehmen sollte. Schon wollte der die Oberaufsicht führende General dem Capitän winken, den Befehl zum Feuern zu ertbeilen, al« athemlos ein von Prinz Eugen abgesandter Offizier auf der Richtstälte mit dem Befehle des Feldherrn erschien, bie zwei Verurtheilten sollten um ihr Leben würfeln. Sie waren betbe bem Höchstcommanbirenben als sonst sehr tüchtige unb tapfere Soldaten geschildert worben und er hatte barum noch in der Nacht den Entschluß gefaßt, wenigstens einem der zwei Marodeure baß Leben zu schenke» unb zwar bemjenigen, welcher bei dem verhängnißvollen Spiel, vom Glück am meisten begünstigt werden würde.
(Schluß folgt.)


